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Hochwasserschutz gestern, heute, morgen

Subtitle: Eine Beobachtung der großen Flutkatastrophen an der Elbe in Vergangenheit und Gegenwart

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2007, 30 Pages
Author: Vincent Steinfeld
Subject: History - Miscellaneous

Details

Event: "Naturkatastrophen und Gesellschaft in der Neuzeit“
Institution/College: Technical University of Darmstadt (Institu für Geschichte)
Tags: Hochwasserschutz, Naturkatastrophen, Gesellschaft, Neuzeit“
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2007
Pages: 30
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 21  Entries
Language: German
Archive No.: V90800
ISBN (E-book): 978-3-638-05157-6

File size: 205 KB
Notes :
Die Arbeit behandelt die großen Flutkatastrophen an der Elbe im 18. und 19. Jahrhundert und die damaligen Anstrengungen zur Katastrophenabwehr. Es wird der Bogen geschlagen zur heutigen Situation - aktuell geworden nicht nur durch das Jahrhunderthochwasser von 2002 - und dabei dargelegt wie wir aus der Vergangenheit lernen können.


Abstract

Anfang August des Jahres 2002 lösten starke Regenfälle ein „Jahrhunderthochwasser“ entlang der Elbe und vieler ihrer Nebenflüsse aus. Es war, wie man den historischen Quellen entnehmen kann, das gewaltigste Flutereignis an der Elbe seit Menschengedenken und bedeutete für Mitteleuropa den Höhepunkt einer ganzen Reihe von Jahrhunderthochwassern an fast sämtlichen großen Flüssen. Die technischen Vorkehrungen konnten der Gewalt der Flur nicht standhalten, erschreckende Bilder von überfluteten Landstrichen gingen durch die Medien. Selten wurde einem Hochwasser von Seiten der Politiker ein so hohes Maß von Aufmerksamkeit entgegengebracht wie dieser Flut. – Eine solche Katastrophe hatte man für das hoch entwickelte Deutschland nicht mehr für möglich gehalten. Ziel dieser Arbeit ist es, darzulegen, dass gerade hier der Knackpunkt liegt: Entgegen der weit verbreiteten Meinung wächst die Sicherheit gegenüber Naturkatastrophen nicht proportional zum technologischen Fortschritt. Im Gegenteil: Die Widerstandsfähigkeit einer Gesellschaft gegenüber einer Naturkatastrophe kann durch diesen sogar beeinträchtigt werden! Wie es zu diesem paradoxen Zustand kommt, soll dargestellt werden anhand des Vergleichs der Katastrophe von 2002 mit dem Zeitraum von 1784 bis 1845, in dem Sachsen gehäuft von Flutkatastrophen der Elbe heimgesucht wurde und den Guido N. Poliwoda in seiner Dissertation untersucht. Es werden hier in Kapitel 2 die schwersten Katastrophen dieser Jahre kurz beschrieben und die damaligen Errungenschaften des Hochwasserschutzes dargestellt. Diesen werden in Kapitel 3 das Elbehochwasser von 2002 und dessen Bewältigung gegenübergestellt. Das Interessante an diesem Vergleich: Poliwoda kommt zu dem Ergebnis, dass die heutigen Defizite des Katastrophenmanagements im Verlaufe des Untersuchungszeitraums schon abgestellt waren. Katastrophenmanagement ist nämlich viel mehr als die technischen Schutzmaßnahmen, die der Staat zur Verfügung stellt. Auch – und insbesondere – die betroffene Bevölkerung selbst muss einen Beitrag leisten. Wie ein ideales Katastrophenmanagement aussehen sollte, beschreiben Gerhard Dikau und Juergen Weichselgartner. Ihr Modell wird in Kapitel 3.3. dargestellt werden.


