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Die Behandlung und Darstellung des Holocaust in "Jakob der Lügner" und "Jakob the Liar"

Subtitle: Eine vergleichende Analyse von Frank Beyers DEFA-Verfilmung und Peter Kassovitz’ Hollywood-Remake

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2004, 20 Pages
Author: Evi Goldbrunner
Subject: Film Science

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2004
Pages: 20
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 19  Entries
Language: German
Archive No.: V89283
ISBN (E-book): 978-3-638-02639-0
ISBN (Book): 978-3-638-92555-6
File size: 99 KB

Abstract

Ausgehend von den unterschiedlichen Bedeutungen, die dem Holocaust in der filmischen Aufarbeitung der DEFA-Tradition und des Hollywood-Kinos zukommen, wird in der vorliegenden Arbeit zunächst das jeweilige Verhältnis der beiden Verfilmungen von „Jakob der Lügner“ zur historischen Realität des Holocaust sowie die Erzählhaltungen der beiden Regisseure Frank Beyer und Peter Kassovitz dargelegt. Dabei werden die unterschiedlichen Konzeptionen der Filme herausgearbeitet und im einzelnen näher betrachtet. In einem dritten Schritt interessiert der Umgang beider Regisseure mit dem Holocaust in seiner konkreten visuellen Darstellung, bevor sich das abschließende Resümee damit beschäftigt, wie der jeweilige konzeptionelle Ansatz die Wirkung der filmischen Mittel beeinflusst und welcher der beiden Ansätze dem Wesen der Geschichte an sich näher kommt.


Excerpt (computer-generated)

Hochschule für Film- und Fernsehen "Konrad Wolf" Potsdam-Babelsberg - 09.01.2005


Die Behandlung und Darstellung des Holocaust in

"Jakob der Lügner" und "Jakob the Liar"

_


Eine vergleichende Analyse von

Frank Beyers DEFA-Verfilmung und

Peter Kassovitz′ Hollywood-Remake

Seminar:

Filmgeschichte II

Die Shoah im Film und Fernsehen (SoSe 2004)

Verfasserin:

Evelyn Goldbrunner

(Film- und Fernsehdramaturgie/Drehbuch)


Inhaltsverzeichnis

EINLEITUNG

2

1. DIE BEDEUTUNG DES HOLOCAUST

2

1.1. DIE DEFA UND DER HOLOCAUST

2

1.2. HOLLYWOOD UND DER HOLOCAUST

4

2. DAS VERHÄLTNIS ZUR HISTORISCHEN REALITÄT DES HOLOCAUST

5

2.1. DAS KONZEPT DES MÄRCHENHAFTEN

5

2.2. DAS KONZEPT DES KOMISCHEN

8

2.3. DAS KONZEPT DES AUTHENTISCHEN

9

3. DER UMGANG MIT DER HISTORISCHEN REALITÄT 13

3.1. DIE DARSTELLUNG DES HOLOCAUST BEI ,,JAKOB DER LÜGNER" 13
3.2. DIE DARSTELLUNG DES HOLOCAUST BEI ,,JAKOB THE LIAR" 15

SCHLUSS

16

LITERATURVERZEICHNIS 17

PRIMÄRQUELLEN

17

SEKUNDÄRQUELLEN 17

1


Einleitung

Ausgehend von den unterschiedlichen Bedeutungen, die dem Holocaust in der

filmischen Aufarbeitung der DEFA-Tradition und des Hollywood-Kinos zukommen, soll

in der vorliegenden Arbeit zunächst das jeweilige Verhältnis der beiden Verfilmungen

von ,,Jakob der Lügner" zur historischen Realität des Holocaust sowie die

Erzählhaltungen der beiden Regisseure Frank Beyer und Peter Kassovitz dargelegt

werden. Dabei sollen die unterschiedlichen Konzeptionen der Filme herausgearbeitet

und im einzelnen näher betrachtet werden.

