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Subtitle: Vorpaulinische und paulinische Verwertung des Stellvertretungsmotivs bei der Deutung des Todes Jesu im Vergleich: Rein formale Diskrepanz oder auch inhaltliche Modifikation?
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 61 Pages
Author: Andrea Mesicek
Subject: Theology - Miscellaneous
Details
Institution/College: LMU Munich (Neutestamentliches Institut)
Tags: Sünden, Sünder, Deutung, Todes, Jesu, Stellvertretung, paulus, paulinisch, vorpaulinisch
Year: 2006
Pages: 61
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 42 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-03689-4
ISBN (Book): 978-3-638-93452-7
File size: 515 KB
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Abstract
Warum musste Jesus sterben, wenn er wirklich Christus war? Wenn das Kreuz Jesus nicht als Blender entlarvte, seine Botschaft nicht annullierte, seine Sendung nicht widerlegte, musste sein Tod als integraler Teil der gottgewollten Heilsgeschichte verständlich gemacht werden. Dass dies seiner schockierten Anhängerschaft nicht ohne weiteres gelang, eine hinreichend befriedigende Erklärung ihr also offensichtlich nicht vorgegeben war, vermag die ‚Jüngerflucht’ zu belegen: Die erste Antwort, die Karfreitag fand, war der Rückzug. Erst Ostern - und später Pfingsten – scheinen die Jünger mit Argumenten ausgerüstet zu haben, die sie befähigten, dem Tod ihres ‚Hirten’ eine Bedeutung beizumessen, die die profangeschichtlichen Zusammenhänge transzendierte, die von ihnen aufgeworfenen Fragen heilsgeschichtlich einbettete und so Zweifel durch Gewissheit ersetzte. Den frühesten Deutungsversuchen des Todes Jesu ist dabei das für die Konstituierung, den Ausbau und die Erhaltung der Christengemeinde Unverzichtbare gelungen: Wurde zunächst das durchweg negative ‚Jesus Christus ist gestorben’ mit den Ostergeschehnissen um das Freudenzeugnis seiner Auferweckung ergänzt und damit bereits fundamental aufgewertet, so leistete die Einsicht in die Notwendigkeit des Sterbens Jesu, der Nachweis der Schriftgemäßheit seines Geschickes, einen weiteren bedeutenden Beitrag zu dessen positiver Reinterpretation. Sein originäres Missionspotential verdankte das frühe Christentum aber wohl erst der revolutionären Beantwortung der Frage nach den Finalursachen, dem ‚Wozu?’, bzw. ‚Wofür?’ des Kreuzestodes: Dieser Jesus von Nazaret hat in seiner Auferstehung nicht nur den eigenen Tod überwunden und damit sein Heil erlangt; beides, sein Sterben und Auferstehen, erfolgten υπερ ημων, hatten in uns ihren Grund und ihr Ziel, ihre Ursache und ihren Adressaten. Christi Sterben als ‚Sterben-für’ zu verstehen, verlieh diesem Geschehen eine soteriologische Relevanz, deren Tragweite das individuelle Heil des so Gestorbenen transzendierte, indem es der Interpretation die Motive der Stellvertretung und Sühne eröffnete. Ob es einen sachlich signifikanten Unterschied macht, als Objekt dieses ‚Pro-Todes’ vorpaulinisch „unsere Sünden“ (1Kor 15,3), oder aber paulinisch „uns ... (als wir noch Sünder waren)“ (Röm 5,8) anzusehen und - falls dem so ist - zu klären, ob die paulinische Modifikation als Addition oder Subtraktion zur ursprünglichen Formelgestalt zu gelten hat, wird in dieser Arbeit erörtert.
Excerpt (computer-generated)
Ludwig Maximilians Universität München
Evangelisch Theologische Fakultät
Neutestamentliches Institut
Hauptseminar: Die Deutung des Todes Jesu als Stellvertretung
Sommersemester 2006
,,gestorben ... für unsre Sünden" (1Kor 15, 3) -
,,für uns gestorben ..., als wir noch Sünder waren" (Röm 5, 8)
Vorpaulinische und paulinische Verwertung des Stellvertretungsmotivs bei der
Deutung des Todes Jesu im Vergleich:
Rein formale Diskrepanz oder auch inhaltliche Modifikation?
