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Ibsen als Norweger und Europäer

Hauptseminararbeit, 2007, 31 Seiten
Autor: Nathalie Klepper
Fach: Skandinavistik

Details

Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2007
Seiten: 31
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 19  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V90927
ISBN (E-Book): 978-3-638-05504-8
ISBN (Buch): 978-3-638-94867-8
Dateigröße: 222 KB

Zusammenfassung / Abstract

Der norwegische Dramatiker Henrik Ibsen (1828 – 1906) verbrachte 27 Jahre seines Lebens im europäischen Ausland. Hier schrieb er seine bedeutendsten Dramen, die auch den Katalysator für die literarische Epoche des Naturalismus in Deutschland darstellten. Einem Schriftsteller aus dem kleinen Norwegen gelang es, einen nachhaltigen Einfluss auf die deutsche, europäische und internationale Dramenkunst zu haben. Ibsen setzte Norwegen auf die Landkarte, und was die Anzahl der weltweit aufgeführten Ibsen-Stücke betrifft, kann nur Shakespeare mit dem Skandinavier konkurrieren. Ibsen, der nach eigenen Aussagen vom Skandinavier zum Europäer wurde und sich Europa zuwandte, war ein scharfsinniger Beobachter gesellschaftlicher Umwälzungen in seiner Zeit. Man kann Ibsens Dramen als eine Symbiose des Norwegischen und des Europäischen verstehen. Die gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Veränderungen, die zu Ibsens Zeit in Europa vor sich gingen, sind verbunden mit einer Ernsthaftigkeit und psychologischen Tiefe, wie sie wohl nur die Einsamkeit des norwegischen Fjords hervorbringen konnte. Das Psychologische und Individuelle ist mit dem Sozialen und Gesellschaftlichen verwoben, da das eine das andere bedingt. In folgender Abhandlung soll in Hinblick auf Ibsens Biographie analysiert werden, was es für Ibsens Leben und Werk bedeutete, sowohl Norweger als auch Europäer zu sein, und warum seine Stücke uns auch heute noch etwas zu sagen haben.


Textauszug (computergeneriert)

Humboldt-Universität zu Berlin

Nordeuropa-Institut

WS 2006/07 HS 52 226

Der Norden und Europa

7. Semester

Henrik Ibsen als Norweger und Europäer






von

Nathalie Klepper






















Inhaltsverzeichnis

Einleitung 3

1

,,Auf Kriegsfuß mit der kleinen Gesellschaft" ­ beschränkte Lebenswirklichkeit und

Literatur als Hoffnung 3

1.1

Soziale Deklassierung 3

1.2

Erste dichterische Gehversuche 4

2

Berufung zum Dichter 6

2.1

Auf der Suche nach einem norwegischen Nationaldrama 6

2.2

,,Schlüsselerlebnis" Deutschland 7

2.3

Die große Enttäuschung 8

3

Ibsen im Ausland 12

3.1

,,...und da ging mir mit einem Mal eine kraftvolle und klare Form auf..." - Italien

als künstlerische Offenbarung 12

3.2

Deutschland 18

3.2.1

Gründerjahre und Nationalstaat ­

Kaiser und Galiläer

als ,,deutsches" Drama

18

Im Frühjahr 1868 zog Ibsen mit seiner Familie nach Dresden. Dresden, das Ibsen ja

schon 1852 positiv aufgefallen war, bedeutete deutsches Kulturgut jenseits des Ibsen

verhassten Preußen. Hier begann Ibsen mit der Produktion von

Kaiser und Galiläer

. An

Julius Hoffory schrieb Ibsen: 18

3.2.2

Ibsens Durchbruch in Deutschland 21

3.2.3

Eine neue Epoche für die deutsche Literatur ­ Ibsen und der Naturalismus ... 23

Schlussbetrachtung 26

Literatur 29

2


Einleitung

Der norwegische Dramatiker Henrik Ibsen (1828 ­ 1906) verbrachte 27 Jahre seines Lebens

im europäischen Ausland. Hier schrieb er seine bedeutendsten Dramen, die auch den

Katalysator für die literarische Epoche des Naturalismus in Deutschland darstellten. Einem

