Bitte warten
Bitte installieren Sie den Flash Player, wenn kein E-Book erscheint.
Examensarbeit, 2007, 161 Seiten
Autor: Susanne Simon
Fach: Theologie - Sonstiges
Details
Tags: Kehrt, Santiago, Jakobsweg, Merkmal, Sinnsuche
Jahr: 2007
Seiten: 161
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 165 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-02387-0
Dateigröße: 1266 KB
Andere Nutzer haben sich auch für folgende Titel interessiert:
Zusammenfassung / Abstract
Alle Wege führen nach Santiago de Compostela. So hat es zumindest den Anschein, wenn man sich momentan in Buchhandlungen umschaut oder durch die Fernsehkanäle zappt. Spätestens seit sich Hape Kerkelings Reisetagebuch auf dem ersten Platz der Spiegel-Bestseller-Liste behauptet, ist der Jakobsweg in aller Munde. Die Deutschen bildeten 2006 mit 8 097 Pilgern die dritthäufigste Nation auf dem Jakobsweg,Tendenz steigend. Dieser Trend mag zunächst einmal erstaunen handelt es sich doch bei dem mittelalterlichen Pilgerweg um ein ur-christliches Symbol tiefster Frömmigkeit. Seit dem 10. Jahrhundert machten sich Pilger aus ganz Europa auf den Weg ans Ende der damals bekannten Welt, um am Grab des Apostels Jakobus die Vergebung ihrer Sünden zu erlangen. In einem Land, in dem der Begriff der „Frömmigkeit” langsam aber sicher vom Aussterben bedroht ist, mutet es zunächst einmal seltsam an, dass sich neuerdings wieder ganze Heerscharen an Pilgern gen Santiago aufmachen. Die christliche Pilgertradition scheint in einem Gegensatz zu unserer oberflächlich-säkularisierten Gesellschaft zu stehen, in der die Religion, insbesondere in ihrer institutionalisierten Form, immer mehr an Bedeutung verliert. Dieser Umstand macht den gegenwärtigen Pilger-Boom interessant für eine nähere Betrachtung. Die Frage nach der Bewertung des gegenwärtigen Trends steht in einem engen Zusammenhang mit einer anderen Frage, die seit Jahrzehnten kontrovers diskutiert wird. Kann man in der modernen, westeuropäischen Gesellschaft von einer Renaissance der Religion sprechen? Oder stellt die fortschreitende Säkularisierung ein unumstößliches Faktum dar? Zweifellos hat in der religiösen Landschaft Deutschlands seit Beginn der Säkularisierung ein komplexer Wandel stattgefunden. Religion verschwand immer mehr aus dem öffentlichen Bewusstsein und wurde zur Privatangelegenheit. Das Christentum verlor seine Vormachtstellung und wurde zu einem Angebot unter vielen im „Warenlager »letzter« Bedeutungen“ und religiöser Möglichkeiten.Der Begriff der Religion unterlag einem Bedeutungswandel, religiöse Selbstverständlichkeiten lösten sich auf, um einem Pluralismus und Individualismus Platz zu machen, wie wir ihn heute kennen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie das heutige Phänomen des Pilgerns in die religiöse Landschaft einzuordnen ist. Stellt es eine vorübergehende Modeerscheinung dar, oder kann es als Merkmal einer neuen, religiösen Sinnsuche gewertet werden?
Textauszug (computergeneriert)
Universität des Saarlandes
Fachrichtung 3.3 Katholische Theologie
Fachwissenschaftliche Arbeit für das Erste Staatsexamen
„Kehrt um und lauft nach Santiago“ - Der Jakobsweg als Merkmal einer neuen religiösen Sinnsuche?
