Bei GRIN registrieren oder einloggen

Your e-mail-address or password is wrong
Jetzt registrieren
Für neue Autoren: kostenlos, einfach und schnell
Dies wird Ihr Benutzername, bitte geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse an

Passwort vergessen

Your e-mail-address or password is wrong

Neues Passwort anfordern
Organisation und Selbstdarstellung von Afrikanern in Berlin close

Bitte warten

Bitte installieren Sie den Flash Player, wenn kein E-Book erscheint.

Organisation und Selbstdarstellung von Afrikanern in Berlin

Magisterarbeit, 2007, 108 Seiten
Autor: Andrea Baumgartner-Makemba
Fach: Afrikawissenschaften

Details

Kategorie: Magisterarbeit
Jahr: 2007
Seiten: 108
Note: 2,3
Literaturverzeichnis: ~ 63  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V90666
ISBN (E-Book): 978-3-638-04845-3
ISBN (Buch): 978-3-638-94486-1
Dateigröße: 2166 KB
Anmerkungen :
"Die Struktur und die Ziele afrikanischer Institutionen und Vereine in Deutschland haben bisher in der historischen Forschung nur wenig Interesse gefunden. Die Untersuchung von Andrea Baumgartner-Ndiaye stellt somit eine Pionierleistung dar. Sie basiert auf einer umfangreichen Datenerhebung sowie zwei längeren Interviews mit Vereinsmitgliedern. Der Verfasserin ist es in mühevoller Detailarbeit gelungen, 23 afrikanische Vereine zu identifizieren und in einer Liste zusammenzufassen." (Erstgutachten).


Zusammenfassung / Abstract

Im September 2006 war der senegalesische Präsident Abdoulaye Wade in Berlin. Anlass war der „Wirtschaftstag Senegal“, der die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und dem Senegal verbessern sollte. Während dieses Aufenthalts besuchte Wade auch eine Gedenktafel, die an die Berliner Afrikakonferenz von 1884 erinnert, auf der Afrika unter den europäischen Mächten aufgeteilt wurde. Der Verein Afrika-Forum e.V. gehört zu den Initiatoren dieser Tafel, die am 26. Februar 2005 feierlich eingeweiht wurde. Deutsche Medien nahmen keine Notiz vom Besuch des afrikanischen Staatsoberhaupts an der Gedenktafel. Das deutsch-afrikanische Magazin Lo’Nam berichtete jedoch darüber und erwähnte in diesem Zusammenhang die Forderung der „afrikanischen Gemeinde“ nach einem weiteren Ort der Erinnerung, einem Denkmal für die afrikanischen Opfer von Sklaverei und Kolonialismus. Wer ist diese „afrikanische Gemeinde“, die sich damals – kaum wahrgenommen – in der Öffentlichkeit artikulierte? Bekannt sind Teile dieser Gemeinde vor allem durch ihre kulturellen Aktivitäten bei Konzerten, auf Afrika-Festivals oder beim Karneval der Kulturen. Einige Fernsehsender beschäftigen Moderatoren afrikanischer Abstammung, um sich ein weltoffenes, multikulturelles Image zu geben. Meist treten Afrikaner jedoch als Opfer von rassistischen Übergriffen öffentlich in Erscheinung. Zurzeit leben in Berlin ungefähr 18000 Afrikaner. Sie werden als „die“ Afrikaner bezeichnet wie „die“ Türken und „die“ Polen. Dabei wird völlig übersehen, dass es sich hier um Menschen aus 54 Ländern handelt, Ländern, die sich voneinander oft stark unterscheiden. Aus diesem Grund besteht „die“ afrikanische Gemeinde in Berlin auch aus unzähligen, kaum überschaubaren kleinen Gemeinden. Und ebenso vielfältig sind auch ihre Organisationen. Ihre Vereine sollen in dieser Arbeit näher betrachtet werden. Vereine gelten gemeinhin als typisch deutsche Phänomene. Sie haben eine lange Geschichte und über die Jahre wichtige Impulse in Politik und Gesellschaft gegeben. „Deutschland ist aus Vereinen aufgebaut. Und deshalb gründen auch Afrikaner Vereine, wenn sie etwas bewegen wollen.“ sagt Pastor Alimamy Sesay, selbst ein Initiator mehrerer Vereine. (Auszug aus der Einleitung)