Vorgelegt von : Andrea Mesicek
Studiengang : Evangelische Theologie (NF)
Fachsemester : 6 (zum Abgabezeitpunkt)
1. November 2006
1
Inhaltsverzeichnis
A. ,,INRI...": 4
B. Vorpaulinische und paulinische Verwertung des Stellvertretungsmotivs bei der Deutung
des Todes Jesu im Vergleich: Rein formale Diskrepanz oder auch inhaltliche
Modifikation? 6
1. Der Tod Jesu Ein Geschehen multidimensionaler Bedeutung sucht nach
terminologisch adäquater Erfassung 6
1.1.
,,Sühne" (H. GESE): 6
1.2. ,,Sühne", ,,Stellvertretung", ,,stellvertretender Sühnetod" Differenzierung
impossible? 8
1.3. ,,Zwitterwesen" Stellvertretung: ,,einschließend/inklusiv/inkludierend" vs.
,,ausschließend/exklusiv/exkludierend" (O. HOFIUS vs. G. RÖHSER) 9
1.3.1. Otfried Hofius 9
1.3.2. Günter Röhser 11
1.4. Zusammenfassung und methodische Konsequenzen 12
2. Das vorpaulinische Traditionsgut 15
2.1. Sonderrolle 1Kor 11,24 15
2.2. Vergleichende Analyse von 1Kor 15,3, Gal 1,4 und Röm 4,25 19
2.2.1. Allgemeine Vorbetrachtungen 19
2.2.2. Röm 4,25 21
2.2.2.1. ,,Sühne" oder ,,Stellvertretung" ? 22
2.2.2.2. ,,Inkludierende" oder ,,Exkludierende" Stellvertretung ? 23
2.2.2.3. ,,Sühne
motiv
"? 24
2.2.3. 1Kor 15, 3b und Gal 1, 4 26
3. Paulinische Sterben-für-Aussagen 28
3.1. 1Thess 5, 10 29
3.2. 2Kor 5, 14ff 31
3.3. 2Kor 5, 21 35
3.3.1. Theozentrik? 36
3.3.2. ,,Zur Sünde" oder ,,zum Sündopfer gemacht"? 37
3.3.3. ,,Inkludierende Stellvertretung" = ,,Sühne
motiv
" ? 39
3.4. Gal 3, 13 40
3.5. Röm 8, 32 :,,Dramatische Theozentrik" 42
3.6. Röm 5, 6 11 44
2
3.6.1. Die menschliche Existenz extra Christum 44
3.6.2. Röm 5, 9: ,,Sühne" 47
C. Resumé: Die paulinische Neuformulierung des stellvertretenden Sterbens Jesu als
missionsstrategische Akkomodation: Konsequenz von Gottesbild, Soteriologie und
Selbstverständnis des ,,Apostels der Heiden" 49
1. ,,Vorpaulinisch" verhält sich zu ,,paulinisch" wie ,,implizit zu explizit" 49
2. Das paulinische Novum: Universale Ausweitung des Geltungsbereiches des 51
,Sterbens-für′ Jesu 51
2.1. Jes 52,13 53,12: Gemeinsamer Motivspender für Paulus und Tradition ? 51
2.1.1. Potentielle Quelle des paulinischen Universalitätsgedankens 51
2.1.2. Selektive Adaption des 4. EJL von den Trägern der vorpaulinischen Tradition:
Vorpaulinischer ,,Heilsexklusivismus"? 52
3. Diskriminante Gottesbild 53
4. Konsequenzen für Soteriologie und Terminologie 54
Literaturverzeichnis: 57
Bibel, Synopse, Konkordanz: 57
Sekundärliteratur: 57
3
A. ,,INRI...":
,,
INRI
", Abbreviatur von ,,
Iesus Nazarenus Rex Iudæorum
" (Joh 19,19 VUL), lautete der
titulus crucis
, der bekanntlich die
causa mortis
und damit jenes ,Fundamentalvergehen′ be-
nannte, welches nach Maßgabe der für Verurteilung und Urteilsvollstreckung
Verantwort-
lichen mit keiner geringeren Strafe vergeltbar, sondern einzig durch Kreuzestod adäquat zu
beantworten gewesen wäre. Wie auch immer die Vollstrecker damals ihr Handeln im Detail
begründeten1, eines steht jedenfalls fest: Die römischen Behörden kamen, in Übereinstim-
mung mit dem Gros der jüdischen Autoritäten Jerusalems zu dem Schluss, dass dieser
Iesus
Nazarenus
eine derartige Gefährdung der öffentlichen Sicherheit, einen derartig intolerab-len
Störfaktor für das Gemeinwohl repräsentierte, dass seine Beseitigung nicht nur
legitim
,
sondern, als Akt der Selbstverteidigung, geradezu
notwendig
war. Dieser Mensch
verdiente
den Tod, den ,,
Tod
[.]
am Kreuz
" (Phil 2, 8), dieser Störenfried
musste
sterben.
