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Wolf, Christa - Kein Ort Nirgends: Das Problem von Kunst und Wissen in der Novelle

Termpaper, 1988, 36 Pages
Author: Nina Makedonska
Subject: German - Literature, Works

Details

Category: Termpaper
Year: 1988
Pages: 36
Grade: gut
Language: German
Archive No.: V8857
ISBN (E-book): 978-3-638-15717-9

File size: 257 KB


Excerpt (computer-generated)

Wolf, Christa - Kein Ort Nirgends:
Das Problem von Kunst und Wissen in der Novelle

von Nina Angelova Makedonska


Inhalt

I. Einfuehrung 2

Kunst und Wissen in theoretischem Aspekt 5

Zu einigen Aspekten der Romantik 7

II. Der Stoff 9

Zur Struktur der Novelle 28

III. Zusammenfassung 32

Quellenverzeichnis 35


I. Einfuehrung

Nennt man den Namen Christa Wolfs, einer der hervorragendsten DDR-Schriftstellerinnen heute, assoziert man gleich zwei Begriffe- Aktualitaet und Individualitaet, der erste im Sinne von Zeitgenossenschaft, der zweite im Sinne von Originalitaet der poetischen Darstellung und Prinzipien. Ein tiefes Verstaendnis von ihren Buechern ermoeglicht nur die Bekanntmachung mit ihrer Poetik und Aesthetik. Zahlreiche Aeusserungen und Aussagen, die die Schriftstellerin in Interviews und Aessays gemacht hat, gewaehren einen Einblick in ihr "schoepferisches Laboratorium" und machen nicht nur ihre Poetik, sondern auch ihre schriftstellerische Ethik verstaendlich.
In ihren Werken Beschaeftigt sich Christa Wolf immer wieder mit Helden, die ihrer Natur nach aeusserst sensibel und feinfuehlig sind, die sich in kein konventionelles Verhaeltnis zu dieser Welt einordnen wollen, denen jede Anpassung und oberflaechliches Wahrnehmen der Welt fremd sind. Das sind Helden, die sich zu bestaetigen suchen und ihr persoenliches Engagement in allen lebenswichtigen Situationen in den Vordergrund treten lassen. Die Unruhe und Rigorositaet der Ansprueche ans Leben sind ihnen immanent. Sie plaedieren fuer eine neue Ethik des Einzelnen, der immer Verantwortung mit sich tragen muss, Verantwortung gegenueber der Zeit und der Welt. Wie sie in ihrer Rede bei der Verleihung vom Buechners Preis gesagt hat, beunruhigen sie immer "die untergruendigen Verflechtungen vom Schreiben und Leben, von Verantwortung und Schuld, welche die Person, die schreibend lebt, lebend schreibt, hervorbringen.
Heinrich von Kleist und Karoline von Guenderrode sowohl als historische Figuren als auch als Protagonisten ihrer Erzaehlung "Kein Ort. Nirgends" entsprechen voellig diesem schoepferischen Credo der Autorin. Sie gehoeren zu der "Gattung" der "Unruhigen". "Und die Literatur nimmt gerade die Unruhigen an." /2,46/
Fuer Christa Wolf soll die moderne Prosa unverfilmbar sein. In ihr sollen sich die ineinander abloesenden oder einander durchdringenden essaystischen und prosaistischen Aesserungen nicht grundsaetzlich unterscheiden"./vgl. 2,78/ Sie haelt fuer die moderne Prosa unerlaesslich, dass man durch das was geschildert wird, "die Stimme des Autors hoert und sein Gesicht sieht". In diesem Sinne plaediert sie fuer die Subjektivitaet des Erzaehlens und betont die gesellschaftliche Verantwortung des Autors. Am Beispiel der Lenz-Novelle Buechners weist sie darauf hin, dass der erzaehlerische Raum vier Dimensionen hat; die drei fiktiven Koordinaten der erfundenen Figuren und die vierte, "wirkliche", des Erzaehlers. Sie nennt diese "innere, /subjektive/ Authenzitaet". Diese vierte Dimension ist die Dimension der Zeitgenossenschaft, der Tiefe, des unvermeidlichen Engagements, die nicht nur die Wahl des Stoffes, sondern auch seine Faerbung bestimmt. Unter Tiefe versteht die Schriftstellerin Erfahrung, "eine Faehigkeit, die im gesellschaftlichen Zusammenleben der Menschen ueber lange Zeitraeume erworben wurde und die sich nicht nur gehalten, sondern entwickelt hat, weil sie brauchbar war… Sie ist das Resultat von unbefriedigten Beduerfnissen, daraus entstehenden Spannungen, Widerspruechen und unerhoerten
