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Das Geschlechterverhältnis in der Volksrepublik China und das Problem der fehlenden Mädchen

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2007, 22 Pages
Author: Isabelle Harbrecht
Subject: Orientalism / Sinology - Chinese / China

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2007
Pages: 22
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 29  Entries
Language: German
Archive No.: V90138
ISBN (E-book): 978-3-638-04239-0

File size: 278 KB

Abstract

Als eines der bevölkerungsreichsten Länder der Erde findet Chinas demographische Entwicklung viel Aufmerksamkeit in wissenschaftlichen Untersuchungen. Großes Bevölkerungswachstum führte zur Einführung der Ein-Kind-Politik, was wiederum eine rasante Alterung der Bevölkerung zur Folge hat. Die extremen Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur werden dank besserer technischer Vorrausetzungen und zuverlässigerer statistischen Daten messbar. Die vorliegende Arbeit widmet sich dem Geschlechterverhältnis bei Geburt in der Volksrepublik China (VRCh). Bereits in den 80er Jahren rückte der unnatürlich hohe Anteil männlicher Geburten in den Fokus der Öffentlichkeit. Seit Einführung der Ein-Kind-Politik ist das Geschlechterverhältnis bei Geburt (GV) stetig gestiegen und befindet sich in einem unnatürlich hohen Bereich. Nach einer kurzen allgemeinen Einführung werden die aktuellen GV Werte in China nach Paritäten aufgeschlüsselt und regionale Unterschiede untersucht. Ziel dieser Arbeit ist es die Gründe für das Fehlen der Mädchen auszumachen und die gesellschaftlich bedingten Ursachen zu identifizieren. Als Quellen wurden hierzu diverse wissenschaftliche Arbeiten der letzten 20 Jahre und die Volkszählungen der VRCh herangezogen. Mangelhaftes Zahlenmaterial und die Illegalität von geschlechtsspezifischen Abtreibungen und Infantizid haben, was den Verbleib der Mädchen angeht, in den bisherigen Untersuchungen des GV zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen geführt. Kapitel 4 liefert einen Überblick über die gängigen Gründe und ihre Erklärungskraft. Ein kurzer Rückblick in Kapitel 5 zeigt die historische Entwicklung des GV und gibt einen Einblick in das traditionelle Gedankengut der chinesischen Gesellschaft. Die Sohn-Präferenz wird als eine der Ursachen für das erhöhte GV identifiziert. Kapitel 6 analysiert die unterschiedliche Rolle von Sohn und Tochter im gegenwärtigen China und die Pflichten der Nachkommen in einer Familie. Nachdem sowohl die Gründe als auch die Ursachen für das hohe GV bei Geburt in China untersucht worden sind, ist es möglich in Kapitel 7 einige Lösungsansätze anzubieten.


Excerpt (computer-generated)

Ostasiatisches Seminar

Institut für moderne China-Studien

Neuere Geschichte/ Politik, Wirtschaft und Gesellschaft

Das Geschlechterverhältnis in der Volksrepublik China

und das Problem der fehlenden Mädchen

Isabelle Harbrecht

1


Inhalt

1 Einleitung 3

2 Das

Geschlechterverhältnis 3

3

Das Geschlechterverhältnis in China 4

3.1 Regionale

Unterschiede 5

4

Die fehlenden Mädchen 6

4.1

Biologische Abnormalität in der chinesischen Rasse 7

4.2 Nicht-Registrierung

und

Freigabe zur Adoption 7

4.3 Erhöhte

Sterberate 8

4.4 Infantizid 8

4.5 Geschlechtsspezifische

Abtreibung 9

5

Traditionelles und historisches China 10

6 Die

Sohn-Präferenz 12

6.1

Messbarkeit der Sohnpräferenz 14

7 Lösungsansätze 15

8 Fazit 16

9 Bibliographie 18

10 Anhang 20

2


1 Einleitung

Als eines der bevölkerungsreichsten Länder der Erde findet Chinas demographische

Entwicklung viel Aufmerksamkeit in wissenschaftlichen Untersuchungen. Großes

Bevölkerungswachstum führte zur Einführung der Ein-Kind-Politik, was wiederum eine

rasante Alterung der Bevölkerung zur Folge hat. Die extremen Veränderungen in der

Bevölkerungsstruktur werden dank besserer technischer Vorrausetzungen und zuverlässigerer

statistischen Daten messbar. Die vorliegende Arbeit widmet sich dem Geschlechterverhältnis

bei Geburt in der Volksrepublik China (VRCh). Bereits in den 80er Jahren rückte der

unnatürlich hohe Anteil männlicher Geburten in den Fokus der Öffentlichkeit. Seit

Einführung der Ein-Kind-Politik ist das Geschlechterverhältnis bei Geburt (GV) stetig

gestiegen und befindet sich in einem unnatürlich hohen Bereich.