So eindeutig das Urteil der Opposition Jesu war, so klar
ihre
Sicht der todforcierenden
Kausalzusammenhänge
seine Anhänger
konnte diese Argumentation nicht im geringsten
befriedigen. Im Gegenteil: Für
sie
war die profan-juridische Todesurteilsbegründung, als
Erklärung des kläglichen Endes Jesu, unannehmbar.
Ihr
rechtzugeben hätte nichts weniger als
das Ende des Christentums bedeutet! Die brennenden Fragen angesichts des
Skandalon
des
Kreuzes schrieen also nach alternativen Antworten. Wie konnte es angehen, dass der Bote der
Basileia, der Menschensohn, der Messias, der doch das Himmelreich auf Erden zu errichten
versprochen, ja aufzurichten begonnen hatte, inmitten seiner Heilsbringung auf so schändliche
Weise zu Fall gebracht worden war?
Warum musste Jesus sterben, wenn er wirklich Christus
war
? Wenn das Kreuz Jesus
nicht
als Blender entlarvte, seine Botschaft
nicht
annullierte,
seine Sendung
nicht
widerlegte, wenn an seiner geglaubten Identität festgehalten werden
wollte, musste sein Tod als integraler Teil der gottgewollten Heils-geschichte verständlich
gemacht werden. Dass dies seiner, angesichts des Kreuzes ,,
ex enantias autoû
"2
schockierten Anhängerschaft nicht ohne weiteres gelang, eine hinrei-chend befriedigende
Erklärung ihr also offensichtlich nicht vorgegeben war, vermag die ,,
Jüngerflucht
"3 zu
belegen: Die erste Antwort, die Karfreitag fand, war der Rückzug. Erst Ostern - und später
Pfingsten scheinen dem Kreis derer, die Jesus noch ,,
gekannt haben nach dem Fleisch
"
1 Zur Frage der Todesurteilsbegründung vgl. etwa: GNILKA,
Jesus
, 304-308; sowie THEISSEN / MERZ,
Der
Historische Jesus
, § 14
2 Vgl. BACKHAUS,
Lösepreis
, 114
3 Vgl. FREY (
Probleme
, 44f), der aus dem ,,Faktum der
Jüngerflucht
(Mk 14,50; vgl. Joh 16,32)" (ebd. 44,
kursiv im Original) schließt, ,,
daß sich ein hinreichendes Verständnis des Todes Jesu offenbar nicht aus
dem Wirken Jesu, seiner Verkündigung oder seiner Jüngerlehre gewinnen ließ
"(a.a.O., 45)
4
(2Kor 5, 16), mit der nötigen Kraft und Argumenten ausgerüstet zu haben, die sie befähigten,
dem Tod ihres ,Hirten′ eine Bedeutung beizumessen, die die
profan-geschichtlichen
Zusammenhänge transzendierte, die von ihnen aufgeworfenen Fra-gen
heils-geschichtlich
einbettete und so Zweifel durch Gewissheit ersetzte. Den frühesten, uns überlieferten
Deutungsversuchen des Todes Jesu, ist dabei das für die Konstituierung, den Ausbau und die
Erhaltung der Christengemeinde Unverzichtbare gelungen: Wurde zu-nächst4 das
schockierende, durchweg
negative
,Jesus Christus ist gestorben′ mit den Oster-geschehnissen
um das Freudenzeugnis seiner Auferweckung ergänzt und damit bereits fun-damental
aufgewertet, so leistete die ,,
Einsicht in die Notwendigkeit des Sterbens Jesu
"5, der Nachweis
der Schriftgemäßheit seines Geschickes, einen weiteren bedeutenden Beitrag zur
positiven
Reinterpretation des Kreuzestodes
. Die Botschaft des gottgewollten, schrift-gemäßen
Sterbens und Auferstehens des Menschensohnes
per se
, vermochte wohl bereits als Basis für
die Gewinnung neuer Anhänger der Sache Christi dienen. Es dürfte aber erst die revolutionäre
Beantwortung der Frage nach den ,,
Finalursachen
"6, dem ,
Wozu
?′, bzw. ,
Wofür
?′ des
Kreuzestodes Jesu gewesen sein, die dem Christentum in seinen Anfängen Missionspotential
verlieh und bis in die heutige Zeit seine ,Attraktivität′ auch ,
für uns
′ maßgeblich
mitbestimmt: Dieser Jesus von Nazaret hat in seiner Auferstehung nicht nur
den eigenen Tod
überwunden
, und damit
sein
Heil erlangt; beides, sein Sterben, wie sein Auferstehen hatten
mit uns
zu tun! Sie erfolgten
µ, hatten
in uns
ihren Grund und ihr Ziel, ihre Ursache
und ihren Adressaten.
