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Subtitle: Wie ein komplexes Kunstwerk durch experimentelle Annäherung erfahrbar gemacht werden kann
Scholary Paper (Seminar), 2007, 30 Pages
Author: Berit Eichler
Subject: Art - Pedagogy
Details
Institution/College: University of Bremen (Institut fpr Kunstwissenschaft und Kunstpädagogik)
Tags: Hito, Steyerls, Lovely, Andrea, Forschung, Kunst, Arbeit, Museum
Year: 2007
Pages: 30
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 19 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-02438-9
ISBN (Book): 978-3-638-92519-8
File size: 649 KB
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Abstract
Sie hängen gefesselt von der Decke, liegen eingeschnürt am Boden oder stehen angeseilt an einem Pfahl: nackte, manchmal in ein Bürokostüm gehüllte junge Frauen, deren Geschlechtsmerkmale durch die Fesseln aufreizend hervorgehoben werden. Sex und Gewalt, ein Thema, das immer Konjunktur hat. Doch plötzlich erklingt fröhliche Musik, ein Zeichentrick-Spiderman schwingt sich durchs Bild und im nächsten Moment singen Shirley and Company ihren Hit „Shame, Shame, Shame“ aus dem Jahre 1975. Moment Mal, um was geht es hier eigentlich? In „Lovely Andrea“ mischt Hito Steyerl Bondage-Szenen mit Bildern von Guantánamo-Häftlingen, Zeichentrick und Musikvideos. Der Film ist schockierend und erregend, anziehend und abschreckend, ernst und unbekümmert zugleich. Zurück bleibt ein verstörendes Gefühl und ein großes Fragezeichen. Was will die Künstlerin mit diesem Werk? Übt sie feministische Kritik an der Pornoindustrie, klagt sie die Gefangenenpolitik der vereinigten Staaten an oder verherrlicht „Lovely Andrea“ nicht doch eher die unbeschwerte Spaßkultur? Und warum wird der Film auf der documenat12 in einem großen, Licht durchfluteten Raum gezeigt, den man beim Rundgang durch das Fridericianum fast zwangsweise passiert und welcher die Besuchenden in aller Öffentlichkeit mit den anzüglichen und gewaltsamen Szenen konfrontiert? Welche Aussage wird getroffen und wie gehen die Betrachtenden mit der Situation und dem Werk um? Was für Möglichkeiten gibt es überhaupt, sich mit einem so komplexen Werk auseinanderzusetzen? Und welche Herausforderung bedeutet aktuelle Kunst wie „Lovely Andrea“ für die Kunstdidaktik, die es vermitteln soll? In meiner Hausarbeit gehe ich diesen Fragen nach, indem ich Hito Steyerls Film zunächst analysiere und seine Einbettung in den Kontext der documeta12 beschreibe. Anschließend beschäftige ich mich mit den didaktischen Konzepten der Ästhetischen Forschung nach Helga Kämpf Jansen und Christine Heil. Es wird sich zeigen, dass die Ästhetische Forschung in ihrer Struktur und Herangehensweise Parallelen sowohl zu Hito Steyerls Film als auch zu der documenta 12 insgesamt aufweist und damit ideale Bedingungen für eine umfassende Beschäftigung mit „Lovely Andrea“ bietet. Angelehnt an die Konzepte der beiden Kunstdidaktikerinnen skizziere ich anschließend eine Möglichkeit sich dem Film experimentell anzunähern. Den Abschluss bilden Hinweise bezüglich einer Umsetzung im Schulunterricht und eine Reflexion.
