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Die geographischen, politischen und sozialen, unmittelbaren sowie mittelbaren Dimensionen der Rheinkrise

Intermediate Diploma Thesis, 1997, 42 Pages
Author: Evi Goldbrunner
Subject: History - 19. Century

Details

Category: Intermediate Diploma Thesis
Year: 1997
Pages: 42
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 14  Entries
Language: German
Archive No.: V89288
ISBN (E-book): 978-3-638-02643-7
ISBN (Book): 978-3-638-92558-7
File size: 170 KB

Abstract

Mit der Orientkrise und der daraus resultierenden Rheinkrise von 1840 war eine bislang beispiellose Eruption eines Nationalismus in Frankreich, vor allem aber auch die Entwicklung nationaler Identität und Solidarität innerhalb des Deutschen Bundes verknüpft. Eine erstmals regelrechte deutsche Nationalbewegung, eine Woge patriotischer Erregung und Entrüstung als Reaktion auf die anti-deutsche Nationalpolitik Frankreichs begann die noch unabhängigen deutschen Einzelstaaten zu durchziehen. Diese machten sich die Öffentlichkeit wie die Politik gleichermaßen zu ihrer Sache und verhalfen damit, wie es Rudolf Buchner formulierte, dem "modernen Nationalismus in Deutschland" zum "Durchbruch". Die Relevanz der Rheinkrise geht über die engeren Ursachen ihrer Entstehung hinaus; sie stellt kein bloßes Kapitel in der Geschichte deutsch-französischer Spannungen dar, sondern steht für den Beginn der Entwicklung eines nationalen Bewußtseins im Deutschen Bund, einer deutschen Idee eines modernen, integralen und organisierten Kulturnationalismus, dessen eigentliche Wurzeln wie auch Folgewirkungen weit über diesen neuerlichen Rheinkonflikt hinausreichen. Im folgenden werden ausgehend von der Orientkrise als der geographischen Wurzel und als der äußerlichen, (national-)politischen Motivierung der Rheinkrise sowie ihren tieferen, sozialen und (innen-)politischen, Voraussetzungen das veränderte deutsch-französische Verhältnis, die Entstehung einer nationalpolitischen Öffentlichkeit (Rheinliedbewegung / Männergesangsvereine; Turnvereine; religiöse Reformbestrebungen; nationale Gedenkfeiern; (Wieder-)Errichtung nationaler Denkmäler bzw. Bauten; nationale Mythosbildung; nationale Geschichtsschreibung) und das neue nationale Politikverständnis als der Rheinkrise immanente Konsequenzen vorgestellt. Hierbei soll auch die Frage beschäftigen, inwieweit die verschiedenen Komponenten unmittelbaren Einfluß auf die Rheinkrise ausgeübt, also ihr immanent waren bzw. ursächlich von ihr angeregt wurden oder aber lediglich mittelbar durch sie zum Ausbruch kamen bzw. okkasionell von ihr beeinflußt wurden.


Excerpt (computer-generated)

LMU

München

Wintersemester

1996/97

Institut für Neuere Geschichte

H a u s a r b e i t

Die geographischen, politischen und sozialen,

unmittelbaren sowie mittelbaren

Dimensionen der Rheinkrise

in ihren Bedingungen und Konsequenzen

Verfasserin:

Evelyn

Goldbrunner

Proseminar:

Konservativismus

und

nationale

Bewegung im 19. Jahrhundert


Inhaltsverzeichnis:

I. DIE BEDINGUNGEN DER RHEINKRISE

3

1. Die Orientkrise als geographische Wurzel sowie als äußerliche, national- politische Motivierung

der Rheinkrise

3

2. Die tieferen, sozialen und (innen-)politischen, Voraussetzungen der Rheinkrise

6

II. DIE KONSEQUENZEN DER RHEINKRISE

8

1. Das veränderte deutsch-französische Verhältnis als der Rheinkrise inhärentes, geistig-soziales

Resultat

8

2. Die Entstehung einer nationalpolitischen Bewegung als unmittelbare praktisch-materielle

Auswirkung

12

3. Das neue nationale Politikverständnis als mittelbar theoretische Folge

17

ANMERKUNGEN:

