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Nietzsches Sprachphilosophie, Hermeneutik und Dekonstruktion

Thesis (M.A.), 2006, 98 Pages
Author: Magister Henning Braun
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Thesis (M.A.)
Year: 2006
Pages: 98
Grade: 2,3
Bibliography: ~ 60  Entries
Language: German
Archive No.: V87917
ISBN (E-book): 978-3-638-02333-7
ISBN (Book): 978-3-638-92665-2
File size: 446 KB

Abstract

Die Arbeit handelt über Nietzsches Sprachphilosophie (Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne), Gadamers Hermeneutik (Wahrheit und Methode) und die Dekonstruktion von de Man (Allegorien des Lesens). Es geht nicht um Hermeneutik, Dekonstruktion und Sprachphilosophie im Allgemeinen, sondern um die ausgewählten Texte. Hier besteht auch schon ein in der Arbeit behandeltes Problem. Es geht um die abstrakten Begriffe, die am Individuellen entstanden sind, es durch ihre Verallgemeinerung aber wieder ausklammern. Dennoch sind Verallgemeinerungen notwendige Arbeitshypothesen, ohne die keine Kommunikation möglich wäre. Durch solch eine begriffene Begrifflichkeit entsteht so manches Paradox der Selbstrelativierung. Im ersten Kapitel stelle ich Nietzsches Gedanken über Funktion und Wahrheit von Sprache und Erkenntnis dar. Am Schluss des behandelten Textes wird ein Gegensatz von Wissenschaft und Literatur aufgestellt. So werde ich am Schluss des Kapitels eine mögliche Literaturwissenschaft im Sinne Nietzsches aufstellen, die die folgenden zwei Kapitel konstruktiv vorbereiten soll. Gadamers Hermeneutik ist das Thema des zweiten Kapitels. Obwohl es sich bei seiner Hermeneutik um Verstehen im Allgemeinen handelt, nimmt nun das Verstehen „seine eigentliche Wendung ins Hermeneutische, wo es sich um das Verstehen von Texten handelt.“ Das resultierende (hermeneutische) Problem lässt sich dann mit Nietzsches angleichenden Begriffen erklären, die im hermeneutischen Dialog wieder zu (gemeinsamen) Sinn erweckt werden müssen. Besondere Aufmerksamkeit gilt schließlich der Auslegung von literarischen Texten. Dort wird der Gebrauch des hermeneutischen Zirkels und der wirkungsgeschichtlichen Horizontverschmelzung noch einmal explizit auf Literatur bezogen. Die Dekonstruktion von de Man ist das Thema des dritten Kapitels. Die Bezüge zur Hermeneutik stellt er selbst immer wieder her. Auch zu Nietzsche gibt es Kapitel in dem Buch, die ich jedoch nicht behandeln werde, ‚denn wir können nicht a priori sicher sein, zu dem, was auch immer [de Man] über [Nietzsche] zu sagen hat, ausgerechnet dadurch Zugang zu erhalten, dass wir eine Szene, die von [Nietzsche] handelt, lesen.’ Diese Bezüge erscheinen in der (unbewussten) ‚Praxis’ der „Allegorien des Lesens“ viel deutlicher. Im schließenden Kapitel widme ich mich besonders dem Paradox und der Tautologie. Beide tauchen in allen behandelten Texten auf, und können als zentral für deren Argumentation angesehen werden.


Excerpt (computer-generated)

Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn
Philosophischen Fakultät

Magisterarbeit
zur Erlangung des Grades eines
Magister Artium M.A.

Nietzsches Sprachphilosophie, Hermeneutik und Dekonstruktion

Henning Braun

 

Inhaltsverzeichnis


0. Der einleitende Text ... 3

1. Der lügende Text (Nietzsche) ... 5

1.1 Unsere fabelhafte Welt ... 5
1.2 Getriebenes Bewusstsein ... 7
1.3 Begreifliche Nerven ... 9
1.4 Begriffene Metaphern ... 12
1.5 Begreifende Wahrheit ... 14
1.6 Schützende Abstraktion ... 15
1.7 Perspektivische Perzeptionen ... 17
1.8 Getriebene Begriffe ... 19
1.9 Nietzsches Sprache ... 22
1.10 Literaturtheorie ‚über Wahrheit und Lüge’ ... 23
1.11 Im Dialog (mit Gadamer) ... 26