Christi Sterben als ,
Sterben-für
′ zu verstehen, verlieh diesem Geschehen eine
soteriologi-sche
Relevanz
, deren Tragweite das individuelle Heil des so Gestorbenen transzendierte, indem es
der Interpretation die Motive der
Stellvertretung
und
Sühne
eröffnete. Ob es einen sachlich
signifikanten Unterschied macht, als Objekt dieses ,Pro-Todes′ vorpaulinisch ,,
unsere
Sünden
" (1Kor 15,3), oder aber paulinisch ,,
uns ... (als wir noch Sünder waren)
" (Röm 5,8)
anzusehen und - falls dem so ist - zu klären, ob die paulinische Modifikation als Addition
oder Subtraktion zur ursprünglichen Formelgestalt zu gelten hat, soll im Folgen-den erörtert
werden.
4 Obige Rekonstruktion der verschiedenen Etappen der Deutung des Todes Jesu beanspruchen weder Voll-
ständigkeit, noch soll damit eine chronologische Entwicklung postuliert werden, da heute kaum mehr aus-
zumachen ist, ,,
welchen Modellen der Todesdeutung die Priorität zukommt
." (so FREY,
Probleme
, 47, der
ebd. 47f weitere potentiell frühe Deutemodelle problematisiert)
5 KNÖPPLER,
Sühne
, 128 vgl. 124; nicht unplausibel auch die KNÖPPLER′sche Chronologie der Motivbildung
im Deuteprozess des Todes Jesu, derzufolge das Stellvertretungsmotiv ,,
erst hinzu
[trat],
als die ersten
Christen im Anschluß an ihre Einsicht in die Notwendigkeit des Sterbens Jesu die soteriologische Relevanz
dieses Todes bedachten.
" (ebd.)
6 WEIHS,
Deutung
, 520
5
B. Vorpaulinische und paulinische Verwertung des Stellvertretungsmotivs bei der
Deutung des Todes Jesu im Vergleich: Rein formale Diskrepanz oder auch inhaltliche
Modifikation?
1. Der Tod Jesu Ein Geschehen multidimensionaler Bedeutung sucht nach
terminologisch adäquater Erfassung
Um den analytischen Vergleich von vorpaulinischer Formeltradition und genuin paulini-schen
Formulierungen in sinnvoller Weise gewinnbringend durchführen zu können, emp-fiehlt es
sich, angesichts der vielerseits diagnostizierten ,Begriffsverwirrung′ bei der Be-nennung der
Bedeutungsdimensionen des Todes Jesu, vorab diese so geläufigen, wie um-strittenen
terminologischen Setzungen zu beleuchten und auf ihren Wert hin zu befragen. Bereits bei
einer oberflächlichen Durchsicht der diesbezüglichen Literatur kristallisieren sich indessen die
Kategorien ,
Sühne′
einerseits, sowie ,
Stellvertretung′
andererseits, als offensichtlich
unverzichtbare Schlüssel dieses Interpretationsprojektes heraus. In Ermange-lung allgemein
akzeptierter Begriffsbestimmungen, lässt sich dabei in den entsprechenden Abhandlungen
unterschiedlicher Autoren, ein
heterogener Begriffsgebrauch
konstatieren: Der selbe
Terminus kann also zur Bezeichnung unterschiedlicher Sachverhalte herange-zogen werden.
Da nun mit HARTMUT GESEs7 Explikation der Sühne ein Entwurf vorliegt, der sich ob in
explizit zustimmendem, oder aber schroff ablehnendem Rekurs als besonders
anschlussfähig erwiesen hat, soll nun zunächst die GESE′sche Sühnekonzeption vorgestellt
werden.
1.1. ,,Sühne" (H. GESE):
Die von GESE anhand von alttestamentlichen Belegen konstruierte Sühnekonzeption er-
schließt sich am deutlichsten in der Gegenüberstellung der existentiellen Situationen des in
den Genuss von Sühne geratenden Menschen
vor
, bzw.
nach
eben diesem Sühnegeschehen.