Susanne Simon
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung ... 5
1. Der Weg und sein Patron: Entstehung und Geschichte des Jakobsweges im Wandel der Jahrhunderte ... 7
1.1 Die dunklen Anfänge: Entstehung eines Mythos ... 7
1.1.1 Problematisierung einer geschichtlichen Darstellung ... 7
1.1.2 Jakobus, der Donnersohn ... 9
1.1.3 Missionstätigkeit in Spanien? ... 11
1.1.4 Die politischen und religiösen Hintergründe der Legendenentstehung ... 13
1.1.5 Der Volkspatron wird zum Mythos ... 15
1.1.6 Apostelgrab auf europäischem Boden? ... 17
1.1.7 Wie Jakobus nach Spanien kam: Translationsberichte ... 20
1.1.8 Jakobus als Maurentöter ... 21
1.2 Die Entwicklung des Kultes und sein Wandel im Lauf der Jahrhunderte ... 24
1.2.1 Propaganda für den Apostel ... 24
1.2.2 Zeugnisse des frühen Pilgertums: Liber Sancti Jacobi und Kathedrale ... 26
1.2.3 Rahmenbedingungen für den Fortschritt der Pilgerfahrt ... 28
1.2.4 Der mittelalterliche Reliquienkult ... 30
1.2.5 Büßer und Trittbrettfahrer: das 15./16. Jahrhundert ... 32
1.2.6 Luthers Kritik am Pilgertum ... 33
1.2.7 Niedergang und neuer Aufschwung: Das 16. bis 19. Jahrhundert ... 35
1.2.8 Der Apostel als nationaler Identitätsstifter während des Francismo ... 37
1.2.9 Der Jakobsweg als Sinnbild eines einigen Europas ... 38
2. Traditionelles Pilgern – Unterwegssein zu Gott ... 40
2.1 Definition und Abgrenzung: Pilgerfahrt – Wallfahrt ... 40
2.2 Biblische Pilger ... 42
2.3. Der Weg um des Zieles willen? - Pilgern im Mittelalter ... 44
2.3.1 Motivationen und Pilgertypen ... 44
2.3.2 Die Praxis der mittelalterlichen Pilgerfahrt ... 47
2.3.3 Auf dem Weg und am Ziel ... 49
2.3.4 “Jakobus hat geholfen” - mittelalterliche Wundergeschichten ... 50
2.4 Pilgern als globales Phänomen ... 52
3. Kann man in der heutigen Gesellschaft von einer Renaissance der Religion sprechen? ... 55
3.1 Einleitende Problematisierung der Fragestellung ... 55
3.2 Definitionsansätze und Begriffsabgrenzungen ... 56
3.2.1 Was ist Religion? - Ein Begriff im Wandel der Zeit ... 56
3.2.2 Religiosität ... 63
3.2.3 Volksreligiosität ... 65
3.2.4 Spiritualität und Esoterik ... 66
3.3. Die Rede von der Renaissance der Religion ... 68
3.3.1 Wie kann man von Renaissance der Religion sprechen? - Probleme und Grenzen ... 68
3.3.2 Dimensionen von Religion und ihre Bedeutung für die Diskussion ... 70
3.3.2.1 „Wir sind Papst“ - Religion im Spektrum der Medienlandschaft ... 70
3.3.2.2 Imagegewinn der Institutionen? ... 72
3.3.2.3 Private Religiosität der Bürger ... 73
3.3.3 Säkularisierung – Mythos oder Fakt? ... 74
3.3.4 Säkulare, postsäkulare oder immer schon religiöse Gesellschaft? ... 78
3.3.5 Kirche im Aufschwung? Chancen und Möglichkeiten einer totgeglaubten Institution ... 81
3.4 Merkmale der “neuen” Religiosität ... 83
3.4.1 Individualisierte Religion – Die “Ich-AG” des Glaubens ... 83
3.4.2 Pluralismus und Synkretismus ... 86
3.4.3 Die Leere von Gott ... 88
3.4.4 Die Religiosität heutiger Jugendlicher als Beispiel ... 90
3.5 Die große Suche nach dem Sinn des Lebens ... 92
3.6 Fazit: Nicht Wiederkehr, sondern Bestätigung ... 97
4. Der Jakobsweg heute - Modeerscheinung oder religiöse Sinnsuche? ... 99
4.1 Der Weg ist das Ziel? - Allgemeine Überlegungen zum heutigen Pilgertrend ... 99
4.1.1 Über die Schwierigkeit, allgemeingültige Aussagen zu treffen ... 99
