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Gemeindenahes Wohnen für Menschen mit geistiger Behinderung

Diploma Thesis, 2007, 172 Pages
Author: Diplom Pädagogin Mirjam Günther
Subject: Social Pedagogy / Social Work

Details

Category: Diploma Thesis
Year: 2007
Pages: 172
Grade: sehr gut
Bibliography: ~ 98  Entries
Language: German
Archive No.: V87924
ISBN (E-book): 978-3-638-02697-0
ISBN (Book): 978-3-638-92391-0
File size: 39104 KB

Abstract

Gegenstand und Ziel der Arbeit ist es, ein geschlossenes Bild dieser Bemühungen um gleichberechtigte Wohnmöglichkeiten für Menschen mit geistiger Behinderung im Vergleich zu den Wohnmöglichkeiten von Menschen ohne Behinderungen zu geben. Dabei soll schwerpunktmäßig ein besonderes Augenmerk darauf liegen, ob die aktuellen Entwicklungen und Neuerungen in den Wohn- und Unterstützungsangeboten für Menschen mit Behinderungen auch für den Personenkreis der Menschen mit (schwerer) geistiger Behinderung konzipiert sind und für diese Menschen einen gleichberechtigten Zugang zur Formen des gemeindenahen Wohnens bieten. Im ersten Teil der Arbeit werde ich einen Überblick über die geschichtliche Entwicklung der Wohnmöglichkeiten für den genannten Personenkreis geben. Dieses Kapitel wird mit den neueren Entwicklungen zum Heimgesetz und den aktuellen Paradigmen für die Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung abschließen. Das folgende Kapitel wird mit der Untersuchung und Beschreibung von Wohnwünschen und Wohnbedürfnissen von Menschen mit geistiger Behinderung beginnen.Anschließend werden die aktuellen gemeindenahen Wohnmöglichkeiten für Menschen mit Behinderungen dargestellt und erläutert werden. Zum Schluss des dritten Kapitels werde ich verschiedene Systeme und Angebote der Unterstützung von Menschen mit geistiger Behinderung benennen und erklären, die in gemeindenahen und eigenständigen Wohnformen leben. Im vierten Kapitel meiner Diplomarbeit werde ich die Arbeit der Bundesinitiative „Daheim statt Heim“ vorstellen. Diese Initiative wurde vor circa einem Jahr von Vertretern aus den Bereichen der Politik, der Wissenschaft, der Interessenvertretung von Menschen mit Behinderungen und der praktischen Arbeit in der Behindertenhilfe gegründet. Das Ziel der Initiative ist es, systematisch die Heimunterbringung von Menschen mit Behinderungen und von alten Menschen zu stoppen und zu verbieten und stattdessen dafür zu sorgen, dass diesen Menschen ausreichend kleine, dezentrale und gemeindenahe Wohn- und Unterstützungsmöglichkeiten angeboten werden.


Excerpt (computer-generated)

Mirjam Günther

Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Philosophische Fakultät III – Erziehungswissenschaften

Diplomarbeit

Thema der Arbeit:
Gemeindenahes Wohnen für Menschen
mit geistiger Behinderung

Diplomstudiengang Erziehungswissenschaften 2002

Vorgelegt am: 05. Dezember 2007

 

Gliederung

1. Einleitung ... 5

2. Zur Entwicklung der Wohnmöglichkeiten für Menschen mit geistiger Behinderung ... 9

Geschichte der Unterbringung von Menschen mit geistiger Behinderung ... 9
Unterbringung und Verwahrlosung in psychiatrischen Anstalten ... 11
„Von der Fürsorge zum selbstbestimmten Leben“ ... 12

Heimunterbringung bis heute ... 15
Entwicklungen seit 1980 ... 16
Heimunterbringung im internationalen Vergleich ... 18
Neue Entwicklungen zum Heimgesetz ... 20
Aktuelle Paradigmen für das Wohnen von Menschen mit geistiger Behinderung ... 23

3. Die Neugestaltung des Wohnens für Menschen mit geistiger Behinderung ... 28

Wohnwünsche und –bedürfnisse ... 28
Wohnbedürfnisse – Die Funktion des Wohnens ... 28
Lebensqualität als Zielkategorie ... 32
Wohnwünsche von Menschen mit geistiger Behinderung ... 35

