Untertitel: Didaktische Überlegungen zum Thema "Tod und Trauer" und Analyse des Bilderbuches „Abschied von Rune“
Autor: Marcel Stempel
Fach: Sachunterricht, Heimatkunde (Grundschulpädagogik)
Details
Jahr: 2006
Seiten: 88
Note: 2,0
Literaturverzeichnis: ~ 29 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 386 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-03777-8
ISBN (Buch): 978-3-638-93644-6
Zusammenfassung / Abstract
Das Thema „Tod und Trauer“ beinhaltet Grundfragen der menschlichen Existenz, die im Laufe der Geschichte an Aktualität und Brisanz nicht verloren haben. Seit einigen Jahren scheint die öffentliche Auseinandersetzung mit diesem Thema sogar noch bedeutsamer geworden zu sein. Fernsehsendungen, Bücher, Ausstellungen, die Hospiz- und Lebenshausbewegung und zahlreiche andere Beispiele zeugen davon. Und dennoch lässt sich in der Gesellschaft im Umgang mit dem Thema „Tod und Trauer“ oft eine allgemeine Sprachlosigkeit feststellen. Diese Sprachlosigkeit verstärkt sich, wenn es darum geht, mit Kindern über dieses Thema zu sprechen. Noch immer denken viele Erwachsene, dass „Tod und Sterben“ Kinder nicht interessieren, „dass sie noch zu klein oder vielleicht auch zu >unschuldig< sind und dass sie von solchen schweren Themen verschont bleiben sollen – frei nach dem Motto: „Das Leben ist später noch hart genug“. Die oft geäußerte Meinung Erwachsener, Kinder seien noch zu jung, um sich mit solch einer Thematik zu befassen und möglichst in einer heilen Welt aufwachsen, die von Tod und Sterben weitgehend unberührt bleibt, zeugt nicht nur von einer falschen Einschätzung der Kinder, sondern verkennt auch die Realität. Schon kleine Kinder werden heute mit dem Thema Tod in den Medien, in der Familie und in der Gesellschaft konfrontiert. Sie trauern nach einem Todesfall genau wie Erwachsene. Doch wie können Erwachsene auf Fragen der Kinder, bezüglich Sterben und Tod, angemessen reagieren? Was können sie den Kindern antworten, teilweise verbunden mit eigener Ratlosigkeit und Unsicherheit? Sollten Kinder ein Mindestalter erreicht haben, um über das Thema sprechen zu können? Welche Vorerfahrungen haben die Kinder mit dem Thema schon gemacht? Welche Vorstellung hat ein Kind vom Tod. Wie können Erwachsenen die Kinder in einer Trauersituation begleiten? Die folgenden Arbeit soll der immer noch vorherrschenden gesellschaftlichen Tabuisierung entgegenwirken, indem sie wichtige thematische Aspekte hervorhebt und darstellt, zum einen die Schwierigkeit und Schwere der Thematik offen legt, zum anderen aber auch die Möglichkeiten zur Auseinandersetzung für Erzieher und Lehrer im Umgang mit Kindern hervorhebt. Das erste Kapitel „ Der Tod“ soll zunächst ein Basiswissen schaffen, indem auf verschiedene Sichtweisen, gesellschaftliche Erfahrungen und verschiedene kindliche Todeskonzepte der einzelnen Altersstufen eingegangen wird.
Textauszug (computergeneriert)
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Schriftliche Hausarbeit
vorgelegt im Rahmen der Ersten Staatsprüfung für
das Lehramt Primarstufe
von Marcel Stempel
„Tod und Trauer“ als Thema im Grundschulunterricht?
Didaktische Überlegungen zum Thema „Tod und Trauer“
und Analyse des Bilderbuches „Abschied von Rune“.
