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Bachelor Thesis, 2007, 44 Pages
Author: Tanja Kandolf
Subject: Sociology - Communication
Details
Tags: Mediationsverfahren, Gesundheitswesen, Sozialwirtschaft
Year: 2007
Pages: 44
Grade: 2,3
Bibliography: ~ 29 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-05167-5
ISBN (Book): 978-3-638-94522-6
File size: 2012 KB
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Abstract
Diese Arbeit wird von der Fragestellung begleitet, wann sich Mediation als Konfliktlösungsverfahren eignet, und was sie von anderen Verfahren unterscheidet. Insbesondere soll die Anwendung im Gesundheitswesen debattiert werden. Auch wenn in einigen Bereichen7 die Mediation in den letzten Jahren einen regelrechten Aufschwung erlebt hat, bleibt zu klären, warum im interaktionsintensiven Dienstleistungssektor Gesundheitswesen Konflikte bisher nur geringfügig mit Hilfe von Mediatoren gelöst wurden. 8 Im Folgenden wird die Mediation als Vermittlung durch Dritte in ihrer Methodik vorgestellt. Ein historischer Überblick zeigt die Ursprünge und Entwicklungen dieser Moderationstechnik zu heutigen Anwendungsfeldern auf. Im darauffolgenden Abschnitt werden, mit einem Exkurs in die Konflikttheorie, ausgewählte sozialpsychologische Aspekte der Mediation vorgestellt. Dass sich die Mediation auch im Gesundheitswesen zur kreativen Konfliktlösung anbietet, wird im dritten Abschnitt erläutert. Dieses Anwendungsfeld umspannt eine Fülle von Interaktionsebenen. Organisations-, Rollenund Teamkonflikte, sowie Konflikte zwischen Arzt und Patient werden beschrieben, um anschließend die Chancen und die Einwände gegen die Mediation darzulegen. Ein dokumentiertes Beispiel des mediativen Verfahrens wird mit einem krankenhausinternen Konflikt auf der Chefarztebene gegeben. Da dem Leser, neben dem Einblick in diese erfolgversprechende Form des Konfliktmanagements, auch die Gelegenheit gegeben werden soll, sich weitergehend mit diesem Themenfeld zu befassen, werden abschließend die Aus- und Weiterbildungsadressen zum Mediator aufgelistet.
Excerpt (computer-generated)
Ruhr-Universität Bochum
Fakultät für Sozialwissenschaft
Das Mediationsverfahren
im Gesundheitswesen und der Sozialwirtschaft
B. A.-Arbeit
vorgelegt von Tanja Kandolf
Bochum, November 2007
A. Einleitung
Der Mensch als soziales Wesen muss mit seinen Mitmenschen interagieren, um soziale
Strukturen aufzubauen, zu verändern und zu erhalten.1 Doch überall dort, wo
kommuniziert wird, verbal oder nonverbal2, läuft das Individuum auch Gefahr,
missverstanden zu werden - ein Konflikt bahnt sich an.3 Der Verlauf eines Konflikts ist
individuell abhängig von den Konfliktpartnern und der Umgebung in, welcher er
entsteht. Manche Probleme lösen sich auf oder werden zugunsten einer Konfliktpartei
gelöst, eventuell besteht auch die Möglichkeit, dem Konflikt aus dem Wege zu gehen.
Ein Konfliktverlauf scheint dem ersten Anschein nach beliebig variabel und
unvorhersehbar.4 Problematisch wird es für die Konfliktparteien, wenn das
Entstehungsumfeld eines zwischenmenschlichen Problems eine Einigung zwingend
notwendig macht. Dies ist zum Beispiel am Arbeitsplatz der Fall. Es ist nicht
praktikabel und keine Alternative bei aufkommenden Problemen mit Kollegen oder
Vorgesetzten den Arbeitsplatz zu kündigen. Der Konflikt bedarf einer
zukunftsorientierten Lösung.
Die Zunahme der Zivilgerichtsverfahren zur Lösung von Konflikten zeigt den Bedarf
von
Dritten
bei der Konfliktlösung. Eine Alternative in der Unterstützung zur
Konfliktlösung, bei der beide Parteien ein akzeptables Ergebnis ohne Richterspruch
erzielen, bietet die Mediation. Die Entlastung der Gerichte war in der jüngsten
Vergangenheit die zugrunde liegende Motivation bei der Wiederentdeckung5 dieser
jahrtausendealten Form des Konfliktmanagements.6
1 Schimank, Uwe: Handeln und Strukturen, München 2002. Im Folgenden zitiert als: Schimank. Vgl.
Kempf, Eberhard: Der Psychologe als Mediator, in: Mediation, Weinheim 2001. Im Folgenden zitiert als:
Kempf, hier S.549.