Textauszug (computergeneriert)




Humboldt-Universität zu Berlin

Philosophische Fakultät III

Institut für Asien- und Afrikawissenschaften

Seminar für Afrikawissenschaften

Magisterarbeit

Organisation und Selbstdarstellung von Afrikanern in Berlin

Andrea Baumgartner-Ndiaye

Studiengang Afrikawissenschaften

Erstgutachterin

PD Dr. Füllberg-Stolberg

Zweitgutachterin

Dr. Silke Strickrodt

25. Januar 2007


1.

Einleitung 2

2.

Afrikaner in Berlin

6

2.1.

Unterschiedliche Geschichte West/Ost

7

2.2.

Demographische Situation

12

2.3.

Gesetzliche Rahmenbedingungen

16

3.

Organisationsform Verein

18

3.1.

Das Vereinswesen in Deutschland

18

3.2.

Migrantenvereine

24

4.

Vereine der afrikanischen Diaspora in Berlin

26

4.1.

Begriffsklärung

26

4.2.

Einblick in die Aktivitäten von Vereinen

29

4.3.

Empirische Untersuchung von zwei Vereinen

35

4.3.1.

Die Afrikanische Ökumenische Kirche e.V.

36

4.3.2.

Nzuko Umu Igbo Berlin und Brandenburg e.V.

48

5.

Schluss 63

6.

Anhang 65

7.

Bibliographie 102


1. Einleitung



Im September 2006 war der senegalesische Präsident Abdoulaye Wade in Berlin.

Anlass war der ,,Wirtschaftstag Senegal", der die Wirtschaftsbeziehungen

zwischen Deutschland und dem Senegal verbessern sollte. Während dieses

Aufenthalts besuchte Wade auch eine Gedenktafel, die an die Berliner

Afrikakonferenz von 1884 erinnert, auf der Afrika unter den europäischen Mächten

aufgeteilt wurde. Der Verein

Afrika-Forum e.V.

gehört zu den Initiatoren dieser

Tafel, die am 26. Februar 2005 feierlich eingeweiht wurde. Deutsche Medien

nahmen keine Notiz vom Besuch des afrikanischen Staatsoberhaupts an der

Gedenktafel. Das deutsch-afrikanische Magazin

Lo′Nam

berichtete jedoch darüber

und erwähnte in diesem Zusammenhang die Forderung der ,,afrikanischen

Gemeinde" 1 nach einem weiteren Ort der Erinnerung, einem Denkmal für die

afrikanischen Opfer von Sklaverei und Kolonialismus.

Wer ist diese ,,afrikanische Gemeinde", die sich damals ­ kaum wahrgenommen ­

in der Öffentlichkeit artikulierte? Bekannt sind Teile dieser Gemeinde vor allem

durch ihre kulturellen Aktivitäten bei Konzerten, auf Afrika-Festivals oder beim

Karneval der Kulturen.

Einige Fernsehsender beschäftigen Moderatoren

afrikanischer Abstammung, um sich ein weltoffenes, multikulturelles Image zu

geben. Meist treten Afrikaner jedoch als Opfer von rassistischen Übergriffen

öffentlich in Erscheinung. Zurzeit leben in Berlin ungefähr 18000 Afrikaner. Sie

werden als ,,die" Afrikaner bezeichnet wie ,,die" Türken und ,,die" Polen. Dabei wird

völlig übersehen, dass es sich hier um Menschen aus 54 Ländern handelt,

Ländern, die sich voneinander oft stark unterscheiden. Aus diesem Grund besteht

,,die" afrikanische Gemeinde in Berlin auch aus unzähligen, kaum überschaubaren

kleinen Gemeinden. Und ebenso vielfältig sind auch ihre Organisationen. Ihre

Vereine sollen in dieser Arbeit näher betrachtet werden. Vereine gelten gemeinhin

als typisch deutsche Phänomene. Sie haben eine lange Geschichte und über die

Jahre wichtige Impulse in Politik und Gesellschaft gegeben. ,,Deutschland ist aus