Formen des gemeindenahen Wohnens ... 42
Wohnen im Elternhaus ... 42
Wohnen in Gastfamilien ... 44
Gruppengegliederte Wohnheime ... 45
Möglichkeiten des betreuten Wohnens ... 46
Wohngemeinschaften von Menschen mit und ohne Behinderungen ... 47
Wohnen in der eigenen Wohnung ... 48
Eltern-Kind-Wohnen ... 50
Wohnvorbereitung: Trainingswohnen und Wohnschulen ... 51
Zusammenfassende Einschätzung ... 52

Unterstützungsangebote für gemeindenahes Wohnen ... 53
Regionale Verbundsysteme ... 55
Beratungsangebote ... 57
Krisenintervention ... 59
Community Care ... 60
Neues bürgerschaftliches Engagement ... 63

4. Die Bundesinitiative "Daheim statt Heim" ... 66

Allgemeines zu „Daheim statt Heim“ ... 66

Zur Entwicklung der Bundesinitiative „Daheim statt Heim“ ... 67

Forderungen und Ziele – geplante Umsetzung ... 72
Thesenpapier der Bundesinitiative „Daheim statt Heim“ ... 73
Inklusion und Integration durch Heimabbau und Ambulantisierung ... 74
Marktsteuerung vs. bedarfsgerechte Unterstützung ... 76

Mitglieder der Bundesinitiative ... 77
Silvia Schmidt ... 78
Elke Bartz ... 79
Ottmar Miles-Paul ... 80
Karl Finke ... 81
Wolfram Scharenberg ... 83
Prof. Dr. Dr. Klaus Dörner ... 84

Weitere geplante Aktionen ... 85
Das Kompetenzzentrum „Daheim statt Heim“ ... 86
Die AG Heimgesetz der Bundesinitiative „Daheim statt Heim“ ... 87

5. Empirischer Teil ... 90

Gegenstand und zentrale Fragestellungen der Untersuchung ... 90

Die Forschungsmethode ... 92

Auswahl der Probanden ... 94

Auswertung und Darstellung der Ergebnisse ... 95

6. Abschließende Gedanken ... 109

7. Literaturverzeichnis ... 112

 

1. Einleitung

Dieses Sprichwort macht auf eine sehr einfache und doch nachvollziehbare Weise deutlich, was es bedeutet, ein Zuhause zu haben. Das eigene Zuhause ist ein Ort der Sicherheit und Geborgenheit. Es ist die sichere Basis, von der aus man die Welt erkunden kann, in dem beruhigenden Gefühl, dass man jederzeit in die Vertrautheit der eigenen vier Wände zurückkehren kann. Im eigenen Zuhause kann man sich wohl fühlen, kann man einfach man selbst sein und man kann sich selbst verwirklichen. Ein Zuhause kann sowohl eine eigene Wohnung sein, als auch ein eigenes Haus. Es kann ein Wohnraum sein, den man mit der eigenen Familie oder mit Freunden teilt. Das Zuhause kann sich aber für manche Menschen auch auf die Nachbarschaft, die Gemeinde, die eigene Stadt oder auch auf das Land in dem man lebt ausdehnen. In dieser Arbeit soll es um die kleinste Einheit dieses Konstruktes von „Zuhause“ gehen. Ich werde mich mit dem Thema des Wohnens beschäftigen.

Seit Menschengedenken haben sich die Menschen Wohnraum geschaffen. Das Wohnen zählt zu den Grundbedürfnissen des Menschen und kann in seiner Bedeutung kaum hoch genug eingeschätzt werden. BOLLNOW (1984, S. 123) beschreibt das Wohnen als Wesensbestimmung des Menschen. Wohnen ist nach seinen Ansichten die Grundvoraussetzung für die Selbstverwirklichung eines jeden Menschen. Ein Wohnraum grenzt von der Außenwelt ab, er schafft Intimität und Gestaltungspotenziale in räumlicher und sozialer Hinsicht. Er bietet den Menschen einen weitgehend unkontrollierbaren Freiraum, in welchem sich Individualität, Identität und Autonomie entwickeln können. Der Mensch hat in seiner eigenen Wohnung so viel Freiheit wie nirgendwo sonst. Er kann sanktionsfrei seinen Bedürfnissen entsprechend leben und macht trotzdem die Erfahrung sozialer Zugehörigkeit, da es als ‘normal’ angesehen wird, über einen eigenen Wohnraum zu verfügen. Kommt es in Krisenfällen (zum Beispiel durch Kriege oder Naturkatastrophen) zum Wohnungsverlust, hat dies für die Betroffenen meist schwere psychosoziale Folgen. Sie erleben häufig eine Entwurzelung und damit zugleich eine Heimatlosigkeit und den Verlust von Zugehörigkeit innerhalb der Gesellschaft.

