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Die Systemtheorie von Niklas Luhmann

Termpaper, 2005, 38 Pages
Author: Theresia Friesinger
Subject: Communications: Theories, Models, Terms and Definitions

Details

Category: Termpaper
Year: 2005
Pages: 38
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 26  Entries
Language: German
Archive No.: V88236
ISBN (E-book): 978-3-638-03422-7
ISBN (Book): 978-3-638-93080-2
File size: 457 KB

Abstract

Um das komplexe Feld „Soziale Arbeit“ transparent beschreiben zu können benötigen wir Theorien. Der Ursprung des Begriffes „Theorie“ stammt aus dem altgriechischen „theorein“ und bedeutet nichts anderes als „schauen“ bzw. noch genauer formuliert: „erschauen.“ Vereinfacht ausgedrückt machen Theorien Aussagen über die beobachtete Welt und sie geben gegebenenfalls auch Anleitung wie die Welt beobachtet werden kann, mit jeweils unterschiedlichen Perspektiven der Betrachtungweise, welche gerade die Vielfalt der Theorien begründen. Es gibt viele sozialtheoretische Ansätze, die Soziale Arbeit wirklichkeitsnah beschreiben und erklären, jeweils mit unterschiedlichen Handlungsanweisungen und –alternativen, jedoch kann es keine kausal formulierte Theorie geben, die ganz konkrete Zuordnungen und Handlungsansätze für die in der Realität mannigfaltigen Situationen beschreibt. Trotzdem haben alle Theorien ihre Berechtigung, denn aufgrund der enormen Komplexität unserer Welt kann keine Theorie für sich den Anspruch erheben, die ganze Welt oder das ganze Feld der Sozialen Arbeit erfassen zu können. Am Beispiel der zum Teil diametral angelegten diversen Systemtheorien erkennt man den Versuch das Arbeitsfeld der Sozialen Arbeit aus mannigfaltigen Winkeln zu betrachten. Es geht in den Erhebungen nicht um die Frage wer letztendlich Recht hat, sondern um den Zugewinn neuer Aspekte und Möglichkeiten des Agierens und des Handelns. Die in soziologischen Kreisen berühmte Luhmann/Habermas-Kontroverse (siehe Kap. 5.1) ist ein Beispiel dafür, wie unterschied-lich Thesen und Theorien ausfallen können. Beide Theorien sind Beobachtungstheorien, jedoch wird die Position des Menschen in der Gesellschaft unterschiedlich definiert und gehandhabt.


Excerpt (computer-generated)

Die Systemtheorie

von Niklas Luhmann

Theresia Friesinger

Hausarbeit

Luhmanns Systemtheorie

im Kontext von

Sozialer Arbeit

am Beispiel der Schulsozialarbeit



Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

3

2. Biografie und wie Luhmann die Welt sieht

5

2.1 Wer war Niklas Luhmann?

5

2.2 Luhmann und der ,,blinde Fleck"

6

2.3 Luhman und der Konstruktivismus

6

3 Die Systemtheorie von Niklas Luhmann

7

3.1 Was ist ein System nach Luhmann?

7

3.2 Wo bleibt bei Luhmann der Mensch?

8

3.3 Der Mensch fliegt aus der Gesellschaft raus

9

3.4 Die Autopoiesis

11

3.5 System/Umwelt-Differenz

12

3.6 Wer und was ist Umwelt?

13

3.7 Die Anpassung von System und Umwelt

13

3.8 Die Reduktion der Komplexität

14

3.9 Luhmann stellt die Kommunikation auf den Kopf!

15

4 Luhmann′s Systemtheorie und die Soziale Arbeit

18

4.1 Ist Soziale Arbeit ein Funktionssystem?

18

4.2 Was bedeutet Systemdenken konkret für die Soziale Arbeit?

20

4.3 Luhmann′sches Systemdenken anhand des nachfolgenden Beispiels

von Schulsozialarbeit

21

4.4 Ist Luhmann für die Soziale Arbeit aktuell?

22

4.5 Ist Luhmann für die Soziale Arbeit zu abstrakt?

23

4.6 Soziale Arbeit ­ Im Systemdenken von Luhmann nur unter Hilfe zur

Selbsthilfe zu verstehen

24

4.7 Soziale Arbeit ­ Nach Luhmann: Beobachten, reflektieren, variieren

25

5 Kritik an Niklas Luhmann

27

5.1 Die Luhmann-Habermas-Kontroverse

27

5.2 Allgemeine Kritik an Niklas Luhmann

28

5.3 Persönliche Kritik an Luhmann

29

5.4 Ausblick

31

Literaturverzeichnis 35

2


,,Man kann nicht sehen,
dass man nicht sieht, was man nicht sieht."
Niklas Luhmann

