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Subtitle: Zum komischen Aspekt der Künstler- und Geniefiguren Thomas Bernhards anhand ausgewählter Dramen
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2005, 23 Pages
Author: Bastian Rittinghaus
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Institution/College: University of Frankfurt (Main) (Institut für Deutsche Sprache und Literatur II)
Tags: Komödie, Ende, Komische
Year: 2005
Pages: 23
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 9 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-03410-4
ISBN (Book): 978-3-640-20442-7
File size: 168 KB
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Abstract
Thomas Bernhards Theaterstücke sind ausnahmslos Komödien. Ihr Personal erinnert an traditionelle Typenkomödien, doch gibt es bei Bernhard keine kathartische Einsicht oder Abstrafung des überzogenen Charakters. Besonders seine Genie- und Künstlerfiguren verlassen ihre Rollen nicht, sondern beharren bis zum Ende auf der Konsistenz ihres Daseins. Wir wollen betrachten, wie das Komische bei Bernhards Stücken entsteht und welche besondere Ausformung es bei den Genies erhält. Mir scheint, dass sie gerade weil sie wissen, dass sie eine Rolle spielen, in einen grotesken Selbstwiderspruch treten, der ihnen aber letztlich den Triumph über ihre Umwelt erlaubt. Da Künstler bei Bernhard immer auch Wahnsinnige sind, die weit von der Gesellschaft entfernt existieren, folgt ihr Spiel anderen Regeln als aus der sozialen Praxis vorausgesetzt wird. Deswegen können sie noch im finalen Scheitern den Sieg davontragen. Thomas Bernhard ist lange Zeit ausschließlich als apokalyptischer, pessimistischer Autor verstanden worden. Die Präsenz des Todes in seinem Werk veranlasste viele Interpreten, ihn als Nihilisten zu begreifen, für den das Leben immer sinnlos ist. Doch der komische Aspekt wurde erst in den letzen zehn Jahren wirklich entdeckt und germanistisch aufbereitet. Obwohl seine öffentlichen Auftritte und sein dramatisches Werk offensichtlich komisch sind, tat sich die Sekundärliteratur schwer, diesem Aspekt genügend Aufmerksamkeit zu schenken. Ruixiang Han hat eine der ersten Abhandlungen über das Komische bei Bernhard verfasst, in Der komische Aspekt in Bernhards Romanen liefert er sehr gute Analysen verschiedener Techniken und Phänomene in Bernhards Erzählwerk. Er geht aus von Bernhards Äußerung „es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt“ und weist auf, dass diese Einstellung, anders als von vielen Interpreten verstanden, keine Verneinung des Lebens bedeutet, sondern antithetisch das Lebendige stärker hervorhebt. Bernhard erwartet vom Leser eine „kritische Distanz zum Dargestellten“, keine „direkte Betroffenheit“. Anstatt sich die düstere Weltauffassung anzueignen, soll er in Widerspruch zu ihr treten. Dann eröffnet sich der Blick dafür, dass zusammen mit den Äußerungen immer auch eine charakterliche Disposition vermittelt wird. Die Figuren laden zur Kritik ein und damit zum Verlachen. Indem der Leser sich fragt, warum er über einen bestimmten Mangel gelacht hat, entsteht ein Erkenntnisprozess.
Excerpt (computer-generated)
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Institut für Deutsche Sprache und Literatur II
Hauptseminar ,,Das Komische"
Bastian Rittinghaus
Thomas Bernhard
,,In meiner Komödie hat es am Ende vollkommen finster zu sein"
Zum komischen Aspekt der Künstler- und Geniefiguren Bernhards
anhand ausgewählter Dramen
Eingereicht am 30.09.2005
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Forschungslage 3
3. Das Komische bei Bernhard 5
4. Bernhards Künstler- und Geniefiguren 7
4.1. Der Kunstbegriff Bernhards 7
5. Einzelanalyse ausgewählter Dramen 9
5.1. Minetti 9
5.2. Immanuel Kant 12
5.3. Der Weltverbesserer 14
5.4. Der Theatermacher 17
5.5. Kurze Zusammenfassung 19
6. Schluss 21
7. Verwendete Literatur 22
Texte Thomas Bernhards 22
Sekundärliteratur 22
2
1. Einleitung
Thomas Bernhards Theaterstücke sind ausnahmslos Komödien. Ihr Personal erinnert an
traditionelle Typenkomödien, doch gibt es bei Bernhard keine kathartische Einsicht oder
Abstrafung des überzogenen Charakters. Besonders seine Genie- und Künstlerfiguren
verlassen ihre Rollen nicht, sondern beharren bis zum Ende auf der Konsistenz ihres Daseins.
