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Hauptseminararbeit, 2006, 27 Seiten
Autor: M.A. Cordula Gries
Fach: Filmwissenschaft
Details
Institution/Hochschule: Philipps-Universität Marburg (Institut für Medienwissenschaft)
Tags: Politischen, Film, Zeit, Margarethe, Trotta, Politik, Film
Jahr: 2006
Seiten: 27
Note: 2,5
Literaturverzeichnis: ~ 23 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-02854-7
ISBN (Buch): 978-3-638-92960-8
Dateigröße: 203 KB
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Zusammenfassung / Abstract
Im klassischen Hollywood-Kino ist das politisch Korrekte und Unkorrekte häufig recht eindeutig auszumachen, denn die vermittelte Moralvorstellung wurde bis in die 60er Jahre durch den „Hays Code“ geregelt und vorgegeben. Aber auch danach hat sich an der Grundstruktur von Gut und Böse nicht viel verändert. Politische und gesellschaftliche Werte sind an Figuren geknüpft, die für den Zuschauer recht leicht zu charakterisieren sind. Der Held ist eigentlich ein Antiheld, in dessen Leben zwar nicht alles ohne Fehl und Tadel ist, aber der, wenn es darauf ankommt, über sich hinauswächst und für das Gute und Richtige kämpft. Während ein Großteil der Filmbösen erkennbar „unamerikanisch“ ist. Verzerrte Gesichter, häufig ein dunkler Teint oder ein deutlicher Akzent der Sprache kennzeichnen die Bösewichte. Hollywood spricht eine klare, unmissverständliche Sprache. Auf das deutsche Kino der 60er, 70er und 80er Jahre lässt sich diese Schablone nicht legen. Gut und Böse sind hier nicht eindeutig definiert. Während Filmproduktionen in Hollywood in einem wirtschaftlichen Gefüge entstanden und entstehen, auf das die Politik bzw. die politische Eliten der USA immer Einfluss ausübten, entstanden die Produktionen des Neuen Deutschen Films in Ablehnung der Filmindustrie, mit individueller Verve und kritischem Engagement. Die Autoren verstanden sich als kritische Avantgarde und wollten sich in die politischen und gesellschaftlichen Debatten einmischen. In ihren Filmen beleuchten sie unterschiedlichste Lebensentwürfe, Ideologien, politisches Geschehen und gesellschaftliche Problematiken. Doch die Struktur ist durch das Doppelbödige dahinter geprägt. Sie liefern keine vorgefertigten Antworten wie Hollywoodproduktionen, sondern der Zuschauer muss die Bilder zu Ende sehen, denken, fühlen. Erst dann finden die Filme ihren Abschluss, wie der Filmemacher Roland Klick es beschreibt. Auch der Film Die bleierne Zeit von Margarethe von Trotta, der 1981 entstanden ist, gehört noch in den Kontext des Neuen Deutschen Films, der erst in den frühen 80ern mit dem Tod Rainer Werner Fassbinders seinen Abschluss fand. Mit ihm arbeitete die Trotta noch als Schauspielerin zusammen. Ebenso mit Volker Schlöndorff, bei dessen Film Die verlorene Ehre der Katharina Blum (1975) sie erstmals Co-Regie führte. Hier beginnt wohl auch ihre filmische Auseinandersetzung mit dem linken Terrorismus in Deutschland.
