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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2007, 25 Pages
Author: Eva Kühl
Subject: German Studies - Linguistics
Details
Institution/College: University of Cologne (Institut für deutsche Sprache und Literatur)
Tags: Bedeutungen, Bedeutungsvarianten, Funktionen, Modalverben, Sicht, Bedeutung, Semantik, Pragmatik
Year: 2007
Pages: 25
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 14 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-03054-0
File size: 159 KB
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Abstract
Im Rahmen des Hauptseminars „Von Bedeutung“ möchte ich in der vorliegenden Arbeit die Modalverben sollen und wollen und ihre verschiedenen Bedeutungen bzw. Bedeutungsvarianten untersuchen. Dabei soll es nicht nur um semantische Unterschiede in den Verwendungsweisen gehen, sondern auch um die pragmatische Funktion der Modalverben im Bezug auf Sprechakte. Zunächst werde ich einige Ansätze zur Klassifizierung verschiedener Lesarten vorstellen. Anschließend folgt ein Überblick über die Gemeinsamkeiten und Berührungspunkte der behandelten Modalverben sollen und wollen, in dem auch die Wahl für gerade diese beiden begründet wird. Außerdem wird hier der epistemische Gebrauch der Verben gemeinsam behandelt, da die Verwendung sich bei beiden sehr ähnlich ist. Der größte Teil der Arbeit wird sich dann aus semantischer Sicht mit der Betrachtung der unterschiedlichen nicht-epistemischen Verwendungsweisen beschäftigen, zuerst derjenigen von sollen, anschließend der von wollen. Schließlich werde ich noch auf die Frage eingehen, welche pragmatische Funktion Modalverben innerhalb von Sprechakten haben, genauer: ob sie die Illokution eines Sprechaktes beeinflussen oder verändern und ob sie als illokutionäre Indikatoren bezeichnet werden können. Bevor die unterschiedlichen Bedeutungen bzw. Bedeutungsvarianten konkret an den beiden Modalverben sollen und wollen erläutert werden, möchte ich hier zunächst einige Kategorisierungen vorstellen, die die verschiedenen Möglichkeiten zeigen, eine Äußerung und ihre aktuelle Bedeutung zu verstehen. Die grundlegende Überlegung von Kratzer (1978) besagt, dass die Bedeutung eines Satzes aus der jeweiligen Äußerungssituation heraus verstanden werden kann (vgl. Kratzer 1978: 10 f). Am Beispiel von müssen erklärt sie, dass es eine Art isoliertes „Bedeutungsskelett“ des Modalverbs gibt, das bei jeder Äußerung unverändert bleibt und durch „im Hinblick auf“-Phrasen in seiner aktuellen Bedeutung spezifiziert wird. Da man solche Phrasen im normalen Gespräch jedoch nicht verwendet, muss die Äußerungssituation die Ergänzung oder Spezifizierung zum Bedeutungsskelett liefern (vgl. 1978: 104): „Modalwörter verlangen für ihre Interpretation in einer Situation einen Redehintergrund.“ (1978: 110). Der Redehintergrund liefert die Basis, auf welcher eine Äußerung verstanden wird.
Excerpt (computer-generated)
Institut für deutsche Sprache und Literatur der Universität zu Köln
,,Von Bedeutung"
Sommersemester 2007
Bedeutungen, Bedeutungsvarianten und Funktionen
der Modalverben sollen und wollen
aus semantischer und pragmatischer Sicht
Eva Kühl
Abgabedatum: 29.10.2007
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Lesarten von Modalverben 4
3. Verwendungsweisen und Bedeutungsvarianten von
sollen
und
wollen
5
3.1. Gemeinsame Eigenschaften und Berührungspunkte 5
3.1.1. Epistemischer Gebrauch von
sollen
und
wollen
7
3.2. Sollen 8
3.2.1.
Sollen
in Aussagen über eigenes und fremdes Wollen 8
3.2.2. Imperativ und
sollen
in der 2. Person 11
3.2.3. Weitere Spezifizierungen im Gebrauch von
sollen
12
3.2.4 Zusammenfassung 13
3.3. Wollen 14
3.3.1. Zusammenfassung 17
4. Modalverben als illokutionäre Indikatoren 17
5. Fazit 23
6. Literatur 24
2
1. Einleitung
Im Rahmen des Hauptseminars ,,Von Bedeutung" möchte ich in der vorliegenden Arbeit die
Modalverben
sollen
und
wollen
und
ihre
verschiedenen Bedeutungen bzw.
Bedeutungsvarianten untersuchen. Dabei soll es nicht nur um semantische Unterschiede in
den Verwendungsweisen gehen, sondern auch um die pragmatische Funktion der Modalverben
im Bezug auf Sprechakte.
Zunächst werde ich einige Ansätze zur Klassifizierung verschiedener Lesarten vorstellen.
