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Die "displaced person" Ruth Klüger

Subtitle: Suche nach einer Heimat in "weiter leben"

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 30 Pages
Author: Eva Kühl
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2006
Pages: 30
Grade: 2,0
Bibliography: ~ 19  Entries
Language: German
Archive No.: V89364
ISBN (E-book): 978-3-638-02670-3

File size: 127 KB

Abstract

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit Ruth Klügers Autobiografie „weiter leben. Eine Jugend“ und mit der Frage, ob die Autorin, deren Lebensumstände sich immer wieder drastisch verändern, irgendwo eine Heimat hat, oder ob sie ihr Leben lang eine „displaced person“ ist, wie sie in der Zeit kurz nach der Gefangenschaft im KZ bezeichnet wird. Zunächst wird ein einführender Überblick über unterschiedliche Definitionen des Heimat-Begriffs gegeben. Dabei wird der Begriff in drei Kategorien geteilt, die jeweils Konstituenten für Heimat sein können, nämlich Orte, Gemeinschaften und Sprache. Aufbauend auf die theoretische Grundlage werden dann einzelne Elemente in Ruth Klügers Autobiografie als mögliche Heimat diskutiert. Ziel der Arbeit ist es, die Frage nach einer Heimat zu klären bzw. zu zeigen, warum keine der untersuchten Möglichkeiten eine Heimat sein kann.


Excerpt (computer-generated)

Institut für deutsche Sprache und Literatur der Universität zu Köln

,,Autobiografien des 20. Jahrhunderts"

Sommersemester 2006

Die ,,displaced person" Ruth Klüger ­

Suche nach einer Heimat in "weiter leben"

Eva Kühl

Abgabedatum: 28.6.2006


1. Einleitung: Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit______________________________ 3

2. Der Begriff ,,Heimat"______________________________________________________ 4

2.1. Orte als Heimat ____________________________________________________________ 5

2.2. Gemeinschaften als Heimat___________________________________________________ 6

2.3. Sprache als Heimat _________________________________________________________ 7

3. Möglichkeiten einer Heimat in ,,weiter leben" __________________________________ 8

3.1. Orte ______________________________________________________________________ 9

3.1.1. Wien und Österreich ____________________________________________________________ 10

3.1.2. Die Lager_____________________________________________________________________ 11

3.1.3. Deutschland ___________________________________________________________________ 14

3.1.4. Amerika ______________________________________________________________________ 17

3.2. Gemeinschaften ___________________________________________________________ 18

3.2.1. Familie_______________________________________________________________________ 19

3.2.2. Die Juden _____________________________________________________________________ 22

3.3. Sprache __________________________________________________________________ 24

4. Fazit __________________________________________________________________ 27

Literatur _________________________________________________________________ 28

2


1. Einleitung: Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit

Der Begriff der ,Heimat′ wird viel diskutiert und auf sehr unterschiedliche Arten definiert.

Eine besondere Bedeutung fällt der Frage nach Heimat in der Literatur häufig dann zu, wenn

die Heimat verloren scheint. Bei der Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln und der Suche

nach heimatlichen Gefühlen muss sich bewusst gemacht werden, welche Umstände

Voraussetzung für eine Heimat sein können.

In der autobiografischen Literatur des 20. Jahrhunderts wird das Problem der Heimatlosigkeit

bzw. des Heimatverlustes oft thematisiert. Auch bei Ruth Klügers Autobiografie ,,weiter

leben. Eine Jugend"1 stellt sich die Frage, ob die Autorin, deren Lebensumstände sich immer

wieder drastisch verändern, irgendwo eine Heimat hat, oder ob sie ihr Leben lang eine

,,displaced person" ist, wie sie in der Zeit kurz nach der Gefangenschaft im KZ bezeichnet

wird.

In der vorliegenden Arbeit soll zunächst ein einführender Überblick über unterschiedliche

Definitionen des Heimat-Begriffs gegeben werden. Dabei wird der Begriff in drei Kategorien

geteilt, die jeweils Konstituenten für Heimat sein können, nämlich Orte, Gemeinschaften und

Sprache. Aufbauend auf die theoretische Grundlage werden dann einzelne Elemente in Ruth

Klügers Autobiografie als mögliche Heimat diskutiert. Ziel der Arbeit ist es, die Frage nach

einer Heimat zu klären bzw. zu zeigen, warum keine der untersuchten Möglichkeiten eine

Heimat sein kann.

1 Klüger, Ruth: weiter leben. Eine Jugend. 13. Auflage. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2005.

(im Folgenden abgekürzt ,,WL")

3


2. Der Begriff ,,Heimat"

Bei dem Versuch, eine konkrete Definition von ,Heimat′ zu formulieren, stößt man schnell

auf Schwierigkeiten. Viele unterschiedliche Dimensionen bestimmen den Begriff, nicht

zuletzt eine große Emotionalität und eine meist sehr subjektive Sichtweise. ,Heimat′ lässt sich

in kaum eine andere Sprache übersetzen, ohne dass ein Teil der Bedeutung verloren geht.

