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Die exotischen Frauenfiguren in Gerstäckers "Tahiti" und deren rassistische Abwertung

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2007, 23 Pages
Author: Janna Schumacher
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2007
Pages: 23
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 17  Entries
Language: German
Archive No.: V89810
ISBN (E-book): 978-3-638-03544-6

File size: 100 KB

Abstract

Der Roman Gerstäckers reiht sich ein in eine lange europäische Tradition von Südseedarstellungen. Deshalb sollen zunächst in dem ersten Kapitel die Ursprünge der Südseedarstellungen anhand der Reiseberichte Louis Antoine de Bougainvilles und Georg Forsters dargestellt werden. Gerstäckers Tahiti lässt sich zwischen den Schreibstilen ethnographischer Realismus und Südsee-Utopie einordnen. Utopische Südseedarstellungen zeigen bestimmte Strukturen und Funktionen, die eine Schnittstelle von Exotismus, Rassismus und Sexismus bilden. Dies soll außerdem im ersten Kapitel der Arbeit theoretisch analysiert werden. Aus diesen Überlegungen ergeben sich bestimmte Fragen, unter denen der Roman im Folgenden untersucht werden soll. Zunächst soll im zweiten Kapitel an einzelnen Figuren rassistischer Abwertung vor allem der Zusammenhang von Exotismus und Rassismus analysiert werden, dann werden im dritten Kapitel der Hausarbeit die drei zentralen Frauenfiguren des Romans hinsichtlich der besonderen Stellung von Frauen im Rahmen von Kolonialisierung und der Darstellung von Kulturkontakt erläutert. In dem Südseeroman Tahiti (1854) verliebt sich der Franzose René in die Insulanerin Sadie. Sie heiraten und führen ein abgeschiedenes Familienleben auf der Insel Atiu. Doch dann siedeln sie nach Tahiti über, wo das Paar mit der dortigen europäischen Gesellschaft in Berührung kommt. René verliebt sich in die Amerikanerin Susanne und verlässt Tahiti. In einem zweiten Erzählstrang werden die politischen Verhältnisse auf Tahiti geschildert. Dort streiten sich die Engländer, vertreten auf der Insel durch protestantische Missionare, mit den katholischen Franzosen um die politische und religiöse Vorherrschaft. Die Engländer ziehen sich letztendlich zurück, die protestantische Königin Pomare flieht. Der folgende Aufstand der Insulaner wird von den Franzosen blutig niedergeschlagen. René kehrt elf Jahre später nach Tahiti zurück. Seine Frau Sadie ist tot, nur noch seine Tochter lebt auf Atiu. René, von Schulgefühlen und enttäuschten Hoffnungen getrieben, verschwindet mit einem Kanu in der Nacht.


Excerpt (computer-generated)

Universität Hamburg

Sommersemester 2007

Die exotischen Frauenfiguren in Gerstäckers Roman

Tahiti

und deren rassistische Abwertung


1. Einleitung 3

1.1. Ethnographischer Realismus und Südsee-Utopie 4

1.1.1. Literarische Südseebilder 4

1.1.2. Einordnung des Romans

Tahiti

5

1.2. Exotismus und Rassismus 6

1.3. Die doppelte Kolonialisierung der Frau 8

1.4. Zwischenergebnis und Fragestellung 10

2. Figuren rassistischer Abwertung in

Tahiti

11

2.1. Die Insulaner als unschuldige Kinder 12

2.2. Die Frauen als exotisch, sinnliche und (un)moralische Wesen 13

2.3. Die Insulaner als Müßiggänger und rein sinnliche, geistlose Wesen 14

3. Die Frauenfiguren Sadie, Aumama und Pomare 15

3.1. Sadie 15

3.2. Aumama 16

3.3. Pomare 18

4. Abschließende Diskussion 19

5. Literatur 21


2


1. Einleitung

In dem Südseeroman

Tahiti

(1854)

verliebt sich der Franzose René in die Insulanerin Sadie.

Sie heiraten und führen ein abgeschiedenes Familienleben auf der Insel Atiu. Doch dann sie-

deln sie nach Tahiti über, wo das Paar mit der dortigen europäischen Gesellschaft in Berüh-

rung kommt. René verliebt sich in die Amerikanerin Susanne und verlässt Tahiti.

In einem zweiten Erzählstrang werden die politischen Verhältnisse auf Tahiti geschildert.