Vereinen aufgebaut. Und deshalb gründen auch Afrikaner Vereine, wenn sie

1 Vgl. Kamara 2006 : 10-11.

2


etwas bewegen wollen." sagt Pastor Alimamy Sesay, selbst ein Initiator mehrerer

Vereine.2

Den ersten Anstoß zur Erforschung dieses Themas gab der folgende Artikel in der

Jüdischen Korrespondenz

vom Juli/August 2005:

VertreterInnen von rund 25 Vereinen der afrikanischen Diaspora

gründeten am 28. Mai den

Afrika-Rat ­ Dachverband afrikanischer
Vereine und Initiativen in Berlin-Brandenburg e.V.

Diese

Lobbyorganisation wird die gemeinsamen Interessen der afrikanischen

Diaspora vertreten und die Wahrnehmung von AfrikanerInnen und ihrer

Belange stärken und sich für die Vernetzung und den Austausch

innerhalb der afrikanischen Community in Berlin und Brandenburg

einsetzen. Die Beseitigung des spezifischen Rassismus gegenüber

AfrikanerInnen/Menschen afrikanischer Herkunft auf individueller,

struktureller und institutioneller Ebene und das (Selbst)-Empowerment

von Menschen afrikanischer Herkunft werden Schwerpunkte, um die

Integration in allen gesellschaftlichen Bereichen (...) zu fördern. Mit dem

Afrika-Rat haben jetzt PolitikerInnen und Behörden in Berlin und

Brandenburg einen legitimen Ansprechpartner (...). Der

JKV (Jüdischer
Kultur Verein,

Anm. d. V.

)

gratuliert zu dieser großartigen und

erfolgreichen Initiative, die uns fern von Afrika lehrt, dass und wie bei

übereinstimmendem politischen Interesse der gemeinsame Wille

trennende Unterschiede abbauen kann

.

3

Wenn man weiß, wie schwierig der Aufbau einer Lobbyorganisation ist, und

welche Hürden dabei zu überwinden sind, wird man neugierig auf Menschen und

Vereine, die so etwas geschafft haben. In dieser Arbeit soll deshalb untersucht

werden, in welchen Bereichen Vereine von Afrikanern tätig sind, wie sie sich

organisieren und auf welche Weise sie sich darstellen.

Die Arbeit gliedert sich in vier Teile. Zunächst werden die Rahmenbedingungen

erörtert, die für die Situation von Afrikanern in Berlin von Bedeutung sind. Im

Anschluss an eine historische Skizze des deutschen Vereinswesens werden

allgemein Funktion und Wirkungsweise eines Vereins erläutert. Migrantenvereine

sind der Schwerpunkt des nächsten Teils, der einerseits die

Entstehungsgeschichte dieser Vereine beschreibt und andererseits Kategorien

2 Gespräch mit A. Sesay am, Generalsekretär des

Council of Christian Communities of an African
Approach in Europe (CCCAAE)

und Verantwortlicher für Öffentlichkeitsarbeit des

Rats
Afrikanischer Christen in Berlin und Brandenburg e.V. (RACiBB)

am 20.10.06.

3

Jüdische Korrespondenz

. Online.

3


von Vereinsaktivitäten vorstellt. Das vierte Kapitel befasst sich mit den Vereinen

der afrikanischen Diaspora. Hierzu wird zuerst der Begriff ,,afrikanische Diaspora"

erläutert und im Anschluss eine Übersicht über Aktivitäten mehrerer Vereine

gegeben. Als wichtigster Abschnitt dieses Kapitels folgt dann die empirische

Untersuchung der Vereine

Afrikanische Ökumenische Kirche e.V.

und

Nzuko Umu

Igbo e.V.

