Untertitel: Zum Begriff Schamane und seiner Gültigkeit für mesoamerikanische religiöse Phänomene
Hauptseminararbeit, 2001, 24 Seiten
Autor: M.A. Christopher Knapp
Fach: Ethnologie / Volkskunde
Details
Institution/Hochschule: Freie Universität Berlin (Ethnologisches Institut)
Tags: Schamanismus, Religionsethnologie, Probleme
Jahr: 2001
Seiten: 24
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 21 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-04192-8
Dateigröße: 148 KB
Die Arbeit war später auch Grundlage einer ebenfalls sehr gut bewerteten Prüfung und umfasst viel allgemeingültiges über den Schamanismusbegriff, u.a. eine gründliche etymologische Betrachtung des Wortes Schamane und eine kritische Auseinadersetzung mit Eliade und anderen Schamanismus"experten" wie Harner oder Castaneda.
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Zusammenfassung / Abstract
Mit den Begriffen „Schamanismus“ und „Schamane“ werden in der ethnologischen Fachliteratur weltweite religiöse Phänomene bezeichnet, obwohl die diesen Konzepten zugrunde liegenden ethnographischen Daten aus der Beobachtung religiöser Spezialisten und der Glaubens-vorstellungen nord- und zentralasiatischer Gruppierungen gewonnen wurden. In dieser Arbeit werden Ursprung, Begriffsgeschichte und gegenwärtige Verwendungen der Konzepte „Schamanismus“ und „Schamane“ untersucht , um daraufhin anhand Weltanschauung und religiöser Spezialisten zweier mesoamerikanischer Gruppierungen den Sinn dieser Begriffsverwendung in ethnologischer Arbeit besonders über Mesoamerika zu reflektieren. Untersucht man in synchroner Perspektive die Verwendung beider Begriffe in der neueren Fachliteratur, so wird schnell deutlich, das „Schamanismus “ und „Schamane“ einerseits sehr häufig zur Charakterisierung bestimmter Rollen und weltanschaulicher Elemente ethnographisch untersuchter Gesellschaften verwendet, andererseits aber durchaus unterschiedlich verstanden werden. Auch werden die beiden Konzepte nicht immer deckungsgleich verwendet; wie allgemein die Wortendung -ismus in der deutschen Sprache sowohl ideologische Systemen mit deduktiv erarbeiteten Grundprämissen („Leninismus“, „Katholizismus“) wie auch musterhaft auftretende empirische Phänomene („Albinismus“, „Alkoholismus“) kennzeichnet, steht „Schamanismus“ (bzw. „shamanism“) in der ethnologischen und archäologischen Literatur einerseits für die Anwesenheit spezifischer religiöser Spezialisten in der beschriebenen Gesellschaft (Furst 1968, Peters 1981, Dow 1986) und andererseits auch für die Ideologie oder Religion von Gesellschaften, in denen Schamanen existieren (Basilov 1984, Schele et al. 1993). In letzterer Art der Begriffsverwendung wird Schamanismus als weltweit verbreitete Ideologie von Ranggesellschaften und egalitären Gesellschaften betrachtet, in deren geteilter religiöser Vorstellungswelt verschiedene typische Punkte wie * eine Einteilung des Kosmos in mehrere verbundene Welten (meist in eine Ober- , Unter – und Mittelwelt) * zwei- oder mehrstufige Seelenvorstellungen (etwa aus Körperseele und Traumseele) * die Existenz eines vielfältigen Pantheons von Geistern oder Göttern, die häufig als Personifikationen von Bestandteilen der Umwelt oder Naturphänomene betrachtet werden sowie manchmal zusätzlich auch
Textauszug (computergeneriert)
Schamanismus: Zum Begriff ,,Schamane" und seiner Gültigkeit für
mesoamerikanische religiöse Phänomene
Christopher Knapp
Inhaltsverzeichnis
1.) Zum Begriff Schamanismus 2
2.) Schamanismus im heutigen Mesoamerika 8
2.1.) Weltanschauung 9
2.2) Schamanen und religiöse Spezialisten 12
Literaturverzeichnis 20
Mit den Begriffen ,,Schamanismus" und ,,Schamane" werden in der ethnologischen
Fachliteratur
religiöse
Phänomene
gegenwärtiger
indigener
Gesellschaften
Mesoamerikas bezeichnet, obwohl die diesen Konzepten zugrunde liegenden
ethnographischen Daten aus der Beobachtung religiöser Spezialisten und der
Glaubensvorstellungen nord- und zentralasiatischer Gruppierungen gewonnen wurden.