Schriftsteller aus dem kleinen Norwegen gelang es, einen nachhaltigen Einfluss auf die

deutsche, europäische und internationale Dramenkunst zu haben. Ibsen setzte Norwegen auf

die Landkarte, und was die Anzahl der weltweit aufgeführten Ibsen-Stücke betrifft, kann nur

Shakespeare mit dem Skandinavier konkurrieren. Ibsen, der nach eigenen Aussagen vom

Skandinavier zum Europäer wurde und sich Europa zuwandte, war ein scharfsinniger

Beobachter gesellschaftlicher Umwälzungen in seiner Zeit. Man kann Ibsens Dramen als eine

Symbiose des Norwegischen und des Europäischen verstehen. Die gesellschaftlichen,

politischen und wirtschaftlichen Veränderungen, die zu Ibsens Zeit in Europa vor sich gingen,

sind verbunden mit einer Ernsthaftigkeit und psychologischen Tiefe, wie sie wohl nur die

Einsamkeit des norwegischen Fjords hervorbringen konnte. Das Psychologische und

Individuelle ist mit dem Sozialen und Gesellschaftlichen verwoben, da das eine das andere

bedingt. In folgender Abhandlung soll in Hinblick auf Ibsens Biographie analysiert werden,

was es für Ibsens Leben und Werk bedeutete, sowohl Norweger als auch Europäer zu sein,

und warum seine Stücke uns auch heute noch etwas zu sagen haben.

1 ,,Auf Kriegsfuß mit der kleinen Gesellschaft" ­ beschränkte Lebenswirklichkeit und

Literatur als Hoffnung

1.1 Soziale Deklassierung

Der 1828 in Skien, Südnorwegen, geborene Ibsen entstammte einer vornehmen und

wohlhabenden Familie, doch 1835 musste Henrik Ibsen miterleben, wie sein Vater Knud, ein

bis dahin florierender Geschäftsmann, bankrott ging. Die Familie verarmte und musste aufs

Land ziehen, Henrik Ibsen die Schule verlassen.1 Was dieses frühe Trauma des Verlustes der

bürgerlichen Existenz für den Siebenjährigen bedeutet haben muss, kann nur vermutet

werden. Jedoch liefert Ibsens dramatisches Werk mit Stücken wie

Die Wildente

oder

Ein

Puppenheim

, in denen die Willkürlichkeit und Brutalität des Geschäftslebens mit dem

skrupellosen Geschäftsmann Werle oder dem Neureichen Thorvald Helmer dargestellt ist,

genug Anhaltspunkte. Der junge Henrik Ibsen konnte nur für einige Jahre die Bürgersschule

in seiner Heimatstadt Skien besuchen; für eine weiterführende Schule reichten die Mittel der

1 Bei diesen und den folgenden biographischen Angaben stütze ich mich vor allem auf die Bildmonographie von

Gerd Enno Rieger, 2003

3


Familie nicht aus.2 Die Armut der Familie zwang den erst 15 Jahre alten Henrik Ibsen 1843

dazu, seine Heimat zu verlassen, um nach Grimstad, einem kleinen Ort mit 800 Einwohnern,

zu ziehen, wo er eine Apothekerlehre antreten und somit seinen eigenen Lebensunterhalt

verdienen sollte. Es ist anzunehmen, dass dieser frühe, von sozialen Gegebenheiten

erzwungene, Verlust von Heimatstadt und Elternhaus den Heranwachsenden prägte. In der

Tat finden sich in biographischen Darstellungen über Ibsen keine Hinweise auf das Verhältnis

des Dichters zu seinen Eltern nach seiner Abkehr von zu Hause. Dagegen ist das dramatische

Werk Ibsens von gestörten Familienverhältnissen geprägt. Ob Noras Kinder in

Ein

Puppenheim

, Osvald in

Gespenster,

Hedvig in

Die Wildente

oder Klein Eyolf aus dem

gleichnamigen Stück ­ es sind stets die Kinder, die unter dem Verhalten und den Fehlern ihrer

Eltern zu leiden haben. Sieht man die Familie als Miniaturabbild der Gesellschaft, wird

offensichtlich, dass nicht nur die Familie, sondern die ganze Gesellschaft dem Verfall geweiht

ist.