Nach einer kurzen allgemeinen Einführung werden die aktuellen GV Werte in China nach

Paritäten aufgeschlüsselt und regionale Unterschiede untersucht. Ziel dieser Arbeit ist es die

Gründe für das Fehlen der Mädchen auszumachen und die gesellschaftlich bedingten

Ursachen zu identifizieren. Als Quellen wurden hierzu diverse wissenschaftliche Arbeiten der

letzten 20 Jahre und die Volkszählungen der VRCh herangezogen. Mangelhaftes

Zahlenmaterial und die Illegalität von geschlechtsspezifischen Abtreibungen und Infantizid

haben, was den Verbleib der Mädchen angeht, in den bisherigen Untersuchungen des GV zu

unterschiedlichen Schlussfolgerungen geführt. Kapitel 4 liefert einen Überblick über die

gängigen Gründe und ihre Erklärungskraft. Ein kurzer Rückblick in Kapitel 5 zeigt die

historische Entwicklung des GV und gibt einen Einblick in das traditionelle Gedankengut der

chinesischen Gesellschaft. Die Sohn-Präferenz wird als eine der Ursachen für das erhöhte GV

identifiziert. Kapitel 6

analysiert die unterschiedliche Rolle von Sohn und Tochter im

gegenwärtigen China und die Pflichten der Nachkommen in einer Familie. Nachdem sowohl

die Gründe als auch die Ursachen für das hohe GV bei Geburt in China untersucht worden

sind, ist es möglich in Kapitel 7 einige Lösungsansätze anzubieten.

2 Das Geschlechterverhältnis

Das biologisch normale Geschlechterverhältnis liegt bei der Geburt bei 106. Die höhere Zahl

der männlichen Geburten wird im Laufe des Lebens ausgeglichen durch eine höhere

Sterberate bei männlichen Kleinkindern und die biologisch höhere Lebenserwartung der

Frauen.1 Mit zunehmender Modernisierung sinkt auch das GV, da Frauen von der sinkenden

1 Vgl. Momsen 2004, Seite 25.

3


Mortalität in der Regel stärker betroffen sind.2 Ein vom Menschen nicht beeinflusstes GV bei

Geburt ist konstant. Später wird es durch unterschiedliche Faktoren, wie z.B. Mortalität und

Migration beeinflusst. Der Fokus dieser Arbeit liegt aber auf dem GV bei Geburt.

Zahlenangaben werden sich deswegen, wenn nicht anders angegeben, auf das GV bei Geburt

beziehen.3 Ein erhöhtes GV kann diverse Ursachen haben, die in dieser Arbeit untersucht

werden, und ist ein Indikator für Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern. Diese

Ungleichheiten führen zu einer Präferenz für männliche Nachkommen, welche im

Umkehrschluss ein erhöhtes GV zur Folge haben können. So herrschen vor allem in

arabischen Ländern, in Ländern mit konfuzianischen Traditionen und in Ländern, in denen

Frauen einen niedrigen Status haben, erhöhte Geschlechterverhältnisse. 4 Es wird

angenommen, dass die Sohnpräferenz mit zunehmender wirtschaftlicher Entwicklung und

höherer Bildung der Bevölkerung nachlässt. Doch ein unnatürlich hohes GV ist auch in vielen

entwickelten Ländern Asiens noch vorhanden. Offensichtlich bewirkt die geringere

Fruchtbarkeit, dass die in der Kultur verwurzelte Sohnpräferenz deutlicher wird.5 So liegt das

GV bei Geburt in China bei 111, in Taiwan bei 109, in Süd-Korea bei 108, in Indien bei 112.