Den Sühne
bedürftigen
kennzeichnet demnach eine gänzlich ,verwirkte Existenz′, welche
durch individuelle oder kollektive, ,,
das Leben selbst umgreifende Verschuldung
"8 inaugu-
riert worden war und seither den Menschen von Gott trennt.9 Diese ,,
Gottferne
"10, die den
Betroffenen gleichsam zum verdienten Tode verurteilt, wäre dabei human ,,
irreparabel
"11,
7 GESE, H.,
Die Sühne
, in: DERS.,
Zur biblischen Theologie
, Tübingen 31989, 85-106
8 GESE, a.a.O., 87
9 Vgl. GESE, a.a.O., 86f
10 GESE, a.a.O., 100
11 GESE, a.a.O., 86 u. ö.
6
d.h. aus menschenmöglicher Kraft nicht ,wiedergutmachbar′.
Der ,
Versühnte′
hingegen, habe die verwirkte Existenz abgelegt, die Gottesdistanz über-
wunden und erfreue sich so einer neuen Seinsweise in ,,
Gottesgemeinschaft
"12.
Wie aber vollzieht sich diese Totaltransformation, wenn doch der menschliche Part zu
Passivität, die von ihm initiierten Rettungsversuche zur Ineffizienz verurteilt sind? GESEs
Antwort lautet: Einzig und allein im
Institut der kultischen Sühne
vermag sich die ,,
Lebens-
rettung
"13 zu verwirklichen, das ,,
Zu-Gott-Kommen
"14, das
,,
der Mensch erstrebt und Gott
ermöglicht
"15. Lk 18, 2716 scheint anzuklingen, wenn in der Argumentation wiederholt be-
tont wird, dass ,,
kultische, heiligende Sühne
"17 ,,
nicht vom Menschen
(...),
sondern von Gott
"18
ausginge: ,,[D]
er Mensch erbittet sie
"19 zwar, letztlich wäre es aber Gott selbst, der ,,
zu uns
die Verbindung her
[stellt]"20.21 Konkreter Ort dieses Geschehens sei das (Sühn-)- Opfer;
sühnerelevante Akte hierin stellten vor allen Dingen die rituelle
Handaufstemmung
, sowie der
Blutritus
dar.
Im Falle der
Handauflegung
ließe, dem Autor zufolge, der alttestamentliche Befund ein-
zig den Schluss zu, dass hier im Zuge eines
Identifikation
sgeschehens des Opfernden mit
dem Opfer ,,
Subjektübertragung
"22 stattfände. Damit sei aber gleichzeitig die These von
einer bloßen ,,
Objektbeladung
" in Form von ,,
Sündenabladung mit darauffolgender Straf-
tötung des Sündenträgers
" widerlegt.23 Während letzterer Beladungsvorgang nämlich zu-
recht als ,,
Eliminationsritus
"24 (Vgl. Lev 16,21f), als ,,
nur ausschließende Stellvertre-
tung
"25 zu charakterisieren wäre, zeichne sich die alttestamentliche Sühnekonzeption ge-
rade dadurch aus, dass hier ,,
durch die Lebenshingabe des in der Handauflegung mit dem
Opferherrn identifizierten Opfertieres
"26 ,,
eine den Opferer einschließende Stellvertre-
tung
"27 von statten ginge.
Diese im Gestus der Handauflegung fundierte Identifikation bildet nun die Voraussetzung
für die sachgemäße Interpretation auch des
Blutritus
: Wenn nämlich das als ,,
Lebensträ-
ger
"28 aufzufassende Blut des Opfers an den Altar (bzw. am Yom Kippur an das Allerhei-
ligste) gesprengt wird, käme
qua
Identifikation nicht nur dieses selbst, sondern darüber
hinaus gleichzeitig auch der im Namen Israels agierende Opferherr in ,,
Kontakt mit dem
12 GESE,
Die Sühne
, 99
13 GESE, a.a.O.,87
14 GESE, a.a.O., 104
15 GESE, a.a.O., 87
16 ,,
Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich
" (Lk 18,27)
17 GESE, a.a.O., 104
18 GESE, a.a.O., 105
19 GESE, a.a.O., 87
20 GESE, a.a.O., 105
21 Deutlich wird hier also jegliches satisfaktorische Sühneverständnis im Sinne einer ,,
Wiedergutmachung
durch Ersatzleistung
" (GESE, a.a.O., 87) disqualifiziert
22 GESE, a.a.O., 96
23 GESE, a.a.O., 97
24 GESE, a.a.O., 96
25 GESE, a.a.O., 97
26 Ebd.
27 Ebd.
28 GESE, a.a.O., 98
7
Heiligen
"29. Die hier stattfindende ,,
Weihe an das Heilige
"30 wäre aber Synonym für
genau jenes ,Zu-Gott-Kommen′ auf das jede Sühnehandlung abzielt.