Wir wollen betrachten, wie das Komische bei Bernhards Stücken entsteht und welche
besondere Ausformung es bei den Genies erhält. Mir scheint, dass sie gerade weil sie wissen,
dass sie eine Rolle spielen, in einen grotesken Selbstwiderspruch treten, der ihnen aber
letztlich den Triumph über ihre Umwelt erlaubt. Da Künstler bei Bernhard immer auch
Wahnsinnige sind, die weit von der Gesellschaft entfernt existieren, folgt ihr Spiel anderen
Regeln als aus der sozialen Praxis vorausgesetzt wird. Deswegen können sie noch im finalen
Scheitern den Sieg davontragen.
2. Forschungslage
Thomas Bernhard ist lange Zeit ausschließlich als apokalyptischer, pessimistischer Autor
verstanden worden. Die Präsenz des Todes in seinem Werk veranlasste viele Interpreten, ihn
als Nihilisten zu begreifen, für den das Leben immer sinnlos ist. Doch der komische Aspekt
wurde erst in den letzen zehn Jahren wirklich entdeckt und germanistisch aufbereitet. Obwohl
seine öffentlichen Auftritte und sein dramatisches Werk offensichtlich komisch sind, tat sich
die Sekundärliteratur schwer, diesem Aspekt genügend Aufmerksamkeit zu schenken.
Ruixiang Han hat eine der ersten Abhandlungen über das Komische bei Bernhard verfasst, in
Der komische Aspekt in Bernhards Romanen
liefert er sehr gute Analysen verschiedener
Techniken und Phänomene in Bernhards Erzählwerk. Er geht aus von Bernhards Äußerung
,,es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt"1 und weist auf, dass diese Einstellung,
anders als von vielen Interpreten verstanden, keine Verneinung des Lebens bedeutet, sondern
antithetisch das Lebendige stärker hervorhebt. Bernhard erwartet vom Leser eine ,,kritische
Distanz zum Dargestellten", keine ,,direkte Betroffenheit"2. Anstatt sich die düstere
Weltauffassung anzueignen, soll er in Widerspruch zu ihr treten. Dann eröffnet sich der Blick
dafür, dass zusammen mit den Äußerungen immer auch eine charakterliche Disposition
vermittelt wird. Die Figuren laden zur Kritik ein und damit zum Verlachen. Indem der Leser
1 Ruixiang Han: Der komische Aspekt in Bernhards Romanen. Stuttgart: Heinz, 1995. S. 7.
2 Ebd., S. 25.
3
sich fragt, warum er über einen bestimmten Mangel gelacht hat, entsteht ein
Erkenntnisprozess.
Uwe Betz unternimmt in seiner umfangreichen Analyse
Polyphone Räume und
karnevalisiertes Erbe
den Versuch, Bachtins Theorie des Chronotopos auf Thomas Bernhards
Werk anzuwenden. Laut Bachtin gewinnt das Gesagte erst im Kontext der
Kommunikationssituation, also des Raumes und der Zeit, seine Bedeutung. In der
Literaturtheorie bedeutet dies, dass durch die Ansiedlung in bestimmten raum-zeitlichen
Situationen ein Text sich in die Tradition eines bestimmten Genres stellt. Hierbei identifiziert
Betz die Bühne als den Bachtinschen Topos des Markplatzes, er geht also nicht auf die
fiktionalen Räume ein, sondern generalisiert das dramatische Werk Bernhards als
Ausformung dieser Tradition. Der Marktplatz ist der Chronotopos des Karnevals, einer
,,volkstümlich-subversiven Urkraft"3. Diese Kategorien sind schwer mit Bernhard
zusammenzubringen, denn die Grundstimmung Bernhards ist düster, nicht karnevalistisch-
fröhlich, das Volkstümliche war ihm immer verhasst, zudem befinden seine Charaktere sich
fast immer in Innenräumen, in denen sie sich von der Gesellschaft isolieren. Betz aber sieht in
der Hinwendung Bernhards zum Theater eine ,,Öffnung hin zu Gesprächspartnern, Welt und
Öffentlichkeit"4. Zum Marktplatz treten zwei weitere Topoi, der des ,,Lebenswegs" und der
der ,,Begegnung"5. Durch diese ,,Polyphonie" ergeben sich Überschneidungen, welche laut
Betz die gewählte Tradition selbst dekonstruieren: ,,Bernhards Texte können allein deswegen
als karnevalisierte Literautur verstanden werden, weil sie die Antithesen und Dichotomien,
die Wissenschaft, Kritik und Vernunft errichtet haben, zuspitzen, unsinnig machen, dialogisch
verkreuzen und ihre Grenzlinien in Mesalliancen verschwimmen lassen. Das muß schließlich
als das eigentliche Geschehen des Marktplatzes (als Theater) angesehen werden". Weil
Bernhard das aufklärerische Erbe in den Reden seiner Figuren also in eine absurde
Übertreibung führt, lösen sich Sinnzusammenhänge auf und hier wäre das Karnevaleske zu
finden. Ich habe den Eindruck, dass Betz, will er vom Marktplatz ausgehen, um Bernhard
zum Karnevalisten zu machen, zum einen eher eine generelle Komödientheorie liefert, anstatt
speziell auf Bernhards Topoi einzugehen, zum anderen Bernhard selbst stark verdrehen muss,
um hier Bachtin anwenden zu können. Geht er vom Karnevalistischen zum Marktplatz,
verdreht er Bachtin selbst. Mir scheint dieser Ansatz das Komische an Bernhard nicht
hinreichend zu erklären, um einen komplexen Unterbau wie den Bachtins zu rechtfertigen.