Excerpt (computer-generated)

Hochwasserschutz

gestern, heute, morgen

Eine Beobachtung der großen Flutkatastrophen an der Elbe in

Vergangenheit und Gegenwart

Hausarbeit im Rahmen des Hauptseminars

,,Naturkatastrophen und Gesellschaft in der Neuzeit"

Verfasser:

Vincent Steinfeld


Inhalt

1. Einleitung 3

2. Hochwasserschutz an der Elbe in der Vergangenheit ­ von den Anfängen bis 1845 4

2.1. Historische Hochwasser 4

2.1.1. Vom Naturereignis zur Naturkatastrophe ­ Frühe Hochwasserereignisse 4

2.1.2. Die Anfänge des Hochwasserschutzes 5

2.2. Die großen Fluten der Elbe von 1784 bis 1845 und ihre Bewältigung 6

2.2.1. Das Hochwasser von 1784 7

2.2.2. Die Bewältigung der Flut und die Entwicklung bis 1799 ­ Vom Chaos zu ersten

Präventivmaßnahmen 8

2.2.3. Das Hochwasser von 1799 10

2.2.4. Die Bewältigung der Flut und die weitere Entwicklung bis 1820 ­ Kontinuität und

Umbruch 12

2.2.5. Das Hochwasser von 1820 13

2.2.6. Die Bewältigung der Flut und die weitere Entwicklung bis 1845 ­ Die

Systematisierungsphase 14

2.2.7. Das Hochwasser von 1845 15

2.2.8. Die Bewältigung der Flut ­ Erfolgreiches Krisenmanagement 16

3. Hochwasserschutz heute ­ Probleme und Chancen 17

3.1. Das ,,Jahrtausendhochwasser" von 2002 17

3.1.1. Die Flutkatastrophe 2002 17

3.1.2 Das Katastrophenmanagement 2002 ­ Deutliche Defizite im Hochwasserschutz 18

3.2. Wohin geht der Weg? ­ Die Zukunft des Hochwasserschutzes 20

3.2.1. Ein Plädoyer für die Entwicklung einer ,,Risikokultur" 20

3.2.2. Bestandsaufnahme der heutigen Situation - Wo stehen wir? 23

4. Fazit 26

Literatur 28

2


1. Einleitung

Ich habe weniger Schwierigkeiten gefunden in der Entdeckung der

Bewegung der Himmelskörper, ungeachtet ihrer erstaunlichen

Entfernung, als in den Untersuchungen über die Bewegung des

Wassers welche doch unter unseren Augen vorgeht.

Galileo Galilei1

Anfang August des Jahres 2002 lösten starke Regenfälle ein ,,Jahrhunderthochwasser" 2

entlang der Elbe und vieler ihrer Nebenflüsse aus. Es war, wie man den historischen Quellen

entnehmen kann, das gewaltigste Flutereignis an der Elbe seit Menschengedenken und

bedeutete für Mitteleuropa den Höhepunkt einer ganzen Reihe von Jahrhunderthochwassern

an fast sämtlichen großen Flüssen.3

Die technischen Vorkehrungen konnten der Gewalt der Flur nicht standhalten, erschreckende

Bilder von überfluteten Landstrichen gingen durch die Medien. Selten wurde einem

Hochwasser von Seiten der Politiker ein so hohes Maß von Aufmerksamkeit

entgegengebracht wie dieser Flut. ­ Eine solche Katastrophe hatte man für das hoch

entwickelte Deutschland nicht mehr für möglich gehalten.

Ziel dieser Arbeit ist es, darzulegen, dass gerade hier der Knackpunkt liegt: Entgegen der weit

verbreiteten Meinung wächst die Sicherheit gegenüber Naturkatastrophen nicht proportional

zum technologischen Fortschritt. Im Gegenteil: Die Widerstandsfähigkeit einer Gesellschaft

gegenüber einer Naturkatastrophe kann durch diesen sogar beeinträchtigt werden!

Wie es zu diesem paradoxen Zustand kommt, soll dargestellt werden anhand des Vergleichs

der Katastrophe von 2002 mit dem Zeitraum von 1784 bis 1845, in dem Sachsen gehäuft von

Flutkatastrophen der Elbe heimgesucht wurde und den Guido N. Poliwoda in seiner

Dissertation4 untersucht. Es werden hier in Kapitel 2 die schwersten Katastrophen dieser

Jahre kurz beschrieben und die damaligen Errungenschaften des Hochwasserschutzes

dargestellt. Diesen werden in Kapitel 3 das Elbehochwasser von 2002 und dessen

Bewältigung gegenübergestellt. Das Interessante an diesem Vergleich: Poliwoda kommt zu

1 Zit. n. Schmidt 2000, S. 38.

2 Ein Jahrhunderthochwasser ist ein Ereignis, das, statistisch gesehen, einmal in 100 Jahren auftritt. Der Begriff

dient üblicherweise der Konzipierung von Hochwasserschutzbauten. Diese werden so gebaut, dass sie einem

Jahrhunderthochwasser widerstehen können sollen (vgl. Brauner 1990, S. 87).