In Deutschland hingegen liegt das GV bei der Geburt bei 106, in Frankreich bei 105 und in

den USA ebenfalls 105. Diese Zahlen beziehen sich auf die Angaben des CIA World

Factbook aus dem Jahr 2007 und sollen hier einen internationalen Vergleich ermöglichen. Der

Wert für China stimmt nicht mit dem GV aus chinesischen Quellen überein.6

3 Das Geschlechterverhältnis in China

Nach Gründung der VRCh war das GV bei Geburt in einem normalen Bereich. Seit Ende der

70er Jahre steigen die Werte. Die Volkszählungen ergaben folgende Zahlen:

1953 104,9

1964 103,8

1982 107,6

1990 113,9

2000 119,9278

Das GV steigt mit der Einführung der Ein-Kind-Politik und der Reduktion der Fruchtbarkeit.

Der Zensus aus dem Jahr 2000 zeigt bei der Aufschlüsselung des GV nach Paritäten

eindeutig, dass das Problem eines stark erhöhten GV hauptsächlich zweite, dritte und vierte

Kinder betrifft.

2 Vgl. Yaukey 1992, Seite454, 453.

3 Vgl. Johansson 1987, Seite 418

4 Vgl. Momsen 2004, Seite 21, 22.

5 Vgl Croll 2000, Seite 3, 9.

6 Vgl. https://www.cia.gov/cia/publications/factbook/fields/2018.html, 9.5.07.

7 Vgl. Attané 2005, Seite 174.

8 Vgl. Statistics on chinese women 1991, Seite 36; 2000 Population Census of the Peoples Republic of China,

Seite 1681

4


Insgesamt

1. Kind

2. Kind

3. Kind

4. Kind

Weitere

Kinder

China 119,92 107,12 151,92 160,30 161,42 148,79

Quelle: Tabulation on the 2000 Population Census of the Peoples Republic of China, Seite

1681-1683

Bei dem ersten Kind ist das GV noch in einem fast normalen Bereich. Diese Zahlen können

keine biologischen Grund haben sondern sind ein Zeichen, dass von Menschen manipuliert

wurde. Setzt man voraus, dass die Zahlen zumindest ansatzweise den Tatsachen entsprechen,

kann man folgende Thesen aufstellen: Offensichtlich läuft die Geburt des ersten Kindes unter

relativ natürlichen Bedingungen ab. Bei jedem weiteren Kind steigt der Druck von Außen

oder der eigene Wunsch, einen Sohn zu gebären. In der Gesellschaft herrscht eine weit

verbreitete, stark ausgeprägte Sohnpräferenz. Diese kann durch ungleiche Rollenverteilung

zwischen den Geschlechtern und ungleiche Chancen im späteren Leben hervorgerufen

werden. Durch die Beschränkung der Kinder pro Elternpaar gibt es nicht mehr die

Möglichkeit, soviel Kinder zu bekommen, bis die gewünschte Zahl und

Geschlechterzusammensetzung vorhanden ist. Das GV ist also das Produkt der Sohnpräferenz

in Verbindung mit der Ein-Kind-Politik. Es gilt die Ursachen und Indikatoren für die Sohn-

Präferenz zu untersuchen, um so ein tieferes Verständnis für das Zustandekommen eines so

hohen GV zu bekommen. Ein natürliches GV ist bei allen Geburten konstant. In China steigt

es aber mit jedem weiteren Kind. Die Eltern müssen also in der Schwangerschaft manipuliert

haben oder die Zahlen entsprechen nicht dem realen Verhältnis. Es soll hier also des weiteren

der Frage nachgegangen werden, wo die fehlenden Mädchen geblieben sind und welche

Möglichkeiten es für chinesische Eltern gibt, das Geschlecht ihres Kindes zu beeinflussen.

3.1 Regionale Unterschiede

Das GV ist am höchsten im reichen Südosten. Aber auch in Zentral und Nordzentral China

sind die Zahlen erhöht. In Minderheiten und Randregionen hingegen ist das Verhältnis

weniger aus dem Gleichgewicht (siehe Anhang Seite 19). Auf dem Land ist das

Geschlechterverhältnis höher als in den großen Städten. In den Kreisen haben die Städte ein

höheres Verhältnis, da hier die Technik für pränatale Geschlechtsbestimmung eher vorhanden

ist. Han-Chinesen haben ein erhöhtes GV, während es für die meisten Minderheiten im

5



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