4.1.2 Die gegenwärtige Popularität des Jakobsweges in den Medien ... 100
4.1.3 Pilger und einige ihrer Motivationen heute ... 103
4.1.4 Beispiele: Pilger erzählen von „ihrem Camino“ ... 107
4.1.4.1 Stefanie Schönborn-Aich ... 108
4.1.4.2 Felix Bernhard ... 110
4.2 „Säkulare“ Aspekte des Jakobsweges ... 111
4.2.1 Der Weg als Metapher ... 111
4.2.2 Entschleunigung - Die Entdeckung der Langsamkeit ... 113
4.2.3 Das Pilgern als Flow-Erlebnis ... 116
4.2.4 Das Ende der Erlebnisgesellschaft? ... 118
4.3 „Religiöse“ Aspekte des Jakobsweges ... 119
4.3.1 Fragebogen zum Jakobsweg: statistische Eckdaten ... 119
4.3.2 Selbsterfahrung, Grenzerfahrung, Gotteserfahrung ... 123
4.3.3 Der Camino als Quelle für Veränderung, Wandel und Umkehr ... 125
4.3.4 Der Jakobsweg als besonderer Ort von Gemeinschaft und (Nächsten)Liebe ... 130
4.3.5 Das religiöse Potential des Jakobsweges ... 132
4.3.6 Ökumene als Thema auf dem Camino ... 134
4.3.7 Kritische Reflexionen ... 136
4.4 Fazit – Sinnsuche: ja - religiös: vielleicht ... 137
5. Schlussbemerkung und Ausblick ... 140
6. Literaturverzeichnis ... 144
7. Anhang ... 156
7.1 Pilger-Urkunde „Compostela“ ... 156
7.2 Fragebogen zum Jakobsweg ... 157
0. Einleitung
Alle Wege führen nach Santiago de Compostela.
So hat es zumindest den Anschein, wenn man sich momentan in Buchhandlungen umschaut oder durch die Fernsehkanäle zappt. Spätestens seit sich Hape Kerkelings Reisetagebuch auf dem ersten Platz der Spiegel-Bestseller-Liste behauptet, ist der Jakobsweg in aller Munde. Die Deutschen bildeten 2006 mit 8 097 Pilgern die dritthäufigste Nation auf dem Jakobsweg, nach den Italienern mit 10 013 und den Spaniern mit 52 248 Pilgern, Tendenz steigend.1 Dieser Trend mag zunächst einmal erstaunen, handelt es sich doch bei dem mittelalterlichen Pilgerweg um ein ur-christliches Symbol tiefster Frömmigkeit. Seit dem 10. Jahrhundert machten sich Pilger aus ganz Europa auf den Weg ans Ende der damals bekannten Welt, um am Grab des Apostels Jakobus die Vergebung ihrer Sünden zu erlangen, für Vergangenes zu danken und für Zukünftiges Beistand zu erbitten. In einem Land, in dem der Begriff der „Frömmigkeit” langsam aber sicher vom Aussterben bedroht ist, mutet es zunächst einmal seltsam an, dass sich neuerdings wieder ganze Heerscharen an Pilgern gen Santiago aufmachen. Die christliche Pilgertradition scheint in einem Gegensatz zu unserer oberflächlich-säkularisierten Gesellschaft zu stehen, in der die Religion, insbesondere in ihrer institutionalisierten Form, immer mehr an Bedeutung verliert. Dieser Umstand macht den gegenwärtigen Pilger- Boom interessant für eine nähere Betrachtung. Die Frage nach der Bewertung des gegenwärtigen Trends steht in einem engen Zusammenhang mit einer anderen Frage, die seit Jahrzehnten kontrovers diskutiert wird. Kann man in der modernen, westeuropäischen Gesellschaft von einer Renaissance der Religion sprechen? Oder stellt die fortschreitende Säkularisierung ein unumstößliches Faktum dar? Zweifellos hat in der religiösen Landschaft Deutschlands seit Beginn der Säkularisierung ein komplexer Wandel stattgefunden. Religion verschwand immer mehr aus dem öffentlichen Bewusstsein und wurde zur Privatangelegenheit. Das Christentum verlor seine Vormachtstellung und wurde zu einem Angebot unter vielen im „Warenlager »letzter« Bedeutungen“2 und religiöser Möglichkeiten.