Anstrengungen des Menschen, ueber sich selbst hinauszuwachsen oder, vielleicht sich zu erreichen"./.2,10/ An die Idee Brechts vom "epischen Theater" anknuepfend, meint sie , dass auch "epische Prosa" geben muesste. Das soll eine Prosa sein, die sich als Mittel, als Instrument versteht, die es unternimmt, "auf noch ungebahnten Wegen in das Innere des Prosalesers einzudringen. Sie soll das Experiment nicht scheuen, sie soll aktivieren und beunruhigen. Fuer dringende lebenswichtige Aufgabe der Literatur haelt sie:"Die Prosa soll versuchen, den Kontakt der Menschen mit ihren Wurzeln zu erhalten"/2,40/ und die Bedingungen zu untersuchen, in denen sich der Mensch als moralisches Wesen selbst verwirklichen kann./vgl.2,70/ Dieses Problem hat Bobrovski in seiner Erzaehlung "Boehlendorff" gestellt: "Wie muss die Welt fuer ein moralisches Wesen beschaffen sein?"/ 32,12/
Die Geschichte Boehlendorfs ruft Vergleiche mit der Novelle "Lenz" von Buechner hervor. Der trostlose innere Zustand, in denen diese Helden verfallen sind, gibt den Zustand der Welt wieder. Die seelische Zerruettung Lenzs wird von Buechner als eine unheilbare Entzweigung von Individuum und Umwelt diagnostiziert. "Buechner antizipiert hier die letzmoegliche Auswirkung der Entfremdung des Menschen, die mit der durchgreifenden kapitalistischen Umschichtung zu einem generellen Problem der Epoche wurde." /vgl. 30, 110/ "Die Welt, die er hatte nutzen wollen, hate einen ungeheuren Riss", schreibt Buechner von Lenz.
Guenderrode und Kleist als kuenstlerische Gestalten beschaeftigen die Autorin auch in diesem Sinne. Sie sucht die Ansaetze der Entfremdung in einer vergangenen Epoche, in der Zeit der Romantik.
Im Gespraech "Projektionsraum Romantik" gibt Christa Wolf die Gruende an, die sie veranlasst haben, die Novelle "Kein Ort. Nirgends" zu schreiben: "Das war in einer Zeit, da ich mich selbst veranlasst sah, die Voraussetzungen von Scheitern zu untersuchen, den Zusammenhang von gesellschaftlicher Verzweiflung und Scheitern in der Literatur "/3,376/ Die Beschaeftigung mit den Lebenslaeufen von Guenderrode und Kleist entstand als eine parallele Bewaeltigung der Probleme in der Gegenwart, verbunden mit der Ausbuergerung von Biermann und der daraus folgenden Polarisierung der Kulturschaffenden und besonders der Schriftsteller.
Die Autorin versucht in ihrem Buch Antworten auf viele Menschen bedraengende Lebensprobleme zu suchen, sie bleibt ihren kuenstlerischen Anspruechen und Forderungen treu. Die Arbeit am geschichtlichen Material wird fuer die Schriftstellerin Zweck und Mittel, sich mit gegenwaertigen Problemen auseinanderzusetzen.
Anhand des faktischen Materials - Briefe von Kleist und Guenderrode, Aufzeichnungen, ihre Werke, versucht Christa Wolf die Authentizitaet ihrer Lebensansichten und Auffassungen nicht zu verletzen, sondern zu erhalten und dadurch ihren Konflikt mit der damaligen Gesellschaft und Zeit fuer sich zu klaeren. Sie sucht Antworten auf die Fragen: warum diese Leute den Forderungen der damaligen Gesellschaft nicht gerecht werden konnten, welchen inneren Vorschriften sie gedient haben, und warum sie Aussenseiter blieben. "Es ging mir um die Befindlichkeit in einer Zeit und in einer Umwelt, in weitestem Sinne und in jedem Sinne"./3,337/ Und noch :"Mein Hauptinteresse war zu untersuchen: wo hat sie eigentlich angefangen, diese entsetzliche Gespaltenheit der Menschen und der Gesellschaft? Wo hat die Arbeitsteilung so in den Menschen eingegriffen, dass die Literatur immer mehr herausgerueckt wurde aus dem Bereich, den die Gesellschaft in ihrem Selbstverstaendnis fuer wichtig, wesentlich, ja ueberhaupt fuer vorhanden erklaerte?"/3,377/ Das sind im allgemeinen die Intentionen und die Ursachen fuer die Niederschrift dieser Novelle.

Kunst und Wissen in theoretischem Aspekt

[...]


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