3 Vgl. Niedermeyer 2005, S. 11.

4 Poliwoda 2007.

3


dem Ergebnis, dass die heutigen Defizite des Katastrophenmanagements im Verlaufe des

Untersuchungszeitraums schon abgestellt waren.

Katastrophenmanagement ist nämlich viel mehr als die technischen Schutzmaßnahmen, die

der Staat zur Verfügung stellt. Auch ­ und insbesondere ­ die betroffene Bevölkerung selbst

muss einen Beitrag leisten. Wie ein ideales Katastrophenmanagement aussehen sollte,

beschreiben Gerhard Dikau und Juergen Weichselgartner. Ihr Modell wird in Kapitel 3.3.

dargestellt werden.

Warum aber haben wir diesen Zustand nicht schon längst erreicht? Wenn man 1845 schon auf

gutem Wege war, warum wurde dieser nicht konsequent weitergegangen? Warum gingen

wichtige Errungenschaften im Gegenteil sogar wieder verloren? Auf diese Fragen versucht

dieses Kapitel eine Antwort zu geben.

2. Hochwasserschutz an der Elbe in der Vergangenheit ­ von den

Anfängen bis 1845

2.1. Historische Hochwasser

2.1.1. Vom Naturereignis zur Naturkatastrophe ­ Frühe Hochwasserereignisse

Hochwasserkatastrophen bedrohen die Menschen seit den ersten Tagen der

Siedlungsgeschichte. Die Flusstäler waren seit jeher bevorzugter Siedlungsraum. Ortschaften

entwickelten sich hier schnell zu Städten. Der Fluss diente als Transportweg und seine

Wasserkraft als Grundlage für das Gewerbe. Das Wasser diente als Lebensmittel und

schließlich schützte der Fluss gegen herannahende Feinde. Auch der Einzugsbereich der Elbe

in Sachsen zählt infolge dichter Besiedlung und intensiver Wassernutzung zu diesen

Gebieten.5

Gleichzeitig bargen diese Gebiete jedoch auch immer enorme Gefahren für den Menschen:

Neben dem an jedem Fließgewässer zu beobachtenden Wechsel zwischen Niedrig- und

Hochwasser kommt es von Zeit zu Zeit durch außergewöhnliche Witterungssituationen zu

Abflüssen, die zu extremen Hochwassern führen.6

5 Vgl. SMUL 1999, S. 3, vgl. Niedermeyer 2005, S. 12.

6 Vgl. Lamping/Lamping 1995, S. 173ff.

4


Dies sind durchaus natürliche Vorgänge, die über die Jahrtausende immer wieder zu

Änderungen in der Landschaft führten: Flussauen wurden überschwemmt, ursprüngliche

Flussläufe trockneten aus ­ der Fluss verlagerte sein Bett und änderte seinen Lauf.7

Erst durch die Anwesenheit des Menschen wurde dies zu einem Problem. Zum einen wird ein

Naturereignis ja erst dadurch, dass Menschen betroffen sind, zu einer Naturkatastrophe.8 Zum

anderen wirkte der Mensch durch seine Eingriffe in die Natur (beispielsweise Entwaldungen)

verstärkend auf die Hochwasser.9

Die erste urkundliche Erwähnung eines Hochwassers der Elbe findet sich im Jahre 590 im

Zusammenhang mit einer gleichzeitig ausgebrochenen Pest.

Auch in den Jahren 1015, 1118 und 1275 wird von schweren Überschwemmungen in Sachsen

und Böhmen berichtet. Im 14. Jahrhundert verursachten strenge Winter starke Eisfahrten, die

zu Hochwassern führten.

Seit dem 15. Jahrhundert werden die Hochwasserereignisse von den Geschichtsschreibern

noch systematischer erfasst. Für das aufstrebende Bürgertum gewannen Naturereignisse und

ihre Auswirkungen lebensnotwendige Bedeutung.