2 Auch jedes Verhalten zwischen zwei Menschen stellt eine Kommunikation da, siehe hierzu Kempf,
S.549.
3 Kommunikation ist ursächlich an der Entstehung und Aufrechterhaltung eines Konflikts beteiligt. Vgl.
Kempf, S548.
4 Konflikte unterliegen bestimmten Mechanismen welche den Konfliktverlauf maßgeblich bestimmen,
siehe hierzu Glasl, Friedrich: Konfliktmanagement, in: Auhagen, Ann Elisabeth und Bierhoff, Hans-
Werner: Angewandte Sozialpsychologie, Berlin 2003. Im Folgenden zitiert als: Glasl, hier S.127.
5 Montana, Dr. Leo und Kals, Dr. PD Elisabeth: Mediation, Weinheim 2001. Im Folgenden zitiert als:
Montana, hier S.1.
6 Poser, Märle und Schlüter, Wilfried: Mediation für Pflege- und Gesundheitsberufe, Bern 2005. Im
Folgenden zitiert als: Poser, hier S19, vgl. Hehn, Marcus: Entwicklung und Stand der Mediation ein
1
Diese Arbeit wird von der Fragestellung begleitet, wann sich Mediation als
Konfliktlösungsverfahren eignet, und was sie von anderen Verfahren unterscheidet.
Insbesondere soll die Anwendung im Gesundheitswesen debattiert werden. Auch wenn
in einigen Bereichen7 die Mediation in den letzten Jahren einen regelrechten
Aufschwung erlebt hat, bleibt zu klären, warum im interaktionsintensiven
Dienstleistungssektor
Gesundheitswesen
Konflikte bisher nur geringfügig mit Hilfe von
Mediatoren gelöst wurden. 8
Im Folgenden wird die Mediation als Vermittlung durch
Dritte
in ihrer Methodik
vorgestellt. Ein historischer Überblick zeigt die Ursprünge und Entwicklungen dieser
Moderationstechnik zu heutigen Anwendungsfeldern auf. Im darauffolgenden Abschnitt
werden, mit einem Exkurs in die Konflikttheorie, ausgewählte sozialpsychologische
Aspekte der Mediation vorgestellt. Dass sich die Mediation auch im Gesundheitswesen
zur kreativen Konfliktlösung anbietet, wird im dritten Abschnitt erläutert. Dieses
Anwendungsfeld umspannt eine Fülle von Interaktionsebenen. Organisations-, Rollen-
und Teamkonflikte, sowie Konflikte zwischen Arzt und Patient werden beschrieben, um
anschließend die Chancen und die Einwände gegen die Mediation darzulegen. Ein
dokumentiertes Beispiel des mediativen Verfahrens wird mit einem
krankenhausinternen Konflikt auf der Chefarztebene gegeben. Da dem Leser, neben
dem Einblick in diese erfolgversprechende Form des Konfliktmanagements, auch die
Gelegenheit gegeben werden soll, sich weitergehend mit diesem Themenfeld zu
befassen, werden abschließend die Aus- und Weiterbildungsadressen zum Mediator
aufgelistet.
1. Das Konfliktlösungsmodell der Mediation
Die Vermittlung in Konfliktsituationen durch einen neutralen, von den Konfliktparteien
selbstständig gewählten
Dritten
, stellt die Grundlage der Mediation dar. Im
historischer Überblick, in: Haft Dr, Prof., Fritjof (Hrsg.), Handbuch der Mediation, München 2002.
Im Folgenden zitiert als: Hehn, hier S.163.
7 Insbesondere in der Familienmediation, Täter-Opfer-Ausgleich und Umweltmediation.
8 Zilleßen, Horst: 10 Jahre Zeitschrift für Konfliktmanagement und Mediation, in: Zeitschrift für
Konfliktmanagement und Mediation, Heft 4, Köln 2007. Im Folgenden zitiert als Zilleßen,
Konfliktmanagement, hier S.100.