Textauszug (computergeneriert)
WS 2005/06
FB 09 Germanistik und Kunstwissenschaften
HS/SE Politik und Ästhetik im Film
Die Ästhetik des Politischen im Film
Die bleierne Zeit von Margarethe von Trotta
Hausarbeit von:
Cordula Gries
1
Inhaltsverzeichnis
1
Einleitung 3
2
Plot 4
3
Historischer Hintergrund 5
4
Entstehungsbedingungen 6
5
Zeitgenössische Rezeption 7
5.1
Konservative Kritik 7
5.2
Linke Kritik 8
6
Ästhetik des Politischen im Film 9
6.1
Die Problematik des realen Vorbildes 10
6.2
Filmästhetische Mittel zur Vermittlung politischer Botschaften und
gesellschaftlicher Stimmungen 11
6.3
Was der Film nicht zeigt 13
6.4
Was sichtbar wird 14
6.4.1
Staatliche Institutionen 14
6.4.2
Dokumentarfilmmaterial 15
6.4.3
Die Einseitigkeit der Sicht 16
6.4.4
Religiöse Überhöhung 16
6.4.5
Geschlechterrollen 18
6.4.6
Frauenbilder 19
6.4.6.1 Männerrollen 20
6.4.6.2 Ist
Die bleierne Zeit
ein ,,Frauenfilm"? 21
7
Die RAF im deutschen Kinofilm 23
8
Literatur 25
2
1 Einleitung
Im klassischen Hollywood-Kino ist das politisch Korrekte und Unkorrekte häufig recht
eindeutig auszumachen, denn die vermittelte Moralvorstellung wurde bis in die 60er Jahre
durch den ,,Hays Code"1 geregelt und vorgegeben. Aber auch danach hat sich an der
Grundstruktur von Gut und Böse nicht viel verändert. Politische und gesellschaftliche Werte
sind an Figuren geknüpft, die für den Zuschauer recht leicht zu charakterisieren sind. Der
Held ist eigentlich ein Antiheld, in dessen Leben zwar nicht alles ohne Fehl und Tadel ist,
aber der, wenn es darauf ankommt, über sich hinauswächst und für das Gute und Richtige
kämpft. Während ein Großteil der Filmbösen erkennbar ,,unamerikanisch" ist.2 Verzerrte
Gesichter, häufig ein dunkler Teint oder ein deutlicher Akzent der Sprache kennzeichnen die
Bösewichte. Hollywood spricht eine klare, unmissverständliche Sprache.
Auf das deutsche Kino der 60er, 70er und 80er Jahre lässt sich diese Schablone nicht legen.
Gut und Böse sind hier nicht eindeutig definiert. Während Filmproduktionen in Hollywood in
einem wirtschaftlichen Gefüge entstanden und entstehen, auf das die Politik bzw. die
politische Eliten der USA immer Einfluss ausübten, entstanden die Produktionen des Neuen
Deutschen Films in Ablehnung der Filmindustrie, mit individueller Verve und kritischem
Engagement.3 Die Autoren verstanden sich als kritische Avantgarde und wollten sich in die
politischen und gesellschaftlichen Debatten einmischen. In ihren Filmen beleuchten sie
unterschiedlichste Lebensentwürfe, Ideologien, politisches Geschehen und gesellschaftliche
Problematiken. Doch die Struktur ist durch das Doppelbödige dahinter geprägt. Sie liefern
keine vorgefertigten Antworten wie Hollywoodproduktionen, sondern der Zuschauer muss die
Bilder zu Ende sehen, denken, fühlen. Erst dann finden die Filme ihren Abschluss, wie der
Filmemacher Roland Klick es beschreibt.4
Auch der Film
Die bleierne Zeit
von Margarethe von Trotta, der 1981 entstanden ist, gehört
noch in den Kontext des Neuen Deutschen Films, der erst in den frühen 80ern mit dem Tod
Rainer Werner Fassbinders seinen Abschluss fand. Mit ihm arbeitete die Trotta noch als
Schauspielerin zusammen. Ebenso mit Volker Schlöndorff, bei dessen Film
Die verlorene
1 Schweizerhof, Barbara: Sex, Drogen und Zensoren in Hollywood-Babylon. In: Das Parlament 55(2005) Nr. 42,
S. 5.
2 Schroeder, Peter W.: Der Kampf von Gut und Böse in Amerikas Heldenzirkus. In: Das Parlament 55(2005) Nr.
42, S. 6.
3 Grob, Norbert: Neuer deutscher Film. In: Reclams Sachlexikon des Films, hrsg. v. Thomas Koebner, Stuttgart
2002, S.407.
4 Vgl. Grob, Norbert: Neuer deutscher Film. In: Reclams Sachlexikon des Films, hrsg. v. Thomas Koebner,
Stuttgart 2002, S.409.
3
Ehre der Katharina Blum
(1975) sie erstmals Co-Regie führte. Hier beginnt wohl auch ihre
filmische Auseinandersetzung mit dem linken Terrorismus in Deutschland.
