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Überlegungen zur Bilderzählung in der Handschrift "Pontus und Sidonia" aus den Beständen der Universitätsbibliothek Heidelberg

Termpaper, 2007, 43 Pages
Author: Niels Hofheinz
Subject: Art - Graphics / Illustration / Print

Details

Category: Termpaper
Year: 2007
Pages: 43
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 36  Entries
Language: German
Archive No.: V87954
ISBN (E-book): 978-3-638-03994-9

File size: 3289 KB
Notes :
Profanikonographische Bildprogramme Ende des 15. Jahrhunderts


Abstract

Die Entwicklung der Buchmalerei hatte in der zweiten Hälfte de 15. Jahrhunderts bereits ihren Höhepunkt überschritten. Dennoch bestand bei einigen Liebhabern auch noch in den 1470er Jahren großes Interesse an dieser Kunstform. Solcherlei spätmittelalterliche Buchmalerei unterscheidet sich in einigen Punkten erheblich von Arbeiten aus der Hochphase der Buchillumination. Die in diesem Essay eingehender betrachtete Handschrift, mit großer Wahrscheinlichkeit im Auftrag der Margarethe von Savoyen hergestelltes Produkt der so genannten „Henfflin-Werkstatt“ zählt zur Kategorie jener spätmittelalterlichen „multimedialen“ Werke, die doch bisher in keine Kategorie zu passen schienen: Die Handschrift „Pontus und Sidonia“, die heute unter der Signatur Codex Palatinum Germanicum 142 im Katalog der Heidelberger Universitätsbibliothek zu finden ist. Da eine umfassende Analyse der Handschrift im Rahmen dieser Arbeit praktisch ausgeschlossen ist, sollen anhand der ausführlichen Betrachtung zweier exemplarisch herausgegriffener Illustrationen sowohl einige Rückschlüsse auf die Binnenfunktion der Illustrationen innerhalb der Sequenzen als auch auf die Faktur des Werkes im Gesamten induziert werden.


Excerpt (computer-generated)

Überlegungen zur Bilderzählung

in der Handschrift "Pontus und Sidonia"

aus den Beständen der Universitätsbibliothek Heidelberg


Inhalt

1. Einleitung 2

2. Allgemeines zur Handschrift 4

3. Allgemeines zu den untersuchten Abbildungen 4

4. Einige Erwägungen zur Bildflächenbegrenzung 5

5. Bildbetrachtung 6

5.1. Betrachtung der Abbildung auf Folio 17 verso 6

5.2. Betrachtung der Abbildung auf Folio 19 recto 10

5.3. Zum Einsatz piktographischer Elemente auf Folio 19 recto 14

6. Vergleichende Gegenüberstellung und Fazit der Betrachtung der

Illustrationen von Folii 17 verso und 19 recto 17

7. Resümee 18

8. Abbildungen 21

9. Literatur 35

9.1. Quellen 35

9.2. Sekundärliteratur 36

9.3. Handschriftendigitalisate

und

andere digitale Quellen 38

10. Abbildungsnachweis 39

11. Anhang: Tabelle zur Rahmenfarbe 40

1


1. Einleitung

Nur wenige künstlerische Arbeiten, dieaus der Zeit vor 1500 stammen, zählen zu der,

von der kulturhistorischen Warte aus betrachtet ohnehin fragwürdigen Kategorie der

,,Meisterwerke".

Ein Grund hierfür mag bereits im Faktum liegen, dass führende Wissenschaftler sich in

der Vergangenheit bevorzugt mit ,,zentralen Werken der Kunst des europäischen

Kontinents" auseinandersetzten und diese zueinander in Beziehung brachten. Nicht

zuletzt der Literaturwissenschaftler Horst Wenzel widerspricht in seinem ,,Plädoyer für

eine Literaturgeschichte der Herrschaftsbereiche und ihrer Institutionen"1 genau dieser

Vorgehensweise vehement und wendet sich ganz entschieden von Kategorien wie

,,Nationalliteratur"2, ,,Kulturzusammenhang"3 oder ,,Stileinheit"4 ab ­ von einer pan-

europäischen Kultur ganz zu schweigen. So mag die Anlehnung an die Nachbardisziplin