Der Begriff der Religion unterlag einem Bedeutungswandel, religiöse Selbstverständlichkeiten lösten sich auf, um einem Pluralismus und Individualismus Platz zu machen, wie wir ihn heute kennen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie das heutige Phänomen des Pilgerns in die religiöse Landschaft einzuordnen ist. Stellt es eine vorübergehende Modeerscheinung dar, oder kann es als Merkmal einer neuen, religiösen Sinnsuche gewertet werden? Worin besteht heutzutage die Faszination dieses uralten Weges, der zu (fast) allen Zeiten der letzten zehn Jahrhunderte menschliche Sehnsüchte bündelte?
Um sich den Antworten auf diese Fragen zu nähern, bedarf es zunächst einmal eines fundierten Überblickes über die historischen Wurzeln des Jakobswegs und des Phänomen des Pilgerns an sich.
Zum Gegenstand des ersten Teils soll deshalb der geographische und geistige Mittelpunkt der Arbeit erhoben werden, der traditionelle Camino de Santiago. Dabei werden die Hintergründe für die Entstehung des Jakobs-Kultes, sowie die mittelalterliche Mentalitätsgeschichte, die maßgeblichen Einfluss auf die Verbreitung des Kultes hatte, erläutert. Ein anschließender Überblick über die Geschichte des Weges soll einen Einblick in die zeitgenössische Bedeutung des Jakobsweges im Wandel der Jahrhunderte bis heute gewähren.
An den geschichtlichen Teil schließt sich ein allgemeines Kapitel über das Phänomen des Pilgerns an, in dem Pilgerschaft im übertragenen wie im wörtlichen Sinne thematisiert wird. Dabei werden zunächst die biblischen Wurzeln der Pilgerschaft beschrieben und im Anschluss über die traditionelle mittelalterliche Pilgerschaft berichtet. In einem Kapitel über die globalen Aspekte der Pilgerschaft soll der Blick über den „christlichen Tellerrand“ gewagt werden.
Der dritte Teil wird der berühmt-berüchtigten Gretchenfrage gewidmet sein: “Deutschland, wie hast du′s mit der Religion?” Dass dies keine allgemeingültig zu beantwortende Frage darstellt, sondern abhängig von individuellen Prämissen und persönlichem Blickwinkel zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen führt, ist evident. Die wichtigste Variable stellt dabei der Religionsbegriff dar, dessen Definition sich daher ausführlich gewidmet werden soll. Im Anschluss wird die Frage nach der Renaissance der Religion thematisiert werden. Dabei sollen vor allem die verschiedenen Standpunkte deutlich gemacht und darüber hinaus erläutert werden, welcher Blickwinkel zu welchem Ergebnis führt. In einem darauf folgenden Schritt wird die religiöse Landschaft Deutschlands genauer in den Blick genommen und nach den Formen und Kennzeichen heutiger Religiosität gefragt. Abschließend werden verschiedene Aspekte der Suche nach dem Sinn in den Vordergrund gestellt.
Das Phänomen des heutigen Pilgerns auf dem Jakobsweg wird Thema des vierten und letzten Großkapitels sein. Darin werden Aussagen über die verschiedenen Aspekte des gegenwärtigen Pilgerns, sowohl in einem säkularen, als auch in einem religiösen Sinn getroffen. Ebenfalls soll die religiöse Einstellung heutiger Pilger thematisiert werden, wobei ich mich größtenteils auf Berichte von fünfzig Pilgern beziehen werde, die ich mittels eines Fragebogens zum Thema interviewt habe.
Ein abschließendes Fazit soll vor allem die Fragestellungen der letzten beiden Kapitel wieder aufgreifen und miteinander in Bezug setzen, aber auch die traditionellen Aspekte des Jakobsweges mit einbeziehen.