2
Vermittlungsgedanken liegt der Ursprung der Mediation.9 Schimank beschreibt
anschaulich, dass Gruppen durchaus in der Lage sind, über wechselseitige Kooperation
stabile soziale Muster aufzubauen.10 Diese Muster begünstigen einen
Konfliktlösungsansatz; die Transformation vom individuellen Eigeninteresse hin zum
Gemeinwohl macht ein Verhandeln bei Problemen möglich und Konflikte im
gegenseitigen Interesse lösbar. Was aber, wenn der Versuch, ein langfristiges positives
Handlungsergebnis im Sinne eines verbesserten kollektiven Handlungsergebnisses11 zu
erzielen, fehlschlägt? Wenn es den beteiligten Konfliktparteien nicht gelingt, ein
kooperatives, gegenseitig vorteilhaftes Interaktionsmuster aufzubauen, werden sie sich
Hilfe suchen.12 Möglicherweise wird der Konflikt vor Gericht beigelegt,13 je nach
Streitgegenstand können sich die Parteien an einen Ombudsmann oder eine
Schlichterstelle wenden. Vielleicht können der Vorgesetzte oder andere Autoritäten
vermittelnd eingreifen. Bei vielen Konfliktformen ist eine schnelle Lösung
wünschenswert, ein Zivilgerichtsverfahren würde das Problem zeitlich dehnen und
öffentlich machen. Ein Schlichter wäre vermutlich kompetent in der Sache, und er
verfügt über eine verstärkte Entscheidungskontrolle, im Gegensatz zu einem Vermittler.
Kreative Lösungsansätze sind innerhalb eines Schlichtungsverfahrens jedoch nicht zu
erwarten, auch würde die Psychologie14 eines Problems vermutlich außer Acht gelassen
9 Hehn, hier S. 152.
10 Schimank, Uwe: Handeln und Strukturen, München 2002.
11 Gemäß der sozialpsychologischen Interdependenztheorie, vgl. Van Lange, Paul und De Dreu, Carsten:
Soziale Interaktion: Kooperation und Wettbewerb, in: Stroebe, Jonas, Hewstone: Sozialpsychologie,
Berlin 2002. Im Folgenden zitiert als: Lange, hier S. 412.
12 Lange, S.406.
Das Hinzuziehen von Hilfe von außen ist selbstverständlich kein zwingender Mechanismus innerhalb
einer gescheiterten Interaktionsarbeit zwischen Individuen. Es soll dem Leser überlassen bleiben
Beispiele zu finden, in dem ein Konflikt über Jahre aufrechterhalten wird und eine Lösung vielleicht auch
gar nicht mehr von den Parteien gewollt ist. (Siehe hierzu weiter Altmann, Gerhard und Müller, Rolf:
Mediation, in: Auhagen, Ann Elisabeth und Bierhoff, Hans-Werner (Hrsg.): Angewandte
Sozialpsychologie, Berlin 2003. Im Folgenden zitiert als: Altmann, hier S. 138.) Die nichtkooperative
Beziehung bedarf dabei lediglich eines egoistischen Mitgliedes. (Lange, S.406) Ist ein nichtkooperatives
Verhaltensmuster einmal entstanden, ist es nur mithilfe Dritter und/ oder über eine strukturelle Lösung in
Form einer Situationsveränderung auflösbar.
13 Dem Gericht kommt eine inquisitorische Rolle zu. Sowohl die Prozess-, als auch die
Entscheidungskontrolle liegen in der Hand des Richters. Vgl. Lange, S.407.
14 Das neben der Sachebene auch die Beziehungsebene der Konfliktpartner eine Rolle spielt wird im
Folgenden erläutert, Kapitel 2.2.1, S.23-24.
3
werden.15 Ein wichtiger Unterschied zwischen einer vertraglichen Intervention (z.B.
Richter, Polizei) und einer sich entwickelnden Intervention (z.B. Eltern) liegt im
Konfliktbezug. Der Vorgesetzte oder Verwandte ist nicht neutral, auch hat er in der
Regel ein eigenes Interesse am Ausgang des Problems.16 Die Mediation scheint
demnach eine Lücke zu den bekannten Verfahren zu schließen.17 Die Merkmale dieser
Vermittlungstechnik werden im Folgenden dargestellt.
1.1 Was ist Mediation?
Die Mediation ist ein strukturiertes, ganzheitliches und außergerichtliches Verfahren.