Excerpt (computer-generated)
Von Kunst aus: Ästhetisch-biographische Arbeit im Museum
SoSe 2007
Hito Steyerls ,,Lovely Andrea" und Ästhetische Forschung
Wie ein komplexes Kunstwerk durch experimentelle Annäherung
erfahrbar gemacht werden kann
Berit Eichler
6. Sem. LA (Sek II)
Kunst, Deutsch
Inhalt
Einleitung 2
1. ,,Lovely Andrea" von Hito Steyerl eine Analyse 3
1.1 Inhalt 3
1.2 Filmsprache 3
1.3 Problemstellung Macht und Unterwerfung? 4
1.4 Aussagen der Künstlerin 6
1.5 Die Künstlerin 9
2. Der Bezug zur documenta 12 10
2.1 Der Bezug zur documenta 12 Inhalt 10
2.2 Der Bezug zur documenta 12 Form 11
2.3 ,,Lovely Andrea" in Bezug zu anderen Werken: Assoziationen 11
2.3.1 Hito Steyerl, ,,Lovely Andrea" 12
2.3.2 Tanaka Atsuko, ,,Electric Dress"; Sheela Gowda, ,,And..."; Trisha Brown, ,,Floor
of the Forest" 13
2.3.3 Gerwald Rockenschraub, ,,o.T." (2007); Mária Bartuszová, ,,o.T." (1970-1987) .. 15
3. Ästhetische Forschung 17
3.1 Die Ästhetische Forschung nach Helga Kämpf-Jansen 18
3.2 Kunst als Ausgangspunkt einer Ästhetischen Forschung 20
3.3 Kritik am Konzept von Helga Kämpf-Jansen 22
4. Ästhetische Forschung und die documenta 12 23
4.1 Skizze eines ästhetischen Forschungsprojekts für Jugendliche und Erwachsene zu
,,Lovely Andrea" 23
4.2 Chancen und Probleme 25
5. Fazit 26
Literatur: 27
Internetseiten: 28
1
Einleitung
Sie hängen gefesselt von der Decke, liegen eingeschnürt am Boden oder stehen angeseilt an
einem Pfahl: nackte, manchmal in ein Bürokostüm gehüllte junge Frauen, deren
Geschlechtsmerkmale durch die Fesseln aufreizend hervorgehoben werden. Sex und Gewalt,
ein Thema, das immer Konjunktur hat. Doch plötzlich erklingt fröhliche Musik, ein
Zeichentrick-Spiderman schwingt sich durchs Bild und im nächsten Moment singen Shirley
and Company ihren Hit ,,Shame, Shame, Shame" aus dem Jahre 1975. Moment Mal, um was
geht es hier eigentlich?
In ,,Lovely Andrea" mischt Hito Steyerl Bondage-Szenen mit Bildern von Guantánamo-
Häftlingen, Zeichentrick und Musikvideos. Der Film ist schockierend und erregend,
anziehend und abschreckend, ernst und unbekümmert zugleich. Zurück bleibt ein
verstörendes Gefühl und ein großes Fragezeichen. Was will die Künstlerin mit diesem Werk?
Übt sie feministische Kritik an der Pornoindustrie, klagt sie die Gefangenenpolitik der
vereinigten Staaten an oder verherrlicht ,,Lovely Andrea" nicht doch eher die unbeschwerte
Spaßkultur? Und warum wird der Film auf der documenat12 in einem großen, Licht
durchfluteten Raum gezeigt, den man beim Rundgang durch das Fridericianum fast
zwangsweise passiert und welcher die Besuchenden in aller Öffentlichkeit mit den
anzüglichen und gewaltsamen Szenen konfrontiert? Welche Aussage wird getroffen und wie
gehen die Betrachtenden mit der Situation und dem Werk um? Was für Möglichkeiten gibt es
überhaupt, sich mit einem so komplexen Werk auseinanderzusetzen? Und welche
Herausforderung bedeutet aktuelle Kunst wie ,,Lovely Andrea" für die Kunstdidaktik, die es
vermitteln soll?
In meiner Hausarbeit gehe ich diesen Fragen nach, indem ich Hito Steyerls Film zunächst
analysiere und seine Einbettung in den Kontext der documeta12 beschreibe. Anschließend
beschäftige ich mich mit den didaktischen Konzepten der Ästhetischen Forschung nach Helga
Kämpf Jansen und Christine Heil. Es wird sich zeigen, dass die Ästhetische Forschung in
ihrer Struktur und Herangehensweise Parallelen sowohl zu Hito Steyerls Film als auch zu der
documenta 12 insgesamt aufweist und damit ideale Bedingungen für eine umfassende
Beschäftigung mit ,,Lovely Andrea" bietet. Angelehnt an die Konzepte der beiden
Kunstdidaktikerinnen skizziere ich anschließend eine Möglichkeit sich dem Film
experimentell anzunähern. Den Abschluss bilden Hinweise bezüglich einer Umsetzung im
Schulunterricht und eine Reflexion.