Weiterhin können sehr unterschiedliche Dinge, Menschen und Erfahrungen Einfluss auf das

persönliche Heimatgefühl haben.

,,Heimat als Objekt der Betrachtung läßt sich nicht aus sich heraus erklären, sondern

nur durch die Zuhilfenahme von Bezugskategorien, durch die Heimat gewissermaßen

erst erfahren wird, durch die der Begriff Heimat seine reale Füllung erhält."2

,Heimat′ ist demnach kein einfaches Ganzes, sondern ein ,,vielsträngig[es] [...]

Beziehungsgefüge [...], dessen Synthese Heimat genannt wird"3. Um der Gesamtheit des

Heimat-Begriffs näher zu kommen, bietet es sich also an, die einzelnen Konstituenten des

Begriffs zu betrachten. Was aber sind diese Bezugskategorien?

,,

Heimat

, subjektiv von einzelnen Menschen oder kollektiv von Gruppen, Stämmen,

Völkern, Nationen erlebte territoriale Einheit, zu der ein Gefühl besonders enger

Verbundenheit besteht. Im allgemeinen Sprachgebrauch ist [Heimat] zunächst auf den

Ort [...] bezogen, in den der Mensch hineingeboren wird, wo die frühen

Sozialisationserlebnisse stattfinden"4.

In dieser kurzen Definition von Heimat finden sich bereits wichtige Bestandteile des Begriffs,

nämlich der Bezug zum Herkunftsort und ein Gefühl der Verbundenheit, das häufig mit

anderen Menschen geteilt wird. Betrachtet man den Heimat-Diskurs der letzten Jahrzehnte,

stößt man immer wieder auf diese Themen.

Bei der Bezeichnung dieser unterschiedlichen Formen von Heimat beziehe ich mich auf

Andrea Bastian5. Sie geht von zwei bestimmenden Faktoren aus, die sie als ,,Territorium" und

,,Gemeinschaft" bezeichnet, aus welchen sich wiederum eine ,,räumliche" und eine ,,soziale"

Kategorie von Heimat-Begriffen konstituieren6. Darüber hinaus werde ich in dieser Arbeit

eine weitere Trennung vornehmen und eine dritte Kategorie von Heimat anführen, nämlich

die der Sprache. Zwar berücksichtigt auch Andrea Bastian diesen Aspekt, ordnet die Sprache

2 Greverus, Ina Maria: Der territoriale Mensch. Ein literaturanthropologischer Versuch zum Heimatphänomen.

Frankfurt/Main: Athenäum Verlag 1972. S.31.

3 ebd.

4

Heimat

. In: Der Brockhaus in fünfzehn Bänden. 2., durchges. und aktual. Auflage. Band 6. Mannheim: F.A.

Brockhaus, 2001,2002. S.161.

5 Bastian, Andrea: Der Heimat-Begriff. Eine begriffsgeschichtliche Untersuchung in verschiedenen

Funktionsbereichen der deutschen Sprache. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 1995.

6 vgl. Bastian, Andrea: Der Heimat-Begriff. S.218.

4


jedoch zusammen mit Dingen wie Traditionen, Bräuchen und Ritualen als

,,gemeinschaftstiftende Faktoren"7 der sozialen Heimat-Kategorie zu. Ihrer Meinung nach

meint ,,das gemeinschaftliche Element der sozialen Kategorie [...] eine besonders enge

Verbundenheit zwischen zwei oder mehreren Individuen"8. Die Sprache kann jedoch auch

losgelöst von einer Sprachgemeinschaft zu einer Form von Heimat werden, gerade wenn, wie

im Fall von Ruth Klüger, das Land der Muttersprache zum Feindesland wird9. Es handelt sich

bei der Sprachheimat also um eine Form von Heimat, die sich weder an einen Ort noch an

andere Personen knüpfen muss, sondern eine emotionale Bindung allein an die Sprache

herstellen kann. Aus diesem Grund ist die Sprache als dritte Kategorie des Heimat-Begriffs

von den Kategorien ,Orte′ und ,Gemeinschaften′ zu trennen.

2.1. Orte als Heimat

Die Definition von Heimat als Herkunftsort ist die wohl unproblematischste. Die

,,Vorstellung, daß durch Verwurzelung am heimatlichen Ort dem Ich eine stabile Identität

verliehen wird"10, ist eine grundlegende Deutung des Begriffs. Bestandteile der Heimat als

Ort sind der eigene Wohnraum und die landschaftliche Umgebung11. Auch die

Gemeinschaften und die Muttersprache, die eine Art von Heimat sein können, sind in

gewisser Weise am Heimatort verwurzelt. Zwar kann man Menschen und Sprachen

mitnehmen an andere Orte, doch ihre Ursprünge liegen meist an einem bestimmten Platz, am

Herkunftsort, am Geburtsort, am Heimatort. Insofern ist der Ort die Basis jeglichen

Heimatgefühls. Das Bewusstsein darüber entsteht jedoch häufig erst dann, wenn man diesen

Ort verlässt, freiwillig oder unter Zwang. So ist es nicht verwunderlich, dass viele Gedanken

über die Bedeutung des Heimatortes von denjenigen formuliert wurden, die, wie auch Ruth

Klüger, in eine Heimatlosigkeit geraten und damit ,,entborgen"12 sind.