Der vermittelnde Mediator18 ist während der Mediation anwesend19 und verhält sich in
der Sache neutral, er verfügt über keine Entscheidungsbefugnisse. Die Konfliktparteien
sind in der Regel20 anwesend und suchen mit Hilfe des Mediators einen Konsens. Die
Freiwilligkeit21 der Medianten am Mediationsverfahren ist ein wichtiges Kriterium und
ein wesentlicher Unterschied zum Gerichtsverfahren. Die beteiligten Parteien lösen ihre
Probleme selbstbestimmt und lediglich unter Anleitung und mit Hilfe der angebotenen
Moderationstechniken. Ein Konsens wird nicht erzwungen oder von außen getroffen.22
Ein Verhandlungsergebnis ist erst bindend, wenn für alle beteiligten Konfliktparteien
eine einvernehmliche Lösung im Sinne aller gefunden wurde. Diese sogenannte Win-
win-Situation ist eines der hauptsächlichen Ziele und zugleich eine wichtige
15 Weiterführend hierzu Montana, S.2.
16 Die Problematik betriebsinterner Mediatoren, bzw. leitend Tätiger mit einer mediativen Ausbildung
wird im Kapitel 3.3,Welche Aspekte sprechen gegen eine Mediation?`, S.32.
17 Vgl. Zilleßen: Konfliktmanagement, S.102.
18 Im Weiteren wird einfach halber die männliche Ausdrucksweise gebraucht. Selbstverständlich sind
auch weibliche Mediatoren gemeint und solche, sowie interessierte oder in der Ausbildung befindliche
Frauen sollen sich auch insbesondere angesprochen fühlen.
19 An dieser Stelle muss das neuartige Konzept der Onlinemediation erwähnt werden. Aufgrund ihrer
Aktualität liegen bisher keine, für diese Arbeit erwähnenswerten, Vergleichsstudien vor.
Einen kritischen Ansatz zu den neuesten Entwicklungen liefert Hehn, S.169-171.
20 Vgl. Besemer, Christoph: Mediation Vermitteln in Konflikten, Baden 2002. Im Folgenden zitiert als:
Besemer, hier S.14.
21 Altmann erwähnt zu Recht, dass eine mögliche Überzeugungsarbeit von Seite des Mediators an der
Freiwilligkeit der Verfahrensteilnahme keinen Abbruch tut. Altmann, S.139.
22 Vgl. Montana, S.2.
4
Besonderheit gegenüber alternativen Lösungskonzepten.23 Neue (kreative) Lösungen,
welche im bisherigen Konfliktverlauf noch nicht bedacht worden sind, sollen das
zukünftige Zusammenarbeiten ermöglichen.24 Die Vereinbarungen werden als konkreter
Vertrag
vom Mediator schriftlich fixiert. Zu Beginn des Verfahrens fungiert der
Mediator als Katalysator zwischen den streitenden Parteien. Er filtert wesentliche
Merkmale des Konflikts heraus und vermittelt die Ansichten an die jeweilige
Gegenseite.25 Einzelgespräche im Vorfeld stärken dabei die Offenheit und geben dem
Mediator einen umfassenden Einblick in den bisherigen Konfliktverlauf.26 Nach dem
Kanalisieren der Konfliktursachen kommen gesprächsunterstützende Methoden, welche
eine offene Aussprache zwischen den Parteien fördern, zum Zuge. Gegenseitiges
Verständnis und eine Aufklärung der Konfliktursachen sollen den Teufelskreis des
Problems durchbrechen und bestehende Kommunikationsbarrieren überwinden. Auf die
Deeskalation des Konflikts folgt die Hilfe zur Selbsthilfe, um zukünftigen
Problemsituationen präventiv entgegenzuwirken.27 Die Autonomie der Parteien wird
unterstützt und ihre selbstbestimmte Lösungskompetenz gefördert.28 Diese Auflistung
der Ziele innerhalb einer Mediation zeigt deutlich, dass die Kompetenzen des Mediators
auf Methoden der Verhandlungs- und Gesprächsführung aufbauen.29 Der nachfolgende
Exkurs in die Geschichte der Mediation wird uns weiter zeigen, dass diese
Konfliktlösungsmethodik keiner neuen Erfindung von Kommunikations- oder
Konfliktforschern bedurfte, sondern ein dem Grundbedürfnis des Menschen
23 Kreyenberg, Jutta: Handbuch Konfliktmanagement, Berlin 2005. Im Folgenden zitiert als: Kreyenberg,
hier S.272.
24 Montana, S.1.
25 Ein bekanntes Verfahren ist hier das sogenannte ,Doppeln`, der Mediator übersetzt dabei die Beiträge
in paraphrasierter Form um Missverständnisse vorzubeugen.
26 Altmann, S.142.
27 Montana, S.1.
28 Kreyenberg, S.272.
29 Der Abschnitt ,Sozialpsychologische Aspekte der Mediation` kommt nochmal auf diesen Schwerpunkt
zurück, siehe Kapitel 2, S.17.
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