3 Uwe Betz: Polyphone Räume und karnevalisiertes Erbe Analysen des Werks Thomas Bernhards auf der
Basis Bachtinscher Theoreme. Würzburg: Ergon-Verlag, 1997. S. 33.
4 Ebd., S. 256.
5 Ebd.
4
Michael Grabher widmet in
Der Protagonist im Erzählwerk Thomas Bernhards
dem
Verhältnis von Komik und Tragik ein kurzes Kapitel in der Besprechung des Romans
Alte
Meister.
Hierin sieht er die Komik allerdings vor allem in den ,,Schimpftiraden"6 Regers, die
viel Sprachwitz enthalten. Er hält fest, dass der Humor in Bernhards Werk ,,absichtlich
mehrdeutig angelegt"7 ist, da sich die Komödie immer aus der Tragödie ergibt. ,,Komisch ist
die fatale Selbstüberschätzung des Subjekts, tragisch die daraus folgende Ausweglosigkeit",
fasst er das Verhältnis zusammen. Mit der Selbstüberschätzung trifft er zwar einen Aspekt der
Bernhardschen Komik, aber das Verhältnis zur Tragik liegt meines Erachtens genau
andersherum. Weil aus der verzerrten Weltsicht der Protagonisten eine Ausweglosigkeit
entsteht, ist ihr Scheitern komisch. Angesichts der Banalität ihres Schicksals wird alles, was
sie wichtig nehmen, lächerlich. So ist auch das Bernhardzitat zu verstehen, das Grabher zum
Beleg anführt: ,,Na, um mir diese furchtbaren Dinge überhaupt erträglich zu machen, hab ich
schon als Kind immer den Umweg über das Theatralische gesehen, nicht. Die fürchterliche
Wirklichkeit letzten Endes niemals als Tragödie, sondern als Komödie"8.
3. Das Komische bei Bernhard
Dass Verzweiflung und Nihilismus im dramatischen Werk Bernhards Grundpositionen sind,
die immer wieder auftauchen und für die Charakterkonstitution wichtig sind, ist nicht zu
leugnen. Beinahe alle Bühnenfiguren leiden ganz fundamental an der Welt, die ihnen keinen
Platz in ihr gibt. Sie sind Ausgestoßene oder Abgestoßene und versuchen, der stets ekelhaften
Welt draußen in einen Privatraum zu entkommen. Diese Flucht führt sie aber immer nur zu
sich selbst, und hier finden sie den eigentlichen Grund ihrer Verzweiflung. Bernhards Figuren
sind Versager, die ihren eigenen Ansprüchen nicht genügen, ihre Pläne nicht verwirklichen
und kein Glück finden können. Diese Erkenntnis wird in verschiedenen Bewusstseinsstufen
immer wieder formuliert, genauso oft aber verdrängt, indem am eingeübten Alltag
festgehalten wird.
Die auf Bernhards Pessimismus abhebenden Forscher haben also nicht unrecht, aber sie
betrachten doch nur einen Teilaspekt, aus dem sich die eigentliche Poetik Bernhards nicht
eröffnet. Es ist durchaus nicht einfach, im Durcheinander von Positionen der Figuren und
Bernhard selbst eine einheitliche programmatische Autorenmeinung auszuzeichnen. Denn
6 Michael Grabher: Der Protagonist im Erzählwerk Thomas Bernhards. Hamburg: Verlag Dr. Kovac, 2004. S.
255.
7 Ebd., S. 256.
8 Ebd., S. 257.
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