Im folgenden sollen zuerst Ursprung, Begriffsgeschichte und gegenwärtige
Verwendungen der Konzepte ,,Schamanismus" und ,,Schamane" untersucht werden, um
daraufhin anhand Weltanschauung und religiöser Spezialisten zweier gegenwärtiger
mesoamerikanischer Gruppierungen den Sinn dieser Begriffsverwendung in
ethnologischer Arbeit über Mesoamerika zu reflektieren.
1.) Zum Begriff Schamanismus
Untersucht man in synchroner Perspektive die Verwendung beider Begriffe in der
neueren Fachliteratur, so wird schnell deutlich, das ,,Schamanismus " und ,,Schamane"
einerseits sehr häufig zur Charakterisierung bestimmter Rollen und weltanschaulicher
Elemente ethnographisch untersuchter Gesellschaften verwendet, andererseits aber
durchaus unterschiedlich verstanden werden. Auch werden die beiden Konzepte nicht
immer deckungsgleich verwendet; wie allgemein die Wortendung -ismus in der
deutschen Sprache sowohl ideologische Systemen mit deduktiv erarbeiteten
Grundprämissen (,,Leninismus", ,,Katholizismus") wie auch musterhaft auftretende
2
empirische Phänomene (,,Albinismus", ,,Alkoholismus") kennzeichnet, steht
,,Schamanismus" (bzw. ,,
shamanism
") in der ethnologischen und archäologischen
Literatur einerseits für die Anwesenheit spezifischer religiöser Spezialisten in der
beschriebenen Gesellschaft (Furst 1968, Peters 1981, Dow 1986) und andererseits auch
für die Ideologie oder Religion von Gesellschaften, in denen Schamanen existieren
(Basilov 1984, Schele et al. 1993).
In letzterer Art der Begriffsverwendung wird Schamanismus als weltweit verbreitete
Ideologie von Ranggesellschaften und egalitären Gesellschaften betrachtet, in deren
geteilter religiöser Vorstellungswelt verschiedene typische Punkte wie
* eine Einteilung des Kosmos in mehrere verbundene Welten (meist in eine Ober- ,
Unter und Mittelwelt)
* zwei- oder mehrstufige Seelenvorstellungen (etwa aus Körperseele und Traumseele)
* die Existenz eines vielfältigen Pantheons von Geistern oder Göttern, die häufig als
Personifikationen von Bestandteilen der Umwelt oder Naturphänomene betrachtet
werden
sowie manchmal zusätzlich auch
* den Glauben an eine elementare, spirituelle Lebenskraft sowie
* Konzepte mythischer Verwandschaft mit Tieren oder Pflanzen
beinhalten.
Schamanismus als Weltanschaung überschneidet sich in solchen Definitionen also z.T.
mit anderen religionsethnologischen Konzepten wie Animatismus, Animismus,
Pantheismus, Polytheismus und Totemismus; als typische Besonderheit der
schamanistischen Weltanschaung wird meist das in mehrere Welten gegliederte
kosmologische Modell und vor allen Dingen die Anwesenheit von Schamanen genannt.
Diese werden in solchen Auffassungen als zentrale religiöse Funktionäre dieser
Gesellschaften gesehen und über wenige Merkmale wie beispielsweise über in
willentlich beabsichtigter Ekstase erfolgende Reisen in diese andere Welten (Schele et
al. 1993) oder Kommunikation mit Geistern (Basilov 1984) definiert, ohne das andere
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Konzepte von Weltanschauung und religiösen Spezialistentum wie Priester diskutiert
werden; wegen des häufig eher marginalen Status von solchen Schamanen in vielen
Gesellschaften wird dieses Konzept von Schamanismus von manchen Autoren kritisiert
(Voigt 1984, Vitebsky 2001).