Die bleierne Zeit
ist ihre dritte eigene Regiearbeit und vereinigt die beiden großen Themenkomplexe in ihrem
Werk, nämlich die kritische Distanz dem eigenen Land und seiner Geschichte gegenüber und
die intensive Ausleuchtung weiblicher Charaktere. Die Figuren des Films sind keine Helden
im klassischen Sinn. Sie sind Täter und Opfer gleichzeitig. Sie sind gut und böse. Es gibt
keine einfachen Antworten und nicht nur eine Moral. Der Film barg zeitgenössisch politische
Brisanz und forderte zu Kontroversen heraus. In meiner Hausarbeit werde ich mich darauf
konzentrieren, wie das Politische in
Die bleierne Zeit
sichtbar wird. Einem Film, der sich
scheinbar ganz auf das Innenleben einer Schwesternbeziehung konzentriert, der jedoch genau
diese Doppelbödigkeit besitzt und zugleich hochpolitisch ist. Dieser Frage werde ich in
meiner Hausarbeit nachspüren und deutlich machen, wie verwoben die Figuren mit den
Ereignissen ihrer Zeit sind, und wie sehr sie dadurch zum Spiegel der großen Politik werden.
2 Plot
Der Film erzählt die Geschichte zweier Schwestern, die im bürgerlichen Milieu der fünfziger
Jahre in der Bundesrepublik aufwachsen und sich zur Zeit der `68er politisch engagieren.
Während Juliane den Weg des friedlichen Protestes mit Griffel und Plakat geht, taucht
Marianne in den politischen Untergrund ab und beteiligt sich an terroristischen Aktionen. Der
Konflikt zwischen den beiden Schwestern über den richtigen (links)politischen Weg steht im
Mittelpunkt der Erzählung. Das Verhalten und Handeln der Schwestern versucht der Film
mittels Rückblenden in die Kindheit zu erklären. Während Juliane der rebellische Teenager
war, war Marianne das angepasste und immer liebe Kind. Als Marianne im Gefängnis stirbt,
glaubt Juliane nicht an die offizielle Version des Selbstmordes. Sie versucht den Hergang des
Todes zu rekonstruieren und verstrickt sich dabei immer tiefer in die Lebensgeschichte ihrer
Schwester. Die Auseinandersetzung mit der geliebten, toten Schwester wird zur Obsession.
Juliane gibt ihre journalistische Arbeit auf und opfert ihre langjährige Beziehung zu Wolf.
Jedoch bleibt ihr Streben und Leiden scheinbar ohne Ziel und Erfolg, denn als Juliane
beweisen kann, dass Marianne angeblich keinen Selbstmord begangen hatte, interessiert sich
niemand mehr dafür. Doch letztendlich nimmt Juliane den verwaisten Sohn ihrer Schwester
bei sich auf. Er fordert von ihr die Geschichte seiner Mutter und eine Erklärung ihres
Handelns. Hier offenbart sich das eigentliche, wahre Ziel von Julianes Auseinandersetzung
mit dem Leben ihrer Schwester, nämlich die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit für die
4
kommende Generation. Juliane macht das, was ihre eigene Elterngeneration versäumt hat und
was zur Rebellion der Kinder und im schlimmsten Fall zum linksradikalen Terrorismus
geführt hatte.
3 Historischer Hintergrund
Margarethe von Trotta lehnt ihre Erzählung an die Geschichte der Geschwister und
Pastorentöchter Gudrun und Juliane Ensslin an. Gudrun Ensslin war Mitglied der Roten
Armee Fraktion und im Führungszirkel um Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Jan-Carl
Raspe an Mordanschlägen beteiligt. Die RAF entstand aus der Enttäuschung über das
Scheitern der Außerparlamentarischen Opposition (APO) und der revolutionären Hoffnungen,
die damit verknüpft waren. Ziel war der bewaffnete Kampf als ,,höchste Form des
Klassenkampfes" und des ,,antiimperialistischen Kampfes". Für die RAF galt es, die
Personen, die bedeutende Positionen im kapitalistischen System der Bundesrepublik
innehatten zu bekämpfen, da sie nach ihrer Meinung nicht nur Kapitalisten, sondern auch
,,Faschisten" und die ,,größten Schweine" überhaupt waren. Zu diesem Zweck ließen sich u.a.
Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Ulrike Meinhof 1970 in Jordanien von der militanten
Palästinenserorganisation El Fatah militärisch ausbilden. Anschließend verübten sie
zahlreiche Banküberfälle, mit denen sie sich finanzierten, und Bombenanschläge in der
Bundesrepublik. Bereits im Mai 1972 wurden Ensslin, Baader, Holger Meins, Meinhof und
Raspe verhaftet. Doch aus dem Gefängnis heraus führten die RAF-Häftlinge den Kampf
gegen die westdeutsche Gesellschaft weiter. Sie riefen zu neuen terroristischen Aktionen auf,
die auch von anderen Mitgliedern ausgeführt wurden und setzten Hungerstreik als
Druckmittel ein. Zwangsernährung und Isolationshaft waren die Reaktionen der staatlichen
Gewalt. Zwischen Mitte und Ende der 70er Jahre heizte sich das politische Klima in der
Bundesrepublik immer mehr auf. Die politische Führung der BRD demonstrierte staatliche
Härte und betrieb den massiven Ausbau des Instrumentariums der inneren Sicherheit, u. a.