1 Einleitung

Um das komplexe Feld ,,Soziale Arbeit" transparent beschreiben zu können

benötigen wir Theorien. Der Ursprung des Begriffes ,,Theorie" stammt aus dem alt-

griechischen ,,theorein" und bedeutet nichts anderes als ,,schauen" bzw. noch

genauer formuliert: ,,erschauen." Vereinfacht ausgedrückt machen Theorien Aussa-

gen über die beobachtete Welt und sie geben gegebenenfalls auch Anleitung

wie

die

Welt beobachtet werden kann, mit jeweils unterschiedlichen Perspektiven der Be-

trachtungsweise, welche gerade die Vielfalt der Theorien begründen.

Es gibt viele sozialtheoretische Ansätze, die Soziale Arbeit wirklichkeitsnah be-

schreiben und erklären, jeweils mit unterschiedlichen Handlungsanweisungen und ­

alternativen, jedoch kann es keine kausal formulierte Theorie geben, die ganz kon-

krete Zuordnungen und Handlungsansätze für die in der Realität mannigfaltigen

Situationen beschreibt. Trotzdem haben alle Theorien ihre Berechtigung, denn

aufgrund der enormen Komplexität unserer Welt kann keine Theorie für sich den

Anspruch erheben, die ganze Welt oder das ganze Feld der Sozialen Arbeit erfassen

zu können. Am Beispiel der zum Teil diametral angelegten diversen Systemtheorien

erkennt man den Versuch das Arbeitsfeld der Sozialen Arbeit aus mannigfaltigen

Winkeln zu betrachten. Es geht in den Erhebungen nicht um die Frage wer letzt-

endlich Recht hat, sondern um den Zugewinn neuer Aspekte und Möglichkeiten des

Agierens und des Handelns. Die in soziologischen Kreisen berühmte Luh-

mann/Habermas-Kontroverse (siehe Kap. 5.1) ist ein Beispiel dafür, wie unterschied-

lich Thesen und Theorien ausfallen können. Beide Theorien sind Beobachtungstheo-

rien, jedoch wird die Position des Menschen in der Gesellschaft unterschiedlich defi-

niert und gehandhabt. Ich werde in der nachfolgenden Arbeit ganz speziell die Sys-

temtheorie von Niklas Luhmann vorstellen, der nicht nur die Systeme unserer Ge-

sellschaft genau untersucht, beschrieben und beobachtet, sondern den Beobachter

selbst in das System mit eingeschlossen hat. Wenn er über die Gesellschaft schreibt,

dann ist es immer auch eine Beschreibung der Gesellschaft

in

der Gesellschaft

(Vergl. Luhmann 1992b, 137 ff). Luhmann wirft den anderen Theorien vor, den Be-

obachter oft außen vor zu lassen und ihn nicht in die Theorien mit einzubeziehen.

3


Während ich versucht habe den relativ hohen luhmann′schen Abstraktionsgrad zu

entschlüsseln, trotz seiner glasklaren Gedanken, habe ich mich gefragt, wie es ei-

gentlich möglich sein konnte und ist, Dinge oder Erscheinungen zu definieren und zu

beschreiben, ohne den Betrachter mit seinem ,,blinden Fleck" mit einzuschließen?

Das Anfangszitat weist genau auf diesen ,,blinden Fleck" hin. Deshalb ist auch bei

Luhmann alles anders. Er stellt Dinge ganz einfach auf den Kopf und das Ganze hat,

meinem Anschein nach, noch einen methodischen Charakter. Gewisse Passagen

und Beschreibungen z.B. das Kommunikationsmodell von Luhmann haben mich

auch amüsiert, weil ich es interessant finde, mit neuen Gedankenmustern überrascht

zu werden. Die Integration der Autopoeisis (siehe Kapitel 3.4) in das Systemdenken

einzuflechten, war für mich nicht wirklich etwas Neues, da ich die Funktion der Sys-

teme, ohne wirklich im Detail darüber philosophiert zu haben, diffus so eingeschätzt

habe, wie Niklas Luhmann sie so lebendig in seiner Systemtheorie beschreibt. Durch

das stetige Erschließen seiner operativen Systemtheorie, die für mich komplett neu

war, habe ich Niklas Luhmann nun in mein Repertoire der Wissensschätze aufge-

nommen, auf den ich nicht mehr ohne weiteres verzichten möchte. Er ist ein Mensch,

der wenn er könnte, die Ge-sellschaft zur Aufklärung nötigen würde, damit wir Zu-

sammenhänge besser verstehen lernen und entsprechend dann die Erwartungshal-

tungen präparieren. Aber er würde auch die Gentechnik dahingehend gebrauchen,

Glühwürmchen mit Äpfeln zu kreuzen, um auch nachts Äpfel pflücken zu können

(Vergl. Berghaus 2003, 15-16).