In einem dritten Schritt interessiert der Umgang beider Regisseure mit dem

Holocaust in seiner konkreten visuellen Darstellung, bevor sich das abschließende

Resümee damit beschäftigt, wie der jeweilige konzeptionelle Ansatz die Wirkung der

filmischen Mittel beeinflusst und welcher der beiden Ansätze dem Wesen der

Geschichte an sich näher kommt.

Auf die - durch Roberto Benignis Film "La vita è bella" (1998) ausgelöste - Debatte

über die Legitimität, den Holocaust darzustellen, zumal nicht in dokumentarischer,

sondern in fiktionaler Weise und noch dazu mit den Mitteln der Komik, soll im

Rahmen dieser Arbeit nur am Rande eingegangen werden.1

1. Die Bedeutung des Holocaust

1.1. Die DEFA und der Holocaust

Jurek Beckers und Frank Beyers ,,Jakob der Lügner" steht in einem fruchtbaren

Kontext innerhalb der DEFA-Produktion, die sich durch eine ernsthafte und intensive

Auseinandersetzung mit der Thematik des Holocaust bzw. Faschismus auszeichnete.

Zur filmischen Aufarbeitung des Faschismus′, seiner Ursprünge und Auswirkungen,

hat die DEFA wohl mehr beigetragen als jede andere nationale Filmproduktion.2

1 Siehe Frölich/Loewy/Steinert: Lachen, S. 9ff.; Loshitzky: Politik, S. 21ff.; Schmidt: Jurek, S. 7.


2 Vgl.: Jung: Widerstandskämpfer, S. 121; Schmidt: Jurek, S. 18.

2


Von offizieller Seite wurde die Bereitschaft zur politisch-moralischen Reflexion der

Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes und dementsprechend ein

antifaschistisches Engagement bei den Filmschaffenden vorausgesetzt. Die

Filmschaffenden ihrerseits ließen sich gerne auf die antifaschistische Thematik ein,

da sie ihnen größere künstlerische Freiheit als Gegenwartsfilme gestattete.3

Die Tradition des antifaschistischen DDR-Films geht bereits auf die Zeit vor der

Gründung der DEFA 1950 zurück: Mit "Die Mörder sind unter uns" (Wolfgang

Staudte, 1946), "Affaire Blum" (Erich Engel, 1948) und "Rotation" (Staudte, 1949)

widmeten sich Filmschaffende bereits unmittelbar nach dem Ende der

nationalsozialistischen Herrschaft diesem historischen Kapitel.

Auch in der Folgezeit wurde das Thema kontinuierlich und in vielfältigen Variationen

bearbeitet4, bevor in den siebziger Jahren antifaschistische Filme wieder etwas in

den Hintergrund rückten: Neben "Jakob der Lügner", der nach dem Willen Beyers

und Beckers allerdings eigentlich auch bereits in den sechziger Jahren gedreht

werden sollte5 und zum ersten Mal in der DEFA-Geschichte den Holocaust aus

jüdischer Perspektive erzählt6, stellt "Wolz - Leben und Verklärung eines deutschen

Anarchisten" (Günter Reisch, 1974) einen der wenigen antifaschistischen Filme in

den Siebzigern dar, bevor die antifaschistische Thematik Anfang der achziger Jahre

mit "Die Verlobte" (Reisch) und "Der Aufenthalt" (1982, Beyer) wieder größere

Beachtung fand.7

Auch bei Jurek Becker8 und Frank Beyer9 persönlich stellt die Aufarbeitung des

Faschismus′ das zentrale künstlerische Sujet dar. Zu einer zweiten Zusammenarbeit

zwischen Beyer und Becker kam es 1995, also bereits nach dem Ende der DEFA-Ära:

3 Vgl.: Gersch: Film, S. 358, 373.

4 Vgl.: "Der Rat der Götter" (Kurt Maetzig, 1950), "Der Untertan" (Staudte, 1951), "Sie nannten ihn

Amigo" (Heiner Carow, 1959), "Sterne" (Konrad Wolf, 1959), "Fünf Patronenhülsen" (Frank Beyer,

1960), "Professor Mamlock" (Wolf, 1961), "Der Fall Gleiwitz" (Gerhard Klein, 1961), "Königskinder"

(Beyer, 1962), "Nackt unter Wölfen" (Beyer, 1963).