Um ein Gefühl von Heimat zu haben, ist die Bindung an einen bestimmten Ort wichtig, auch

wenn man den Ort selbst verlässt und seine Heimat in anderen Dingen wie z.B. einer Kultur

sucht bzw. suchen muss. Nach Jean Améry kann ,,ein kultureller Internationalismus nur im

7 Bastian, Andrea: Der Heimat-Begriff. S.40.

8 ebd. S.59.

9 vgl. Kapitel 3.3.

10 Ecker, Gisela: ,Heimat′: Das Elend der unterschlagenen Differenz. In: Ecker, Gisela (Hrsg.): Kein Land in

Sicht. Heimat ­ weiblich? München: Wilhelm Fink Verlag 1997. S.18.

11 vgl. Bastian, Andrea: Der Heimat-Begriff. S.25.

12 Améry, Jean: Wieviel Heimat braucht der Mensch? In: Améry, Jean: Jenseits von Schuld und Sühne.

Bewältigungsversuche eines Überwältigten. 2. Auflage. Stuttgart: Klett 1980. S. 80.

5


Erdreich nationaler Sicherheit recht gedeih[en]"13, das heißt jeder braucht sein Heimatland,

um sich in der Welt zurechtzufinden und sich auch anderswo sicher zu fühlen, oder kurz:

,,Man muß Heimat haben, um sie nicht nötig zu haben"14. Somit ist eine Bindung an den

Herkunftsort die Voraussetzung für eine selbstbewusste Identität als Basis für das ganze

Leben. Man muss nicht an seinem Heimatort bleiben, braucht ihn aber als reale oder

theoretische Rückzugsmöglichkeit. So kann der Ort auch nur eine gedankliche Rolle im

Heimatgefühl spielen; Heimat ist demnach ,,kein statischer, sondern nur ein dynamischer

Begriff [...], kein Standort im Sinne eines Ruhe- sondern im Sinne eines Bezugspunktes"15.

Da das Leben an einem Ort üblicherweise eng mit der dort lebenden Bevölkerung verknüpft

ist, fließen die Grenzen zwischen einer an den Ort gebundenen und einer gemeinschaftlichen

Heimat ineinander. Das sieht man auch bei der Definition von Ina-Maria Greverus. Sie

benutzt die Bezeichnung ,,Territorium" und vergleicht den Menschen auf dieser Basis mit den

Tieren16. Bei beiden sei ein natürliches Bedürfnis nach Raum vorhanden, welchem ,,ein

Sicherheitsbedarf inhärent [sei], der seine Abdeckung im ,Heim′"17 finde. Der ursprüngliche

Inhalt definiert demnach Heimat als ,,konkrete[n] Schutzraum"18. Das meint zunächst einen

Raum, der Mensch und Tier vor konkreten Gefahren schützt. Beim Menschen geht jedoch das

Bedürfnis nach Sicherheit über den physischen Sicherheitsaspekt hinaus und bezieht die

soziale Umwelt mit ein. ,Heimat′ spricht also nicht nur ,,über das Woher und das Wohin des

Menschen"19, sondern auch über das ,Mit wem′.

2.2. Gemeinschaften als Heimat

Der von Greverus angeführte Begriff ,,Territorium" meint über den konkreten Raum hinaus

auch einen ,,sozio-kulturell gegliederte[n] Raum"20, der dem Menschen

,,Verhaltenssicherheit"21 bietet. Auf dieser Ebene der Heimat-Definition spielt der Begriff

,Identität′ eine große Rolle. Die Identität eines Menschen wird nicht zuletzt durch ,,soziale[...]

13 Améry, Jean: Wieviel Heimat braucht der Mensch? S.81.

14 ebd.

15 Clement, Hans-Jörg: Die Sehnsucht nach Heimat als Vorwegnahme der nationalen Frage. In: Langguth, Gerd

(Hrsg.): Die Intellektuellen und die nationale Frage. Frankfurt/Main: Campus 1997. S.254.

16 vgl.: Greverus, Ina-Maria: Der territoriale Mensch. S.23ff.

17 ebd.

18 ebd. S.31.

19 Clement, Hans-Jörg: Die Sehnsucht nach Heimat. S.256.

20 Greverus, Ina-Maria: Der territoriale Mensch. S.53.

21 ebd.

6



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