23

ANHANG

31

LITERATURVERZEICHNIS:

39

1


Mit der Orientkrise und der daraus resultierenden Rheinkrise von 1840 war eine

bislang beispiellose Eruption eines Nationalismus in Frankreich, vor allem aber auch

die Entwicklung nationaler Identität und Solidarität innerhalb des Deutschen Bundes

verknüpft. Eine erstmals regelrechte deutsche Nationalbewegung, eine Woge

patriotischer Erregung und Entrüstung als Reaktion auf die anti-deutsche

Nationalpolitik Frankreichs begann die noch unabhängigen deutschen Einzelstaaten

zu durchziehen. Diese machten sich die Öffentlichkeit wie die Politik gleichermaßen

zu ihrer Sache und verhalfen damit, wie es Rudolf Buchner formulierte, dem

"modernen Nationalismus in Deutschland" zum "Durchbruch".1

Die Relevanz der Rheinkrise geht über die engeren Ursachen ihrer Entstehung

hinaus; sie stellt kein bloßes Kapitel in der Geschichte deutsch-französischer

Spannungen dar, sondern steht für den Beginn der Entwicklung eines nationalen

Bewußtseins im Deutschen Bund, einer deutschen Idee eines modernen, integralen

und organisierten Kulturnationalismus, dessen eigentliche Wurzeln wie auch

Folgewirkungen weit über diesen neuerlichen Rheinkonflikt hinausreichen.

Im folgenden sollen nun ausgehend von der Orientkrise als der geographischen

Wurzel und als der äußerlichen, (national-)politischen Motivierung der Rheinkrise

sowie ihren tieferen, sozialen und (innen-)politischen, Voraussetzungen das

veränderte deutsch-französische Verhältnis, die Entstehung einer nationalpolitischen

Öffentlichkeit (Rheinliedbewegung / Männergesangsvereine; Turnvereine; religiöse

Reformbestrebungen; nationale Gedenkfeiern; (Wieder-)Errichtung nationaler

Denkmäler bzw. Bauten; nationale Mythosbildung; nationale Geschichtsschreibung)

und das neue nationale Politikverständnis als der Rheinkrise immanente

Konsequenzen vorgestellt werden.

Hierbei soll auch die Frage beschäftigen, inwieweit die verschiedenen Komponenten unmittelbaren

Einfluß auf die Rheinkrise ausgeübt, also ihr immanent waren bzw. ursächlich von ihr angeregt

wurden oder aber lediglich mittelbar durch sie zum Ausbruch kamen bzw. okkasionell von ihr

beeinflußt wurden.

2


I. Die Bedingungen der Rheinkrise

1. Die Orientkrise als geographische Wurzel sowie als äußerliche,

national-politische Motivierung der Rheinkrise

Bereits seit der Besitznahme Algeriens Ende der 1820er Jahre bekundete Frankreich

sein starkes Interesse an den Entwicklungen in Nord-Afrika und am Mittelmeer, das

seit der Julirevolution 1830 in eine expansive Mittelmeerpolitik mündete, während

seine wirtschaftlichen Bestrebungen insbesondere dem Handel in Griechenland,

Spanien sowie den afrikanischen und pazifischen Märkten galten.

Das seit den 1830ern im inneren und äußeren Zerfall befindliche Osmanische Reich,

der "kranke Mann am Bosporus", wie es damals auch genannt wurde, bot für

Frankreich nun die Gelegenheit, seinerseits ein nordafrikanisches Kolonialreich zu

errichten. Um die Herrschaft des Sultans Mahmud II. zu untergraben, unterstützte

und ermunterte es - in der Tradition Napoleons - den seit Frühjahr 1839 neuerlich

nach Unabhängigkeit strebenden, halbsouveränen Vasallen Mahmuds II., Mehmed

Ali von Ägypten bei seinen Agitationen, die Oberhoheit des Sultans abzuschütteln

und die Herrschaft über die Hohe Pforte zu usurpieren. Das französische Kabinett

unter Adolphe Thiers, einem Politiker des linken Zentrums, spekulierte darauf,

Mehmed Ali als Bundesgenossen, militärischen Partner oder eventuell als künftigen