In der Forschung wurden Organisation und Selbstdarstellung von Afrikanern in

Berlin bisher nicht behandelt. Die ehemalige Ausländerbeauftragte Barbara John

gab mehrere Broschüren über Afrikaner in Berlin heraus, die zwar für die spezielle

Fragestellung wenig Material enthalten, aber wertvolle Hintergrundinformationen

über das Thema allgemein bieten.4

Fijalkowski und Gillmeister beschränken sich in ihrem Forschungsbericht über

,,Ausländervereine" in Berlin auf Türken, Italiener, Spanier, Ex-Jugoslawen, Polen,

Vietnamesen und Russland-Deutsche. Sie weisen jedoch allgemein auf die

Bedeutung der Forschung im Bereich ethnischer Minderheiten hin:

Recht marginal ist bisher (...) die Aufmerksamkeit für das Eigenleben

geblieben, das diese Zuwanderergruppen inmitten der

Aufnahmegesellschaft entwickelt haben und führen. Genau dies Recht

auf Eigenleben aber ist es(,) auf das sich die Dominanzkulturen der

Aufnahmegesellschaften im Verhältnis zu heterogenen Zuwanderern

umso bewusster und entschiedener auch einzustellen haben, je länger

diese ansässig geworden sind und je weniger sie einfach in der

Aufnahmegesellschaft durch Absorption verschwinden.5

Dass zumindest das Interesse für ,,Afrikaner in Deutschland" in jüngster Zeit immer

größer wird, zeigen einige neuere Veröffentlichungen hauptsächlich aus dem

Bereich der Ethnologie. Sie behandeln teilweise jedoch nur die Zeit bis zum Ende

des Zweiten Weltkriegs.6

Da es bei dem Thema der vorliegenden Arbeit ein großes Forschungsdefizit gibt,

bestand eine Hauptaufgabe in der Erschließung von Quellen. Diese setzen sich

4 Vgl. Müller 1993, Reed-Anderson 1995, Reed-Anderson 1997, Reed-Anderson 2000 .

5 Fijalkowski 1997 .

6 Bechhaus-Gerst u. Klein-Arendt 2004, Gabgue 2002, Humbolt 2006, Lentz 2000, Lentz 2002, Mc

Intyre 2004, Nolting 2002, Oguntoye 1986 .

4


aus schriftlichen und mündlichen Quellen zusammen, wobei die mündlichen eine

besonders große Bedeutung haben, weil schriftliche Quellen nur sehr begrenzt zur

Verfügung stehen. Die meisten Vereine verfügen nicht über eine Dokumentation

ihrer Arbeit.

Wichtige schriftliche Quellen waren Vereinssatzungen, Zeitungsartikel und das

Internet. Das zentrale Vereinsregister für Berlin im Amtsgericht Charlottenburg ist

offen zugänglich und inzwischen teilweise bereits im Internet einzusehen.7 Bei den

Zeitschriften waren

Lo′Nam

und

Ethnotrade

besonders informativ

.

Für die

Beschreibung des Vereins

Afrikanische Ökumenische Kirche

wurden Artikel aus

folgenden Zeitungen benutzt:

Berliner Sonntagsblatt

,

Berliner Zeitung

,

Jüdische

Korrespondenz,

Neues Deutschland

und

Taz.

Einige Vereine stellen sich auch

ausführlich im Internet vor. Außerdem boten Websites wichtige

Hintergrundinformationen zu einzelnen Themen. Über die afrikanische Diaspora

war in den deutschen Printmedien wenig zu erfahren, dafür erwiesen sich

Internetportale wie z.B.

afrika-start

und

cybernomads

als sehr hilfreich.

Außerdem stehen zwei Interviews zur Verfügung. Das erste Interview wurde mit

Pfarrer Pierre Botembe geführt, dem Gründer und Leiter der

Afrikanischen

Ökumenischen Kirche e.V.

; das zweite mit George Ibeka, einem der Gründer der

Nzuko Umu Igbo e.V

. Diese beiden Vereine wurden ausgewählt, weil Pfarrer

Botembe als Träger des Bundesverdienstkreuzes zu den angesehensten

Persönlichkeiten der afrikanischen Diaspora Berlins zählt und beide Vereine sich

durch ihre langjährige Existenz bereits gut etabliert haben. Eine direkte

Transkription der beiden Interviews befindet sich im Anhang.8


Die Recherche der Quellen erwies sich als recht aufwändig. Zuerst standen

Gespräche mit Experten aus der ,,afrikanischen Community" im Mittelpunkt. Hier

erhielt ich die Namen von Vereinen und eventuellen Ansprechpartnern. Mehrere

Besuche des Vereinsregisters schlossen sich an. Die vom Berliner

Integrationsbeauftragten seit 1984 monatlich herausgegebene Informationsschrift

TOP

ermöglichte es, sich einen guten historischen Überblick über die Aktivitäten

von Migranten in Berlin zu verschaffen. Als nützlich erwies sich auch der Besuch

von Veranstaltungen und Tagungen. Parallel dazu wurde im Internet und in

7 Auf die Problematik bei der Nutzung dieser Quelle verweise ich auf die ausführliche Erläuterung

in 3.1.