4


2. Biografie und wie Luhmann die Welt sieht

2.1 Wer war Niklas Luhmann?

Niklas Luhmann wurde am 8.12.1927 in Lüneburg geboren. Nach dem Jurastudium

hat er zehn Jahre später noch ein Soziologiestudium an der Harvard University in

den USA angehängt, dort lernte er Talcott Parsons kennen. Während Parsons das

Rekonstruktionsmodell der Systeme vertritt, geht Luhmann davon aus, dass die

Systeme real sind. So modellierte er den strukturell-funktionalen Ansatz von Parsons

in einen funktional-strukturellen Ansatz um, der nicht die Struktur des Systems in den

Vordergrund rückt, sondern er fragt nach der Funktion von internen Strukturen

(Vergl. Miller 2001, 31). 1968 wurde er Professor für Soziologie an der Universität

Bielefeld. Luhmann hat von Anfang an für seine Theorie übertragbare Begriffe aus-

gesucht, denn er wollte die einzelnen Funktionssysteme (Gesellschaft, Politik, Religi-

on, Familie, Erziehung usw.) miteinander vergleichen und in Beziehung setzen. Sein

Lebenswerk war demnach eine

Theorie der Gesellschaft

zu erstellen. ,,

Diese Sys-

temtheorie erhebt für sich selbst den Anspruch, universell zu sein

." (Luhmann 1987,

163) Universell bedeutet aber nicht, die komplette Realität widerzuspiegeln, das ist

undenkbar, sondern sie erhebt damit nur ihre Berechtigung und ihren Wahrheitsan-

spruch gegenüber anderen Theorien, weil sie versucht das ganze soziale Spektrum

zu berücksichtigen. Nach vielen Veröffentlichungen über die einzelnen Funktions-

systeme der Gesellschaft hat er noch ein Jahr vor seinem Tod am 6.11.1998 als

Krönung seines Werkes ,,

Die Gesellschaft in der Gesellschaft

" veröffentlicht, in der er

unsere Gesellschaft als ein Produkt der Gesellschaft beschreibt, bzw. ein Produkt

der gesellschaftlichen Selbstbeobachtung und Selbstorganisation. 1988 erhielt Niklas

Luhmann den Hegelpreis der Stadt Stuttgart. Er war zeitlebens ein umstrittener

Soziologe, weil das Fundament seiner Theorie, seine Perspektive eine ganz andere,

eine völlig neue und ich würde sogar sagen, fast

verspielte

Perspektive, ist, die man

mit dem Kinderspiel: ,,

Ich sehe was, was du nicht siehst

" bezeichnen könnte. Jeder

sieht, hört, fühlt anders, jeder sieht anderes, hört anderes, fühlt anderes! Dieser

Aspekt durchzieht seine ganze Theoriekonstruktion.

5


2.2 Luhmann und der ,,blinde Fleck"

,,Ich sehe was, was Du nicht siehst", so nennt sich auch der Titel eines Aufsatzes von

Niklas Luhmann, in dem er das Beobachtungskonzept von George Spencer Brown

erläutert (Vergl. Luhmann 1990, 228-234). Die These von Brown untermauerte die

Vorstellung der Beobachtung von Luhmann, dass Beobachtungen mit zweiwertigen

Unterscheidungen operieren, wobei immer nur eine Seite bezeichnet wird und

die andere ausgeblendet bleibt. Wenn ich etwas als gut empfinde, dann unterscheide

ich das Gute von dem Bösen, oder das Schöne von dem Hässlichen. Er unterteilt

demnach den Beobachtungsprozess in ein schlichtes binäres Code-System.

Die Konsequenz daraus ist, dass die Welt die beobachtet wird, entscheidet was un-

terschieden wird. Die Pointe ist nur, dass die Unterscheidung selbst im Akt des

Unterscheidens nicht beobachtet werden kann. Diese Feststellung nennt Luhmann

den ,,blinden Fleck". Er entsteht dadurch, dass der Beobachter ,,

zugleich Subjekt und

Objekt

" ist (Berghaus 2004, 37). Um diesen zu beobachten bedarf es einer zweiten

Beobachtung: einer Beobachtung zweiter Ordnung. Da aber auch die Beobachtung

zweiter Ordnung den blinden Fleck in sich trägt, kann die Welt nicht objektiv betrach-

tet werden. Unterscheidungen sind mannigfaltig vorhanden und dasselbe Ding kann

auf verschiedene Weise unterschieden werden. Somit ist Erkenntnis immer subjekt-

bezogen und das Ding an sich immer ein Konstrukt der Wirklichkeit.