Anschließend folgt ein Überblick über die Gemeinsamkeiten und Berührungspunkte der
behandelten Modalverben
sollen
und
wollen
, in dem auch die Wahl für gerade diese beiden
begründet wird. Außerdem wird hier der epistemische Gebrauch der Verben gemeinsam
behandelt, da die Verwendung sich bei beiden sehr ähnlich ist.
Der größte Teil der Arbeit wird sich dann aus semantischer Sicht mit der Betrachtung der
unterschiedlichen nicht-epistemischen Verwendungsweisen beschäftigen, zuerst derjenigen
von
sollen
, anschließend der von
wollen
.
Schließlich werde ich noch auf die Frage eingehen, welche pragmatische Funktion
Modalverben innerhalb von Sprechakten haben, genauer: ob sie die Illokution eines
Sprechaktes beeinflussen oder verändern und ob sie als illokutionäre Indikatoren bezeichnet
werden können.
3
2. Lesarten von Modalverben
Bevor die unterschiedlichen Bedeutungen bzw. Bedeutungsvarianten konkret an den beiden
Modalverben
sollen
und
wollen
erläutert werden, möchte ich hier zunächst einige
Kategorisierungen vorstellen, die die verschiedenen Möglichkeiten zeigen, eine Äußerung und
ihre aktuelle Bedeutung zu verstehen.
Die grundlegende Überlegung von Kratzer (1978) besagt, dass die Bedeutung eines Satzes aus
der jeweiligen Äußerungssituation heraus verstanden werden kann (vgl. Kratzer 1978: 10 f).
Am Beispiel von
müssen
erklärt sie, dass es eine Art isoliertes ,,Bedeutungsskelett" des
Modalverbs gibt, das bei jeder Äußerung unverändert bleibt und durch ,,im Hinblick auf"-
Phrasen in seiner aktuellen Bedeutung spezifiziert wird1. Da man solche Phrasen im normalen
Gespräch jedoch nicht verwendet, muss die Äußerungssituation die Ergänzung oder
Spezifizierung zum Bedeutungsskelett liefern (vgl. 1978: 104): ,,Modalwörter verlangen für
ihre Interpretation in einer Situation einen Redehintergrund." (1978: 110). Der
Redehintergrund liefert die Basis, auf welcher eine Äußerung verstanden wird. Kratzer nimmt
verschiedene Unterteilungen vor, zum einen die zwischen referentiellem und attributivem
Redehintergrund, zum anderen zwischen dem epistemischen, deontischen, dispositionellen
und buletischen Redehintergrund (vgl. 1978: 101 ff.). Auf die einzelnen Eigenschaften der
Redehintergründe möchte ich hier nicht eingehen, sondern nur auf den epistemischen
Hintergrund hinweisen, der auch von Anderen häufig erwähnt und im weiteren Verlauf dieser
Arbeit genauer erläutert wird.
Öhlschläger (1989) weist auf die verschiedenen Meinungen zur Kategorisierung von
Modalverben hin, die sich vor allem in der Frage unterscheiden, ob Modalverben jeweils eine
gleich bleibende Bedeutung mit diversen Varianten haben wie Kratzer es anhand des
,,Bedeutungsskeletts" mit verschiedenen ergänzenden Phrasen darstellt oder ob sie mehrere
voneinander zu trennende Bedeutungen haben (vgl. Öhlschläger 1989: 132).
Öhlschläger selbst geht von mehr als einer Bedeutung von Modalverben aus. Seine Einteilung,
die er auch als am weitesten verbreitet einschätzt, ist die in die epistemische und die nicht-
epistemische Verwendung, wobei die genaue Bezeichnung oft auch anders ist2. Weitgehend
Einigkeit besteht nach Öhlschläger jedoch darüber, ,,daß die nicht-epistemischen
1 Demnach ist z.B. der Satz ,,Amaranta muss die Mottenkugeln aus der Schublade entfernt haben" so zu
verstehen wie ,,Im Hinblick darauf, was wir wissen, muss Amaranta die Mottenkugeln aus der Schublade
entfernt haben." Vgl. Kratzer 1978: 101-103
2 Vgl. dazu Auflistung einiger Begriffspaare Öhlschläger 1989: 28
4
Verwendungsweisen der Modalverben grundlegend sind und die epistemischen
Verwendungsweisen als in irgendeiner Weise abgeleitet, als sekundär angesehen werden
können" (1989: 133). Daher müssen seiner Meinung nach mehrere Bedeutungen angenommen
werden, jedes der Verben (außer
möchte
) wird außer in epistemische und nicht-epistemische
Bedeutung noch weiter unterteilt; die verschiedenen Bedeutungen ,,stehen jedoch in einem
systematischen Verhältnis zueinander" (1989: 236).
Auf die genaue Bedeutung und die Unterschiede zwischen der epistemischen und der nicht-
epistemischen Lesart im Fall von
sollen
und
wollen
wird in Kapitel 3.1.1. eingegangen.