5 Kulturpolitische Restriktionen verhinderten eine frühere Realisierung: Zunächst scheiterte das

Filmvorhaben am Widerstand der polnischen Behörden. Später führte die Kulturkrise in der DDR 1965

dazu, dass Beyer ans Dresdner Staatsschauspiel zwangsversetzt und mit einem insgesamt

achtjährigen Arbeitsverbot als DEFA-Regisseur belegt wurde, nachdem sein Film ,,Spur der Steine" als

letzter von insgesamt zwölf Filmen vom Zentralkomitee der SED verboten worden war (Vgl.: Frölich:

Märchen, S. 247; Jung: Widerstandskämpfer, S. 123, 128; Meyer: Amerikaner, S. 215; Schmidt: Jurek,

S. 5f., 13, 17f.).

6 Vgl.: Frölich: Märchen, S. 255.

7 Vgl.: Gersch: Film, S. 398.

8 Siehe auch "Die Mauer" oder "Der Boxer".

3


"Wenn alle Deutschen schlafen", entstanden nach Beckers Kurzgeschichte "Die

Mauer", beschäftigt sich ebenfalls mit dem Faschismus bzw. dem Holocaust und

spielt wie "Jakob der Lügner" im Ghetto.10

1.2. Hollywood und der Holocaust

Stellte die Beschäftigung mit dem Holocaust bei der DEFA also ein politisches

Anliegen dar, so dient der Holocaust in Hollywood-Filmen (mittlerweile) oft lediglich

als düstere Folie sowie abenteuerliche Kulisse für eine dramatische Filmgeschichte.

Dabei spekulieren die Verantwortlichen darauf, dass dieses Sujet ­ wie auch andere

Stoffe über die Zeit des nationalsozialistischen Regimes ­ bei vielen Zuschauern eine

Mischung aus Schrecken und Faszination auslöst und demnach geradezu dazu

prädestiniert dafür ist, das Publikum in hohem Maße zu emotionalisieren.

Der Holocaust wird zu diesem Zweck universalisiert und metaphorisiert, um ihn so als

Trauma in allgemeingültiger Weise einsetzbar und projizierbar zu machen.

Damit ,,funktioniert" der Holocaust als kollektives Trauma in ähnlicher Weise wie ­

für ein amerikanisches Publikum ­ Vietnam oder neuerdings ,,September 11".

Das bedeutet, dass sich Filme der Chiffren, Fragmente und Klischees des Holocaust-

Diskurses bedienen, die den Holocaust gar nicht thematisieren (z.B. "Chicken Run"

oder "Komm, süßer Tod"). Die Intention derartiger Zitate beruht nicht auf

Information, Aufklärung oder Gedenken, sondern auf bloße Emotionalisierung. Diese

verlorene Scheu vor der inflationären Darstellung des Holocaust lediglich als

unbefangenen Umgang mit einem düsteren Kapitel der Geschichte zu bezeichnen,

würde die moralisch und ethisch bedenkliche Tatsache verharmlosen, dass der

Holocaust durch diese Praxis automatisch instrumentalisiert, sinnentleert und

entpolitisiert wird: Sprüche wie "There is no business like Shoah-business"11 oder

"Auschwitz als Disneyland"12 weisen bereits auf die Gefahr der Kommerzialisierung

und Trivialisierung des Holocaust hin. Denn Holocaust-Verbrechen werden zu

Schrecken, Terror und Gewalt dramatisiert, um so als filmische Attraktionen zu

9 Siehe auch "Fünf Patronenhülsen", "Königskinder", "Nackt unter Wölfen", "Der Aufenthalt", "Wenn

alle Deutschen schlafen".

10 Vgl.: Frölich: Märchen, S. 267; Schmidt: Jurek, S. 18f.

11 Vgl.: Zitiert nach Joswig: Tragikomödie, S. 59.

12 Vgl.: Zitiert nach Oster/Uka: Holocaust, S. 252.

4



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