Münster, den 29. November 2006
Inhaltsangabe
Einleitung ... 3
1. Der Tod ... 6
1.0 Sterben und Tod – was ist das? ... 6
1.1 Ein Tabuthema in unserer Gesellschaft ... 7
1.2 Kindliche Erfahrungen mit Sterben und Tod ... 11
1.2.1 Sterben, Tod und Vergänglichkeit in der kindlichen Lebenswelt ... 11
1.2.2 Sterben und Tod in den Medien im Erleben des Kindes ... 11
1.2.3 Sterben und Tod eines Tieres im Erleben des Kindes ... 13
1.2.4 Sterben und Tod eines Verwandten im Erleben des Kindes ... 15
1.2.5 Sterben und Tod eines Freundes im Erleben des Kindes ... 16
1.2.6 Sterben und Tod von Geschwistern im Erleben des Kindes ... 17
1.3 Das kindliche Todeskonzept in den einzelnen Alterstufen ... 20
1.3.1 Kleinkinder unter drei Jahren ... 21
1.3.2 Kindergartenkinder zwischen drei und fünf Jahren ... 22
1.3.3 Grundschulkinder zwischen sechs und neun Jahren ... 22
1.3.4 Schulkinder zwischen zehn und vierzehn Jahren ... 23
1.3.5 Jugendliche ... 24
2 Die Trauer ... 26
2.0 Die Trauer - Was ist das? ... 26
2.0 Definition und Funktion der Trauer ... 26
2.1 Die Phasen der Trauer ... 28
2.1.1 Die Phase des Nicht-Wahrhaben-Wollens ... 28
2.1.2 Die Phase der aufbrechenden Emotion ... 29
2.1.3 Die Phase des Suchens und Sich-Trennens ... 30
2.1.4 Die Phase des neuen Selbst- und Weltbezugs ... 30
2.2 Ausdruck kindlicher Trauer ... 31
2.2.1 Freude und Trauer ... 32
2.2.2 Gefühlschaos ... 32
2.2.3 Nicht-Wahrhaben-Wollen ... 32
2.2.4 Schuldgefühle ... 33
2.2.5 Wut und Zorn ... 33
2.2.6 Angst ... 34
2.2.7 Nachahmung ... 34
2.3 Die Begleitung des Kindes in seiner Trauer ... 35
2.3.1 Aufmerksame, einfühlsame und sensible Begleitung ... 36
2.3.2 Vorbereitung ... 37
2.3.3 Klare Antworten ... 37
2.3.4 Gemeinschaft ... 38
2.3.5 Rituale ... 39
2.3.6 Symbole der Erinnerung ... 40
2.3.7 Orientierung, Stabilität und Kontinuität ... 41
3 Das Bilderbuch ... 42
3.0 Kategorisierung des Bilderbuches ... 42
3.0 Funktionen des Bilderbuches ... 43
3.1 Tod in der Kinderliteratur ... 43
3.2 Können Bilderbücher dem trauernden Kind helfen? ... 44
4 Analyse des Bilderbuches „Abschied von Rune“ von Wenche Øyen und Marit Kaldhol Informationen zur Autorin und Illustratorin ... 47
4.0 Inhaltliche Analyse ... 47
4.0.1 Inhaltsangabe ... 47
4.0.2 Realitäts- und Problemgehalt ... 48
4.1 Stilanalyse ... 60
4.1.1 Äußere Aufmachung ... 60
4.1.2 Bildanalyse ... 62
4.1.3 Sprache ... 65
4.1.4 Adressatenbezug ... 68
4.2 Didaktisch-methodische Fragestellung ... 70
4.3 Fazit ... 73
5 Didaktische Überlegungen ... 74
5.0 Fächerübergreifende Möglichkeiten des Themas ... 75
5.0.1 Eine Projektarbeit zum Thema „Tod und Sterben“ ... 75
5.1 Durchführung eines Elternabends ... 80
6 Schlusswort ... 82
7 Literaturverzeichnis ... 84
Einleitung
Das Thema „Tod und Trauer“ beinhaltet Grundfragen der menschlichen Existenz, die im Laufe der Geschichte an Aktualität und Brisanz nicht verloren haben.
Seit einigen Jahren scheint die öffentliche Auseinandersetzung mit diesem Thema sogar noch bedeutsamer geworden zu sein. Fernsehsendungen, Bücher, Ausstellungen, die Hospiz- und Lebenshausbewegung und zahlreiche andere Beispiele zeugen davon.
Und dennoch lässt sich in der Gesellschaft im Umgang mit dem Thema „Tod und Trauer“ oft eine allgemeine Sprachlosigkeit feststellen.
Diese Sprachlosigkeit verstärkt sich, wenn es darum geht, mit Kindern über dieses Thema zu sprechen.
Noch immer denken viele Erwachsene, dass „Tod und Sterben“ Kinder nicht interessieren, „dass sie noch zu klein oder vielleicht auch zu >unschuldig< sind und dass sie von solchen schweren Themen verschont bleiben sollen – frei nach dem Motto: „Das Leben ist später noch hart genug“1
Die oft geäußerte Meinung Erwachsener, Kinder seien noch zu jung, um sich mit solch einer Thematik zu befassen und möglichst in einer heilen Welt aufwachsen, die von Tod und Sterben weitgehend unberührt bleibt, zeugt nicht nur von einer falschen Einschätzung der Kinder, sondern verkennt auch die Realität.
