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Bewältigung von Ängsten in der Sage

Zwischenprüfungsarbeit, 2006, 28 Seiten
Autor: Janina Kieckbusch
Fach: Ethnologie / Volkskunde

Details

Kategorie: Zwischenprüfungsarbeit
Jahr: 2006
Seiten: 28
Note: 1,2
Literaturverzeichnis: ~ 17  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V89411
ISBN (E-Book): 978-3-638-02886-8
ISBN (Buch): 978-3-638-92692-8
Dateigröße: 175 KB

Zusammenfassung / Abstract

Diese Hausarbeit untersucht, wie die mit Risiken einhergehenden Ängste, anhand von Sagen bewältigt und kommuniziert werden. Ausgehend von den klassischen Sagen, soll ein Bogen geschlagen werden zu den so genannten contemporary legends, den zeitgenössischen Sagen. Hierbei bleibt zu hinterfragen, auf welche Weise die zeitgenössischen Sagen tatsächlich dazu dienen, Ängste zu bewältigen oder ob dieser Prozess nur auf die Vergangenheit bezogen werden kann. Die zu diesem Thema vorhandene Literatur zeigt sich durchaus vielfältig, teilweise wird jedoch über eine bloße Katalogisierung der zeitgenössischen Sagen nicht hinausgegangen. In den 1980er Jahren erschienen mehrere Sammlungen, vor allem im nord- amerikanischen und skandinavischen Raum. Zu nennen sind hierfür jeweils besonders Jan Harold Brunvand und Bengt af Klintberg. Erst 10 Jahre später, 1990, folgte Rolf Wilhelm Brednich mit einem Band für Deutschland, ergänzt um eine Übersetzung „moderner Sagen und Großstadtmythen“ aus dem Schwedischen durch den schon erwähnten Bengt af Klintberg, ebenfalls aus dem Jahre 1990. Af Klintberg leistet in einigen Ansätzen gute Interpretationen und geht über das bloße Sammeln von Material hinaus. Der erwähnte Band „Sagenhafte[n] Geschichten von heute“, von Rolf Wilhelm Brednich, bietet zwar eine umfangreiche Sammlung von zeitgenössischen Sagen, leistet aber keine ausreichende Untersuchung, unter Einbeziehung der gesellschaftlichen Ausformung und Kommunikation.


Textauszug (computergeneriert)

Bewältigung von Ängsten in der Sage

Seminar für Europäische Ethnologie/ Volkskunde

der Universität Kiel

Seminar: Risiken in der Kultur

Bearbeiterin: Janina Arndt, Semesterzahl: 7

WS 05/06 Datum: 09.11.05


Inhaltsverzeichnis

1 Erläuterung des Themas und der Quellenlage _____________________________3

2 Sage als Begriff der Literaturwissenschaft und die klassische Sagenliteratur _____5

2.1 Sagenforschung __________________________________________________9

3 Zeitgenössische Sagen _______________________________________________10

3.1 Gefahren im Umgang mit Technik und Alltagsdingen ___________________14

3.2 Verunreinigung, Krankheit und Gift__________________________________19

4 Wechselspiel mit Medien als zeitgenössisches Kennzeichen __________________22

5 Schlusswort _______________________________________________________24

6 Literaturverzeichnis _________________________________________________26

2


1 Erläuterung des Themas und der Quellenlage

Eingangs möchte ich das Thema meiner Hausarbeit genauer umreißen und in den

Gesamtkontext des Seminars einordnen, dem es entnommen ist. Diese Hausarbeit

steht im Zusammenhang mit dem von Herrn Prof. Dr. Schmidt geleiteten

Hauptseminar ,,Risiken in der Kultur". Das Seminar hatte unter anderem die

Zielsetzung, die heutige postmoderne Gesellschaft als Risikogesellschaft zu

identifizieren unter Einbeziehung unterschiedlichster Risikodefinitionen und

Forschungsansätze. Eingangs möchte ich auf die Definition des Begriffs ,,Risiko"

eingehen, wie sie während des Seminars herausgearbeitet worden ist.