Untersucht man die Verwendung des für das Konzept Schamanismus zentralen
Begriffes ,,Schamane" in der Fachliteratur in diachroner Perspektive, so lässt sich das
Wort erstmals in Berichten aus dem 18. Jahrhundert über einen bestimmten Typus von
religiösen Spezialisten in tungusische Sprachen wie Ewenkisch sprechenden Gruppen
Nordasiens vorfinden; vor allen Dingen von russischen Ethnographen wurden dann im
19. und frühen 20. Jahrhundert eine Vielzahl von Forschungen über solche religiösen
Funktionäre bei sibirischen und zentralasiatischen Gruppen wie den Tungusen,
Korjaken und Jakuten durchgeführt. Bei diesen Gruppierungen handelt es sich
vorwiegend um Ranggesellschaften, deren Subsistenz auf aneignender und/oder
nutzender Wirtschaft basiert und in deren religiösem Weltbild animistischer Glaube an
eine Beseeltheit der Natur, die Notwendigkeit eines reziproken Verhältnisses zu der
genutzten Natur etwa in Form rituell formalisierter Behandlung getöteten Wildes
und eine verschiedene Welten umfassende Kosmosauffassung eine gewichtige Rolle
spielen. Das System religiöser Funktionäre in diesen Gruppen ist häufig komplex und
umfasst verschiedene Spezialisierungen für Einzelaspekte des religiösen Weltbildes wie
den Geistern opfernde Priester, Ritualspezialisten für die Jagd und mit den Geistern
kommunizierende Heiler (Viterbsky 2001: 36-37). Wohl wegen der Auffälligkeit ihrer
religiösen Paraphernalien und ihres Verhaltens in Ekstase lag der Schwerpunkt der
russischen ethnographischen Untersuchungen meist auf Analyse von Tracht, Ritual und
Fragen der mentalen Stabilität von den mit Geistern kommunizierenden Heilern. Diese
wurden in Übernahme eines Ausdruckes der Ewenken als ,,Schamanen" klassifiziert; die
Begriffsverwendung der russischen Ethnographie entsprach also etwa der der heutigen
Fachliteratur. Schon im 19. Jahrhundert wurde diskutiert, ob das dem Begriff Schamane
zugrundeliegende ewenkische Wort
sáman
möglicherweise ein Lehnwort aus
nordindischen Sprachen wie Pali oder Tocharisch darstellt; das tocharische Wort
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samâne
etwa bezeichnete buddhistische Mönche. Angesichts des zeitweise weiten
Vordringens von Richtungen des Mahayana-Buddhismus nach Zentralasien erscheint es
durchaus möglich, daß das Wort im Rahmen synkretistischer Prozesse zur Bezeichnung
indigener religiöser Spezialisten übernommen wurde; in einem der wichtigsten Werke
über die Religion der Tungusen (Shirokogoroff 1935) merkte der Autor an, das
einerseits das Wort
samán
untypisch für die tungusischen Sprachen sei und andererseits
einige als typisch schamanistisch erachtete Elemente von Mythologie und
Paraphernalien des tungusischen Schamanismus - wie Geisternamen oder die zur
Erreichung des ekstatischen Zustandes benutze Trommel - direkte Parallelen zu
Mythologie und Ritualparaphernalien des tibetischen Buddhismus (Lamaismus)
aufweisen. Aufgrund dieser Beobachtungen betrachtete er den tungusischen
Schamanismus als relativ junges, wohl im 11-15. Jahrhundert entstandenes Phänomen,
das auf dem Substrat vorhandener animistischer Weltanschauung durch Berührung mit
dem Buddhismus entstand; spätere Forschungen bei anderen zentralasiatischen
Gruppierungen bestätigten diese These des ,,vom Buddhismus angereizten"
(Shirokogoroff 1935: 282) Schamanismus. Shirokogoroff untersuchte die Verwendung
des Wortes ,,sáman" bei den Tungusen detailliert und fand, das das Wort sowohl für
opfernde Priester wie auch Personen, die Geister durch Invokation in ihren Körper
kontrollieren, verwendet wird; typische Kennzeichen letzterer sind eine durch
Trommeln, Singen und Drogen wie Tabak und Wodka erreichte quasi-hysterische
Trance, in der sie laut den Tungusen zur Heilung von durch Geister geschädigten
Individuen in die Unterwelt reisen, sowie divinatorische Tätigkeiten.
Basierend auf den Ergebnissen weltweiter ethnographischer und historischer Forschung,
veröffentlichte dann der Religionswissenschaftler Mircea Eliade 1951 (Eliade 1975)
einen breit angelegten Überblick über das Thema, in dem er eine spezifische und
einflußreiche Auffassung von Schamanentum entwarf. Er untersuchte Einzelaspekte von
Initiation, Ritual und Paraphernalien von gegenwärtigen und historisch zugänglichen
Spezialisten weltweit und machte ihre typischen Ähnlichkeiten aus; beispielsweise
untersuchte er die Initiationsbedingungen bei verschiedenen Gruppierungen und fand als
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