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Subtitle: Eine Figurenanalyse am Beispiel von „Memento“
Scholary Paper (Seminar), 2005, 15 Pages
Author: Franziska Rosenmüller
Subject: Communications: Movies and Television
Details
Tags: Memento, Darsteller, Gesichter
Year: 2005
Pages: 15
Grade: 2,7
Bibliography: ~ 7 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-05506-2
ISBN (Book): 978-3-638-95003-9
File size: 132 KB
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Abstract
Wer sich auf Memento einlässt, sollte nicht nur damit rechnen, auch nach dem mehrmaligen Anschauen unter einem Gefühl von nagendem Unwissen zu leiden und nicht nur damit, in einem Zustand von faszinierter Verwirrtheit und Verstörtheit zurückgelassen zu werden. Vielmehr muss man sich nach der Lektüre dieses Films ernsthaft selbst nach dem eigenen Verständnis von Gut und Böse, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit befragen. Auch dann jedoch wird man unbefriedigt feststellen, dass ein endgültiger Schluss, mit dem man beruhigt sein altes Weltbild und die eigene Menschenkenntnis bestätigt sehen könnte, kaum in greifbare Nähe rückt, sooft man den Film auch anschauen mag. Memento ergreift nicht vordergründig Partei, lädt nicht ein zu moralischem Urteilen, zieht keine klaren Grenzen zwischen Schwarz und Weiß, sondern taucht zunächst einmal alles in ein verschwommenes Grau, sowohl Personen als auch Handlungen. Die so entstehende Unschärfe erschwert es dem Zuschauer enorm, mit dem, wenn auch etwas vagen, Gefühl der Befriedigung aus dem Film zu gehen. Dies liegt nicht zuletzt darin begründet, dass die besondere Form der Erzählführung von Memento mit beträchtlichem Erfolg eine eindeutige, unzweifelhafte und transparente Wahrnehmung der Figuren auf den ersten Blick verhindert. Die daraus resultierenden mannigfaltigen Ansätze zur Auffassung und Interpretation des Films können ohne Zweifel stimulierend und diskussionsfördernd wirken, sofern man es denn zulässt. Angeregt durch den Inhalt einiger Texte zu Memento, in denen leider recht einseitig und auch scheinbar unumstößlich Position zu der Endaussage des Films bezogen wurde, soll es Gegenstand dieser Arbeit sein, die Ambivalenz der Figuren und deren Auswirkungen auf eine mögliche filmische Aussage zu untersuchen. Dabei konzentriere ich mich insbesondere darauf, wie dem Zuschauer auf der narrativen Ebene, die in Memento einige Besonderheiten aufweist, Informationen vermittelt werden, die ihn zu dieser oder jener Einsicht führen können. Genauso gut sind diese Informationen jedoch in der Lage, Einstellungen des Zuschauers zu modifizieren. Auch diesem „Phänomen“ gilt im Folgenden meine Aufmerksamkeit.
Excerpt (computer-generated)
Memento wenige Darsteller, aber viele Gesichter
-
Eine Figurenanalyse am Beispiel von ,,Memento"
Inhaltsverzeichnis
1. Eine Einführung 2
2. Die Figuren 3
2.1 Die zwei Gesichter des Leonard Shelby 3
2.2 Natalie berechnende femme fatale oder verzweifelte Überlebende? 8
-
2.3 Teddy alias John Edward Gamble 11
3. Schlussbetrachtungen 13
Literaturverzeichnis 14
1. Eine Einführung
Wer sich auf
Memento
einlässt, sollte nicht nur damit rechnen, auch nach dem mehrmaligen
Anschauen unter einem Gefühl von nagendem Unwissen zu leiden und nicht nur damit, in
einem Zustand von faszinierter Verwirrtheit und Verstörtheit zurückgelassen zu werden.
Vielmehr muss man sich nach der Lektüre dieses Films ernsthaft selbst nach dem eigenen
Verständnis von Gut und Böse, Gerecht und Ungerecht befragen. Auch dann jedoch wird man
unbefriedigt feststellen, dass ein endgültiger Schluss, mit dem man beruhigt sein altes
Weltbild und die eigene Menschenkenntnis bestätigt sehen könnte, kaum in greifbare Nähe
rückt, sooft man den Film auch anschauen mag.