Vasallen gewinnen zu können, um seinen algerischen Besitz zu sichern, seine

Herrschaft auf die süd-östlichen Küsten des Mittelmeeres auszudehnen sowie

langfristig die nordafrikanische Gegenküste zu vereinnahmen und Positionsvorteile

gegenüber seinem Mittelmeer-Rivalen England zu erlangen. In seiner Vision eines

großarabischen Reiches, aber auch die militärische Stärke Mehmet Alis über- sowie

die Verständigungsbereitschaft zwischen Rußland und England trotz aller

Warnungen seines Londoner Botschafters Guizot unterschätzend, erklärte

3


Frankreich schließlich im März 1840 die ägyptischen Absichten zur nationalen

Prestigefrage.

Neben den europäischen Ostmächten Rußland, das seine Kontrolle über den

Bosporus gesichert wissen wollte, Österreich als dem Verfechter des

"Metternich′schen Systems" der Legitimität und Balance und dem im Schlepptau

Österreichs befindlichen Preußen solidarisierte sich mit England, das seine

imperialen Verbindungslinien besonders nach Indien gefährdet sah, aber auch

Frankreichs zuvoriger Bündnispartner in der Quadrupelallianz mit dem Sultan und

damit gegen Mehmed Ali und Frankreich. Nachdem die englische Flotte Mehmed

Ali zur Räumung des von ihm besetzten Syriens sowie zur Kapitulation genötigt

hatte, fanden sich die Vertreter Englands, Österreichs, Rußlands, Preußens und

Konstantinopels am 15. Juli 1840 in London ein, um unter der Federführung Henry

Palmerstons - und unter dem bewußten Ausschluß Frankreichs - den Vertrag zur

Befriedung der Levante zu unterzeichnen. Indem durch die Zusage, das Osmanische

Reich unter der gegenwärtigen Dynastie zu erhalten und den Beschluß, Mehmed

Alis erbliche Herrschaft über Ägypten (sowie das Paschalik Akkon) an die

Räumung Syriens zu binden, ohne französische Beteiligung die Voraussetzungen für

die Befriedung des Nahen Ostens geschaffen sowie im September 1840 militärisch

durchgesetzt (förmliche Absetzung Mehmet Alis durch den Sultan; Intervention

englischer, russischer und österreichischer Kräfte in Syrien; Einnahme Beiruts)

wurden, sah sich Frankreich bei einer Entscheidung von weltpolitischer Dimension

diplomatisch ausgeschaltet.

Die französische Öffentlichkeit empfand diese politische Isolierung als bittere

Niederlage, als tiefe Erniedrigung und Demütigung der Nationalehre, als

"diplomatisches Waterloo" bzw. als Konsequenz der auf Konsolidierung und

Befriedung basierenden Politik Louis Philippes sowie als Sieg der Reaktion über

Frankreichs revolutionäre Missionsidee, sich der "civilisation" und dem geistigen

wie auch politischen Fortschritt der Menschheit zu verpflichten. Besonders England

warf sie den Verrat an Frankreich vor, da sie damit die "Bonne Entente"

4


aufgekündigt habe. In einer großangelegten Propaganda wurde der Ruf nach

Wiederherstellung der nationalen Ehre sowie nach einer offensiven Nationalpolitik

laut: Frankreich forderte die Aufhebung, die - aus französischer Sicht - "Korrektur"

des Friedenswerkes von 1815, also die Revision des Status quo zugunsten seiner

republikanisch revolutionären Ideen. Quasi als "Kompensation" für die erlittene

Schmach konzentrierte es sich, in einem plötzlichen Wechsel bzw. einer

Verkoppelung des Expansionsziels, fortan auf die Rückgewinnung des linken

Rheinufers als der natürlichen Ostgrenze. Der Rhein wurde für Frankreich - in

seinem ungebrochenen Selbstverständnis als "grande nation" - zum magischen

Schlagwort und zum Maßstab der Hegemonie in Europa.