Literaturwissenschaft im Rahmen der Einleitung einer kunsthistorischen Arbeit

vielleicht zunächst Anstoß erwecken, scheint aber, wie aus dem Folgenden ersichtlich,

zumindest erwägenswert, da viele disziplinübergreifende oder ­ mit anderen Worten

multimediale Werke die, mit den üblichen Ansätzen schwer zu fassen und nach

herkömmlichen Prinzipien kaum kategorisierbar ­ bisher unter der

Wahrnehmungsschwelle beider Wissenschaften verblieben sind.

Schreibt Wolfgang Kemp nämlich beispielsweise eine Geschichte des Raumes in der

Kunst, so bedient er sich hierfür diverser Beispiele aus unterschiedlichen Kulturräumen

Europas, fördert damit den Eindruck der Existenz eines pan-europäischen

Kunstbetriebes im Hoch- und Spätmittelalter.5 Nun mögen Beispiele, die im Rahmen

einer Untersuchung des Raumes in der Kunst anzuführen sind, augenfällig und

zweifelsohne populär sein, aber gerade die Fragestellung spielt eine nicht zu

unterschätzende Rolle bei der anschließenden Auswahl des zu untersuchenden

Materials. Oder allgemeiner formuliert: der wissenschaftliche Ansatz bestimmt, was

erforschenswert ist und was nicht. Denn gerade die Fokussierung auf oberflächlich, das

1 Wenzel, Horst: Zur Repräsentation von Herrschaft in mittelalterlichen Texten. Plädoyer für eine

Literaturgeschichte der Herrschaftsbereiche und ihrer Institutionen. In:

Bumke, Joachim u. A.: Adelsherrschaft und Literatur. (Beiträge zur älteren deutschen Literaturgeschichte,

6). Bern 1980, S. 339 ff.

2 Ebd.

3 Ebd.

4 Ebd.

5 Kemp, Wolfgang: Die Räume der Maler. Zur Bilderzählung seit Giotto. München 1996, S. 9.

2


heißt durch die ,,Brille des 21. Jahrhunderts" betrachtet, als ,,ästhetisch elaboriert"6, und

,,artifiziell und

ikonographisch differenziert"7 erscheinende Objekte ist eine

offensichtliche Fehlerquelle, die immer wieder die Gefahr der Fehleinschätzungen

historischer Zusammenhänge mit sich bringt. Denn eine solche, wertende

Herangehensweise steht im klaren Widerspruch zur Tatsache, dass Hersteller und

Auftraggeber der künstlerischen Arbeiten zumindest in den meisten Fällen mit deren

Ausarbeitung sicher nicht unzufrieden waren. Dies ist nicht nur bedenklich, sondern hat

auch zur Folge, dass auf der Suche nach geeigneten Sekundärtexten zu einer solchen,

,,unpopulären" Bildquelle zunächst die Lektüre eine verhältnismäßig große Anzahl

Bücher erfolgen kann, ohne dass man dabei auf konstruktive Hinweise oder gar

mögliche Interpretationsansätze stoßen würde. Dem Autor dieser Bildbetrachtung blieb

also trotz der im 21. Jahrhundert zur Verfügung stehenden elektronischen Medien über

große Strecken hinweg nicht anders übrig, sich letztendlich doch wieder der Hilfsmittel

zu besinnen, die dem angehenden Kunsthistoriker stets die vertrautesten sein sollten:

Die eigenen Augen.

6 Berns, Jörg Jochen: Film vor dem Film. Bewegende und bewegliche Bilder als Mittel der

Imaginationssteuerung in Mittelalter und früher Neuzeit. Marburg 2000, S.10.