Memento
ergreift nicht vordergründig Partei, lädt nicht ein zu moralischem Urteilen, zieht
keine klaren Grenzen zwischen Schwarz und Weiß, sondern taucht zunächst einmal alles in
ein verschwommenes Grau, sowohl Personen als auch Handlungen. Die so entstehende
Unschärfe erschwert es dem Zuschauer enorm, mit dem wenn auch etwas vagen Gefühl der
Befriedigung aus dem Film zu gehen. Dies liegt nicht zuletzt darin begründet, dass die
besondere Form der Erzählführung von
Memento
mit beträchtlichem Erfolg eine eindeutige,
unzweifelhafte und transparente Wahrnehmung der Figuren auf den ersten Blick verhindert.
Die daraus resultierenden mannigfaltigen Ansätze zur Auffassung und Interpretation des
Films können ohne Zweifel stimulierend und diskussionsfördernd wirken, sofern man es denn
zulässt.
Angeregt durch den Inhalt einiger Texte zu
Memento
, in denen leider recht einseitig und
auch scheinbar unumstößlich Position zu der Endaussage des Films bezogen wurde, soll es
Gegenstand dieser Arbeit sein, die Ambivalenz der Figuren und deren Auswirkungen auf die
filmische Aussage zu untersuchen. Dabei konzentriere ich mich insbesondere darauf, wie dem
Zuschauer auf der narrativen Ebene, die in
Memento
einige Besonderheiten aufweist,
Informationen vermittelt werden, die ihn zu dieser oder jener Einsicht führen können.
Genauso gut sind diese Informationen jedoch in der Lage, Einstellungen des Zuschauers zu
modifizieren. Auch diesem ,,Phänomen" gilt im Folgenden meine Aufmerksamkeit.
2
2. Die Figuren
2.1 Die zwei Gesichter des Leonard Shelby
Um eine Figur wie die des Leonard Shelby zunächst ,,unter rein narrativen Gesichtspunkten
zu analysieren"1, ist es notwendig, gemäß des filmischen Aufbaus chronologisch vorzugehen,
um mit demselben Material arbeiten zu können, das auch dem Zuschauer vorliegt.
Somit kann man auch der Auffassung Philippe Hamons gerecht werden, der ,,die Figur
nicht als eine gegebene ,Einheit`, sondern als eine Konstruktion oder genauer einen textuellen
Effekt"2 ansieht. Für die Figuren von
Memento
im Allgemeinen bedeutet dies auch, ,,einen
dynamischen Begriff der Erzählung"3 einzuführen, in deren Rahmen die Prägung der
Charaktere modifiziert werden kann.
Davon ausgehend, dass sich eine Figur ,,zum einen durch ihr Sein [...] und zum anderen
durch ihr Tun [...] definiert"4, also sowohl durch das äußere und charakterliche
Erscheinungsbild als auch durch ihre Handlungen, bietet es sich zunächst an, die
Eingangsszene von
Memento
genauer zu betrachten. Hier entsteht spätestens bei dem ersten
Blick in das Gesicht des Protagonisten Leonard der Eindruck eines etwas ,,angeschlagenen"
Mannes mit womöglich kriminellem Hintergrund. Der Zuschauer mag sich in einer solchen
Vermutung noch bestätigt sehen, wenn er die frischen Wunden in Leonards Gesicht, seinen
teuren Anzug und den wenn auch rückwärts ablaufenden Mord an einem augenscheinlich
-
-
wehrlosen, am Boden liegenden Mann dazu addiert. Womöglich ruft dieser erste Auftritt
Leonards beim Zuschauer einige Antipathie und Abscheu hervor, nicht zuletzt auch Irritation,
etwa aufgrund der Seltsamkeit des Fotographierens. In der darauffolgenden Schwarz-Weiß-
Szene bietet sich jedoch ein anderes, weitaus differenzierteres Bild. War Orientierung bisher
nur möglich anhand visueller Merkmale und Effekte und der irreführenden Geräuschkulisse,
tritt nun ein primärer Reiz des Sichtbaren, nämlich die Farbigkeit des Bildes, in den
Hintergrund, zugunsten der einsetzenden Stimme Leonards aus dem Off. Zugleich bietet sich
auch ein völlig anderer Anblick des vermuteten kaltblütigen Killers. Sein äußeres
Erscheinungsbild gleicht eher dem eines ,,durchschnittlichen" Hotelgasts. Anstelle des
1
Blüher, Dominique: ,,Französische Ansätze zur Analyse der filmischen Figur", in: Heller, Heinz
B./ Prümm, Karl/ Peulings, Birgit:
Der Körper im Bild. Schauspielen
-
Darstellen
-
Erscheinen
.