2
1
1. ,,Lovely Andrea" von Hito Steyerl eine Analyse
,,Lovely Andrea", 2007
Video (DVD), Farbe, Ton
Ca. 25 min
1.1 Inhalt
Der Film ,,Lovely Andrea" von Hito Steyerl erzählt von der Suche nach einem Bondage-Foto,
das 1987 in Tokio von der Künstlerin geschossen wurde. Die Aufnahme zeigt Steyerl
halbnackt mit Hanfseilen gefesselt - ein Bondage-Bild im sogenannten nawa-shibari-Stil, für
den das Fesseln und Hängen von Frauen charakteristisch ist. Zusammen mit einer
Dolmetscherin, die zur Zeit der Dreharbeiten als Bondage-Model arbeitet, und einem
Filmteam macht sich die Künstlerin auf, um in Archiven und einschlägigen Etablissements
nach dem Foto zu suchen. Dabei trifft sie auf heutige und damalige Fotografen, Bondage-
Meister und Herausgeber von Bondage-Magazinen. Als sie die Aufnahme findet, sucht sie
den Mann, der das Foto von ihr gemacht hatte, auf und spricht mit ihm über die Tokioter
Bondage-Szene Mitte der 80er Jahre.
1.2 Filmsprache
Der Film ,,Lovely Andrea" kombiniert live gedrehte Bondage-Zeremonien sowie Aufnahmen
von Bondage-Bildern in Magazinen mit Szenen und Einstelllungen, die karge Büroräume,
gefesselte Häftlinge, Szenen der Spiderman-Zeichentrickserie, den verbotenen Trailer des
ersten Spiderman-Spielfilms und Musikvideos, wie beispielsweise ,,Shame, Shame, Shame"
von Shirley and Company zeigen. Zwischen die Szenen sind schwarze Einstellungen
geschnitten auf denen in weißer Schrift ,,It′s Art", ,,Shame", ,,,Freedom", ,,Independence"
sowie Kommentare zum Geschehen zu lesen sind.
1 Alle in dieser Hausarebit verwendeten Photografien wurden auf der documenta12 von mir selbst geschossen.
3
Die Kameraführung ist ruhig, doch die vielen bunten Versatzstücke, welche für die
Zuschauenden oft überraschend dazwischen geschnitten sind, verleihen dem Werk Dynamik.
Die mitreißenden Melodien der Serie, des Trailers und der Musikvideos bilden einen starken
Kontrast zu dem sachlichen Tonfall der Künstlerin während der Rechercheszenen. Auch sonst
kennzeichnet den Film diese gegensätzliche Ästhetik, wodurch die Szenen einander ad
Absurdum führen. So bekommen die teilweise erotischen oft jedoch erschreckend brutalen
Bondage-Bilder und Szenen, die während den Interview-Passagen der Verleger immer wieder
zu sehen sind, durch diesen raschen Wechsel zwischen Eindrücken von einer
sadomasochistischen Subkultur und Büroalltag, beinahe den Anschein von Normalität und
wirken damit noch irritierender.