2.3 Luhman und der Konstruktivismus

Luhmann war schon aus dem Grunde ein Anhänger der Systemtheorie, weil für ihn

unabänderlich feststand, ,,

dass Systeme real in der Wirklichkeit existieren

" (Berghaus

2003, 26). Nicht nur das Gesellschaftssystem ist real, sondern auch das Bewusst-

seinssystem ist real. Bewusstseinssysteme beobachten die Gesellschaft. Der Kon-

struktivismus ist eine Kognitionstheorie, mit dem Axiom, dass es unmöglich ist, die

externe Realität in Erkenntnissen über die Welt abzubilden, sprich dass die Realität

nicht als Realität eins zu eins erfasst werden kann. Das was wir sehen oder glauben

zu sehen ist immer nur eine Konstruktion. Also sind unsere Beobachtungen Operati-

onen von psychischen und sozialen Systemen. Diesen Ansatz nennt Luhmann ,,

ope-

rativer Konstruktivismus

" (Luhmann 1991, 73 in Berghaus 2004, 27). Er fragt nicht

was konstruiert wird, sondern

wie

konstruiert wird. Wie empfinden die Beobachter die

Realität? Wir wird sie wahrgenommen? Wie nehmen sie die Welt nicht wahr? Wie

stabil ist ein System? Als Ordnungssoziologe interessieren ihn hauptsächlich die Be-

6


dingungen eines Systems. Je unabhängiger und strukturierter, bzw. ausdifferenzier-

ter ein System ist, konstatiert er, umso besser kann es funktionieren und auch auf die

Bedingungen der Umwelt eingehen! Die Frage ist, tun die Systeme das in der Reali-

tät auch wirklich? Wie weit setzen sich Systeme für Ökonomie und Umweltprobleme

ein, die ja scheinbar alle Systeme betreffen? Warum verabschiedet sich die Deut-

sche Bank von Tausenden von Mitarbeitern, obwohl sie schwarze Zahlen in Milliar-

denhöhe schreibt? Doch Luhmann setzt auf seine Beobachtungstheorie. Jede Beo-

bachtung impliziert nach Luhmann automatisch und immer eine Unterscheidung und

das ist immer eine Differenz oder ein Konstrukt. Somit outet er sich gleichzeitig als

ein radikaler Konstruktivist. Er spricht von einer System/Umwelt-Differenz. Doch be-

vor ich die System/Umwelt-Differenz näher erläutere, möchte ich vorab darstellen,

was für Luhmann ein System ist, bzw. was für ihn

kein

System ist.

3 Die Systemtheorie von Niklas Luhmann

3.1 Was ist ein System nach Luhmann?

Für Luhmann ist System ein interdisziplinärer Begriff, den er ganz gezielt einsetzt,

um die Komplexität der Welt zu erfassen. Außerdem lässt er sich auf alle Bereiche

der Wirklichkeit übertragen und besitzt Eigenschaften wie Strukturbildungsgesetze,

Dynamik, Operationen und Geschlossenheit. Ein System verweist immer auf ein

Ganzes und auf seine Teile. Ein Wahrnehmungsgesetz lautet:

Das Ganze ist mehr

als die Summe der Teile

. Es geht nicht nur um das Summieren der Teile, die dann

als Endprodukt das Ganze ergeben, sondern es handelt sich bei Luhmann um das

Zusammenwirken der Merkmale, der Eigenschaften, der einzelnen Elemente und der

das System umgebenden Umwelten. Nach Luhmann gibt es organische (biolo-

gische), soziale und psychische Systeme. Jedes System ist nach Luhmann operativ

geschlossen. Das besagt, dass Informationen nicht von außen in ein System hinein-

getragen werden, sondern die Informationen werden hauptsächlich system-intern

erzeugt. ,,

Systeme bestehen nicht aus Dingen, sondern aus Operationen

." (Luhmann

1984, 46 ff) ,,

Nur ein System kann operieren, und nur Operationen können ein Sys-

tem produzieren

." (Luhmann 1995, 27) Natürlich operiert jedes System auf seine

charakteristische Weise. Ein biologisches System lebt, soziale Systeme kommunizie-

ren und psychische Systeme operieren in Form von Wahrnehmungs-, Deutungs- und

7



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