7 Ebd.

3


2. Allgemeines zur Handschrift

Das im folgenden eingehender betrachtete Stück, mit großer Wahrscheinlichkeit im

Auftrag der Margarethe von Savoyen hergestelltes Produkt der so genannten ,,Henfflin-

Werkstatt" zählt sicher zur Kategorie dieser multimedialen Werke, die doch bisher in

keine Kategorie zu passen schienen: Die Handschrift ,,Pontus und Sidonia"8, die heute

unter der Signatur Codex Palatinum Germanicum 142 im Katalog der Heidelberger

Universitätsbibliothek zu finden ist. Da eine umfassende Analyse der Handschrift im

Rahmen dieser Arbeit praktisch ausgeschlossen ist, sollen anhand der ausführlichen

Betrachtung zweier exemplarisch herausgegriffener Illustrationen sowohl einige

Rückschlüsse auf die Binnenfunktion der Illustrationen innerhalb der Sequenzen als

auch auf die Faktur des Werkes im Gesamten induziert werden.

3. Allgemeines zu den untersuchten Abbildungen

Zwei Abbildungen dienen hier als ,,pars pro toto": Die Illustrationen der Folii 17 verso

und 19 recto.9 Auf diesen zwei Folii wird in Text und Bild die Provokation zur ­ und

Eskalation der ­ kriegerische Auseinandersetzung zwischen den bretonischen Truppen

und dem heidnischen Invasorenheer geschildert. Die sich über 28 Papierseiten

erstreckende Sequenz beinhaltet 14 farbige Illustrationen, die grob in drei

Binnensequenzen zu gliedern sind (Kommunikation, Zweikampf, Krieg).10 Die

Abbildungen nehmen in der Höhe jeweils zwischen 25 und 28 Zeilen, das heißt

zwischen 15 und 17 cm ein, ihre Breite entspricht in etwa dem Schriftblock, in Zahlen

entspricht das etwa 13,5 bis 14,5 cm.

Jede Doppelseite des hier betrachteten Abschnitts enthält eine Abbildung,

ausgenommen die Doppelseite 28v/29r (zwei Textseiten), sowie die Doppelseite

30v/31r (zwei Abbildungen).11 Die Illustrationen sind ausnahmslos in den Textfluss

integriert. Das heißt, dass ein Bild immer den Text an der ihm entsprechenden Stelle

unterbricht. Die Bildüberschriften wurden auf typographischer Ebene nicht explizit vom

Text abgesetzt, sie beginnen alle mit dem Worte ,,Wie..." unterscheiden sich jedoch

8 Heidelberg, Universitätsbibliothek: Cod. pal. germ. 142.

9 Vgl. Abb. 15 und 18.

10 Vgl. Abb. 1-14.

11 Vgl. Anhang, Tabelle 1.

4


neben ihrer differierenden Farbgebung durch keine weiteren graphischen Merkmale

vom ,,Kontext".

4. Einige Erwägungen zur Bildflächenbegrenzung

Ein aus ein bis drei konzentrisch angeordneten, verschiedenfarbigen Linien

konstruierter Rahmen grenzt die Bildfläche deutlich vom Rest der Buchseite ab, wobei

keine dieser Bildflächenbegrenzungen der nächsten gleicht. Bemerkenswert ist in

diesem Zusammenhang nicht zuletzt die Tatsache, dass die Vorzeichnung lediglich die

für den Rahmen vorgesehene Fläche eingrenzt. Die Binnenstruktur, respektive Breite

der Linien, Anzahl und Farbgebung wurde offenbar erst im Zuge der Kolorierung

festgelegt, wobei die Kolorierung der Rahmen nicht einheitlich ist. Sequenzen in der

häufigsten auftretenden Farbkombination rot-gelb-rot werden immer wieder durch

einzelne Illustrationen mit Bildbegrenzungen in den Farben Violett-Gelb-Violett (wobei

Violett hier als Synonym für einen schwer zu definierenden, stellenweise in dunkles

Purpurrot abgleitenden Braunton dienen soll), Rot-Gelb-Ocker oder, wie auf den Folii

63 recto oder 88 verso gar durch einfarbig rote, beziehungsweise teilweise oder auch

vollkommen unkoloriert Rahmen (beispielsweise auf folii 89 recto oder 92 verso)

unterbrochen.12

Die Annahme, dass die Wechsel der Farbschemata nach einem bestimmten

mathematischen, semiotischen oder ästhetischen Muster erfolgt ließ sich jedoch anhand

der am Rande dieser Arbeit vorgenommenen Untersuchung ebenso wenig bestätigen

wie die These, dass ausschließlich Überschüsse der zum Zweck der Kolorierung der

jeweiligen Illustration bereits angemischten Pigmente zur Ausgestaltung des Rahmens