veranlasste sie die Antiterrorgesetze mit der Ausweitung der Aufgaben und Befugnisse des
Verfassungsschutzes und der Polizei. So wurde z.B. die Regelanfrage beim
Verfassungsschutz für Einstellungen in den öffentlichen Dienst eingeführt, die die
Überprüfung der Verfassungstreue der Einzustellenden zum Ziel hatte.5 Auch die
Einschränkung von Verteidigungsrechten und Verschärfung der Haftbedingungen
5 Bender, Daniela; Epkenhans, Michael u.a.: Geschichte und Geschehen. Neuzeit, Leipzig-Stuttgart-Düsseldorf
2005, S. 350f.
5
mutmaßlicher Terroristen gehörten zu den Maßnahmen von staatlicher Seite. Die politische
Linke und liberale Politiker kritisierten die Einschränkung der bürgerlichen Freiheitsrechte
und warfen der Bundesregierung ,,Gesinnungsschnüffelei" vor. Sie gerieten dabei schnell in
den Verdacht des Sympathisantentums mit den Radikalen, denn ungeachtet der Distanzierung
vom Terror durch führende Persönlichkeiten der Linken machten die Boulevardpresse und
konservative Politiker die Kritiker des bürgerlichen Staates und Linksliberale als intellektuelle
Wegbereiter des Terrorismus verantwortlich.6 Der Terror der Roten Armee Fraktion erreichte
1977 seinen Höhepunkt. Die Attacken gegen Repräsentanten des Systems eskalierten mit
Mordanschlägen auf den Generalbundesanwalt Siegfried Buback am 7.4. und den Bankier
Jürgen Ponto am 30.7. Im September entführten RAF-Terroristen den Arbeitgeberpräsidenten
Hanns-Martin Schleyer, im Oktober kidnappte ein arabisches Kommando eine Lufthansa-
Maschine und entführte sie nach Mogadischu (Somalia), um die im April zu lebenslanger
Haft verurteilte RAF-Führung
freizupressen. Ein Sondereinsatzkommando des
Bundesgrenzschutzes befreite die Passagiere der Lufthansa-Maschine am 18.10, wobei drei
Terroristen getötet wurden. Am Morgen danach wurden Andreas Baader und Jan-Carl Raspe
erschossen sowie Gudrun Ensslin erhängt in ihren Zellen im Gefängnis Stuttgart Stammheim
aufgefunden. Wie die Häftlinge an die Waffen gekommen waren, ist bis heute ungeklärt. Die
Tatsache des Waffenbesitzes, nährte jedoch die Zweifel am Selbstmord der RAF-Häftlinge.
Mit dem Mord an Hanns-Martin Schleyer, der am 19.10. in einem Kofferraum eines Autos in
Mühlhausen (Frankreich) gefunden wurde, fand der sogenannte ,,Deutsche Herbst" sein
blutiges Ende.
4 Entstehungsbedingungen
Margarethe von Trotta lernte Christiane Ensslin kurz nach dem Tod von Gudrun Ensslin
kennen. Sie hatte sich gemeinsam mit den Filmemachern Volker Schlöndorff und Alexander
Kluge aufgemacht, um von der Familie Ensslin die Erlaubnis zu erbitten, das Begräbnis der
Tochter Gudrun zu filmen. Das war im Rahmen zu den Dreharbeiten des Omnibusfilms
Deutschland im Herbst
(1978). Das Gespräch, das man sich eher karg und kompliziert
vorgestellt hatte, geriet zu einer nicht enden wollenden Unterhaltung. Vor allem mit
Christiane Ensslin, der älteren Schwester. Margarethe von Trotta war von der Geschichte
fasziniert.7 Doch die Ereignisse lagen noch nicht lange zurück und das Thema war angesichts
6 Die Fischer Chronik: Deutschland `49-`99. Ereignisse Personen - Daten, Fischer Taschenbuch Verlag,
Frankfurt am Main 1999, S. 607f.
7 Weber, Hans Jürgen (Hrsg.): Die bleierne Zeit. Ein Film von Margarethe von Trotta, Frankfurt am Main 1981,
S. 88.
6
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