2. Der wahre Text (Gadamer) ... 28

2.1 Transzendierter Sinn ... 28
2.2 Abgelöster Vollzug ... 31
2.3 Der herme(neu)tische Zirkel ... 35
2.4 Fließender Schluss ... 39
2.5 Wirkende Horizonte ... 42
2.6 Der hermeneutische Text ... 43
2.7 Gewalttätige Einheit ... 47

3. Der ambivalente Text (de Man) ... 51

3.1 Theoretische Praxis ... 52
3.2 Fragliche Rhetorik ... 53
3.3 Praktizierte Predigt ... 56
3.4 Rhetorische Einheit ... 58
3.5 Konflikt der Generationen ... 62
3.6 Gespiegelter Spiegel ... 67
3.7 Sprache an sich (?) ... 69
3.8 Paradoxe Katharsis ... 72
3.9 Diskursive Logik ... 74

4. Der schließende Text ... 77

4.1 Traditionslose Literatur ... 77
4.2 Literarische Wissenschaft ... 79
4.3 Sinnliche Struktur ... 81
4.4 Paradoxer Zirkel ... 82

5. Literaturliste ... 87

 

 

0. Der einleitende Text

„Language is a virus from outer space.”
(William S. Burroughs)

Die folgende Arbeit handelt über Nietzsches Sprachphilosophie, Hermeneutik und Dekonstruktion. Dies wäre aber ein zu umfassendes Thema für eine Magisterarbeit. Auch sind die Begriffe zu allgemein gehalten, als dass man sich, ohne nähere Erläuterung, etwas Genaueres darunter vorstellen könnte. Da ich nur von Nietzsches Sprachphilosophie sprechen werde, enge ich das Thema der Hermeneutik auf Gadamers Hermeneutik und die Dekonstruktion auf de Mans Dekonstruktion ein. Des Weiteren werde ich nur jeweils einem Text der drei Autoren meine hauptsächliche Beachtung zukommen lassen. Bei Nietzsche ist dies der Text „Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne“, bei Gadamer widme ich mich einigen Kapiteln aus „Wahrheit und Methode“, bei de Man ist es der Text „Allegorien des Lesens“.
Somit ist auch gesagt, dass es nicht um Hermeneutik, Dekonstruktion und Sprachphilosophie im Allgemeinen geht, sondern um die ausgewählten Texte, die man im Allgemeinen aber den jeweiligen Richtungen zuordnen wird. Hier besteht aber auch schon ein Problem, das in der Arbeit (besonders im ersten Kapitel über Nietzsche) behandelt werden wird. Es geht um die abstrakten, verallgemeinernden Begriffe, die am Individuellen entstanden sind, es durch ihre Verallgemeinerung aber wieder ausklammern.1 Bei der Dekonstruktion wird dies am deutlichsten, da ihr ausgewählter Vertreter Paul de Man explizit sagt, dass er kein einheitliches Theoriegebäude aufbauen will.2 Dennoch sind Verallgemeinerungen (bei der Lektüre von Nietzsches Text werden wir vielleicht merken, dass Verallgemeinerungen schon verallgemeinerte Verallgemeinerungen sind) notwendige Arbeitshypothesen, Hypostasierungen, ohne die keine Kommunikation möglich wäre. Sie entstehen, wie auch jeder Begriff, „durch Gleichsetzen des Nicht-Gleichen.“ (KGW 3;2: 374) Durch solch eine begriffene Begrifflichkeit entsteht so manches Paradox der Selbstrelativierung, welches besonders bei Nietzsche und de Man, aber auch bei Gadamer auftreten wird.
