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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 1999, 27 Pages
Author: Evi Goldbrunner
Subject: History - Early and Ancient History
Details
Tags: Dramatische, Figuren, Träger, Prinzipien, Antigone, Sophokles
Year: 1999
Pages: 27
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 15 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-02641-3
ISBN (Book): 978-3-638-92557-0
File size: 109 KB
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Abstract
Wie alle griechischen Tragödien so war auch die "Antigone" des Sophokes keineswegs für ein Fachpublikum, sondern für die gesamte attische Bürgerschaft bestimmt und hatte somit allein durch ihre Zielgruppe eine das soziale Bewußtsein bildende Funktion bzw. die Aufgabe, die Bürgerschaft Athens für bestimmte politische Vorgänge zu sensibilisieren. Darüberhinaus war Sophokles' "Antigone" zur Zeit ihrer Uraufführung 440 v.Chr. von großer politischer wie auch sozialer Brisanz, denn obwohl die rein äußere Handlung der "Antigone" in die mythische Vergangenheit zurückversetzt ist, war doch ihre thematische Problematik vor dem Hintergrund der beginnenden Poliskrise von großer Aktualität. Da es sich bei der vorliegenden Arbeit um eine historische und nicht um eine altphilologische Abhandlung handelt, werden nicht die sprachlich-literarischen Dimsionen der "Antigone", sondern vielmehr die sozialen und politischen Bedingungen ihres Entstehungskontextes herausgearbeitet. Diesen Entstehungskontext bildet das Perikleische Athen des 5. Jahrhunderts v.Chr., in dem sich der Übergang von archaischer zu klassischer Zeit bzw. von der Aristokratie zur Polisdemokratie vollzog. Vor diesem Hintergrund bleiben im Rahmen dieser Arbeit die individuellen Komponenten der einzelnen Charaktere in der "Antigone" unberücksichtigt und werden stattdessen die Figuren ausschließlich in ihrer Funktion als personifizierte Träger jener gesellschaftlich-politischen Prinzipien und Haltungen untersucht, die Sophokles für seine Zeit auszumachen glaubte. Denn indem Sophokles jeder Figur ein bestimmtes Prinzip bzw. eine bestimmte Haltung zuordnete, konnte er eine aktelle politische Stimmung artikulieren. Dies anhand eines für eine Tragödie adaptierten mythologischen Stoffes zu tun, war gerade zu jener Zeit allgemeiner Usus. Sieht man diese Wirkungsabsicht Sophokles' als gegeben an, so sind konkret für seine "Antigone" folgende Thesen als richtig zu werten: (1) Sophokles hat den Antigone-Mythos nach den sozialen, religiösen und politischen Verhältnissen des Athens des 5. Jahrhunderts umgeformt. (2) Genauso wie das Theben vor Kreons Herrschaft die archaische, so verkörpert das Theben unter Kreons Herrschaft die klassische attische Ordnung. (3) Entsprechend ist die Bürgerschaft Athens in der Bürgerschaft Thebens dargestellt.
Excerpt (computer-generated)
LMU
München Institut
für
Alte
Geschichte
H a u s a r b e i t
Dramatische Figuren als personifizierte Träger
gesellschaftlich-politischer Prinzipien
in der "Antigone" des Sophokles
Verfasserin:
Evelyn
Goldbrunner
Proseminar:
Alltagsleben im klassischen Athen
(Sommersemester
1998)
Inhaltsangabe:
Einleitung 2
1. Antigone als Verkörperung der tradierten Ordnung 3
1.1. Die Prinzipien der Antigone 3
1.2. Sophokles′ Darstellung der Antigone 7
2. Kreon als Verkörperung des neuen Systems 8
2.1. Die Prinzipien des Kreon 8
2.2. Sophokles′ Darstellung des Kreon 10
3. Verkörperungen der passiven bürgerlichen Haltungen in der Ismene, dem
Haimon, dem Wächter sowie dem Chor 11
3.1. Die Konformität der Ismene 12
3.2. Die Rationalität des Haimon 13
3.3. Der Egoismus des Wächters 14
3.4. Die Diplomatie des Chors 15
4. Verkörperung des göttlichen Willens in Teiresias 17
Schluß 19
Anmerkungen: 21
Literaturverzeichnis: 25
1
Einleitung
Wie alle griechischen Tragödien so war auch die "Antigone" des Sophokes (497/6
bis 406/5 v.Chr.) keineswegs für ein (intellektuelles) Fachpublikum, sondern für die
gesamte attische Bürgerschaft bestimmt und hatte somit allein durch ihre
Zielgruppe eine das soziale Bewußtsein bildende Funktion bzw. die Aufgabe, die
Bürgerschaft Athens für bestimmte politische Vorgänge zu sensibilisieren1.