8 Ich möchte mich an dieser Stelle bei Pfarrer Botembe und George Ibeka sehr herzlich für die

Interviews bedanken.

5


Printmedien recherchiert, das Programm von

Afro Berlin TV

gab darüber hinaus

Informationen über aktuelle Ereignisse in der afrikanischen Bevölkerung Berlins.

Vom Statistischen Landesamt erhielt ich die notwendigen Daten über die

afrikanische Bevölkerung in Berlin. Es erwies sich als sinnvoll, die Interviewpartner

vor dem Interviewtermin mehrmals in deren Räumen zu treffen. So konnte man

sich gegenseitig besser kennen lernen und auch die Rahmenbedingungen der

Vereine direkt in Augenschein nehmen.

2.

Afrikaner in Berlin

Wann die ersten Afrikaner erstmals Berliner Boden betraten, lässt sich nicht genau

feststellen. Es wird jedoch davon ausgegangen, dass bereits im späten 17. oder

frühen 18. Jahrhundert vereinzelt Menschen aus Afrika hierher kamen. Friedrich

Wilhelm von Brandenburg hatte um 1683 an der Westküste Afrikas im heutigen

Ghana die Festung Großfriedrichsburg errichtet, um sich am Handel mit Sklaven,

Gold, Elfenbein, Straußenfedern, Salz und Gummi zu beteiligen. Sein Sohn

Friedrich Wilhelm I. verkaufte die Festung jedoch wegen zu geringer Erträge 1717

für ,,7200 Dukaten und 12 Mohren" an die Holländer. Einige Zeit später wird der

Sohn Friedrich Wilhelms I., Friedrich II. (1744-1794), auf zwei Portraits in

Begleitung schwarzer Pagen dargestellt.9

Ende des 19. Jahrhunderts wurden wieder Menschen aus Afrika nach Berlin

gebracht. Dieses Mal im Rahmen von Völkerschauen, die vordergründig

Verständnis für fremde Kulturen wecken sollten, tatsächlich aber nur die

Sensationslust der Berliner befriedigen sollten. Afrikaner aus den Kolonien kamen

außerdem zur Ausbildung nach Berlin, um später in der Verwaltung der Kolonie

tätig zu werden oder dort den christlichen Glauben zu verbreiten. Es gab aber

auch Afrikaner, die in Berlin blieben, um hier zu arbeiten. Während des

Nationalsozialismus wurden Afrikaner verschiedener Länder in

Konzentrationslager gebracht und verloren dort ihr Leben.10 Andere konnten sich

retten, indem sie eine Statistenrolle in den Propagandafilmen der UFA

übernahmen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen immer mehr Afrikaner als

Asylbewerber, als Vertragsarbeiter oder zu Ausbildungs- und Studienzwecken

9 Vgl. Müller 1993 : 5 ; van der Heyden 2001 .

10 Reed-Anderson 2000 : 70-71.

6


nach Deutschland. Im Folgenden soll diese Geschichte der Migration in der

2. Hälfte des 20. Jahrhunderts kurz dargestellt werden. Sie verlief im Westen und

Osten unterschiedlich.

2.1.

Unterschiedliche Geschichte West/Ost

Die Geschichte der Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte in der Bundesrepublik

Deutschland begann 1955. Die durch das ,,Wirtschaftswunder" anfallenden

Aufgaben konnten von deutschen Arbeitern allein nicht mehr bewältigt werden.