Aus der Skizzierung des GESE′schen Sühnekonzepts sollte zweierlei deutlich geworden sein:
Erstens besteht offensichtlich ein enger Zusammenhang zwischen den Kategorien von Sühne
und Stellvertretung, da der Autor erstere nicht ohne Rückgriff auf letztere zu konzi-pieren
bereit zu sein scheint, wenn hier ,Sühne′ letztlich als ,einschließende Stellvertre-tung′
expliziert wird. Zweitens erweist sich das Stellvertretungsmotiv GESEs Ausführungen zufolge
als eine Art ,Zwitterwesen′, welches in zwei nicht deckungsgleichen Arten vor-liegt:
,,
einschließende
" versus ,,
ausschließende
" Stellvertretung. In einem nächsten Schritt soll
deshalb der Frage nachgegangen werden, ob diese Differenzierung Sinn macht, und wie die
Relation der beiden Parameter zueinander, sowie gegenüber der Kategorie der ,Sühne′ zu
bestimmen ist.
1.2. ,,Sühne", ,,Stellvertretung", ,,stellvertretender Sühnetod" Differenzierung
impossible?
Hatte bereits GESE die auf alttestamentlicher Textbasis gewonnene Sühnekonzeption zum
unverzichtbaren Deuteschlüssel des dem Neuen Testament zugrunde liegenden Verständ-
nisses des Todes Jesu erklärt,31 so sollten dieser Prämisse nicht wenige Exegeten folgen32. Die
explizite Adaption GESE′schen Gedankenguts (bzw. implizite Anlehnung an seine Po-sition)
konkretisierte sich dabei in unterschiedlicher Weise: Die einen sahen sich vom dort
synonymen Gebrauch von ,Sühne′ und ,einschließender Stellvertretung′ offensichtlich da-zu
inspiriert, beide Momente als untrennbar zusammengehörig auf- und daher zu
einer
übergeordneten Kategorie zusammenzufassen, wie die Rede vom ,,
stellvertretenden Sühne-
29 GESE, a.a.O., 97
30 GESE, a.a.O., 99
31 Vgl. GESE, a.a.O., 105: ,,
Die Heilsbedeutung des Todes Jesu ist nur mit dem Sühnegedanken zu fassen
"
32 Als ,Erbe′ des GESE′schen Sühneverständnisses, samt des Postulates seiner Zentralität und Unverzicht-
barkeit bei der Deutung des Todes Jesu gibt sich neben O. HOFIUS, dessen Position sogleich Betrachtung
finden wird, insbes. PETER STUHLMACHER zu erkennen (Vgl. etwa: DERS.,
Zur Predigt am Karfreitag
, in:
SORG / STUHLMACHER,
Das Wort vom Kreuz
. Zur Predigt am Karfreitag, Calwer Taschenbibliothek 52,
Stuttgart 1996; DERS.,
Biblische Theologie des Neuen Testaments I: Grundlegung
. Von Jesus zu Paulus,
Göttingen 1992)Vgl. hierzu auch die bei FREY,
Deutung
, 4, A.: 16 genannten Autoren; eine solche ,,
Unver-
zichtbarkeit der Sühneaussage
" wurde auch für die
paulinische
Soteriologie ebenso diagnostiziert (GAU-
KESBRINK,
Sühnetradition
, 283), wie bezweifelt: KNÖPPLER erachtet es zunächst als ,,
fraglich
", ob ,,
die
Heilsbedeutung des Todes Jesu bei Paulus nirgends ohne den Sühnegedanken ausgesagt wird
" (DERS.,
Sühne
, 112, A.: 1. 4.); wenn er dann aber schließt, dass die paulinischen ,,
Belege für das Stellvertretungs-
motiv
" selbst bereits ,,
das Geschehen der Sühne zur Sprache
[bringen],
eben weil das Stellvertretungsmotiv
ein konstituierendes Moment des Sühnegedankens bildet
" (DERS., a.a.O. 166) scheinen diese Zweifel aus-
geräumt
8
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