Darüberhinaus war Sophokles′ "Antigone" zur Zeit ihrer Uraufführung 440 v.Chr.
von großer politischer wie auch sozialer Brisanz, denn obwohl die rein äußere
Handlung der "Antigone" in die mythische Vergangenheit zurückversetzt ist, war
doch ihre thematische Problematik vor dem Hintergrund der beginnenden Poliskrise
von großer Aktualität.
Da es sich bei der vorliegenden Arbeit um eine historische und nicht um eine altphi-
lologische Abhandlung handelt, sollen nicht die sprachlich-literarischen Dimen-
sionen der "Antigone", sondern vielmehr die sozialen und politischen Bedingungen
ihres Entstehungskontextes herausgearbeitet werden. Diesen Entstehungskontext
bildet das Perikleische Athen des 5. Jahrhunderts v.Chr., in dem sich der Übergang
von archaischer zu klassischer Zeit bzw. von der Aristokratie zur Polisdemokratie
vollzog.
Vor diesem Hintergrund sollen im Rahmen dieser Arbeit die individuellen Kompo-
nenten der einzelnen Charaktere in der "Antigone" unberücksichtigt bleiben und
stattdessen die Figuren ausschließlich in ihrer Funktion als personifizierte Träger
jener gesellschaftlich-politischen Prinzipien und Haltungen untersucht werden2, die
Sophokles für seine Zeit auszumachen glaubte. Denn indem Sophokles jeder Figur
ein bestimmtes Prinzip bzw. eine bestimmte Haltung zuordnete, konnte er eine
aktu-elle politische Stimmung artikulieren. Dies anhand eines für eine Tragödie
adaptier-ten mythologischen Stoffes zu tun, war gerade zu jener Zeit allgemeiner
Usus3.
Sieht man diese Wirkungsabsicht Sophokles′ als gegeben an, so sind konkret für
seine "Antigone" folgende Thesen als richtig zu werten: (1) Sophokles hat den Anti-
gone-Mythos nach den sozialen, religiösen und politischen Verhältnissen des
Athens des 5. Jahrhunderts umgeformt4. (2) Genauso wie das Theben vor Kreons
Herrschaft die archaische, so verkörpert das Theben unter Kreons Herrschaft die
klassische attische Ordnung. (3) Entsprechend ist die Bürgerschaft Athens in der
Bürgerschaft Thebens dargestellt.
Wenn also im folgenden Aussagen über die thebanische Rechtsordnung, Bürger-
schaft etc. gemacht werden, so sind damit zugleich Aussagen über die attische
Rechtsordnung, Bürgerschaft etc. impliziert.
Dabei sollen zunächst - ausgehend von den beiden Hauptfiguren Antigone und
Kreon - die gegensätzlichen Prinzipien der tradierten Ordnung und des neuen
2
Systems sowie Sophokles′ Darstellung dieser Prinzipien durch die Hauptfiguren
behandelt werden.
In den Nebenfiguren der Ismene, des Haimon, des Wächters sowie des Chors sollen
anschließend die passiven Haltungen der Bürgerschaft (Konformität, Rationalität,
Egoismus, Diplomatie) abgeleitet werden, bevor schließlich mit Teiresias der göttli-
che Wille als die maßgebliche letzte Instanz, die damit alle anderen vorgestellten
Prinzipien und Haltungen wertet, eingeführt werden soll.
1. Antigone als Verkörperung der tradierten Ordnung
1.1. Die Prinzipien der Antigone
Antigone zeichnet sich während des gesamten Dramas durch ihre unumstößlichen
Prinzipien, nach denen sie konsequent lebt, aus. So gibt es für sie keinen Zweifel,
daß das gewachsene, ewige Recht stets über den Staatsinteressen steht. Das bedeu-
tet, daß Staatsbeschlüsse keineswegs vermögen, die natürlichen Gesetze außer Kraft
zu setzen und sich der Staat mit seinen Menschensatzungen deshalb den gewach-
senen Gesetzen der göttlichen Weltordnung generell unterzuordnen hat.