Verwendung fanden. Durch eine detaillierte (Pigment-) Analyse des Farbauftrages am

Original wäre man unter Umständen in der Lage, in diesem Punkt mehr Klarheit zu

schaffen. Nicht unerwähnt bleiben soll auch, dass sich die Buchmaler der Werkstatt

Henfflin ähnlicher Bildbegrenzungsschemata nur noch bei den Prosaromanen Sigenot13

und Herpin14 bedienten. Bei allen anderen Handschriften, die dieser Werkstatt

zugeschrieben werden können, finden sich keine, beziehungsweise vorrangig

monochrome Bildbegrenzungen.

12 Vgl. Tabelle 2.

13 Heidelberg, Universitätsbibliothek: Cod. pal. germ. 67.

14 Heidelberg, Universitätsbibliothek: Cod. pal. germ. 152.

5


5. Bildbetrachtung

5.1. Betrachtung der Abbildung auf Folio 17 verso

Die im Folgenden betrachteten Abbildungen auf Folii 17 verso, beziehungsweise auf 19

recto stellen Abschnitte einer höfischen Empfangsszene dar. Ein heidnisches Heer ist

mit dem Ziel der gewaltsamen Missionierung der Bevölkerung in das Christliche

Königreich von Brittanien eingedrungen. Der Waise Pontus, dessen Eltern bei einem

ähnlichen, einige Jahre zuvor erfolgten Überfall auf sein Heimatland ums Leben kamen,

steht unter der Vormundschaft des bretonischen König und sieht sich durch die

Meldung über die Landung fremder Truppen nun erneut in seiner Existenz bedroht. Die

hier betrachtete Illustrationen zeigen den Empfang eines Sendboten des heidnischen

Heerführers bei Hofe, der zum Zweck der Überbringung der Kapitulationsforderung

und der anschließende Rückübermittlung der Antwort an seinen Auftraggeber beim

obersten Landesherren vorstellig wird.

Wenden wir unsere Aufmerksamkeit nun zunächst Folio 17 verso zu: Die

Bildüberschrift ,,Wie ein heidenische ritter für den kunig kam und im sagte, was im der

jung soldan anbotten hetto" beschreibt einen weit umfangreicheren Zeitraum, als in der

Abbildung letztlich dargestellt: sichtbar ist hier alleine der Moment der offensichtlichen

Übergabe eines versiegelten Schriftstücks durch den Gesandten des ,,jung sodans" an

den ,,kunig von Brittanien". Beginnt man das Bild von der linken oberen Ecke an zu

,,lesen", so entdeckt man zunächst unter einem roten Baldachin, von welchem nur mehr

der vordere Teil sichtbar ist, den Regenten von Brittanien, der sich Boten und

Betrachter durch Krone, hermelinverbrämten Purpurmantel und Zepter eindeutig als

König zu erkennen gibt. 15 Entlang seiner linken Hand gleitet der Blick des

Bildperzipienten nun hinüber zu dessen Gegenüber, dem in der Bildüberschrift als

,,heidenischer Ritter" bezeichneten Überbringer der Botschaft, der mit dem König auf

Augenhöhe wäre, würde er sich nicht vor diesem verneigen. Im Hintergrund der rechten

Bildhälfte findet sich eine nicht näher zu bestimmende Anzahl Personen, von denen

jedoch nur die vorderen drei in Ganzkörperansicht dargestellt werden. Die übrigen

Zuschauer sind nur mehr durch Übereinanderstaffelung von verschiedenfarbigen,

teilweise durch den rechten Bildrand ,,angeschnittenen" Halbkreisen angedeutet.

Wichtig scheint hier in erster Linie: Es sind viele, in die Handlung nicht miteinbezogene

Personen anwesend, die dem ­ offenbar auf freiem Feld stattfindenden ­

15 Vgl. Abb. 1.

6



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