1.3 Problemstellung Macht und Unterwerfung?
Die im Film thematisierte Problematik, ergibt sich in ihrer Gänze erst in der Reflexion des
Gesehenen. Am eindeutigsten in diesem Zusammenhang ist der Aspekt der menschlichen
Lust an Sexualität und Gewalt. Die Fotos der gefesselten Mädchen wirken oft
frauenverachtend und brutal und damit wie eine feministische Anklage der Machtverhältnisse
zwischen Männern und Frauen. Die 1975 von Laura Mulvey am Beispiel des Kinos
aufgestellte These, dass die Frau als passives Objekt dem begehrenden, männlichen Blick
dient, erreicht hier eine perverse Zuspitzung.2 In diesem Zusammenhang stehen auch die im
Film gemachten Verweise auf Scham und Restriktionen, welche den Reiz der Bilder
2 Vgl. Mulvey: Visual Pleasure and Narrative Cinema, In: Movies and Methods.
4
maßgeblich bestimmen. Ebenso erschreckend wie die meisten Bondage-Bilder wirken die
Fotos der Gefangenen in Guantánamo Bay.3 Im Zusammenhang mit den Bondage-Fotos wird
das Grauen jedoch noch dadurch verstärkt, dass wir die Künstlerin bei der Aufarbeitung ihrer
eigenen Vergangenheit als Bondage-Model erleben. Die Entanonymisierung bewirkt
sozusagen eine emotionale Verbundenheit mit Hito Steyerl als Bondage-Model bzw. den
Bondage-Modellen insgesamt. Verstärkt wird diese Konfrontation der Zuschauenden mit
sonst verschleierten Fakten durch die Form der Präsentation des Werks. ,,Lovely Andrea"
wird in einem zentralen, Licht durchfluteten Raum mit Balustrade und Glaskuppel gezeigt,
den man auf dem Weg in die verschiedenen anderen Ausstellungsräume des Fridericianums
passiert. Diesen Raum als Besucher oder Besucherin der documenta 12 nicht zu bemerken ist
geradezu unmöglich. In ,Kunstforum′ schreibt Viola Michely, dass die Zuschauenden auf
diese Weise gezwungen werden, ihre Rolle in den im Film angesprochenen
Machtverhältnissen zu überprüfen.4
Im Kontrast zu diesen, die Gefühlsebene ansprechenden Elementen gibt sich die Künstlerin
jedoch wie erwähnt während es gesamten Films sachlich distanziert, was einem eventuell
aufkommendem Mitleid entgegenwirkt. Die Tatsache, dass Hito Steyerl dem Film den
Untertitel: "A La Recherche du Cul Perdu" gegeben hat, zeugt zudem von einer ironischen
Haltung ihrer Bondage-Vergangenheit gegenüber. Des weiteren ist nicht auszuschließen, dass
der eine oder die andere Zuschauende die Bondage-Bilder mit Lust betrachtet. Einige der
Aufnahmen können sogar als Massenkompatibel eingeschätzt werden. Zudem können manche
der Modelle die Bondage-Zeremonien auch genießen: Wenn Hito Steyerls Begleiterin von
ihren Selbstfesselungsaktionen erzählt, schwärmt sie von einem Gefühl der Befreiung und des
Schwebens. Und schließlich ertappt man sich als Betrachtende(r) dabei, sich über die
Zeichentrickeinlagen von Spiderman zu freuen und zu den bekannten Melodien mitzuwippen.
Die Elemente aus der Popkultur scheinen im ersten Moment nicht zu dem Rest des Films zu
passen, die Themen Macht und Unterwerfung werden sowohl inhaltlich als auch
filmsprachlich aufgebrochen. Als einziger Anknüpfungspunkt bleiben stets die Seile, Netze
und Fesseln, welche in fast allen Szenen vorkommen. Im Zuge dieser Überlegungen
verschwimmt die Eindeutigkeit der Filmaussage: Geht es in ,,Lovely Andrea" gar nicht in
erster Linie um Bondage als ein Symbol (sexistischer) Gewalt, sondern um Verstrickungen
und Abhängigkeiten allgemein? Meiner Meinung nach gibt Hito Steyerls Werk keine direkten
Antworten und stellt auch keine eindeutigen Fragen. Vielmehr werden die Zuschauenden mit
3 Hier ist auch eine historische Parallele gegeben, denn die japanische Fesselkunst entstammt ursprünglich einer Technik der
Samurai, mit der diese ihre Kriegsgefangenen außer Gefecht gesetzt haben.
4 Vgl. Michely: DOCUMENTA FEMINALE. In: Kunstforum, S. 77.
5
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