Antigone fordert also die uneingeschränkte Erfüllung der Nomoi, die sie aus-
schließlich in ihrer ursprünglichen Bedeutung von Recht, Herkommen, Sitte ver-
steht5. Richard Schmidt definiert die Nomoi als "die Gesamtheit der im Laufe der
Geschlechter für das menschliche Zusammenleben naturnotwendig und natürlich
gewachsenen Grundsätze"6.
Antigone reklamiert jedoch nicht nur die Heilighaltung der göttlichen Gesetze, sie
kämpft auch für sie und damit gegen das von Kreon vertretene Staatsprinzip.
Demgemäß stellt sie Kreons Anordnungen, die nur temporäre Relevanz besitzen,
genauso wie seine Position als Herrscher generell in Frage (450ff.), indem sie
Kreon nicht wie der Chor als basileùs, also als rechtmäßigen König, sondern als
strategòn (8), d.h. als Feldherr bzw. als Mann des Krieges (und nicht der Stadt)
bezeichnet7.
Konkret rebelliert sie gegen das Bestattungsverbot, das Kreon gegen ihren toten
Bruder Polyneikes verhängt hat, und führt ihre Überzeugungen von der Heiligkeit
der Bestattungsbräuche sowie von der Dignität des Grabes ins Feld:
Antigone sieht im Grab als das letzte Menschenrecht, da nach griechischem Glau-
ben erst durch die rituelle Bestattung sowie die Grabbeigaben die Ruhe des Todes
gesichert sei. Denn die Seelen der Toten können zwar auch unbestattet in den Hades
gelangen, allerdings müßten sie dann ruhelos umherirren. Eine verweigerte Bestat-
tung bedeutet demzufolge nichts geringeres als eine Miasma (religiöser Frevel), das
auch die Rache des Unbestatteten aus dem Hades nach sich zieht: "Ein Leben ehr-
3
furchtlos ins Grab verbannt, / Und einen vorenthältst den Göttern drunten, / Ent-
weiht, entheiligt, ohne Grab, den Toten!" (1069ff.).
Was Polyneikes′ Position als Vaterlandsverräter betrifft, so darf er nach dem atti-
schen Gesetz des 5. Jahrhunderts zwar nicht in attischer Erde bestattet werden, da
seine Gebeine die attische Erde nicht beschmutzen sollten. Trotzdem besteht aber
auch für Staatsfeinde die unbedingte Pflicht zur Bestattung, da diese nicht nur ein
allgemein menschliches Gebot als Pflicht vor dem Verstorbenen und seiner Familie
darstellt, sondern auch religiöses Gebot, eingefordert von den Chthonioi: "Und
dennoch fordert Hades gleiches Recht." (519).8
Ferner bezeichnet Antigone das Grab als Ehre. Polyneikes eben diese zu retten,
sieht sie demnach als Teil ihrer Mission:
"Gab Kreon nicht dem einen unsrer Brüder / Des Grabes
Ehr′ und weigert sie dem andern?" (21f.);
"Die
Blutsverwandten
ehren schändet nicht." (511);
"Und doch, wer klug ist, lobt, daß ich dich
[= Polyneikes] ehrte." (904).
Neben den chthonischen Gewalten nimmt auch die Philia einen hohen Stellenwert
in Antigones Denken ein: Der Philia liegt die Heiligkeit des gemeinsamen Blutes
zugrunde, das Antigone - im Gegensatz zum Eros - unlösbar bindet und verpflichtet
(Vgl.: Gedanke der Blutsverwandtschaft: 1, 511).
[Zumal Antigone mit Haimon wohl noch nicht einmal Eros verbindet, da es bei den
Griechen üblich war, daß der Mann seine Frau auswählte, aber nicht umgekehrt.
Deshalb bedauert Antigone zwar, daß sie nun generell keine Hochzeit mehr feiern
könne, jedoch nicht konkret ihre entgangene Hochzeit mit Haimon (813f., 876f.,
917f.).9]
Auch Antigones Argumentation, ein Bruder sei nach dem Tod beider Eltern (904ff.)
unersetzlich und seine Ehre rechtfertige das größte Opfer, entspringt dieser Vorstel-
lung von der Philia. Nicht persönliche Liebe ist es, die Antigone mit Polyneikes
über den Tod hinaus verbunden fühlen läßt, als vielmehr jene Philia und die damit
einhergehenden Forderungen der Götter an sie als nächste Angehörige.