1.2 Erste dichterische Gehversuche

Die Lebensumstände in Grimstad waren beengt, und die Gesellschaft in der Kleinstadt streng

hierarchisch strukturiert. Die Apotheke, in der Ibsen als Lehrling angestellt war, hatte

finanziell zu kämpfen und der Lehrling wenig Freizeit. Dass sich Henrik Ibsen ab 1848 neben

seiner Lehre auch auf das Abitur vorbereitete, wohl in der Hoffnung, ein Medizinstudium

aufnehmen zu können, zeugt davon, dass der junge Mann sich eine Zukunft erhoffte, die ihm

mehr bieten konnte als das geistig und ökonomisch beschränkte Leben eines unterbezahlten

Apothekergehilfen in einer Kleinststadt. Der Kaufmann Mathias Gundersen, der mit Ibsen in

Grimstad bekannt war, erinnert sich an die damals unbekannte zweite Seite des angehenden

Apothekers:

...det var en bekjendt Sag at hans Principal ikke forskaffede ham nogen

Fammiliehygge, men holdt ham i stadigt Arbejde. [...] Der var ikke mange af hans

Jevnaldrende i den lille Byen...[...] At Ibsen befattede sig med literaer Digtning,

vidste neppe flere end Ole Schulerud...3

Der Apothekerlehrling, der tagsüber gewissenhaft seinen Dienst versah, flüchtete in den

Nachtstunden, in denen er auch für das Examen lernte, in die Welt der Dichtung. Auf diese

Weise entstand Ibsens Erstling

Catilina.

Im Vorwort zur 2. Auflage des Stückes, die knapp

2 Vgl. Rieger, S. 15

3 Nasjonalbiblioteket, Oslo, brevsamling 200A ,,Erindringer om Henrik Ibsen i Grimstad." Zit. n.: Edvardsen, S.

37

4


dreißig Jahre später, im Februar 1875, erschien, bemerkt Ibsen zu den Umständen der

Entstehung von

Catilina

folgendes:

So lagen die Dinge, als ich während der Vorbereitungen zum Examen Sallusts

,Catilina′ samt Ciceros Rede gegen diesen Mann vornahm. Ich verschlang diese

Schriften, und wenige Monate später war mein Drama fertig. [...] Mein Drama wurde

nächtlicher Weile niedergeschrieben. Meinem guten und ehrenwerten, aber von

seinem Geschäft ganz und gar in Anspruch genommenen Prinzipal mußte ich

Freistunden zum Studium geradezu abstehlen, und von diesen gestohlenen Stunden

des Studiums stahl ich wiederum Augenblicke für das Dichten. So blieb mir im

wesentlichen keine andere Zuflucht als die Nacht. Ich glaube, dies ist unbewußt die

Ursache davon geworden, daß die Handlung beinahe des ganzen Stückes sich zur

Nachtzeit abspielt. Eine für meine Umgebung so wenig verständliche Thatsache [sic]

wie das Geschäft, ein Schauspiel zu schreiben, mußte natürlicherweise geheim

gehalten werden.4

Ibsen spürte die Einstellung seiner Umgebung, die Literatur und Kunst ignorant und

verständnislos gegenüberstand. Schon in Grimstad richtete sich Ibsens Blick auf den

europäischen Kontinent. Er beschreibt im Vorwort zu

Catilina

den Eindruck, den die

revolutionäre Stimmung, die im Europa der 1840er Jahre herrschte, auf ihn, den 20jährigen,

machte:

Ich weilte damals in Grimstad und war darauf angewiesen, mir das, was ich zum

Lebensunterhalt wie zur Vorbereitung für das akademische Examen nötig hatte,

selbständig zu erwerben. Die Zeit war voll Sturm und Drang. Die Februarrevolution,

die Aufstände in Ungarn und anderswo, der Schleswiger Krieg, - all das griff mächtig

und fördernd in meine Entwicklung ein.5

Dass Ibsen selbst 27 Jahre später diese bewegten Zeit als ,,mächtig und fördernd" für seine

Entwicklung betrachtet, zeigt, wie sehr der Dichter sich danach sehnte, den beengten

Verhältnissen in Grimstad, in die er ohne eigene Schuld geraten war, zu entfliehen:

,,Überhaupt, - während da draußen eine große Zeit brauste, lebte ich auf Kriegsfuß mit der

kleinen Gesellschaft, in die der Zwang der Lebensbedingungen und der Umstände mich

sperrte."6

Catilina

ist wohl nicht zufällig ein Revolutionsdrama. Nicht nur die Tatsache, dass

das Stück zu Nachtzeiten spielt, spiegelt die äußeren Umstände der Entstehung wider. Ibsen

macht auch Zweifel an gesellschaftlich gängigen Meinungen und Auffassungen geltend, wenn

er bemerkt:

4 H.I. Catilina. Vorwort zur zweiten Ausgabe. In: Sämtliche Werke, Bd. 1, S. 540f.

5 Ebd., S. 539

6 Ebd., S. 540

5


Wie aus meinem Buch zu ersehen ist, teilte ich damals die Auffassung der beiden

alten römischen Autoren von Catilinas Charakter und Art zu handeln nicht. [...] Man

darf auch daran erinnern, daß es wenige historische Persönlichkeiten giebt [sic], deren

Ruf ausschließlicher in den Händen der Gegner gelegen hätte als der Catilinas.7

Ibsen wählt also eine Figur ,,mit schlechtem Ruf"; er nimmt sich die Freiheit, sich nicht von

gesellschaftlichen Vorurteilen gängeln zu lassen ­ ein Thema, das für Ibsens Werke

bestimmend bleiben sollte. So lässt er später auch den Schriftsteller Falk im 3. Akt der ,,Die

Komödie der Liebe" (1862) sagen: ,,Der Menschen Eulenurteil acht′ geringe! Freiheit macht

selbst aus Raupen Schmetterlinge!"8

2 Berufung zum Dichter

2.1 Auf der Suche nach einem norwegischen Nationaldrama

1851 wurde Ibsen von dem Geiger Ole Bull als Hausdichter und Dramaturg an

Det norske

Theater

in Bergen berufen, welches ein Jahr zuvor von Bull gegründet worden war. Bulls

zentrales Anliegen war es, ein eigenständiges norwegisches Kulturleben aufzubauen.9

Norwegen war bis 1814 in Realunion mit Dänemark von einem gemeinsamen König regiert

worden. Während der Napoleonischen Kriege, in denen Dänemark auf Seiten Napoleons

kämpfte, Schweden sich aber gegen Frankreich stellte, unterlag Dänemark und wurde durch

militärischen Druck gezwungen, Norwegen an Schweden abzutreten, wobei Norwegen und

Schweden fortan in Personalunion von dem schwedischen König regiert wurden.10 Norwegen

erhielt 1814 eine eigene Verfassung, jedoch war der dänische Einfluss vor allem im

kulturellen Leben noch spürbar, so dass es unter den Norwegern Bestrebungen gab, sich von

diesem Einfluss zu emanzipieren und nach vier Jahrhunderten Abhängigkeit von Dänemark

eine eigene nationale Identität herauszubilden.11 Dazu gehörte selbstverständlich auch der

Bereich des Theaters: ,,Den nasjonale vekst krevde et norsk teater og ei norsk dramatisk

diktning."12 Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war das Königliche Theater in Kopenhagen die

alleinige Theaterinstanz. In Bergen war Bull daher mit dem Aufbau eines norwegischen

Nationaltheaters in Konkurrenz zum dänischen Nationaltheater beschäftigt. Bull und Ibsen

hatten schon vorher an dem Stück

Musikens Magt,

bei dem Ibsen geschrieben und Bull

7 Ebd., S. 540f.

8 Die Komödie der Liebe, in: H.I., Sämtliche Werke, Band 3, S. 175

9 Alle biographischen Angaben zu Ole Bull stützen sich auf: Einar Ingvald Haugen, Camilla Cai:

Ole Bull:
romantisk musiker og kosmopolitisk nordmann.

Oslo 1992

10 Bei diesen geschichtlichen Angeben stütze ich mich auf: Heinrich Pleticha (Hrsg.):

Weltgeschichte. Band 8:
Aufklärung und Revolution.

S. 315

11 Vgl.: Øystein Sørensen:

Nordic Paths to National Identity in the Nineteenth Century

. Oslo 1994 (= KULTs

skriftserie; 22; Nasjonal identitet; 1/94).

12 Jakobsen, S. 182

6



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