Dort streiten sich die Engländer, vertreten auf der Insel durch protestantische Missionare, mit

den katholischen Franzosen um die politische und religiöse Vorherrschaft. Die Engländer

ziehen sich letztendlich zurück, die protestantische Königin Pomare flieht. Der folgende Auf-

stand der Insulaner wird von den Franzosen blutig niedergeschlagen. René kehrt elf Jahre

später nach Tahiti zurück. Seine Frau Sadie ist tot, nur noch seine Tochter lebt auf Atiu. Re-

né, von Schulgefühlen und enttäuschten Hoffnungen getrieben, verschwindet mit einem Kanu

in der Nacht.

Der Roman Gerstäckers reiht sich ein in eine lange europäische Tradition von Südseedarstel-

lungen. Deshalb sollen zunächst in dem ersten Kapitel die Ursprünge der Südseedarstellungen

anhand der Reiseberichte Louis Antoine de Bougainvilles und Georg Forsters dargestellt wer-

den. Gerstäckers

Tahiti

lässt sich zwischen den Schreibstilen ethnographischer Realismus und

Südsee-Utopie einordnen. Utopische Südseedarstellungen zeigen bestimmte Strukturen und

Funktionen, die eine Schnittstelle von Exotismus, Rassismus und Sexismus bilden. Dies soll

außerdem im ersten Kapitel der Arbeit theoretisch analysiert werden. Aus diesen Überlegun-

gen ergeben sich bestimmte Fragen, unter denen der Roman im Folgenden untersucht werden

soll. Zunächst soll im zweiten Kapitel an einzelnen Figuren rassistischer Abwertung vor allem

der Zusammenhang von Exotismus und Rassismus analysiert werden, dann werden im dritten

Kapitel der Hausarbeit die drei zentralen Frauenfiguren des Romans hinsichtlich der besonde-

ren Stellung von Frauen im Rahmen von Kolonialisierung und der Darstellung von Kultur-

kontakt erläutert.

3


1.1. Ethnographischer Realismus und Südsee-Utopie

1.1.1. Literarische Südseebilder

Eine lange Tradition von Südseeerzählungen hat zu einer Fülle an Klischees und Motiven

geführt, die dem deutschen Lesepublikum in der Mitte des 19. Jahrhunderts bekannt waren, so

dass Gerstäcker sie nach Belieben abrufen konnte.

1766 beginnt Louis Antoine de Bougainville seine erste Weltumsegelung. Es war die erste

Seeforschungsexpedition, die vornehmlich wissenschaftlichen Zielsetzungen folgte. Der ein-

zige spektakuläre Ertrag der Reise war allerdings die ,,Entdeckung" Tahitis1. So steht denn

auch im Mittelpunkt von Bougainvilles Reisebericht die Beschreibung der Insel, eine Darstel-

lung, in der sich idealisierende Stereotype des Menschen im Naturzustand mit antik-

mythischen Deutungen mischen (Kohl 1983, 207f.). Bougainville beschreibt die Inselbewoh-

ner:

,,Ich habe niemals so wohlproportionierte Männer gesehen: um einen Mars oder Herkules zu

malen, würde man nirgends schönere Muster finden. Ihre Züge unterscheiden sich nicht von

denen der Europäer, und sie würden auch ebenso weiß sein, wenn sie sich nicht beständig im

Freien und in der prallen Sonne aufhielten" (Bougainville 1985, S. 202).

Die antikisierende Darstellung der Bewohner Tahitis erklärt Kohl psychologisch. Im Europa

des 18. Jahrhunderts setzte ein Prozess der Erotisierung der Kunst ein. Die bildliche Verge-

genwärtigung der griechischrömischen Mythologie und ihrer erotischen Sujets zeigte sich als

Darstellung unterdrückter sexueller Wunschphantasien (Kohl 1983, S. 212).

Die Bewohner und Bewohnerinnen Tahitis, die im Gegensatz zu den zum Beispiel sehr dun-

kelhäutigen Australiern, vom äußeren Erscheinen dem europäischen Schönheitsideal nahe

kamen2, bekamen in den Reiseberichten des 18. Jahrhunderts eine ,,erotische Lizenz" (Maler

1988, S. 83).