Deshalb wurden Anwerbeverträge mit folgenden Ländern geschlossen: Italien

1955, Griechenland 1960, Spanien 1960, Türkei 1961, Marokko 1963, Portugal

1964, Tunesien 1965, Jugoslawien 1968. In der ersten Zeit der Anwerbung war

der rechtmäßige Aufenthalt an einen bestimmten Arbeitsplatz gebunden. Die

Arbeiter waren in Wohnheimen (teilweise auf dem Firmengelände) untergebracht,

denn zunächst war nur an einen begrenzten Aufenthalt der Ausländer gedacht.

Dies konnte jedoch nicht durchgeführt werden, da es wirtschaftlich nicht sinnvoll

war, immer wieder gut angelernte Arbeiter mit neuen, ungelernten auszutauschen

(,,Rotationsprinzip"). In der Zeit vom 1954 bis zum 1971 stieg die Zahl der

ausländischen Arbeiter aus den Anwerbeländern von 9 269 auf 1 852 100. Davon

waren 478 200 Jugoslawen, 452 700 Türken, 407 900 Italiener, 268 500 Griechen,

186 500 Spanier und 58 300 Portugiesen. Insgesamt waren im Jahr 1971

2 239 300 ausländische Arbeitnehmer aus den verschiedensten Ländern der Welt

in der Bundesrepublik tätig.11 In der wirtschaftlichen Rezession 1973 wurde ein

Anwerbestopp verhängt. Aber trotzdem erhöhte sich die Zahl der Ausländer stetig,

da jetzt verstärkt Familienangehörige einreisten, aus Angst, dass dies bald nicht

mehr möglich sein würde. Aus den sog. ,,Gastarbeitern" wurden Immigranten, die

auf (längere) Dauer in der Bundesrepublik wohnen wollten. Das

Rückkehrförderungsgesetz von 1983, das Ausländer mit Zahlung von

Rückkehrhilfen zur Heimkehr bewegen sollte, hatte nicht den beabsichtigten

Erfolg. Meist kehrten nur diejenigen zurück, die es sowieso bereits geplant hatten.

Es wurde immer deutlicher, dass sich die Arbeitsmigranten sich auf Dauer im Land

einrichteten. Da es zwischen der deutschen Bevölkerung und den Einwanderern

11 Geiselberger 1972 : 15-17.

7


Misstrauen und Ablehnung gab und auch die Presse ein äußerst negatives Bild

von Ausländern zeichnete12, begannen engagierte Gruppen, sich um ein besseres

Zusammenleben zu bemühen, um den sozialen Frieden zu gewährleisten.

Kirchen und Menschenrechtsorganisationen versuchten mit Veranstaltungen und

Broschüren die Akzeptanz der Ausländer in der Gesellschaft zu verbessern. Sogar

die Arbeitgeber hatten bereits 1965 ihrer Besorgnis über die Gefahr der

Ausländerfeindlichkeit für die Wirtschaft Ausdruck verliehen: In der Broschüre

Der

Arbeitgeber

heißt es:

Deshalb tut nichts mehr not (sic!) als eine sachkundige Aufklärung der

deutschen Bevölkerung über Tatbestände und Notwendigkeiten der

Ausländerarbeit, über Eigenart, Mentalität, Sorgen und Lebenssituation

der fremden Arbeiter, die bei uns tätig sind, aber auch Aufklärung der

Ausländer über das, was sie in der BRD erwartet und was man von

ihnen erwartet. Hier kann nicht genug getan werden, wenn verhindert

werden soll, dass zum Schaden unserer Wirtschaft eine

Ausländerfeindlichkeit aufkommt."13

Die Gewerkschaften stellten ausländische Arbeitnehmer ab 1972 den deutschen

Arbeitern gleich; sie erhielten nach einer Änderung des Betriebsverfassungs-

gesetzes das aktive und passive Wahlrecht.

Im öffentlichen Diskurs verstand man unter Arbeitsmigranten hauptsächlich

diejenigen, die aus den Anwerbeländern stammen, d.h. in Bezug auf Afrika nur

Menschen aus dem Magreb (Tunesien und Marokko). Aus Afrika südlich der

Sahara kamen jedoch ebenfalls Zuwanderer, zum einen wegen Bürgerkriegen

oder sonstiger politischer Unruhen, die die Menschen zur Flucht trieben14. Zum

andern zu Studienzwecken oder wegen einer Berufsausbildung, verstärkt seit den

1960er Jahren, in denen viele afrikanische Staaten15 unabhängig wurden.