Marburg: Schüren 1999. S. 65.
2
Ebd.
3
Ebd.
4
Ebd., S. 66.
3
Designeranzuges der vorigen Szene trägt Leonard ein eher simples kariertes Hemd, jedoch
keine Hosen, was ihn auf eine subtile Art angreifbar und verletzlich zu machen scheint. Auch
seine Gestik und das Sitzen auf dem Bett inmitten eines anonymen Hotelzimmers suggerieren
hilflose Verlorenheit, noch bevor der Zuschauer überhaupt von Leonards Handicap erfährt.
Bereits hier, in den ersten Minuten des Films, wird deutlich, wie sehr der Eindruck des
Zuschauers von den Charakteren durch die Narration bestimmt wird.
In
Memento
, the tension between plot and story is more obvious and dramatic: this unusual plot, about a man
without a short-term memory, begins with a murder and proceeds backward in time through a series of short
episodes, as the film unveils fragments of information about who the man is and why he committed the
murder.5
Nicht nur ist es ob der gewöhnungsbedürftig angelegten Erzählweise des Films notwendig,
mit gehöriger Konzentration die Wahrnehmung zu überlisten, sodass sie einmal nicht
chronologisch ablaufende Bilder auch für in sich chronologisch hält. Es sind nicht allein die
vermeintlich unüberschaubar eintreffenden, schwer einzuordnenden Informationen, die dem
Zuschauer in Leonards Zustand Einblick gewähren, ihn sogar nachfühlbar machen. Die
durchaus länger anhaltende Wirkung des Films ist die, dass auch im Nachhinein, vielleicht
sogar noch nach dem mehrmaligen Anschauen keine Gewissheit herrschen kann, was die
Ausrichtung der einzelnen Charaktere angeht, insbesondere Leonards Rolle. Was mit seiner
Figur erreicht wurde, ist der Entwurf eines äußerst komplexen Charakters, dem in all seiner
Zweifelhaftigkeit auch mit bester Menschenkenntnis nicht beizukommen ist. Ohne Frage ist
eine solche Ambiguität durchaus gewollt. Der Zwiespalt, in den der Zuschauer somit
unweigerlich gerät, nimmt beinahe erbarmungslose Züge an, indem ein Großteil des Films mit
der sympathisch-offenen und mitleiderregend bedrückten Stimme Leonards aus dem Off
unterlegt ist. Kombiniert mit der verschobenen Wiedergabe des Geschehens in Anlehnung an
Leonards ,,Zustand" ergibt sich ein äußerst subjektives Gesamtbild, dessen überwältigender
Macht sich der Zuschauer kaum zu entziehen vermag. Vielleicht trifft man auch deshalb auf
so manche mit beinahe trotziger Vehemenz verfochtene Filmkritik von
Memento
, wo jegliche
Sympathieregung gegenüber dem Protagonisten unweigerlich als Ergebnis ausgeklügelter
filmischer Manipulation angeprangert wird.
Sicherlich ist die fesselnde Wirkung der Off-Stimme, die in der ersten Person erzählt, nicht zu
unterschätzen. Dass dies ein gewollter Effekt ist, belegt auch eine Äußerung des Regisseurs
Christopher Nolan:
5
Corrigan, Thomas
: The film experience: an introduction
. Boston, MA: Bedford/ St. Martin′s
2004. S. 217.
4
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