Die außenpolitische Kompromittierung durch den Londoner Vertrag sowie die

Rheinforderungen ließen in Frankreich, geschürt durch die publizistische Kampagne

der französischen Presse sowie fast aller Blätter der Regierung, der Legitimisten

sowie der radikalen Republikaner, eine Kriegsstimmung, vor allem gegen den

Deutschen Bund, entfachen. Die offene Kriegsbereitschaft übte - gefördert durch die

sich entwickelnde Eigendynamik der öffentlichen Meinung - einen enormen Druck

auf die französische Regierung aus, dem diese schließlich Ende Juli 1840 mittels

verschiedener Rüstungsmaßnahmen nachgab, die durch außerordentliche Kredite

königlicher Ordonnanzen finanziert wurden und bis zum Frühjahr 1841

abgeschlossen sein sollten (Einberufung von vier Jahrgängen bei Umgehung der

Kammern; Vermehrung des Kriegsmaterials der Flotte; Instandsetzung der

elsäßischen und lothringischen Festungen; Zusammenziehung von Militärlagern im

Elsaß und in den Alpen; Baubeginn der Befestigung von Paris). Während Thiers,

der sich durch die Rüstungen innen- wie außenpolitische Profilierung versprach,

zwar den Krieg nicht ernsthaft in Erwägung zog, wohl aber mit zusätzlichen

Rüstungsmaßnahmen weiterhin provozieren wollte, lehnte Louis Philippe, der sich

von den Rüstungen lediglich eine Stärkung der Monarchie im Inneren erhoffte,

jegliche kriegerische Auseinandersetzungen und damit auch die neuerlichen

Rüstungspläne Thiers′ strikt ab2. Die unterschiedlichen militärischen Auffassungen

5


zwischen Minister und König führten schließlich am 20. Oktober zur Ablösung des

Kabinetts Thiers durch Guizot.3

2. Die tieferen, sozialen und (innen-)politischen, Voraussetzungen der

Rheinkrise

Der plötzliche Einbruch gesamtnational-solidarischer Leidenschaften hinsichtlich

der Verteidigung des linken Rheinufers kann in einem zuvor partikularistischen

Deutschen Bund allerdings nur vor dem Hintergrund der sozialen und politischen

Lage in den Einzelstaaten erklärt werden:

Im sozialen Bereich förderten etwa die verbesserte Elementarbildung oder das

expandierte staatliche Schulwesen eine allgemeine Bewußtseinserweiterung; die

fortschreitende Nationalisierung des Binnenmarktes, der Ausbau des Verkehrsnetzes

oder die erhöhte räumliche und berufliche Mobilität hingegen die Entwicklung einer

spezifisch nationalpolitischen Gesinnung.4

Neben dem bloßen nationalen bzw. politischen Bewußtsein entstand zu dieser Zeit

aber auch eine Radikalisierung, deren zwei Ausprägungen intellektueller (Georg

Wilhelm Friedrich Hegel, junger Karl Marx) bzw. - zum bis dato ersten Mal auch -

volkstümlicher (Friedrich Hecker, Robert Blum, Johann Jakoby) Art waren.

Zur steigenden Bereitschaft, sich oppositionspolitisch zu engagieren, bzw. zum

politischen Radikalismus trug zum einen die schlechte sozioökonomische Situation

innerhalb des Deutschen Bundes seit dem Beginn der Industriellen Revolution bei:

Besonders in den Städten wuchs die Unzufriedenheit über die vorherrschende

Armut, wobei sich das radikale Potential vor allem bei den Studenten der

Universitäten und Polytechnischen Anstalten sowie bei jungen Akademikern rapide

erhöhte, da es um deren Berufsaussichten aufgrund des fehlenden Ämter- bzw.

Stellenangebotes äußerst schlecht bestellt war.5 Zum anderen lagen diese

6



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