Als eigentlichen Mittelpunkt meiner Arbeit betrachte ich die Menschen, die den Weg in der Vergangenheit gelaufen sind, in der Gegenwart gerade laufen und in der Zukunft laufen werden. Ihre Sehnsüchte, Ängste, Hoffnungen und Erfahrungen, die sich auf dem Camino, wie der Jakobsweg umgangssprachlich genannt wird, auf besondere Art und Weise bündeln, sollen Hauptgegenstand der vorliegenden Arbeit sein. Da sich diese individuellen Erfahrungen nur schwer empirisch erfassen lassen, wird vor allem im letzten Teil mit individuellen Beispielen und Zitaten heutiger Santiago-Pilger gearbeitet werden, die stellvertretend für die Vielzahl an Pilger-Biografien stehen, welche unerwähnt bleiben.
1. Der Weg und sein Patron: Entstehung und Geschichte des Jakobsweges im Wandel der Jahrhunderte
1.1 Die dunklen Anfänge: Entstehung eines Mythos
1.1.1 Problematisierung einer geschichtlichen Darstellung
Historische Gestalten, die nach ihrem oftmals gewaltsamen Tod zu Mythen geworden sind, entwickeln nicht selten eine Wirkungsgeschichte, die weit über ihren zu Lebzeiten erreichten Einfluss hinausgeht. Was dies betrifft, ist der heilige Jakobus der Ältere eine besonders anschauliche Persönlichkeit. Allein in den Evangelien und der Apostelgeschichte finden sich einige biographische Hinweise zu seinem Leben, deren Historizität allerdings nicht überprüft werden kann. Daraus ersichtlich sind die groben Eckdaten seiner Biografie, wo er lebte und wie er starb. Wie er jedoch wirkte und welchen Einfluss er auf die Menschen seiner Zeit hatte, wissen wir nicht.
Diese, zugegebenermaßen eher spärlichen Informationen aus dem Leben des Märtyrers, stehen einer immensen Wirkungsgeschichte gegenüber, die sich auf ganz anderem Boden entwickelte, als man es hätte erwarten können: im Spanien des frühen Mittelalters. Viel ist darüber spekuliert worden, wie der Apostel nach Spanien gekommen sein mag, was sich auf die Literatur zum Thema in zweifacher Art und Weise ausgewirkt hat. Zum einen stehen wir einer Fülle von „Primärliteratur“ in Form von Legenden und Geschichten gegenüber, mit denen sich die Menschen des Mittelalters die Geschehnisse plausibel zu machen versuchten. In Reaktion darauf entstand kritische „Sekundärliteratur“, welche die Legenden selbst zum Thema hat und mentalitätsgeschichtlich hinterfragt, vor welchem Hintergrund die Erzählungen entstanden sind, wer sie verbreitet hat und warum. Der Kunsthistoriker Rolf Legler versucht beispielsweise in seinem 1999 erschienenen Buch, das Geheimnis über “Wahrheit und Fälschung“ des Jakobs-Kultes aufzudecken, und akribisch genau, ja fast kriminologisch „den Nachweis eines Vorgangs zu erbringen, der nie stattgefunden hat“.3 Sein Hauptanliegen ist hierbei die Entlarvung des kirchen- und machtpolitschen Kalküls jener Zeit, das die Popularität der vermeintlichen Reliquie bedingte und vorantrieb. Zur Veranschaulichung vergleicht er den Jakobs-Kult mit der Mystifizierung Ladi Di′s nach deren Tod im August 1997. Er zitiert letztere nach dem Soziologen Paul Virilio als „künstliche Figur, zusammengefügt von den Medien [...],[die] verschwunden [ist], ohne je wirklich existiert zu haben.“4 Dies gelte auch für den Apostel, den er als „Kunstfigur [beschreibt], die gezielt und aufwendig mit den Mitteln der damaligen Zeit, dem 8. bis 10. Jahrhundert, zur Kultfigur aufgebaut wurde.“5
Tatsächlich sind die Verwicklungen um das Wirken und die Beisetzung des Jakobus in Spanien zwar verworren und uneindeutig, aber mentalitätsgeschichtlich sehr interessant und aus einer geschichtlichen Darstellung des Jakobsweges nicht wegzudenken. Gerade auch weil sie mehr über die Mentalität des Mittelalters aussagen als über tatsächliche historische Ereignisse. Aus diesem Grund werde auch ich versuchen, eine möglichst verständliche Abfolge der Ereignisse und Legenden darzustellen, unter besonderer Berücksichtigung der Interessen und Ziele der damaligen Protagonisten. Dabei geht es mir nicht darum, den spanischen Jakobus-Kult als historisch-falsch zu entlarven. Vielmehr möchte ich den mittelalterlichen und neuzeitlichen Hintergrund der Entstehung, Verbreitung und Rezeption des Kultes verständlich machen, um ihn später der modernen Santiago-Pilgerfahrt gegenüberstellen zu können.