Antigone konzentriert sich ausschließlich auf das auf Philia basierende Verhältnis
zu ihrem Bruder und fühlt sich deshalb konkret in ihrer Rolle als Schwester heraus-
gefordert: "Mitlieben, nicht mithassen ist mein Teil." (523).
Die Ansprüche der Götter sowie des toten Polyneikes gegenüber sie wiegen für
Antigone schwerer als das herrschende Verbot und die damit verbundenen Sank-
tionen: "Er [= Kreon] darf mich von den Meinen doch nicht trennen." (48). Anti-
gone erachtet ihre Mission als erfüllt, wenn ihre Familie wieder in Philia vereinigt
ist, was jetzt nur noch im Hades möglich ist.10
4
Gemäß dem griechischen Bestattungsritus sind die lebenden Familienmitglieder zur
Bestattung verpflichtet. Während dabei die eigentliche Bestattung traditionell im
Aufgabenbereich der Männer ist, obliegt die Totenklage sowie die Herrichtung des
Leichnams den Frauen. Als nächster männlicher Verwandter der Oidipus-Familie
wäre also Kreon gefordert, Polyneikes zu bestatten. Da dieser sich jedoch weigert,
nimmt sich Antigone der eigentlich männlichen Bestattungspflicht an und übertritt
damit die Grenze weiblichen Verhaltens.11
Dennoch reklamiert Antigone die volle Öffentlichkeit für ihre Bestattungstat, ja
fordert geradezu deren Ausrufung: "Nein, laut verkünden sollst du [= Ismene]′s
allen Leuten" (86). Antigone rühmt sich trotz des überschrittenen Verbots ihrer Tat
und ist stolz auf sie. Sie wiederholt sie sogar, nicht auf die Gefahr, sondern
vielmehr auf das Ziel hin, überführt zu werden. Dies läßt sich damit begründen, daß
sie ihre Tat öffentlich bekannt wissen und gleichzeitig die Überlegenheit ihres
Anspruchs demonstrieren will.12 Aus dem gleichen Grund gesteht - oder besser
gesagt - bekennt Antigone Kreon ohne Ausflüchte und ohne Zögern ihre
zweimalige Täter-schaft: "Ich sage, daß ich′s tat und leugne nicht." (443).
Und auch auf Kreons Rückfrage, ob sie denn um das Bestattungsverbot gewußt
habe (446f.), erklärt Antigone - ganz Überzeugungstäterin - freimütig und unum-
wunden ihre Vorsätzlichkeit und erwidert mit aller Entschiedenheit: "Ich wußt′ es
allerdings, es war doch klar!" (448), um sogleich eine wohlüberlegte, stichhaltige
und ausführliche Legitimation ihrer Tat anzuschließen:13
"Der das verkündete, war ja nicht Zeus, / Auch Dike in der
Totengötter Rat / Gab solch Gesetz den Menschen nie.
So groß / Schien dein Befehl mir nicht, der sterbliche, /
Daß er die ungeschriebnen Gottgebote, / Die wandellosen,
konnte übertreffen. / Sie stammen nicht von heute oder
gestern, / Sie leben immer, keiner weiß, seit wann. / An
ihnen wollt′ ich nicht, weil Menschenstolz / Mich schreckte,
schuldig werden vor den Göttern." (450ff).
Was Antigone grundsätzlich von Kreon genauso wie von Ismene, dem Wächter
oder dem Chor, die auf veränderte Situationen reagieren, unterscheidet, ist ihre Ent-
schlossenheit und Geradlinigkeit. Allein Antigone hält an ihrem Ziel, Polyneikes zu
bestatten und dafür ihr Leben zu lassen, in allen Situationen fest.
Dabei begreift Antigone bereits vor dem Bestattungsverbot Kreons den Tod als
Befreiung von ihrem Leiden, das das Unheil ausgelöst hat, das über ihre Familie
gekommen ist. Antigone hängt also nicht an diesem ihrem Leben, zumal sie
sowieso um dessen Zeitlichkeit bzw. Vergänglichkeit weiß und zumal sie sich ihren
toten Verwandten - nämlich Vater, Mutter und den beiden Brüdern - näher fühlt als
den lebenden Menschen:
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