Risiken sind Handlungen mit möglicher Schädigungswirkung.1 Risiken können

selbsttätig und bewusst eingegangen werden, man kann ihnen aber auch passiv

ausgesetzt werden. Es gibt einen Unterschied zwischen einem Risiko, dem man sich

selbst aktiv aussetzt und einem Risiko, dem man durch Andere passiv ausgesetzt

wird. Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass ein aktiv eingegangenes Risiko generell

niedriger, und ein Risiko, dem man ohne eigenes Zutun ausgesetzt wird, höher

eingeschätzt wird. Grundsätzlich ist der Begriff ,,Risiko" abzugrenzen von dem Begriff

,,Gefahr". Ein Risiko hängt mit einer Entscheidung zusammen, wohingegen eine

Gefahr nicht beeinflussbar ist. Im Zuge des Seminars wurde auch behandelt, wie in

der heutigen Gesellschaft über Risiken kommuniziert und wie mit der

Allgegenwärtigkeit von Risiken umgegangen wird. Ich werde mich im Zuge dieser

Arbeit auf Aufsätze von Ulrich Beck, Wolfgang Bonß und Niklas Luhmann beziehen.

Diese Hausarbeit untersucht, wie die mit Risiken einhergehenden Ängste, anhand

von Sagen bewältigt und kommuniziert werden. Ausgehend von den klassischen

Sagen, soll ein Bogen geschlagen werden zu den so genannten contemporary

legends, den zeitgenössischen Sagen.

1 Vgl. Weyma Lübbe 1998.

3


Hierbei bleibt zu hinterfragen, auf welche Weise die zeitgenössischen Sagen

tatsächlich dazu dienen, Ängste zu bewältigen oder ob dieser Prozess nur auf die

Vergangenheit bezogen werden kann.

Die zu diesem Thema vorhandene Literatur zeigt sich durchaus vielfältig, teilweise

wird jedoch über eine bloße Katalogisierung der zeitgenössischen Sagen nicht

hinausgegangen. In den 1980er Jahren erschienen mehrere Sammlungen, vor allem

im nord-amerikanischen und skandinavischen Raum. Zu nennen sind hierfür jeweils

besonders Jan Harold Brunvand und Bengt af Klintberg. Erst 10 Jahre später, 1990,

folgte Rolf Wilhelm Brednich mit einem Band für Deutschland, ergänzt um eine

Übersetzung ,,moderner Sagen und Großstadtmythen" aus dem Schwedischen durch

den schon erwähnten Bengt af Klintberg, ebenfalls aus dem Jahre 1990.2 Af Klintberg

leistet in einigen Ansätzen gute Interpretationen und geht über das bloße Sammeln

von Material hinaus.

Der erwähnte Band ,,Sagenhafte[n] Geschichten von heute", von Rolf Wilhelm

Brednich, bietet zwar eine umfangreiche Sammlung von zeitgenössischen Sagen,

leistet aber keine ausreichende Untersuchung unter Einbeziehung der

gesellschaftlichen Ausformung und Kommunikation.

Umfangreich publiziert haben unter anderen sowohl Linda Dégh für den nord-

amerikanischen Raum und Helmut Fischer für Deutschland. ,,Fischer hat über Jahre

hinweg die Entwicklung und Wandlungen der Erzählmotive und ­inhalte systematisch

verfolgt, [...]. Ihm geht es [...] darum, die Hintergründe der Erzählinhalte

auszuleuchten, zu kommentieren und die Anlässe und Beweggründe des Erzählens

zu verstehen."3 Fischer füllt mit diesem Anspruch, dem er in vollem Umfang gerecht

wird, eine Lücke in der deutschen Erzählforschung, die mir während meiner

Beschäftigung mit dem Thema schnell offenbar geworden war.

2 Fischer 1991, S. 12-13.

3 Fischer 1991, S. 10.

4


2 Sage als Begriff der Literaturwissenschaft und die
klassische Sagenliteratur

Im Folgenden möchte ich erst einmal den Begriff der Sage charakterisieren, wie er in

der Literaturwissenschaft verwendet wird.