Schon kleine Kinder werden heute mit dem Thema Tod in den Medien, in der Familie und in der Gesellschaft konfrontiert. Sie trauern nach einem Todesfall genau wie Erwachsene.2
Doch wie können Erwachsene auf Fragen der Kinder, bezüglich Sterben und Tod, angemessen reagieren? Was können sie den Kindern antworten, teilweise verbunden mit eigener Ratlosigkeit und Unsicherheit? Sollten Kinder ein Mindestalter erreicht haben, um über das Thema sprechen zu können?
Welche Vorerfahrungen haben die Kinder mit dem Thema schon gemacht?
Welche Vorstellung hat ein Kind vom Tod?
Wie können Erwachsenen die Kinder in einer Trauersituation begleiten?
Die folgenden Arbeit soll der immer noch vorherrschenden gesellschaftlichen Tabuisierung entgegenwirken, indem sie wichtige thematische Aspekte hervorhebt und darstellt, zum einen die Schwierigkeit und Schwere der Thematik offen legt, zum anderen aber auch die Möglichkeiten zur Auseinandersetzung für Erzieher und Lehrer3 im Umgang mit Kindern hervorhebt.
Das erste Kapitel „ Der Tod“ soll zunächst ein Basiswissen schaffen, indem auf verschiedene Sichtweisen, gesellschaftliche Erfahrungen und verschiedene kindliche Todeskonzepte der einzelnen Altersstufen eingegangen wird.
Das zweite Kapitel „Die Trauer“ befasst sich intensiver mit der Materie, indem es die Funktion und Definition darstellt und anschließend einzelne Phasen der kindlichen Trauer herausarbeitet.
Anknüpfend daran soll darauf eingegangen werden, wie sich kindliche Trauer ausdrückt, wie sie sich bemerkbar macht und wie Erwachsene handeln können, Kinder in dieser Zeit zu unterstützend zu begegnen.
Diesem Teil widme ich mein Hauptaugenmerk, da mein zukünftiger Beruf als Lehrer der Primarstufe eine gewisse Kompetenz und Fingerspitzengefühl im Umgang mit kindlicher Trauer und dem richtigen Verhalten in solchen Situationen verlangt.
Weiterhin stellt sich die Frage, welche Medien zum Einsatz kommen sollten bei einer Behandlung des Themas: „Tod und Trauer“ in der Schule.
Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit dem Medium „Bilderbuch“ und veranschaulicht seine Funktionen und seinen Nutzwert. Des Weiteren enthält dieses Kapitel Erläuterungen zur realistischen und problemorientierten Kinderliteratur.
Das folgende vierte Kapitel bildet den Schwerpunkt der Arbeit und beinhaltet die Analyse des Bilderbuches „Abschied von Rune“ von Wenche Øyen und Marit Kaldhol, die sich an dem Buch „ich werd′s trotzdem weitersagen!“ von H. Koch und M. Kruck veröffentlichten Kriterien orientiert.
Nach allgemeinen Informationen über die Autorin und Illustratorin konzentriert sich die Analyse vor allem auf die inhaltliche Analyse, die Stilanalyse und abschließend auf die didaktisch-methodische Fragestellung.
Das letzte Kapitel „Didaktische Überlegungen“ beinhaltet die Fragestellung, wie und in welchem Zusammenhang das Thema: „Tod und Trauer“ in der Schule eingeführt werden kann. Ist fächerübergreifender Unterricht zu dem Thema sinnvoll oder überhaupt möglich?
Abschließend werden Lernziele und -chancen aufgezeigt, die mit der Einführung des Themas erreicht und umgesetzt werden sollen.
Die Schlussbetrachtung beinhaltet eine Reflexion und Bewertung des Erarbeiteten.
1. Der Tod
1.0 Sterben und Tod – was ist das?
Die erste Herausforderung, die sich stellt, ist, ob es überhaupt möglich ist, eine ganzheitliche Antwort auf diese Frage zu geben. Können lebende Menschen, die den Tod noch nicht am eigenen Leibe erfahren haben, ihn definieren oder sogar begreifen.