Obwohl das Wohnen für alle Menschen von herausragender Bedeutung ist und jeder Mensch verschiedene Wohnwünsche und Wohnbedürfnisse hat, werde ich mich in dieser Arbeit auf eine bestimmte Gruppe von Menschen konzentrieren, denen die Erfüllung dieser Wohnwünsche und –bedürfnisse sowohl in der Vergangenheit, als auch heute noch erschwert und zum Teil auch verweigert wurde und wird. Lange Zeit wurden Menschen mit geistiger Behinderung sogar jegliche Wünsche und Bedürfnisse im Bezug auf eigenen Wohnraum und die Schaffung von einem Zuhause gänzlich abgesprochen. Ihnen wurde eine Bedürfnislosigkeit unterstellt, die sowohl aus den mangelnden sprachlichen Fähigkeiten vieler Menschen mit geistiger Behinderung resultierte, als auch aus einer tatsächlich erlernten Bedürfnislosigkeit, durch welche viele Betroffene es gewohnt waren, Wünsche und Bedürfnisse nicht mehr zu entwickeln und zu äußern, aufgrund der Erfahrung, dass sie ohnehin nicht erfüllt werden. Neuere Entwicklungen in der Arbeit für und mit Menschen mit geistiger Behinderung haben diese Probleme erkannt und sind mit der kontinuierlichen Verbesserung der Wohnsituation für diesen Personenkreis befasst.

Es wird Gegenstand und Ziel dieser Arbeit sein, ein geschlossenes Bild dieser Bemühungen um gleichberechtigte Wohnmöglichkeiten für Menschen mit geistiger Behinderung im Vergleich zu den Wohnmöglichkeiten von Menschen ohne Behinderungen zu geben. Dabei soll schwerpunktmäßig ein besonderes Augenmerk darauf liegen, ob die aktuellen Entwicklungen und Neuerungen in den Wohn- und Unterstützungsangeboten für Menschen mit Behinderungen auch für den Personenkreis der Menschen mit (schwerer) geistiger Behinderung konzipiert sind und für diese Menschen einen gleichberechtigten Zugang zur Formen des gemeindenahen Wohnens bieten. Bevor ich allerdings zu den aktuellen Entwicklungen auf diesem Gebiet komme, werde ich im ersten Teil der Arbeit einen Überblick über die geschichtliche Entwicklung der Wohnmöglichkeiten für den genannten Personenkreis geben. Dieses Kapitel wird mit den neueren Entwicklungen zum Heimgesetz und den aktuellen Paradigmen für die Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung abschließen. Das folgende Kapitel wird mit der Untersuchung und Beschreibung von Wohnwünschen und Wohnbedürfnissen von Menschen mit geistiger Behinderung beginnen. Dies halte ich deshalb für ausgesprochen wichtig, weil (meiner Meinung nach) auch die Neu- und Umgestaltung von Wohnformen stets mit der Erhebung der Bedürfnisse und Wünsche der Personen beginnen sollte, für welche diese Wohnformen geschaffen werden sollen. Anschließend werden die aktuellen gemeindenahen Wohnmöglichkeiten für Menschen mit Behinderungen dargestellt und erläutert werden. Zum Schluss des dritten Kapitels werde ich verschiedene Systeme und Angebote der Unterstützung von Menschen mit geistiger Behinderung benennen und erklären, die in gemeindenahen und eigenständigen Wohnformen leben.