Das erste Kapitel wird „Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne“ behandeln. Ich stelle Nietzsches Gedanken über Funktion und Wahrheit von Sprache und Erkenntnis dar. Seine Gedanken bilden die sprachliche Erkenntnis des Menschen heraus. Am Schluss des zu behandelnden Textes wird selbst ein Gegensatz von Vernunft und Kunst, also Wissenschaft und Literatur aufgestellt.3 Dieser wird das Thema der Arbeit von erkenntnistheoretischer Sprachphilosophie zur Literaturwissenschaft überleiten. So werde ich am Schluss des Kapitels eine mögliche Literaturwissenschaft im Sinne Nietzsches aufstellen, die die folgenden zwei Kapitel über Gadamers Hermeneutik und de Mans Dekonstruktion konstruktiv vorbereiten soll.
Gadamers (philosophische) Hermeneutik ist das Thema des zweiten Kapitels. Obwohl es sich bei seiner philosophischen Hermeneutik um Verstehen im Allgemeinen handelt, da es „keinen Standort außerhalb der sprachlichen Welterfahrung“ (WM I: 456) gibt, nimmt nun das Verstehen „seine eigentliche Wendung ins Hermeneutische, wo es sich um das Verstehen von Texten handelt.“ (WM I: 389) Das resultierende (hermeneutische) Problem lässt sich dann mit Nietzsches festsetzenden, angleichenden Begriffen erklären, die im hermeneutischen Dialog wieder zu (gemeinsamen) Sinn erweckt werden müssen. Besondere Aufmerksamkeit gilt schließlich der Auslegung von literarischen Texten.4 Dort wird der Gebrauch des hermeneutischen Zirkels und der wirkungsgeschichtlichen Horizontverschmelzung noch einmal explizit auf Literatur bezogen. Es werden auch immer wieder Bezüge zu ‚über Wahrheit und Lüge’ hergestellt werden. Diese erscheinen im Text sinnvoller und verständlicher, als sie komplett an den Schluss zu verlegen.
Die Dekonstruktion von de Man ist das Thema des dritten Kapitels. Die Bezüge zur Hermeneutik stellt er selbst immer wieder in seinen „Allegorien des Lesens“ her. Auch zu Nietzsche gibt es drei Kapitel in diesem Buch, die ich jedoch nicht behandeln werde, ‚denn wir können nicht a priori sicher sein, zu dem, was auch immer [de Man] über [Nietzsche] zu sagen hat, ausgerechnet dadurch Zugang zu erhalten, dass wir eine Szene, die von [Nietzsche] handelt, lesen.’5 Diese Bezüge erscheinen in der (unbewussten) ‚Praxis’ der „Allegorien des Lesens“ viel deutlicher. So wird dieses dritte Kapitel meiner Arbeit, durch die vermehrten Bezüge zu Gadamer und Nietzsche, das schließende Kapitel schon vorbereiten.
In diesem versuche ich noch einmal, die in der Arbeit entfalteten Erkenntnisse knapp zusammenzustellen, ohne jedoch allzu wiederholend zu wirken. Besondere Aufmerksamkeit widme ich dann im schließenden Abschnitt des Kapitels dem Paradox und der Tautologie. Beide tauchen in allen drei behandelten Texten mehr oder weniger offensichtlich auf, und können als zentral für deren Argumentation angesehen werden.