So unterschiedlich die Menschen sind, so unterschiedlich ist auch der Tod. Es erlebt nicht nur jeder Mensch seinen Tod auf ganz eigene individuelle Weise, der Tod tritt auch ganz unterschiedlich in Erscheinung. Er kann als Alterstod am Ende eines langen, erfüllten Lebens stehen, so kann er aber auch junge Menschen unverhofft, radikal und katastrophal aus dem Leben reißen. Kriege, Krankheiten und Unfälle sind nur wenige Bereiche, in denen der Tod ′gewaltsam und brutal′ in Erscheinung tritt.
Was der Tod für jeden einzelnen Menschen bedeutet, hängt von seinen subjektiven Empfindungen, Vorstellungen und Erfahrungen ab.
Georg Simmel unterstreicht, dass gegenüber dem Tod zwei gänzlich verschiedene Einstellungen existieren. Die eine beschreibt den Tod als etwas von außen in das Leben Eindringendes, als ein plötzlich und unerwartetes Ereignis. Die zweite Einstellung versteht den Tod als von Beginn des Lebens an dem Leben immanent und für das Leben richtungsweisend.4
Der Tod gehört zum Leben. Er ist die endgültige Grenze des Lebens und der Mensch weiß, im Gegensatz zum Tier, um seinen Tod, lange bevor dieser eintritt. Doch „trotz dieses Wissens […] glaubt im Grunde niemand an seinen eigenen Tod.“5
Doch obwohl unser eigener Tod uns so fremd erscheint, gehört er doch untrennbar zu uns. „Er bleibt […] als unser Ureigenstes das uns Fremdeste. Das macht den Tod so rätselhaft.“6
Da der Mensch sich, aufgrund seines Wissens um den Tod, als ein Wesen versteht, dass Zeit hat, jedoch nicht unbegrenzt Zeit hat7, empfindet er sein Leben als unendlich wertvoll. Die Bedeutung des Lebens erwächst also unmittelbar aus der Gewissheit des Todes. Die Fragen, die der Tod bei den Menschen auslöst, stehen daher unmittelbar im Zusammenhang mit den Fragen der Menschen nach dem Sinn des Lebens. Die Frage, warum es sich zu leben lohnt, wenn am Ende des Lebens unmittelbar der Tod folgt, beantwortet wohl jeder aus seinen eigenen Erfahrungen mit dem Leben und dem Tod, verbunden mit individuellen Todesvorstellungen, Glaubensüberzeugungen und der Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod.
Eberhard Jüngel vertritt die Meinung, dass der Tod nicht definierbar sei. Er erklärt die Undefinierbarkeit des Todes, indem er Definitionen an sich als Herrschaftsakte bezeichnet. Da alle Lebewesen sterblich sind, kann niemand behaupten, des Todes mächtig zu sein. „Wer den Tod zu definieren verstünde, wäre im Begriffe, seiner Herr zu werden. Doch das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Nicht wir beherrschen den Tod, sondern der Tod beherrscht uns.“8
Da es jedoch in der menschlichen Natur liegt, herrschen und beherrschen zu wollen, gibt er sich nicht damit zufrieden, den Tod als undefiniert, unbedingt und gleichzeitig unbestimmtes Ende des Lebens zu akzeptieren.
Verschiedenste Bereiche des Lebens bedürfen, um den Umgang mit dem Tod mitten im Leben zu ermöglichen, zumindest einiger Antwortversuche auf die Frage: ′Der Tod – was ist das?′
[...]
1 Hinderer, Petra/ Kroth, Martina: Kinder bei Tod und Trauer begleiten. Konkrete Hilfestellungen in Trauersituationen für Kindergarten, Grundschule und zu Hause. Reihe: Pädagogische Kompetenz, Band 3. Ökotopia Verlag, Münster 2005. S.5
2 Vgl. Hinderer, P./ Kroth, M., 2005, S.5
3 Ich verwende in der Arbeit bei Singularformen von unbestimmten Personen ausschließlich die grammatikalisch männliche Form um die Lesbarkeit zu erleichtern. Die grammatikalisch weibliche Form ist selbstverständlich mitgemeint.
4 Vgl. Stern, Erich: Kind, Krankheit und Tod. München/Basel 1957, S.70.
5 Arens, Veronika: Grenzsituationen. Mit Kindern über Sterben und Tod sprechen. In der Reihe: Knollmann, Roland (Hrsg.): Religionspädagogische Perspektiven. Band 19. Essen 1994 S. 24.
6 Jüngel, Eberhard: Tod. 5 Aufl., Gütersloh 1993, S.13.
7 Jüngel, Eberhard: Tod. 5 Aufl., Gütersloh 1993, S.26.
8 Vgl. ebd. S.11.
Kommentare
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden: