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Berufung - Selbstverwirklichung oder Gottesbegegnung?

Diploma Thesis, 2000, 262 Pages
Author: Reimar Lüngen
Subject: Psychology - Psychology of Religion

Details

Category: Diploma Thesis
Year: 2000
Pages: 262
Grade: Sehr gut
Language: German
Archive No.: V9038
ISBN (E-book): 978-3-638-15850-3
ISBN (Book): 978-3-638-80970-2
File size: 1065 KB

Abstract

Seine Berufung zu kennen und in ihr zu leben gehört zum Erfüllendsten, was ein Mensch erleben kann. Umgekehrt ist es eines der frustrierendsten Erlebnisse, seine Berufung dauerhaft zu verfehlen. Doch was ist eigentlich Berufung? Diese Arbeit stellt in drei Teilen die Themen Selbstverwirklichung und Berufung einander gegenüber, wobei jeweils das eine im Licht des anderen deutlicher sichtbar wird. Die Gegenüberstellung zeigt harte Gegensätze, aber auch erstaunliche Parallelen auf. Im ersten Teil „Selbstverwirklichung“ wird das faszinierende und in dieser Form wenig bekannte Konzept von Selbstverwirklichung aufgrund der Werke von Abraham Maslow (Grenzerfahrungen), Martin Buber (Ich-Du-Begegnung) und Viktor Frankl (Sinnsuche) ausführlich beschrieben und auch kritisiert. Es entsteht ein Bild von Selbstverwirklichung, das nicht nur eine Sache des Selbst ist, sondern über das Selbst hinausreicht. Das führt nahtlos zum eigentlichen Thema „Berufung“ im zweiten Teil. Ausgehend von der Hypothese, dass Christen auf ihrer Suche nach Berufung allzu leicht unbewusst danach streben, sich selbst zu verwirklichen (indem sie z. B. ihre eigenen Gaben zum Gegenstand ihrer Berufung machen), wird schließlich ein umfassendes Bild von Berufung entworfen, das auf einen Beziehungsprozess hinausläuft. Ein dritter Teil „Berufensein“ macht das theoretische Konzept von Berufung praktisch zugänglich und ermutigt die Leser, sich so, wie sie sind, auf den spannenden und lebensverändernden Ruf Gottes einzulassen. Damit vollbringt diese Arbeit das Kunststück, nicht nur wissenschaftliche Zusammenhänge auf philosophischem, psychologischem und theologischem Gebiet verständlich zu machen, sondern zugleich auch ganz persönlich die Herzen der Leser anzurühren. Der Form nach ist es eine wissenschaftliche Arbeit, dem Inhalt nach ist es praktische Ermutigung für Menschen, die vielleicht schon lange vergeblich auf der Suche nach ihrer Berufung sind – und für Menschen, die vom Blick auf sich selbst entmutigt sind.


Excerpt (computer-generated)

IGNIS-Akademie für Christliche Psychologie
Sommersemester 2000

Diplomarbeit

Berufung -
Selbstverwirklichung oder Gottesbegegnung?

Vorgelegt von:
Reimar Lüngen

Fertiggestellt am 14. Juli 2000

 

0.1. Summary

Diese Diplomarbeit stellt die Themen Selbstverwirklichung und Berufung nebenein-ander, wobei jeweils das eine im Licht des anderen deutlicher sichtbar wird. Die Ge-genüberstellung zeigt harte Gegensätze, aber auch erstaunliche Parallelen auf.
Im ersten Teil wird das Konzept von Selbstverwirklichung aufgrund der Forschungen des Psychologen Abraham Maslow über die menschlichen Bedürfnisse ausführlich beschrieben und auch kritisiert. Maslows Beobachtungen, daß "Selbstverwirklicher" häufiger als andere Menschen Grenzerfahrungen machen, geben die Richtung zur Erweiterung des Konzepts der Selbstverwirklichung an. Das Erleben von Grenzerfah-rungen erinnert an das Erleben der Ich-Du-Beziehung, wie der Religionsphilosoph Martin Buber sie beschreibt. Ebenso werden von den Humanistischen Psychologen auch Aussagen des Psychologen Viktor Frankl über die Sinnsuche in das Selbst-verwirklichungskonzept einbezogen, die in dieser Arbeit ebenfalls betrachtet werden. Aus all dem entsteht ein Bild von Selbstverwirklichung, das nicht nur eine Sache des Selbst ist, sondern über das Selbst hinausreicht.
Das führt direkt zum Thema Berufung im zweiten Teil. Ausgehend von der Hypothese, daß Christen, die nach ihrer Berufung suchen, unbewußt nach Möglichkeiten suchen, sich selbst zu verwirklichen (z. B. ihre eigenen Gaben zum Gegenstand ihrer Beru-fung machen wollen), wird ein Bild von Berufung entworfen, das ein Beziehungspro-zeß ist. Berufung ist einerseits der Ruf Gottes in das Leben von Menschen, mit dem er sie zu sich ruft, und andererseits die Sendung zu den anderen Menschen. In der Sendung spielt zwar das Selbst des Menschen (Begabungen, Persönlichkeit) eine Rolle, ebenso will sie den Menschen über das hinausführen, was er ist. Berufung heißt nicht, daß etwas getan werden muß, sondern daß der Berufene wächst und reift.
Ein kurzer dritter Teil "Berufensein" versucht, das theoretische Konzept von Berufung praktisch zugänglich zu machen und die Leser zu ermutigen, sich so, wie sie sind, auf den Ruf Gottes einzulassen.
Die Zielgruppe dieser Arbeit sind Menschen, die auf der vielleicht über lange Zeit vergeblichen Suche nach Berufung sind, und Menschen, die vom Blick auf sich selbst entmutigt sind. Die Diplomarbeit will die auch im christlichen Raum allgegenwärtigen Lügen des Humanismus aufdecken, der das Selbst vergöttert, und die Natur des Alten Menschen in jedem von uns entlarven, die sich selbst vergöttert. Über allem sol-len Liebe und Gnade als Zentrum von Berufung aufleuchten.
Alle Hervorhebungen in Zitaten sind, wenn nicht anders angegeben, von den jeweili-gen Autoren. Die Bibelzitate stammen aus der Luther-Übersetzung 1984. Kursiv ge-schriebene Absätze am Ende einiger Kapitel sind Fazit-Gedanken. Außerdem gibt es eine Reihe Exkurse, die in kurzer Form Hintergrundwissen behandeln, das nicht direkt zum Thema der Diplomarbeit gehören, es aber gut ergänzt.


0.2. Inhaltsverzeichnis

0.1. Summary ...3
0.2. Inhaltsverzeichnis ...4
0.3. Verzeichnis der Exkurse...8

1. Hinführung ...9
1.1. Die Menschen mit Leben berühren ...9
1.2. Ein persönliches Vorwort...10
1.4. Nach der Berufung suchen? ... 11

1.5. Ziel und Grenzen dieser Arbeit...13
1.5.1. Fragen und Thesen ...13
1.5.2. Grenzen dieser Arbeit...15

I. Selbstverwirklichung ...17

2. Was wir suchen...18
2.1. Handlungsanweisungen und Platzanweisung...20
2.2. Selbstwert und Identität...22
2.3. Sinn...23
2.4. Meine Begabungen einbringen können...24

3. Was ist Selbstverwirklichung? ...27

3.1. Humanismus...27

3.2. Humanistische Psychologie...28
3.2.1. Philosophische Wurzeln...28
3.2.2. Gestaltpsychologische Wurzeln...30
3.2.3. Menschenbild...31
3.2.4. Weltanschauliche Lasten...32
3.2.5. Kritik des humanistischen Menschenbildes...33

3.3. Das Selbst ...36
3.3.1. Vielfalt der Definitionen...36
3.3.2. Verständnis der Humanistischen Psychologie...37

3.4. Selbstverwirklichung...38
3.4.1. Das höchste der Bedürfnisse ...38
3.4.1.1. Die Maslowsche Bedürfnispyramide ...38
3.4.1.2. Defizit-Bedürfnisse in der Bibel ...40
3.4.1.3. Wachstums-Bedürfnisse in der Bibel ...41
3.4.2. Wachstum...44
3.4.2.1. „Defizit-Motivation und Wachstums-Motivation“ ...44
3.4.2.2. Die Energiequelle des Wachstums...46
3.4.2.3. Wie selbstverwirklichende Menschen sind ...47
3.4.2.4. Wie das Wachstum geschieht...49
3.4.2.5. Entscheidung zwischen Wachstum und Sicherheit...51
3.4.2.6. Beziehungen zu anderen Menschen...53

3.5. Über das Selbst hinaus ...57
3.5.1. Wie sich Selbstverwirklichung äußert ...57
3.5.2. Grenzerfahrungen...59
3.5.3. Begegnung mit der Welt ...64
3.5.3.1. Das Selbst und die Wirklichkeit vereinen...64
3.5.3.2. Warum die Beziehung zur Welt notwendig ist ...64

3.6. Beziehungen...66
3.6.1. Martin Buber...66
3.6.2. Die Grundworte Ich-Du und Ich-Es...67
3.6.2.1. Beziehung und Erfahrung...68
3.6.2.2. Die Zunahme der Es-Welt ...70
3.6.2.3. Das Du und das ewige Du ...73
3.6.3. Die Begrenzung der Ich-Du-Beziehung...76
3.6.4. Sich auf das Du einlassen...78
3.6.4.1. Mut zum Zuhören...78
3.6.4.2. Annahme ...79
3.6.4.3. Vergegnungen...79

3.7. Sinnfindung ...81
3.7.1. Leiden an der Sinnlosigkeit ...81
3.7.2. Die „Vorsehung“ und die Freiheit ...83
3.7.3. Leben als Verwirklichung von Möglichkeiten...84
3.7.3.1. Drei Lebens-Werte ...84
3.7.3.2. Einmaligkeit und Einzigartigkeit...85
3.7.3.3. Eine Lebensaufgabe ...86
3.7.3.4. Der Sinn unserer Unvollkommenheit ...88
3.7.3.5. Tod und Liebe ...89
3.7.4. „Ärztliche Seelsorge“ ...89
3.7.5. Verantwortung übernehmen...91

3.8. Zusammenfassung...92
3.8.1. Wortbedeutung und -herkunft...93
3.8.2. Erweiterung des Selbstverwirklichungskonzepts...93
3.8.3. Die Grundursache von Selbstverwirklichung ...94
3.8.4. Kritik der Humanistischen Psychologie ...95
3.8.5. Selbstverwirklichung und die Bibel ...97
3.8.5.1. Das Doppelgebot der Liebe ...98
3.8.5.2. Erster Deutungsvorschlag...99
3.8.5.3. Zweiter Deutungsvorschlag ...100
3.8.6. Alternativen zur Selbstverwirklichung ...101

II. Berufung ...103

4. Was Gott sucht ...104
4.1. Gott und der Mensch...105
4.1.1. Gott braucht uns nicht...106
4.1.1.1. Die Schöpfung...106
4.1.1.2. Das Volk Israel ...107
4.1.1.3. Jesus Christus und die Gemeinde...108
4.1.2. Gott will uns ... 110
4.1.3. Gott ruft uns... 111
4.1.4. Braucht Gott uns doch?... 113

4.2. Hingabe und Schwäche... 113

4.3. Gemeinschaft ... 114

5. Was ist Berufung? ...121
5.1. Wortbedeutungen ...121

5.2. Ein säkularer Erklärungsversuch ...124
5.2.1. Die „innere Kraft“ ...124
5.2.2. Was uns innerlich drängt ...125
5.2.3. Vom Wesen des Schicksals ...126

5.3. Berufung als Selbstverwirklichung? ...127
5.3.1. „Grundtrieb“ Selbstverwirklichung...127
5.3.2. Das Angerufensein erkennen ...130
5.3.3. Die größere Entscheidung ...132

5.4. Christliche Verständnisse...133
5.4.1. Berufung – nur vollzeitlich? ...133
5.4.1.1. Mein Gottesverhältnis ...133
5.4.1.2. Mein Verhältnis zu den Mitmenschen...134
5.4.1.3. Mein Verhältnis zu mir selber...134
5.4.1.4. Die Gemeinde ...135
5.4.1.5. Die Ursachen...136
5.4.2. Berufung – nur eine Aufgabe? ...137
5.4.2.1. Beispiel: Der Gabentest...139
5.4.2.2. Begabung – was die Wissenschaft sagt ...141
5.4.2.3. Berufung und Begabung in der Bibel ...144
5.4.2.4. Begabung: Stärken und Schwächen...147
5.4.2.5. Begabte und Berufene...150

6. Ein detailliertes Bild von Berufung...153
6.1. Der Ruf...154
6.1.1. Wort und Antwort...155
6.1.2. „Komm!“ ...156
6.1.3. „Hier bin ich“...158
6.1.3.1. Hingabe...159
6.1.3.2. Liebe als Kern von Berufung ...161

6.2. Die Sendung...162
6.2.1. „Mit dem Eigenen“...164
6.2.2. „Ins Andere“ ...165
6.2.3. Wozu wir gesandt sind...168
6.2.4. Gegensatz oder Gemeinsamkeit? ...169
6.2.5. Wozu wir nicht gesandt sind...171

6.3. Das Berufungsmodell und die Bibel...173
6.3.1. Berufung in der Bibel...173
6.3.1.1. Abraham, Mose und die Propheten ...173
6.3.1.2. Jünger und Apostel ...179
6.3.1.3. Einzelne Berufungen...181
6.3.1.4. Die Briefe ...187
6.3.1.5. Die Schöpfung...189

6.4. Zusammenfassung...192

III. Berufensein...195

7. Berufung empfangen ...196
7.1. Gottes Wille und unser Wille...198
7.1.1. Voluntarismus...198
7.1.2. Gottes Plan und mein Wille ...202
7.1.2.1. Wie ein Kaleidoskop ...203
7.1.2.2. Wheelersche Realität...203
7.1.3. Entscheiden...205
7.1.3.1. Entscheidungsmüdigkeit ...205
7.1.3.2. Schlechte Erfahrungen mit früheren Entscheidungen...206
7.1.3.3. Zu große Entscheidungsfreiheit ...207

7.2. Berührung mit dem „Eigenen“ ...209

7.3. Berufen zum Dienen...213
7.3.1. Beruf und Berufung ...214
7.3.1.1. Dienen oder Verdienen? ...214
7.3.1.2. Historische Entwicklung...215
7.3.1.3. Verwandlung des Berufungsverständnisses ...216
7.3.2. Dienst und Liebe ...217

7.4. Gottes Stimme hören ...219
7.4.1. „Mit meinen Augen leiten“ ...219
7.4.2. Wenn Gott schweigt...221
7.4.3. Gottes Reden hören ...223

8. Ermutigung ...227
8.1. Drei Geschichten ...228
8.1.1. Umwege und Irrwege ...228
8.1.2. Begabt und berufen...231
8.1.3. Mit Tränen säen – mit Freuden ernten...233

8.2. Ein Kapitel Gnade ...234
8.3. Entmutigt?...237
8.4. Den Blick erweitern ...238
8.5. Die Bitte Gottes...239

9. Anhang...241
9.1. Ein persönliches Nachwort...241
9.2. „Nach Redaktionsschluß“...243
9.3. Literatur...244
9.4. Glossar ...248

9.5. Register ...253
9.5.1. Sachregister ...253
9.5.2. Namensregister ...260

0.3. Verzeichnis der Exkurse
Ein biblisches Bedürfniskonzept...43
Kant und die Kategorien...60
Erkennen – was die moderne Wissenschaft sagt...72
Warum Gott eine Person ist ...75
Logotherapie – Einbeziehung der geistigen Dimension ...82
„Alles Sein ist Bezogensein“... 115
Möglichkeiten in die Wirklichkeit hinein verwirklichen ...128
Der Nutzen von Gaben- und anderen Tests...138
Tabula rasa ...142
Individualismus und Kollektivismus in der Wirtschaft...148
Berufung, Erwählung und Verwerfung...191
Dimensionalontologie – das Sein in den Dimensionen...201
„Entscheidungsexzeß“ ...206

 


1. Hinführung
1.1. Die Menschen mit Leben berühren

Anita, eine Christin, beging Selbstmord - eine für die Hinterbliebenen unverständliche und schmerzvolle Tat. Auf ihrer Beerdigung predigte der Pfarrer Marcel Dietler über "Gottes wahnsinnigen Schmerz um Anita":
"Wir können nicht verstehen, was geschehen ist. Aber der Apostel Paulus könnte es uns erklären, was in Anita vorgegangen ist. Er ist auch derjenige, der andere davon abhalten kann, denselben Schritt wie Anita zu tun. Paulus hat das, was Anita gefühlt hat, auch gefühlt. Und doch ist da ein großer Unterschied: Paulus hat dasselbe gefühlt, aber er hat es nicht getan! Im Philipperbrief 1,23-24 schreibt er: ,Beides scheint mir verlockend: Manchmal würde ich am liebsten schon jetzt sterben, um bei Christus zu sein. Gibt es etwas Besseres? Andererseits ist mir klar, daß ich bei euch noch eine wichtige Aufgabe zu erfüllen habe.′ Paulus sagt nicht: ,Ich möchte am liebsten tot sein.′ Er sagt: ,Ich möchte bei Christus sein.′ Anita hat in ihren Abschiedsbriefen geschrieben: ,Ich möchte in den Armen des himmlischen Vaters sein.′ Nicht ihre Tat, sondern die Arme des Vaters sind bei ihr das Faszinierende.
Ich habe mir in meiner Phantasie vorgestellt, ich würde Anita in die Ewigkeit folgen und beobachten, was sie dort erlebt. Eine Art Traum: Anita steht vor dem Thron Gottes. Sie will sich in die Arme des himmlischen Vaters stürzen, aber zwischen Gott und ihr steht eine dicke Glaswand. Eine Stimme, mächtig wie tausend Wasserfälle, und doch wohltuend und gut, spricht: ,Noch kannst du nicht in meine Arme, Kind, bis du vier Schmerzen gespürt hast. Bist du dazu bereit? So schließe die Augen für den ersten Schmerz.′
Eine erste Welle von Schmerz braust über Anita. Sie bleibt gefaßt. Sie läßt die Welle abklingen. Dann öffnet sie die Augen. Die Stimme fragt: ,Was hast du gespürt?′ Darauf Anita: ,Das war derjenige Schmerz, den ich ein Leben lang mit mir herumgetragen habe.′
Wiederum schließt Anita die Augen. Die zweite Welle braust heran. Es muß ein sehr viel größerer Schmerz sein. Anita zuckt zusammen. Sie sagt: ,Das war ein furchtbarer, völlig unbekannter Schmerz. Was war das?′ Die Stimme antwortet: ,Das war der Schmerz, den du deinen Angehörigen, Freunden und Freundinnen zugefügt hast. Schließe wieder die Augen, aber halte dich fest. Es ist eine neue Welle im Anzug.′
Obschon Anita sich festgehalten hatte, wurde sie von der dritten Welle zu Boden geschleudert. Anita sagte: ,Bevor die Welle kam, war es wunderschön. Ich sah ein warmes Meer mit einladenden Inseln: rauschende Palmen, leuchtende Blumen, bunte Schmetterlinge, köstliche Früchte, herrliche Menschen, Männer, Frauen und Kinder. Dann kam die Welle, die Inseln versanken, die Menschen ertranken und ich wurde zu Boden geschleudert. Was war das?′ Die Stimme sprach: ,Wie diese Inseln mit ihren Palmen und Blumen, Schmetterlingen und Früchten wäre dein Leben geworden mit all den Begabungen, die ich dir geschenkt hatte. Die Menschen, die du gesehen hattest, wären durch dich mit Leben berührt worden. Die Kinder wären deine eigenen Kinder gewesen. Jetzt aber werden sie nie geboren werden. Die Männer und Frauen werden mit deinen Gaben nicht berührt werden. Sie werden deine Blumen und Schmetterlinge nicht sehen, von deinen Früchten nicht essen. Aber jetzt, Anita, leg dich zu Boden, denn jetzt kommt die größte und letzte Welle. Bis jetzt hast du nur den menschlichen Schmerz verspürt. Nun aber wirst du fühlen, was ich, Gott, für einen Schmerz in mir trage. Ich will dir zeigen, was du mir angetan hast.′
Als Anita nach der vierten und größten Welle die Augen öffnete, lag sie in den Armen des himmlischen Vaters. Sie stammelte: ,Ich habe nichts gespürt. Aber ich weiß, daß ich bereit bin zurückzugehen.′ ,Ich weiß′, sprach die Stimme der tausend Wasserfälle. ,Ich weiß, daß du zurückgehen möchtest. Aber das kannst du nicht. Ich weiß auch, daß du selber soeben den größten Schmerz - meinen Schmerz - nicht verspürt hast. Mein Schmerz wäre ein ganzes Meer von Feuer gewesen; du würdest es nicht ausgehalten haben. Aber mein Sohn ist gekommen und hat dich durch das Feuermeer meines Schmerzes hindurchgetragen und in meine Vaterarme gelegt.′
Anita hat Gott und den Menschen Schreckliches angetan. Wenn sie zurückkommen würde, würde sie es nie wieder tun. Sie würde euch allen sagen: ,Tut es nicht! Um Gottes Willen tut es nicht!′ Jesus Christus hat gesagt: ,Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.′ Wenn durch das Beispiel dessen, was Anita getan hat, das Ja zum Leben zur Ehre Gottes erst so richtig erwacht, dann erhält das sinnlose Sterben Anitas durch uns Sinn. Aber diesen Sinn müssen wir ihm verleihen durch ein überzeugtes Ja zum Leben."
(Dietler, 1999, S. 21)

1.2 Ein persönliches Vorwort

[...]

1.4. Nach der Berufung suchen?

[...]

1.5 Ziel und Grenzen dieser Arbeit

[...]

1.5.1 Fragen und Thesen

[...]

1.5.2 Grenzen der Arbeit

[...]

I. Selbstverwirklichung
2. Was wir suchen

Als Christen beschäftigen wir uns vielleicht mehr als andere Menschen mit dem Thema Berufung. Gewöhnlich stellen wir die Frage nach der Berufung bewußt oder unbewußt in der Art, wie es der schwedische Pastor Magnus Malm in seinem bewegenden Buch "Gott braucht keine Helden" (1998) beschreibt:


"Schon als junger Christ begegnet man dieser Frage: ,Hast du schon einmal überlegt, ob Gott dich nicht zum Jungscharleiter berufen hat? Oder zum Kindergottesdienst-Mitarbeiter? Zum Jugendleiter?′ Und das hat er wohl, denn dort haben wir unsere ersten Leitererfahrungen gemacht. Aber so leicht werden wir die Frage nicht los. Wir werden älter, wir schließen die Schule ab, und die Frage kommt wieder, in neuem Gewand: ,Hat Gott mich vielleicht berufen?′ Womit wir für gewöhnlich meinen: ,Will er vielleicht, daß ich Pastor, Priester, Evangelist, Missionar werde?′ Gott kann einen natürlich in andere hauptamtliche Dienste rufen, aber Berufung im ,großen′ Sinn meint meist einen dieser christlichen Top-Berufe" (Malm, 1998, S. 23).

Doch die meisten von uns fühlen sich nicht "richtig", nicht im "großen" Sinn berufen. Dennoch sind auch sie innerlich gedrängt, ihre Berufung zu finden - ihren Platz in der Gemeinde. Wie drängend diese Suche ist, zeigt den Erfolg des Gabentests von Christian A. Schwarz, der inzwischen überarbeitet als "Der neue Gaben-Test" in neuer Auflage (1997) existiert. Auch Schwarz stellt fest:


"Viele Christen sind von der Frage hin- und hergerissen, wozu sie Gott wohl berufen haben mag" (Schwarz, 1997, S. 13).

Und Magnus Malm beschreibt einen regelrechten "Berufungskampf" mancher Menschen. Sie…


"[…] kämpfen jahrelang und verheddern sich womöglich in einem ,Berufungskampf′, der ihnen die letzt Kraft nimmt. Sie wälzen die Frage hin und her, her und hin, erhalten tausend Antworten gleichzeitig oder auch gar keine, sondern ein einziges leeres Schweigen. Was will Gott denn nun von mir?" (Malm, 1998, S. 23).

Warum ist uns die Frage nach unserer Berufung so wichtig? Was fehlt uns, wenn wir unsere Berufung nicht finden? Was haben wir, wenn wir unsere Berufung kennen? Und warum müssen wir eigentlich so oft um unsere Berufungkämpfen? Warum schweigt Gott so oft? Suchen wir vielleicht das Falsche auf der Suche nach unserer Berufung? Was suchen wir, wenn wir unsere Berufung suchen? Unterliegen wir nicht einem Denkfehler in bezug auf Berufung, weil wir gar nicht wirklich wissen, was Berufung eigentlich ist (vgl. Malm, 1998, S. 24)?

Der erste Teil dieser Diplomarbeit versucht herauszufinden, welchen Nutzen wir weithin erhoffen, der uns aus unserem Berufensein erwächst. Die Überschrift "Selbstverwirklichung" weist darauf hin, daß es etwas sein könnte, was uns selbst nutzt. Meine These, die über dem gesamten ersten Teil steht, lautet: Wir neigen gewöhnlich dazu, unseren Teil zu suchen, wenn wir Berufung suchen. Wir wollen einen eigenen Nutzen aus unserem Berufensein ziehen. Wir wollen uns selbst verwirklichen, wenn wir unsere Berufung verwirklichen. Mit einem Wort: Wir streben nach Selbstverwirklichung. Diese These ist unbequem. Sie entlarvt unsere Eigennützigkeit, das Wesen des Alten Menschen, wie es die Bibel bezeichnet. Diese These ist der Anlaß, den Begriff Selbstverwirklichung, den wir als Christen ja negativ bewerten, und die Humanistische Psychologie, die diesen Begriff zu einem Zentrum ihrer Denkweise gemacht hat, ausführlicher zu betrachten. Er ist gewissermaßen ein Gegenkonzept zu dem, was Berufung eigentlich meint. So unbequem der erste Teil für uns Christen auch ist - er soll das entlarven, was uns unfrei macht, und in unserem Denken den Weg frei machen, den wirklichen Ruf Gottes zu hören.

[...]


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