Durch den Bericht Bougainvilles etablierte sich im westlichen Europa ein Bild von Tahiti als

eines exotischen Garten Edens, ein Paradies, das so anziehend wirkt, dass immer wieder Pro-

minente, wie zum Beispiel Goethe, die Auswanderung dorthin planten (Maler 1984, S. 84).

Georg Forster, der die Expedition Cooks begleitete, landete 1773 erstmals auf Tahiti. Den

ersten Anblick beschreibt er folgendermaßen:

,,Ein Morgen war′s, schöner hat ihn schwerlich je ein Dichter beschrieben, an welchem wir die

Insel

O-Tahiti

, 2 Meilen vor uns sahen. Der Ostwind, unser bisheriger Begleiter hatte sich ge-

1 Bereits 1767 war das englische Schiff

Dolphin

gelandet, es war aber erst Bougainvilles Bericht, der Tahiti dem

europäischen Lesepublikum bekannt und populär machen sollte (vgl. Kohl 1983, S. 201).

2 Schon in Forsters Reiseberichten wurde der australische Eingeborene auf die niedrigste Stufe gestellt (Maler

1984, S. 87).

4


legt; ein vom Lande wehendes Lüftchen führte uns die erfrischendsten und herrlichsten Wohl-

gerüche entgegen und kräuselte die Fläche der See. Waldgekrönte Berge erhoben ihre stolzen

Gipfel [...] Vor diesen her lag die Ebene, von tragbaren Brodfruchtbäumen und unzählbaren

Palmen beschattet, deren königliche Wipfel weit über jene empor ragten" (Forster 1965, S.

217f.).

Zwar diente Forsters Reisebericht einer weiteren Bestätigung des Bildes von Tahiti als idylli-

schem Paradies auf Erden, doch war er einer der Ersten, der Ungleichheiten im vermeintli-

chen Idyll anerkannte (Maler 1988, S. 83). Er forderte eine ethnographisch-realistische

Darstellung fremder Kulturen und kritisierte explizit das Konstrukt des ,,Edlen Wilden" bei

Rousseau, das bloß ideale bürgerliche Selbstporträts enthalte (Pickerodt 1987, S. 131). Auf

seine eigenen Beobachtungen aufbauend entwirft Forster trotzdem ein Bild natürlicher Un-

schuld.

Die Argumentation, auf die sich das Motiv des exotischen Garten Edens berufen kann, ist,

Maler zufolge, simpel und überzeugend: Die Bewohner der Südseeinseln scheinen von der

Arbeit befreit, da der natürliche Reichtum genügend Nahrungsmittel bereit hält, außerdem

gibt es kein christliches moralisches Gesetz, das Sinnesgenuss zur Sünde erklärt. So können

die Inselbewohner als unschuldige Kinder beschrieben werden, die fröhlich und unbeschwert

das Leben in vollen Zügen genießen (Maler 1984, S. 83f.).

Dass dieses Bild vor allem in Bezug auf die Sexualität der Insulanerinnen nicht durchgehalten

werden kann, zeigt Forsters Bericht über unreglementierte Sexualität, welche offensichtlich

seinem Begriff von moralisch guter Natur widerspricht:

,,Die menschliche Natur muß freylich sehr unvollkommen seyn, daß eine sonst so gute, einfäl-

tige und glückliche Nation zu solchem Verderbniß und zu solcher Sittenlosigkeit hat herabsin-

ken können" (Forster 1965, S. 278f.).

Einerseits ist die Natur bei Forster gut, die Zivilisation verdorben, andererseits bringt der un-

schuldige Naturzustand ,,viehisches" Verhalten mit sich (Pickerodt 1987, S. 134).

Den Reiseberichten, die Tahiti als ,,Metapher des Exotischen an sich" (Pollig 1987, S. 19)

etabliert haben, folgt eine Fülle an literarischer Verarbeitung des Südseemythos.

Ich werde in

dieser Arbeit Gerstäckers Roman

Tahiti

exemplarisch behandeln.3

1.1.2. Einordnung des Romans

Tahiti

1850 reist Gerstäcker selbst in die Südsee. Das Resultat sind fast dreißig Titel Südseeerzäh-

lungen. Neben seinen eigenen Reiseerfahrungen kann sich Gerstäcker auf die oben beschrie-

bene Tradition an Südseedarstellungen und etablierten Klischees und Motiven beziehen.

3 Für eine übersichtliche Darstellung auch anderer literarischer Verarbeitungen vgl. Maler 1988 und 1984.

5



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