Liedtke (1998) geht ebenfalls von einer Zweiteilung der Verwendungsweisen von
Modalverben aus. Er bezeichnet sie (zumindest im Fall von
sollen
und
wollen
) als
epistemische und deontische Lesart, wobei er wie Öhlschläger die deontische, also die nicht-
epistemische Bedeutung als ,,die primäre, grundlegende Verwendung" bezeichnet, ,,von der
die epistemische im Zuge von Sprachwandels- und Grammatikalisierungsprozessen abgeleitet
wurde" (Liedtke 1998: 215).
Im Folgenden werden nun die Modalverben
sollen
und
wollen
zunächst gemeinsam,
anschließend jedes mit seinen Besonderheiten in ihren unterschied-lichen
Bedeutungsmöglichkeiten dargestellt, wobei auch der Unterschied zwischen der
epistemischen und der nicht-epistemischen Lesart behandelt wird.
3. Verwendungsweisen und Bedeutungsvarianten von sollen und wollen
3.1. Gemeinsame Eigenschaften und Berührungspunkte
Die Entscheidung, im Rahmen dieser Arbeit die Modalverben
sollen
und
wollen
zu behandeln,
war keine zufällige. Häufig werden die beiden Verben in der Literatur zusammen untersucht,
da sie einige gemeinsame Eigenschaften besitzen und durch ihre Verwendungsweise und
Bedeutung miteinander verbunden sind. Zunächst sollen hier diese Gemeinsamkeiten und die
Gründe für die Paarbildung dargestellt werden, bevor in den folgenden Kapiteln beide Verben
einzeln genauer untersucht werden. Auch dabei wird es jedoch immer wieder zu
Überschneidungen kommen, da vieles für beide Verben gilt und schwer zu trennen ist.
Das Verhältnis der Bedeutungen von
sollen
und
wollen
ist eines ,,von interaktiver Qualität"
(Redder 1983: 108), d.h. ein Aktant
will
etwas, das ein anderer tun
soll
. Redder sieht den
Berührungspunkt der beiden Verben darin, dass beide die ,,Realisierungsanforderung eines
Ziels" behandeln, mit dem einzigen Unterschied, dass die Perspektive jeweils eine andere ist
5
(1983: 118). Betrachten wir folgende Beispielsätze:
(1) Sebastian will Max beim Umzug helfen.
(2) Sebastian soll Max beim Umzug helfen.
Beide Sätze haben den gleichen propositionalen Gehalt, nämlich dass Sebastian Max (zu
einem zukünftigen Zeitpunkt) beim Umzug hilft. Die Unterschiede in der Bedeutung
entstehen nun aus der Sichtweise der Aktanten. Redder spricht von einem Handlungsprozess,
in dem Aussagen mit
sollen
und
wollen
verschiedene Stadien zwischen der Zielsetzung und
der Ausführung repräsentieren:
wollen
ist ,,Ausdruck einer mentalen Tätigkeit" bzw. einer
,,Zielorientierung" (1983: 135), die im Laufe des Handlungsprozesses verwirklicht wird.
Sollen
bezieht einen weiteren Aktanten in den Prozess mit ein, der für die Ausführung der
Handlung zuständig ist. Im Falle von
wollen
sind zielsetzender und handlungsausführender
Aktant identisch, bei
sollen
dagegen nicht (1983: 135/136).
So wird mit
(1)
die Zielorientierung von Sebastian ausgedrückt, Max beim Umzug zu helfen,
die später auch von ihm selbst verwirklicht wird. Sebastian ist also sowohl zielsetzender als
auch handlungsausführender Aktant. In
(2)
ist Max der wollende, Sebastian der sollende
Aktant. Auch Wunderlich schließt, ,,daß in einer modalen Kennzeichnung mit
sollen
der
′Träger′ der Handlung (als das Subjekt von
sollen
) stets vom ′Veranlasser′ der Handlung
verschieden ist" (Wunderlich 1980: 18).
Soll-Sätze sind also ,,Aussagen über fremdes Wollen" (Glas 1984: 45). Dabei ist ,,das Subjekt
von
sollen
[...] identisch mit dem Adressat von
wollen
" (Wunderlich 1980: 18), also ist in
(2)
das Subjekt Sebastian derjenige, an den ein fremdes Wollen gerichtet ist. Dabei bleibt jedoch
offen, wer der wollende Aktant ist. Die Deutung, Max wolle von Sebastian, dass er ihm hilft,
ist nur eine Möglichkeit, also:
(2′) Max will, dass Sebastian ihm beim Umzug hilft.
Eigentlich wird mit
(2)
jedoch nur ausgedrückt:
(2′′) Jemand will, dass Sebastian Max beim Umzug hilft.
Glas spricht von einer ,,Will-Soll-Transformation" bei der ,,der wollende Aktant getilgt"
(1984: 51) wird, ähnlich wie bei einer Aktiv-Passiv-Transformation das Subjekt getilgt wird3.
3 Vgl. 1984: 50/51. Glas bezieht sich hier auf Welke (1965)
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