1. Der lügende Text (Nietzsche)

Schon die Überschrift des im Folgenden behandelten Textes: „Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne“6 sagt uns, worüber dieses Kapitel handeln soll. Es geht hauptsächlich um Wahrheit, Lüge, ihre moralischen Verpflichtungen und um die Struktur von Sprache. Am Schluss dieses Kapitel werde ich fragen, wie diese sehr sprachphilosophischen Betrachtungen Nietzsches auf die Literaturwissenschaft angewandt werden können. Hilfreich dabei ist, dass der behandelte Text auch einige Ansichten über Kunst und (sprachliche) Künstler, also auch über Literatur und Literaten zur Schau stellt. Des Weiteren ist er selbst in einem >literarischen< Stil verfasst, kann sozusagen als seine Selbstreflexion und damit auch als Reflexion der Literatur gelesen werden.


1.1 Unsere fabelhafte Welt

Der Text von Nietzsche fängt mit einer kleinen Geschichte an, die den Menschen mit wissenschaftlicher (kosmologischer) Erkenntnis entwertet. Als Kopernikanische Wende gilt verkürzt gesagt die Erkenntnis, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums sei, welcher eine „Entthronung des Menschen als Herrn der Schöpfung“ (NEUis: 546) folgte. Die Erde ist nur ein zufälliges Gestirn, „in irgend einem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls“ (KGW 3;2: 369). Auf dieser Erde leben nun die Menschen, welche aber seit Darwin nicht mehr, als weiterentwickelte, mit Vernunft begabte Affen, also „kluge Thiere“ (KGW 3;2: 369) sind. Dieses >hochmütige< Leben der Menschen ist nun auch begrenzt. Es ist geradezu nichtig, im Vergleich mit der überwältigenden ‚Weltgeschichte’, dem Weltalter. „Es gab Ewigkeiten, in denen er nicht war“ (KGW 3;2: 369). Er ist unmächtig, sich gegen die Möglichkeit zu wehren, dass „nach wenigen Athemzügen der Natur […] das Gestirn“ (KGW 3;2: 369) erstarrt, und mit ihm er selbst vergeht. Das alles macht den Menschen zu einer kläglichen Figur. Es könnte jemand aus diesen Erkenntnissen eine „Fabel erfinden und würde doch nicht genügend illustrirt haben, wie kläglich, wie schattenhaft und flüchtig, wie zwecklos und beliebig sich der menschliche Intellekt innerhalb der Natur ausnimmt“ (KGW 3;2: 369).
Nietzsches kurzer Entwurf einer ‚Fabel’ ist in der Tat sehr literarisch verfasst, nicht dem Stil einer wissenschaftlichen, philosophischen Analyse angemessen. Auch die Wertung, die mit diesen Erkenntnissen des Menschen über den Menschen betrieben wird, ist nicht gerade wissenschaftlich. Andererseits ist es bemerkenswert, dass Nietzsche die Geschichte eine Fabel nennt. Fabeln sind im Allgemeinen Tiergeschichten mit einer >und-was-ist-die-Moral-vonder- Geschicht<-Moral am Schluss. Es geht in ihnen also weniger um (wissenschaftliche) Wahrheit, als um Moral. Komisch ist dabei, dass gerade die Vernunft, die traditionell den Menschen vom Tiere trennt und über es erhebt, zur Erkenntnis führte, dass der Mensch nichts weiter als ein hoch entwickelter Affe sei. Die (wissenschaftliche) Geschichte des Menschen handelt also von Tieren, ist somit eine Fabel, von fabelhaften Wesen verfasst. Die Welt ist dann etwas, „das erzählt wird, ein erzähltes Ereignis und folglich eine Interpretation: die Religion, die Kunst, die Wissenschaft, die Geschichte – ebenso viele verschiedene Interpretationen der Welt, oder besser: ebenso viele Varianten der Fabel.“ (P. Klossowski in HAMnf: 32) Hier zeigt sich ein Paradox, das im ganzen Text von Nietzsche zu finden ist. Einerseits benutzt er Wahrheiten, um andere Wahrheit zu entwerten. Meistens sind es wissenschaftliche Erkenntnisse, die moralische, traditionelle Werte kritisierten. Andererseits sind für ihn diese wissenschaftlichen Erkenntnisse auch nichts weiter als (moralische) Fabeln.7 Ihre Wahrheit hält sich also auch in Grenzen, entspricht nicht dem wissenschaftlichen Ideal, objektive Wahrheiten zu finden.8 So ist „gleich mit den ersten Worten […] der sinnlogische Ort der nachfolgenden Ausführungen demonstriert.“ (FIEmp: 186) Auch diese wollen also nicht allzu viel Wahrheit (an sich) beanspruchen.
Genauer betrachtet kritisiert Nietzsche nicht den Menschen (an sich), sondern nur den menschlichen Intellekt. „Es giebt für jenen Intellekt keine weitere Mission, die über das Menschenleben hinausführte. Sondern menschlich ist er, und nur sein Besitzer und Erzeuger nimmt ihn so pathetisch, als ob die Angeln der Welt sich in ihm drehten.“ (KGW 3;2: 369) Es wird also auch nicht der Intellekt (an sich) kritisiert, sondern „jener mit dem Erkennen und Empfinden verbundene Hochmuth“ der ihn „über den Werth des Daseins“ (KGW 3;2: 370) täuscht. Gemeint ist die hochmütige Meinung, der Mensch, sein Intellekt, wäre fähig, Wahrheiten zu finden, die über den Menschen hinaus Gültigkeit besäßen. Wahrheiten für den Menschen, Wahrheiten, die für den Menschen gültig sind, müssten demnach aber möglich sein. Die beschränkte Gültigkeit der menschlichen Wahrheit hat dann zwar auch nur beschränkte Gültigkeit, was aber innerhalb der menschlichen Gesellschaft nicht weiter schlimm ist.9

 

[...]


1 Vgl. etwa Kapitel 1.4 dieser Arbeit.
2 Vgl. Kapitel 3.1 dieser Arbeit.
3 Vgl. KGW 3;2: 380ff.
4 Vgl. Kapitel 2.6 dieser Arbeit.
5 Vgl. AL: 91.
6 Zu finden in KGW 3;2: 369-384.
7 Vgl. dazu auch AL: 125.
8 Vgl. etwa NEUis: 546f.
9 Nietzsche stellt „nicht in Abrede, daß wir uns in der Sprache verläßlich verständigen können.“ (V. Gerhardt in SIMn1: 10)


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