Das 16. Jahrhundert begann mit einem außergewöhnlichen Hochwasser. Zum ersten Mal

wurde der Pegelstand der Elbe (in Meißen) in einem steinernen Denkmal festgehalten.10 Auch

in der Folgezeit wurden Wasserhochstände markiert, was es erleichtert die Hochwässer

miteinander zu vergleichen.11

2.1.2. Die Anfänge des Hochwasserschutzes

Zunächst lebten die Menschen mit der Bedrohung. Sie versuchten dem Hochwasser

auszuweichen, räumten auch gefährdete Flächen und kehrten nach der Flut wieder in diese

zurück. Dies war jedoch aufgrund des stärker werdenden Bevölkerungsdrucks schließlich

nicht mehr möglich.12

Der aktive Hochwasserschutz wurde unausweichlich. Angesichts der anhaltenden Bedrohung

durch die Hochwässer begannen die Bewohner bald, sich in zunehmendem Maße mit den

7 Vgl. King/Schnettler 1992, S. 27; vgl. Schmidt 2000, S. 15; vgl. Dikau/Weichselgartner, S. 52.

8 Vgl. Jäger o.J., S. 2.

9 Vgl. Weichselgartner 2001, S. 127.

10 Vgl. SMUL 1999, S. 10f.

11 Eine Detaillierte Auflistung der größten Hochwässer der Elbe seit dem 16. Jahrhundert findet sich in SMUL

1999, S. 15- 19.

12 Vgl. Schmidt 2000, S. 15.

5


Mitteln, die ihnen technisch und wirtschaftlich zur Verfügung standen, dagegen zur Wehr zu

setzen.13

Mit dem baulichen Hochwasserschutz wurde an der Elbe schon sehr früh begonnen. Bereits

für die Zeit um 1100 wird von der Errichtung von Verwallungen berichtet. Im 12. Jahrhundert

holte Albrecht der Bär gezielt holländische Siedler ins Land, die damals als Fachkundige für

Wasser- und Deichbau galten. Sie legten um 1160 Ringdeiche um Nutzflächen und Dörfer an.

Der Deichbau geschah damals allerdings nur unter Berücksichtigung von lokalen

Notwendigkeiten, das hatte technische, finanzielle, vor allem aber territoriale Gründe durch

die damalige Kleinstaaterei. Durch diese punktuellen Deichbauten ergaben sich teilweise

ungünstige Deichführungen ­ die lange Zeit nicht entfernt werden durften, weil die hinter

ihnen liegenden Orte sonst in Gefahr geraten wären. Erst im Laufe der Jahrhunderte

entstanden zusammenhängende Deichabschnitte.14

Seit dem 16. Jahrhundert gibt es Hinweise auf Flusslaufverkürzungen mittels Durchstichen

und die Anbindung von Inseln an das Ufer (so genannte Anheegerungen), die ein

hindernisfreies Abfließen des Wassers gewährleisten sollten. 15 Zusätzlich bewirkte die

Verkürzung des Flusslaufes durch die Durchstiche eine Vergrößerung des Fließgefälles damit

eine größere Fließgeschwindigkeit, die durch die Flussverengung durch die Anheegerungen

noch verstärkt wurde. Dadurch kam es zu einer verstärkten Sohlenerosion und damit zu einer

Senkung des Wasserspiegels. 16 Bis ins 19. Jahrhundert beschränkte sich die

Hochwasservorsorge

auf

diese

,,archaischen

Instrumente

des

Hochwasserschutzes" (Schmidt).17 Erst die anhaltenden Hochwasser in den Jahren von 1784

bis 1845 bewirkten langfristige Impulse zu einer umfassenden vorbeugenden

Katastrophenabwehr.18

2.2. Die großen Fluten der Elbe von 1784 bis 1845 und ihre Bewältigung

Die Zeit von der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bis Mitte des 19. Jahrhunderts war

geprägt von niederschlagsreichen, kalten Wintern, bedingt durch verminderte Aktivität der

13 Vgl. Schmidt 2000, S. 25f.

14 Vgl.ebda., S. 28f und 113-119. Auf S. 116 findet sich dort eine Chronologie (überlieferter)

Deichbaumaßnahmen an der Elbe.

15 Vgl. ebda., S. 28f und 119-123. Tabellarische Angabe der (überlieferten) Durchstiche auf S. 121.

16 Vgl. ebda., S. 62.

17 Vgl. ebda., S. 18.

18 Vgl.SMUL 1999, S. 3.

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