[...]
1 Vgl., Pilgerstatistik 2006 (Estadísticas de la peregrinación en el ano 2006), in: Compostela. Revista de la Archicofradía Universal del Apóstol Santiago, (41/Januar 2007), S. 9.
2 Thomas Luckmann: Die unsichtbare Religion, Frankfurt a. M. 1991, S. 145.
3 Rolf Legler: Sternenstrasse und Pilgerweg. Der Jakobs-Kult von Santiago de Compostela. Wahrheit und
Fälschung. München, Bergisch-Gladbach 1999, S. 18.
4 Ebd., Legler 1999, S. 18, zitiert nach: Paul Virilio.
5 Ebd., S. 18.
Kommentare
Bisher keine Kommentare
Andere Nutzer haben sich auch für folgende Titel interessiert:
Baum des Lebens - Baum der Erkenntnis
Autor: Ingo StechmannTheologie - Didaktik, Religionspädagogik, 2000 Als PDF-Datei downloaden für 6,99 EUR
Der Christus-Medicus-Gedanke: Motivgeschichte und literarische Gestaltung in der mittelhochdeutschen Dichtung
Autor: Hagen AugustinGermanistik - ältere Deutsche Literatur, Mediävistik, 2003 Als PDF-Datei downloaden für 7,99 EUR
Die Szenerie des Dialogs "Octavius" des Minucius Felix
Autor: Christoph OsterholtTheologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte, 2001 Als PDF-Datei downloaden für 7,99 EUR
"Wir harren eines neuen Himmels und einer neuen Erde" - Geschichtstheologische Grundlinien im "Werk der Krise" von Leonhard Ragaz
Autor: Prof. Wilfried KöpkeTheologie - Systematische Theologie, 1990 Als PDF-Datei downloaden für 34,90 EUR
Die Turmgesellschaft in Wilhelm Meister´s Lehrjahren
Autor: Keziban KaraaslanGermanistik - Neuere Deutsche Literatur, 2007 Als PDF-Datei downloaden für 6,99 EUR
Die coincidentia oppositorum bei Nikolaus von Kues - Charakterisierung der Theorie
Autor: Marek BartosPhilosophie - Philosophie der Neuzeit (ca. 1350 - 1600), 2003 Als PDF-Datei downloaden für 34,90 EUR
Der Kelch als christliches Symbol
Autor: Alexandra SchulzTheologie - Systematische Theologie, 2007 Als PDF-Datei downloaden für 5,99 EUR
Jona in der christlichen Tradition
Autor: Jörn DiercksTheologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte, 1999 Als PDF-Datei downloaden für 8,99 EUR
Der Shambhala-Mythos im tibetischen Buddhismus und seine Deutung außerhalb des kulturellen Kontextes
Autor: Alexandra SchulzTheologie - Vergl. Religionswissenschaft, 2007 Als PDF-Datei downloaden für 5,99 EUR
Der Glaube der Frühchristen
Autor: M.A. Uwe DaherTheologie - Sonstiges, 2003 Als PDF-Datei downloaden für 7,99 EUR
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden: