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Magisterarbeit, 2007, 108 Seiten
Autor: Andrea Baumgartner-Makemba
Fach: Afrikawissenschaften
Details
Tags: Afrikaner, Vereine, Berlin, Selbstdarstellung, Migration, Geschichte
Jahr: 2007
Seiten: 108
Note: 2,3
Literaturverzeichnis: ~ 63 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-04845-3
ISBN (Buch): 978-3-638-94486-1
Dateigröße: 2166 KB
"Die Struktur und die Ziele afrikanischer Institutionen und Vereine in Deutschland haben bisher in der historischen Forschung nur wenig Interesse gefunden. Die Untersuchung von Andrea Baumgartner-Ndiaye stellt somit eine Pionierleistung dar. Sie basiert auf einer umfangreichen Datenerhebung sowie zwei längeren Interviews mit Vereinsmitgliedern. Der Verfasserin ist es in mühevoller Detailarbeit gelungen, 23 afrikanische Vereine zu identifizieren und in einer Liste zusammenzufassen." (Erstgutachten).
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Zusammenfassung / Abstract
Im September 2006 war der senegalesische Präsident Abdoulaye Wade in Berlin. Anlass war der „Wirtschaftstag Senegal“, der die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und dem Senegal verbessern sollte. Während dieses Aufenthalts besuchte Wade auch eine Gedenktafel, die an die Berliner Afrikakonferenz von 1884 erinnert, auf der Afrika unter den europäischen Mächten aufgeteilt wurde. Der Verein Afrika-Forum e.V. gehört zu den Initiatoren dieser Tafel, die am 26. Februar 2005 feierlich eingeweiht wurde. Deutsche Medien nahmen keine Notiz vom Besuch des afrikanischen Staatsoberhaupts an der Gedenktafel. Das deutsch-afrikanische Magazin Lo’Nam berichtete jedoch darüber und erwähnte in diesem Zusammenhang die Forderung der „afrikanischen Gemeinde“ nach einem weiteren Ort der Erinnerung, einem Denkmal für die afrikanischen Opfer von Sklaverei und Kolonialismus. Wer ist diese „afrikanische Gemeinde“, die sich damals – kaum wahrgenommen – in der Öffentlichkeit artikulierte? Bekannt sind Teile dieser Gemeinde vor allem durch ihre kulturellen Aktivitäten bei Konzerten, auf Afrika-Festivals oder beim Karneval der Kulturen. Einige Fernsehsender beschäftigen Moderatoren afrikanischer Abstammung, um sich ein weltoffenes, multikulturelles Image zu geben. Meist treten Afrikaner jedoch als Opfer von rassistischen Übergriffen öffentlich in Erscheinung. Zurzeit leben in Berlin ungefähr 18000 Afrikaner. Sie werden als „die“ Afrikaner bezeichnet wie „die“ Türken und „die“ Polen. Dabei wird völlig übersehen, dass es sich hier um Menschen aus 54 Ländern handelt, Ländern, die sich voneinander oft stark unterscheiden. Aus diesem Grund besteht „die“ afrikanische Gemeinde in Berlin auch aus unzähligen, kaum überschaubaren kleinen Gemeinden. Und ebenso vielfältig sind auch ihre Organisationen. Ihre Vereine sollen in dieser Arbeit näher betrachtet werden. Vereine gelten gemeinhin als typisch deutsche Phänomene. Sie haben eine lange Geschichte und über die Jahre wichtige Impulse in Politik und Gesellschaft gegeben. „Deutschland ist aus Vereinen aufgebaut. Und deshalb gründen auch Afrikaner Vereine, wenn sie etwas bewegen wollen.“ sagt Pastor Alimamy Sesay, selbst ein Initiator mehrerer Vereine. (Auszug aus der Einleitung)
Textauszug (computergeneriert)
Humboldt-Universität zu Berlin
Philosophische Fakultät III
Institut für Asien- und Afrikawissenschaften
Seminar für Afrikawissenschaften
Magisterarbeit
Organisation und Selbstdarstellung von Afrikanern in Berlin
Andrea Baumgartner-Ndiaye
Studiengang Afrikawissenschaften
Erstgutachterin
PD Dr. Füllberg-Stolberg
Zweitgutachterin
Dr. Silke Strickrodt
25. Januar 2007
1.
Einleitung 2
2.
Afrikaner in Berlin
6
2.1.
Unterschiedliche Geschichte West/Ost
7
2.2.
Demographische Situation
12
2.3.
Gesetzliche Rahmenbedingungen
16
3.
Organisationsform Verein
18
3.1.
Das Vereinswesen in Deutschland
18
3.2.
Migrantenvereine
24
4.
Vereine der afrikanischen Diaspora in Berlin
26
4.1.
Begriffsklärung
26
4.2.
Einblick in die Aktivitäten von Vereinen
29
4.3.
Empirische Untersuchung von zwei Vereinen
35
4.3.1.
Die Afrikanische Ökumenische Kirche e.V.
36
4.3.2.
Nzuko Umu Igbo Berlin und Brandenburg e.V.
48
5.
Schluss 63
6.
Anhang 65
7.
Bibliographie 102
1. Einleitung
Im September 2006 war der senegalesische Präsident Abdoulaye Wade in Berlin.
Anlass war der ,,Wirtschaftstag Senegal", der die Wirtschaftsbeziehungen
zwischen Deutschland und dem Senegal verbessern sollte. Während dieses
Aufenthalts besuchte Wade auch eine Gedenktafel, die an die Berliner
Afrikakonferenz von 1884 erinnert, auf der Afrika unter den europäischen Mächten
aufgeteilt wurde. Der Verein
Afrika-Forum e.V.
gehört zu den Initiatoren dieser
Tafel, die am 26. Februar 2005 feierlich eingeweiht wurde. Deutsche Medien
nahmen keine Notiz vom Besuch des afrikanischen Staatsoberhaupts an der
Gedenktafel. Das deutsch-afrikanische Magazin
Lo′Nam
berichtete jedoch darüber
und erwähnte in diesem Zusammenhang die Forderung der ,,afrikanischen
Gemeinde" 1 nach einem weiteren Ort der Erinnerung, einem Denkmal für die
afrikanischen Opfer von Sklaverei und Kolonialismus.
Wer ist diese ,,afrikanische Gemeinde", die sich damals kaum wahrgenommen
in der Öffentlichkeit artikulierte? Bekannt sind Teile dieser Gemeinde vor allem
durch ihre kulturellen Aktivitäten bei Konzerten, auf Afrika-Festivals oder beim
Karneval der Kulturen.
Einige Fernsehsender beschäftigen Moderatoren
afrikanischer Abstammung, um sich ein weltoffenes, multikulturelles Image zu
geben. Meist treten Afrikaner jedoch als Opfer von rassistischen Übergriffen
öffentlich in Erscheinung. Zurzeit leben in Berlin ungefähr 18000 Afrikaner. Sie
werden als ,,die" Afrikaner bezeichnet wie ,,die" Türken und ,,die" Polen. Dabei wird
völlig übersehen, dass es sich hier um Menschen aus 54 Ländern handelt,
Ländern, die sich voneinander oft stark unterscheiden. Aus diesem Grund besteht
,,die" afrikanische Gemeinde in Berlin auch aus unzähligen, kaum überschaubaren
kleinen Gemeinden. Und ebenso vielfältig sind auch ihre Organisationen. Ihre
Vereine sollen in dieser Arbeit näher betrachtet werden. Vereine gelten gemeinhin
als typisch deutsche Phänomene. Sie haben eine lange Geschichte und über die
Jahre wichtige Impulse in Politik und Gesellschaft gegeben. ,,Deutschland ist aus
Vereinen aufgebaut. Und deshalb gründen auch Afrikaner Vereine, wenn sie
1 Vgl. Kamara 2006 : 10-11.
2
etwas bewegen wollen." sagt Pastor Alimamy Sesay, selbst ein Initiator mehrerer
Vereine.2
Den ersten Anstoß zur Erforschung dieses Themas gab der folgende Artikel in der
Jüdischen Korrespondenz
vom Juli/August 2005:
VertreterInnen von rund 25 Vereinen der afrikanischen Diaspora
gründeten am 28. Mai den
Afrika-Rat Dachverband afrikanischer
Vereine und Initiativen in Berlin-Brandenburg e.V.
Diese
Lobbyorganisation wird die gemeinsamen Interessen der afrikanischen
Diaspora vertreten und die Wahrnehmung von AfrikanerInnen und ihrer
Belange stärken und sich für die Vernetzung und den Austausch
innerhalb der afrikanischen Community in Berlin und Brandenburg
einsetzen. Die Beseitigung des spezifischen Rassismus gegenüber
AfrikanerInnen/Menschen afrikanischer Herkunft auf individueller,
struktureller und institutioneller Ebene und das (Selbst)-Empowerment
von Menschen afrikanischer Herkunft werden Schwerpunkte, um die
Integration in allen gesellschaftlichen Bereichen (...) zu fördern. Mit dem
Afrika-Rat haben jetzt PolitikerInnen und Behörden in Berlin und
Brandenburg einen legitimen Ansprechpartner (...). Der
JKV (Jüdischer
Kultur Verein,
Anm. d. V.
)
gratuliert zu dieser großartigen und
erfolgreichen Initiative, die uns fern von Afrika lehrt, dass und wie bei
übereinstimmendem politischen Interesse der gemeinsame Wille
trennende Unterschiede abbauen kann
.
3
Wenn man weiß, wie schwierig der Aufbau einer Lobbyorganisation ist, und
welche Hürden dabei zu überwinden sind, wird man neugierig auf Menschen und
Vereine, die so etwas geschafft haben. In dieser Arbeit soll deshalb untersucht
werden, in welchen Bereichen Vereine von Afrikanern tätig sind, wie sie sich
organisieren und auf welche Weise sie sich darstellen.
Die Arbeit gliedert sich in vier Teile. Zunächst werden die Rahmenbedingungen
erörtert, die für die Situation von Afrikanern in Berlin von Bedeutung sind. Im
Anschluss an eine historische Skizze des deutschen Vereinswesens werden
allgemein Funktion und Wirkungsweise eines Vereins erläutert. Migrantenvereine
sind der Schwerpunkt des nächsten Teils, der einerseits die
Entstehungsgeschichte dieser Vereine beschreibt und andererseits Kategorien
2 Gespräch mit A. Sesay am, Generalsekretär des
Council of Christian Communities of an African
Approach in Europe (CCCAAE)
und Verantwortlicher für Öffentlichkeitsarbeit des
Rats
Afrikanischer Christen in Berlin und Brandenburg e.V. (RACiBB)
am 20.10.06.
3
Jüdische Korrespondenz
. Online.
3
von Vereinsaktivitäten vorstellt. Das vierte Kapitel befasst sich mit den Vereinen
der afrikanischen Diaspora. Hierzu wird zuerst der Begriff ,,afrikanische Diaspora"
erläutert und im Anschluss eine Übersicht über Aktivitäten mehrerer Vereine
gegeben. Als wichtigster Abschnitt dieses Kapitels folgt dann die empirische
Untersuchung der Vereine
Afrikanische Ökumenische Kirche e.V.
und
Nzuko Umu
Igbo e.V.
In der Forschung wurden Organisation und Selbstdarstellung von Afrikanern in
Berlin bisher nicht behandelt. Die ehemalige Ausländerbeauftragte Barbara John
gab mehrere Broschüren über Afrikaner in Berlin heraus, die zwar für die spezielle
Fragestellung wenig Material enthalten, aber wertvolle Hintergrundinformationen
über das Thema allgemein bieten.4
Fijalkowski und Gillmeister beschränken sich in ihrem Forschungsbericht über
,,Ausländervereine" in Berlin auf Türken, Italiener, Spanier, Ex-Jugoslawen, Polen,
Vietnamesen und Russland-Deutsche. Sie weisen jedoch allgemein auf die
Bedeutung der Forschung im Bereich ethnischer Minderheiten hin:
Recht marginal ist bisher (...) die Aufmerksamkeit für das Eigenleben
geblieben, das diese Zuwanderergruppen inmitten der
Aufnahmegesellschaft entwickelt haben und führen. Genau dies Recht
auf Eigenleben aber ist es(,) auf das sich die Dominanzkulturen der
Aufnahmegesellschaften im Verhältnis zu heterogenen Zuwanderern
umso bewusster und entschiedener auch einzustellen haben, je länger
diese ansässig geworden sind und je weniger sie einfach in der
Aufnahmegesellschaft durch Absorption verschwinden.5
Dass zumindest das Interesse für ,,Afrikaner in Deutschland" in jüngster Zeit immer
größer wird, zeigen einige neuere Veröffentlichungen hauptsächlich aus dem
Bereich der Ethnologie. Sie behandeln teilweise jedoch nur die Zeit bis zum Ende
des Zweiten Weltkriegs.6
Da es bei dem Thema der vorliegenden Arbeit ein großes Forschungsdefizit gibt,
bestand eine Hauptaufgabe in der Erschließung von Quellen. Diese setzen sich
4 Vgl. Müller 1993, Reed-Anderson 1995, Reed-Anderson 1997, Reed-Anderson 2000 .
5 Fijalkowski 1997 .
6 Bechhaus-Gerst u. Klein-Arendt 2004, Gabgue 2002, Humbolt 2006, Lentz 2000, Lentz 2002, Mc
Intyre 2004, Nolting 2002, Oguntoye 1986 .
4
aus schriftlichen und mündlichen Quellen zusammen, wobei die mündlichen eine
besonders große Bedeutung haben, weil schriftliche Quellen nur sehr begrenzt zur
Verfügung stehen. Die meisten Vereine verfügen nicht über eine Dokumentation
ihrer Arbeit.
Wichtige schriftliche Quellen waren Vereinssatzungen, Zeitungsartikel und das
Internet. Das zentrale Vereinsregister für Berlin im Amtsgericht Charlottenburg ist
offen zugänglich und inzwischen teilweise bereits im Internet einzusehen.7 Bei den
Zeitschriften waren
Lo′Nam
und
Ethnotrade
besonders informativ
.
Für die
Beschreibung des Vereins
Afrikanische Ökumenische Kirche
wurden Artikel aus
folgenden Zeitungen benutzt:
Berliner Sonntagsblatt
,
Berliner Zeitung
,
Jüdische
Korrespondenz,
Neues Deutschland
und
Taz.
Einige Vereine stellen sich auch
ausführlich im Internet vor. Außerdem boten Websites wichtige
Hintergrundinformationen zu einzelnen Themen. Über die afrikanische Diaspora
war in den deutschen Printmedien wenig zu erfahren, dafür erwiesen sich
Internetportale wie z.B.
afrika-start
und
cybernomads
als sehr hilfreich.
Außerdem stehen zwei Interviews zur Verfügung. Das erste Interview wurde mit
Pfarrer Pierre Botembe geführt, dem Gründer und Leiter der
Afrikanischen
Ökumenischen Kirche e.V.
; das zweite mit George Ibeka, einem der Gründer der
Nzuko Umu Igbo e.V
. Diese beiden Vereine wurden ausgewählt, weil Pfarrer
Botembe als Träger des Bundesverdienstkreuzes zu den angesehensten
Persönlichkeiten der afrikanischen Diaspora Berlins zählt und beide Vereine sich
durch ihre langjährige Existenz bereits gut etabliert haben. Eine direkte
Transkription der beiden Interviews befindet sich im Anhang.8
Die Recherche der Quellen erwies sich als recht aufwändig. Zuerst standen
Gespräche mit Experten aus der ,,afrikanischen Community" im Mittelpunkt. Hier
erhielt ich die Namen von Vereinen und eventuellen Ansprechpartnern. Mehrere
Besuche des Vereinsregisters schlossen sich an. Die vom Berliner
Integrationsbeauftragten seit 1984 monatlich herausgegebene Informationsschrift
TOP
ermöglichte es, sich einen guten historischen Überblick über die Aktivitäten
von Migranten in Berlin zu verschaffen. Als nützlich erwies sich auch der Besuch
von Veranstaltungen und Tagungen. Parallel dazu wurde im Internet und in
7 Auf die Problematik bei der Nutzung dieser Quelle verweise ich auf die ausführliche Erläuterung
in 3.1.
8 Ich möchte mich an dieser Stelle bei Pfarrer Botembe und George Ibeka sehr herzlich für die
Interviews bedanken.
5
Printmedien recherchiert, das Programm von
Afro Berlin TV
gab darüber hinaus
Informationen über aktuelle Ereignisse in der afrikanischen Bevölkerung Berlins.
Vom Statistischen Landesamt erhielt ich die notwendigen Daten über die
afrikanische Bevölkerung in Berlin. Es erwies sich als sinnvoll, die Interviewpartner
vor dem Interviewtermin mehrmals in deren Räumen zu treffen. So konnte man
sich gegenseitig besser kennen lernen und auch die Rahmenbedingungen der
Vereine direkt in Augenschein nehmen.
2.
Afrikaner in Berlin
Wann die ersten Afrikaner erstmals Berliner Boden betraten, lässt sich nicht genau
feststellen. Es wird jedoch davon ausgegangen, dass bereits im späten 17. oder
frühen 18. Jahrhundert vereinzelt Menschen aus Afrika hierher kamen. Friedrich
Wilhelm von Brandenburg hatte um 1683 an der Westküste Afrikas im heutigen
Ghana die Festung Großfriedrichsburg errichtet, um sich am Handel mit Sklaven,
Gold, Elfenbein, Straußenfedern, Salz und Gummi zu beteiligen. Sein Sohn
Friedrich Wilhelm I. verkaufte die Festung jedoch wegen zu geringer Erträge 1717
für ,,7200 Dukaten und 12 Mohren" an die Holländer. Einige Zeit später wird der
Sohn Friedrich Wilhelms I., Friedrich II. (1744-1794), auf zwei Portraits in
Begleitung schwarzer Pagen dargestellt.9
Ende des 19. Jahrhunderts wurden wieder Menschen aus Afrika nach Berlin
gebracht. Dieses Mal im Rahmen von Völkerschauen, die vordergründig
Verständnis für fremde Kulturen wecken sollten, tatsächlich aber nur die
Sensationslust der Berliner befriedigen sollten. Afrikaner aus den Kolonien kamen
außerdem zur Ausbildung nach Berlin, um später in der Verwaltung der Kolonie
tätig zu werden oder dort den christlichen Glauben zu verbreiten. Es gab aber
auch Afrikaner, die in Berlin blieben, um hier zu arbeiten. Während des
Nationalsozialismus wurden Afrikaner verschiedener Länder in
Konzentrationslager gebracht und verloren dort ihr Leben.10 Andere konnten sich
retten, indem sie eine Statistenrolle in den Propagandafilmen der UFA
übernahmen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen immer mehr Afrikaner als
Asylbewerber, als Vertragsarbeiter oder zu Ausbildungs- und Studienzwecken
9 Vgl. Müller 1993 : 5 ; van der Heyden 2001 .
10 Reed-Anderson 2000 : 70-71.
6
nach Deutschland. Im Folgenden soll diese Geschichte der Migration in der
2. Hälfte des 20. Jahrhunderts kurz dargestellt werden. Sie verlief im Westen und
Osten unterschiedlich.
2.1.
Unterschiedliche Geschichte West/Ost
Die Geschichte der Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte in der Bundesrepublik
Deutschland begann 1955. Die durch das ,,Wirtschaftswunder" anfallenden
Aufgaben konnten von deutschen Arbeitern allein nicht mehr bewältigt werden.
Deshalb wurden Anwerbeverträge mit folgenden Ländern geschlossen: Italien
1955, Griechenland 1960, Spanien 1960, Türkei 1961, Marokko 1963, Portugal
1964, Tunesien 1965, Jugoslawien 1968. In der ersten Zeit der Anwerbung war
der rechtmäßige Aufenthalt an einen bestimmten Arbeitsplatz gebunden. Die
Arbeiter waren in Wohnheimen (teilweise auf dem Firmengelände) untergebracht,
denn zunächst war nur an einen begrenzten Aufenthalt der Ausländer gedacht.
Dies konnte jedoch nicht durchgeführt werden, da es wirtschaftlich nicht sinnvoll
war, immer wieder gut angelernte Arbeiter mit neuen, ungelernten auszutauschen
(,,Rotationsprinzip"). In der Zeit vom 1954 bis zum 1971 stieg die Zahl der
ausländischen Arbeiter aus den Anwerbeländern von 9 269 auf 1 852 100. Davon
waren 478 200 Jugoslawen, 452 700 Türken, 407 900 Italiener, 268 500 Griechen,
186 500 Spanier und 58 300 Portugiesen. Insgesamt waren im Jahr 1971
2 239 300 ausländische Arbeitnehmer aus den verschiedensten Ländern der Welt
in der Bundesrepublik tätig.11 In der wirtschaftlichen Rezession 1973 wurde ein
Anwerbestopp verhängt. Aber trotzdem erhöhte sich die Zahl der Ausländer stetig,
da jetzt verstärkt Familienangehörige einreisten, aus Angst, dass dies bald nicht
mehr möglich sein würde. Aus den sog. ,,Gastarbeitern" wurden Immigranten, die
auf (längere) Dauer in der Bundesrepublik wohnen wollten. Das
Rückkehrförderungsgesetz von 1983, das Ausländer mit Zahlung von
Rückkehrhilfen zur Heimkehr bewegen sollte, hatte nicht den beabsichtigten
Erfolg. Meist kehrten nur diejenigen zurück, die es sowieso bereits geplant hatten.
Es wurde immer deutlicher, dass sich die Arbeitsmigranten sich auf Dauer im Land
einrichteten. Da es zwischen der deutschen Bevölkerung und den Einwanderern
11 Geiselberger 1972 : 15-17.
7
Misstrauen und Ablehnung gab und auch die Presse ein äußerst negatives Bild
von Ausländern zeichnete12, begannen engagierte Gruppen, sich um ein besseres
Zusammenleben zu bemühen, um den sozialen Frieden zu gewährleisten.
Kirchen und Menschenrechtsorganisationen versuchten mit Veranstaltungen und
Broschüren die Akzeptanz der Ausländer in der Gesellschaft zu verbessern. Sogar
die Arbeitgeber hatten bereits 1965 ihrer Besorgnis über die Gefahr der
Ausländerfeindlichkeit für die Wirtschaft Ausdruck verliehen: In der Broschüre
Der
Arbeitgeber
heißt es:
Deshalb tut nichts mehr not (sic!) als eine sachkundige Aufklärung der
deutschen Bevölkerung über Tatbestände und Notwendigkeiten der
Ausländerarbeit, über Eigenart, Mentalität, Sorgen und Lebenssituation
der fremden Arbeiter, die bei uns tätig sind, aber auch Aufklärung der
Ausländer über das, was sie in der BRD erwartet und was man von
ihnen erwartet. Hier kann nicht genug getan werden, wenn verhindert
werden soll, dass zum Schaden unserer Wirtschaft eine
Ausländerfeindlichkeit aufkommt."13
Die Gewerkschaften stellten ausländische Arbeitnehmer ab 1972 den deutschen
Arbeitern gleich; sie erhielten nach einer Änderung des Betriebsverfassungs-
gesetzes das aktive und passive Wahlrecht.
Im öffentlichen Diskurs verstand man unter Arbeitsmigranten hauptsächlich
diejenigen, die aus den Anwerbeländern stammen, d.h. in Bezug auf Afrika nur
Menschen aus dem Magreb (Tunesien und Marokko). Aus Afrika südlich der
Sahara kamen jedoch ebenfalls Zuwanderer, zum einen wegen Bürgerkriegen
oder sonstiger politischer Unruhen, die die Menschen zur Flucht trieben14. Zum
andern zu Studienzwecken oder wegen einer Berufsausbildung, verstärkt seit den
1960er Jahren, in denen viele afrikanische Staaten15 unabhängig wurden.
Fachkräfte sollten mit dem Wissen aus westlichen Bildungseinrichtungen helfen,
die jungen Staaten aufzubauen. Einige Afrikaner heirateten jedoch Deutsche,
12 Eine Analyse von Presseberichten über Ausländer in Nordrhein-Westfalen von 1966-1969 ergab:
,,31% aller Berichte waren sexuelle oder kriminelle Sensationsartikel, 27% aller Berichte enthielten
negative Beurteilungen" (vgl. Geiselberger 1972 : 161).
13 Geiselberger 1972 : 162
14 Es wird für die Zeit ab 1945 von 60 Kriegen in Afrika ausgegangen. Vgl. Archiv der Universität
Hamburg. Online.
15 Z.B. Ghana 1957, Guinea 1958 und 18 Länder allein im Jahr 1960.
8
blieben nach Abschluss ihres Studiums oder ihrer Ausbildung in der
Bundesrepublik und konnten dann auch legal arbeiten.
Eine wichtige Rolle für die Akzeptanz von Afrikanern spielt seit Mitte der 80er
Jahre die Gruppe der ,,Afrodeutschen"16. Erstmals trat hier eine Gruppe an die
Öffentlichkeit, die gleichzeitig schwarz (Hautfarbe) und deutsch (Nationalität) war.
Der ghanaische Publizist Sam Nove, ,,Veteran-Aktivist der afrikanischen
Diaspora"17 und Herausgeber des Adressbuches
African-German Contacts
stellt in
diesem Zusammenhang fest:
,,Durch ihre gezielten Bemühungen um einen ihnen gebührenden Platz
als schwarze Deutsche in einer mehrheitlich weißen Gesellschaft, tragen
die Afrodeutschen nach und nach zur Befestigung einer Black
Community bei, die weit über die Afrodeutsche Bewegung hinausgeht."18
Die Vereine der Afrodeutschen
Initiative Schwarze Deutsche (ISD) e.V.
und
ADEFRA
e.V.
sind überregional vertreten.
Während sich in der Bundesrepublik Deutsche und Ausländer im Laufe der Zeit
zunehmend einander annäherten, verlief die Entwicklung in der DDR völlig
anders19.
Der größte Teil der Ausländer in der DDR nach 1945 kam aus der Sowjetunion.
Bereits 1951 wurde damit begonnen, Studenten aus dem "Ostblock, aus
sozialistisch orientierten Entwicklungsländern oder nationalen
Befreiungsbewegungen"
in die DDR zu holen.20
Ab 1960 wurden dann vermehrt
auch ausländische Arbeitnehmer beschäftigt, vor allem aus ,,befreundeten
Ländern"21. In den 70er Jahren kamen auch Flüchtlinge aus ehemals sozialistisch
organisierten Ländern hinzu (z.B. Chile 1973), dazu auch Mitglieder der SWAPO
(Namibia) und des ANC (Südafrika). Aus Afrika wurden auf der Basis bilateraler
16 Der Begriff entstand auf Anregung der afroamerikanischen Schriftstellerin Audre Lorde und
wurde in dem Buch
Farbe bekennen
(Oguntoye 1986 ) für Menschen mit einem schwarzen und
einem weißen Elternteil geprägt.
17
Ethnotrade
03/12/04.
18 Nove 2004 .
19 Ich werde mich im Folgenden auf einen Bericht beziehen, der im Auftrag der
Integrationsbeauftragten des Bundes herausgegeben wurde: Müggenburg 1995 . Online.
20 Ibid.
21 Polen (1965/1971), Ungarn (1967/1973), Algerien (1974/1976), Kuba (1975/1978), Mosambik
(1979), Vietnam (1973/1980), Mongolei (1982), Angola (1985) sowie China (1986).
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