Sage, [f.,] bis ins 18.Jh. Synonym für Bericht, Erzählung, Kunde, Gerücht, seit den

»Dt. Sagen« der Brüder Grimm [...] eingeengt (als Sammelbegriff) auf volkstüml.,

knappe Erzählungen, die bestimmte Örtlichkeiten, Personen, Ereignisse, (Natur-)

Erscheinungen usw. meist mit mag., numinosen oder myth. Elementen

verknüpfen, gleichwohl aber Anspruch auf Glaubwürdigkeit erheben. S.n schöpfen

damit aus demselben Stoffbereich [...] und Motivschatz [...] wie das Märchen, sind

auch wie dieses anonym und kollektiv mündl. tradiert; unterscheiden sich aber

von ihm durch genaue Lokalisierung und Datierung, d.h. durch höheren

Realitätsanspruch (wobei die Fixierung des Übernatürlichen an real Vertrautes als

Wahrheitsbeweis gilt), ferner durch die strenge Scheidung von numinos-

jenseitiger und diesseitiger Welt.4

Die Sage ist etwas ,,Gesagtes", also mündlich Erzähltes und meistens auch später

schriftlich Überliefertes. Erzählt wird von der Begegnung mit dem Unbekannten,

Mystischen und Gefährlichen, also einem Einbruch des Unfassbaren in die geordnete

Welt und ist hauptsächlich in der bäuerlich-ländlichen Umgebung situiert. Das für den

Menschen Unfassbare soll in der Sage fassbar gemacht werden. ,,Die Geschichten

entwickeln Gefährdung, führen an die Katastrophe heran oder enden für den

Menschen tragisch."5

Die Sage siedelt sich an in Grenzbezirken, weil ihr Zentrum der Zusammenstoß

zweier Welten ist. Das bedeutet, sie ist zerrissen zwischen der Menschenwelt und der

Geisterwelt, dem Diesseits und dem Jenseits, zwischen Tag und Nacht, zwischen

Gesellschaft und Einsamkeit. Dies zeigt sich auch in ihrer Sprache.

Es werden meistens genaue Angaben gemacht über den Ort des Geschehens, die

Tageszeit und die Personen. Dies dient der Abwehr rationaler Kritik, denn wenn die

Sage eines will, dann für wahr gehalten werden.

4 Schweikle 1990, S. 405-406.

5 Fischer 1991, S. 16.

5


Die Sprache ist ungeordnet, holpernd, sie trägt das Innenleben des Protagonisten

nach außen, denn er ist herausgerissen aus der Ordnung und schwankend zwischen

Diesseits und Jenseits. Künstliche Geordnetheit ist der Sage fremd. Die Sage

entspringt der Ergriffenheit durch das Außergewöhnliche, thematisiert sozusagen den

Ausnahmezustand. Sie soll aber nicht nur Angst und Schrecken verbreiten, sondern

sie stellt Tabus und Normen auf, nach denen sich die Individuen richten sollen. ,,Die

Botschaft der Geschichten ist eine Warnung vor allem, was Gefahr und Unheil

bedeuten kann."6

Die Sage lebt in Gruppen mit gleichem Erfahrungshorizont, denn es werden genaue

Ortsangaben gemacht, die sich meist auf eine Stelle in der näheren Umgebung

beziehen. Sagen prägen das Bild einer Landschaft, es entsteht eine

,,Sagenlandschaft", die die Heimat erschafft und prägt. In den Köpfen der dort

Lebenden entsteht eine Art ,Mindmap′ , auf der die Orte gedanklich mit bestimmten

Sagenhaften Ereignissen verknüpft und charakterisiert werden (,,...deshalb nennt

man das Waldstück ,Mordloch`").7 Der Ort wird mit einem bestimmten Ereignis

verknüpft und sozusagen personifiziert. Der Ort steht fortan für das verübte

Verbrechen.

In der Sage findet also die Auseinandersetzung mit dem Geschehnis statt, es wird

kommuniziert und in der Erinnerung festgehalten, ,,gegriffen". Das Unerklärliche, das

außerhalb des Begreifbaren liegt, wird zu etwas ,,Greifbaren" transformiert. Dieser

Prozess findet sowohl sprachlich statt, als auch psychisch. Indem man eine

Möglichkeit gefunden hat, das Unfassbare fassbar zu machen, ist ebenfalls der Weg

zur Verarbeitung offen gelegt. Die diffusen Ängste werden an einen bestimmten Ort

gebannt, der fortan zwar negativ konnotiert ist, aber zugleich auch andere Orte

neutralisiert.

Am Beispiel der ,Mindmap′ wären auf einer potentiell weißen Fläche einige Stellen

schwarz markiert und mit Gefahr assoziiert. Gleichzeitig sind die weißen Flächen

6 Fischer 1991, S. 17.

7 Will- Erich Peuckert/Günter Petschel 1983, S. 490.

6



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