Im vierten Kapitel meiner Diplomarbeit werde ich die Arbeit der Bundesinitiative „Daheim statt Heim“ vorstellen. Diese Initiative wurde vor circa einem Jahr von Vertretern aus den Bereichen der Politik, der Wissenschaft, der Interessenvertretung von Menschen mit Behinderungen und der praktischen Arbeit in der Behindertenhilfe gegründet. Das Ziel der Initiative ist es, systematisch die Heimunterbringung von Menschen mit Behinderungen und von alten Menschen zu stoppen und zu verbieten und stattdessen dafür zu sorgen, dass diesen Menschen ausreichend kleine, dezentrale und gemeindenahe Wohn- und Unterstützungsmöglichkeiten angeboten werden. Im fünften Kapitel wird im direkten Anschluss daran die Vorstellung einer qualitativen Studie erfolgen, welche ich zu der Arbeit der Bundesinitiative „Daheim statt Heim“ durchgeführt habe. Im Rahmen dieser Studie habe ich sechs Initiatoren und Erstunterzeichner der Bundesinitiative zu verschiedenen Problemfeldern und Schwierigkeiten befragt, die mir während meiner Beschäftigung mit der Arbeit von „Daheim statt Heim“ aufgefallen sind.

Ich werde in dieser Arbeit aus Gründen der Eindeutigkeit und Verständlichkeit den Begriff der „Menschen mit geistiger Behinderung“ verwenden, da ich der Meinung bin, dass sich im deutschen Sprachgebrauch bisher noch kein alternativer Begriff etabliert hat, durch welchen man den Begriff der ‘geistigen Behinderung’ in einer solchen Arbeit ohne die Gefahr von Verwechslungen und Uneindeutigkeiten ersetzen könnte. Ich bin mir trotzdem der Tatsache bewusst, dass die Menschen, für welche dieser Begriff verwendet wird, darauf hinarbeiten, ihn durch andere Begrifflichkeiten zu ersetzen. In den USA wurde von der AAIDD (American Association on Intellectual and Developmental Disabilities), der größten amerikanischen Selbstvertretungsgruppe von Menschen mit geistiger Behinderung, der Begriff „intellectual and developmental disabilities“ eingeführt, der im Deutschen etwa mit „Menschen mit intellektuellen und Entwicklungsschwierigkeiten“ übersetzt werden könnte. Jedoch hat sich dieser Begriff im deutschen Sprachgebrauch noch nicht durchgesetzt, so dass ich ihn hier zwar nennen, aber im weiteren Text nicht benutzen werde.

Weiterhin werde ich den Begriff des ‘gemeindenahen Wohnens’ verwenden. Unter gemeindenahem Wohnen versteht man das Wohnen von Menschen innerhalb ihres gewohnten und angestammten Wohnortes oder ihrer Nachbarschaft. Diese Gemeindenähe ist eng verbunden mit der Entwicklung von kleinen und dezentral organisierten Wohneinheiten und Wohngemeinschaften und kann als Gegenbewegung zur der traditionellen Unterbringung von Menschen mit geistiger Behinderung in Großeinrichtungen außerhalb der Gemeinden verstanden werden. Gemeindenahes Wohnen erleichtert den Menschen mit geistiger Behinderung die Teilnahme am allgemeinen, gesellschaftlichen Leben und fördert gleichzeitig ihre Akzeptanz innerhalb der Nachbarschaft, so dass soziale Kontakte und Beziehungen leichter aufgebaut werden können (vgl. THESING 1998, S. 55ff.).

2. Zur Entwicklung der Wohnmöglichkeiten für Menschen mit geistiger Behinderung

Im folgenden Teil der Arbeit wird die Entwicklung betrachtet, die sich im Laufe der Zeit für die verschiedenen Möglichkeiten des Wohnens für Menschen mit Behinderungen vollzogen hat. Zunächst werde ich einen kurzen Abriss der Geschichte der Unterbringung von Menschen mit geistiger Behinderung geben, wobei ich mich aber auf die Kernpunkte konzentrieren werde, die für diese Arbeit von Bedeutung sind. Der Schwerpunkt dieser geschichtlichen Betrachtung soll außerdem in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg liegen, um eine direkte Entwicklungslinie zu den heutigen Wohnformen für Menschen mit geistiger Behinderung aufzuzeigen.

Anschließend werden die Theorien und Maßnahmen zur Enthospitalisierung betrachtet und danach folgt eine Darstellung der heutigen Lebenssituation von Menschen mit geistiger Behinderung, die in Heimen leben, sowie ein Kapitel zum aktuellen Heimgesetz.

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