Fachkräfte sollten mit dem Wissen aus westlichen Bildungseinrichtungen helfen,

die jungen Staaten aufzubauen. Einige Afrikaner heirateten jedoch Deutsche,

12 Eine Analyse von Presseberichten über Ausländer in Nordrhein-Westfalen von 1966-1969 ergab:

,,31% aller Berichte waren sexuelle oder kriminelle Sensationsartikel, 27% aller Berichte enthielten

negative Beurteilungen" (vgl. Geiselberger 1972 : 161).

13 Geiselberger 1972 : 162

14 Es wird für die Zeit ab 1945 von 60 Kriegen in Afrika ausgegangen. Vgl. Archiv der Universität

Hamburg. Online.

15 Z.B. Ghana 1957, Guinea 1958 und 18 Länder allein im Jahr 1960.

8


blieben nach Abschluss ihres Studiums oder ihrer Ausbildung in der

Bundesrepublik und konnten dann auch legal arbeiten.

Eine wichtige Rolle für die Akzeptanz von Afrikanern spielt seit Mitte der 80er

Jahre die Gruppe der ,,Afrodeutschen"16. Erstmals trat hier eine Gruppe an die

Öffentlichkeit, die gleichzeitig schwarz (Hautfarbe) und deutsch (Nationalität) war.

Der ghanaische Publizist Sam Nove, ,,Veteran-Aktivist der afrikanischen

Diaspora"17 und Herausgeber des Adressbuches

African-German Contacts

stellt in

diesem Zusammenhang fest:

,,Durch ihre gezielten Bemühungen um einen ihnen gebührenden Platz

als schwarze Deutsche in einer mehrheitlich weißen Gesellschaft, tragen

die Afrodeutschen nach und nach zur Befestigung einer Black

Community bei, die weit über die Afrodeutsche Bewegung hinausgeht."18

Die Vereine der Afrodeutschen

Initiative Schwarze Deutsche (ISD) e.V.

und

ADEFRA

e.V.

sind überregional vertreten.

Während sich in der Bundesrepublik Deutsche und Ausländer im Laufe der Zeit

zunehmend einander annäherten, verlief die Entwicklung in der DDR völlig

anders19.

Der größte Teil der Ausländer in der DDR nach 1945 kam aus der Sowjetunion.

Bereits 1951 wurde damit begonnen, Studenten aus dem "Ostblock, aus

sozialistisch orientierten Entwicklungsländern oder nationalen

Befreiungsbewegungen"

in die DDR zu holen.20

Ab 1960 wurden dann vermehrt

auch ausländische Arbeitnehmer beschäftigt, vor allem aus ,,befreundeten

Ländern"21. In den 70er Jahren kamen auch Flüchtlinge aus ehemals sozialistisch

organisierten Ländern hinzu (z.B. Chile 1973), dazu auch Mitglieder der SWAPO

(Namibia) und des ANC (Südafrika). Aus Afrika wurden auf der Basis bilateraler

16 Der Begriff entstand auf Anregung der afroamerikanischen Schriftstellerin Audre Lorde und

wurde in dem Buch

Farbe bekennen

(Oguntoye 1986 ) für Menschen mit einem schwarzen und

einem weißen Elternteil geprägt.

17

Ethnotrade

03/12/04.

18 Nove 2004 .

19 Ich werde mich im Folgenden auf einen Bericht beziehen, der im Auftrag der

Integrationsbeauftragten des Bundes herausgegeben wurde: Müggenburg 1995 . Online.

20 Ibid.

21 Polen (1965/1971), Ungarn (1967/1973), Algerien (1974/1976), Kuba (1975/1978), Mosambik

(1979), Vietnam (1973/1980), Mongolei (1982), Angola (1985) sowie China (1986).

9



Kommentare

Bisher keine Kommentare

Kommentar hinzufügen
Ihr Kommentar wird redaktionell geprüft und dann freigeschaltet

Andere Nutzer haben sich auch für folgende Titel interessiert:


Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:

http://www.grin.com/e-book/90666/organisation-und-selbstdarstellung-von-afrikanern-in-berlin
please wait Bitte warten