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New Electric Ride - Der Einfluss von technischer Entwicklung auf populäre Musik im Kontext der Live-Darbietung bezogen auf die Zeit der Elektrifizierung anhand der Beispiele Lautsprecher, Mikrophon und E-Gitarre

Thesis (M.A.), 2005, 103 Pages
Author: Felix F. Falk
Subject: Musicology

Details

Category: Thesis (M.A.)
Year: 2005
Pages: 103
Grade: 1,6
Bibliography: ~ 140  Entries
Language: German
Archive No.: V91015
ISBN (E-book): 978-3-638-05395-2
ISBN (Book): 978-3-638-94613-1
File size: 1136 KB

Abstract

Die Arbeit befasst sich mit der Elektrifizierung in der populären Musik und damit mit dem Wandel, der sich mit den Worten des Sängers Captain Beefheart als "New Electric Ride" beschreiben ließe. Technik begann seine Wirkung auf die populäre Musik erst zu entfalten, als sich Anfang des 20. Jahrhunderts die Elektrizität mit dem Einzug in die Haushalte verbreitete. Bei sämtlicher Musik, die zuvor stattgefunden hatte, waren die Künstlerinnen und Künstler darauf angewiesen die einzelnen Instrumente nur gemäß ihrer natürlichen Möglichkeiten einzusetzen. In der Arbeit werden die wichtigsten technischen Entwicklungen und dabei insbesondere Lautsprecher, Mikrophon und E-Gitarre beleuchtet. Darauf aufbauend wird aus soziologischer Sicht die Situation vor der Elektrifizierung der populären Musik mit der danach verglichen. Auch wenn der Aspekt der Lautstärke der wohl unmittelbarste Effekt der Elektrifizierung war, so lassen sich aus diesen technischen Entwicklungen doch so weitreichende und entscheidende Konsequenzen ableiten, dass von Sound und Effekten über Tanz und Mode bis hin zu Subkultur und Starkult die wesentlichen und bestimmenden Elemente der Popularmusik betroffen sind. Diese Arbeit macht deutlich, wie weitgehend der Wandel der populären Musik durch die technischen Entwicklungen war und bis heute ist.


Excerpt (computer-generated)

Freie wissenschaftliche Arbeit

zur Erlangung des Grades eines Magister Artium M.A.

am Musikwissenschaftlichen Seminar,

Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften

der Humboldt Universität zu Berlin

zum Thema

New Electric Ride

Der Einfluss von technischer Entwicklung auf populäre Musik im Kontext der

Live-Darbietung bezogen auf die Zeit der Elektrifizierung anhand der

Beispiele Lautsprecher, Mikrophon und E-Gitarre.

Vorgelegt von

Felix F. Falk

Berlin, im Juni 2005


Gliederung

1. Einleitung 4

1.1. Problemstellung 4

1.2. Vorbemerkungen 5

2. Begriffsklärung 8

2.1. Technik 8

2.2. Technologie 10

3. Problematisierung der musikwissenschaftlichen Theoriebildung 11

4. Relevante Aspekte für eine Untersuchung 13

4.1. Der Zusammenhang in dem technische Entwicklung entsteht 13

4.2. Zu den Folgen technischer Entwicklung 14

4.3. Technik und gesellschaftliche Werte und Normen 16

4.4. Zusammenfassung des 4. Kapitels 17

5. Wo fängt Entwicklung an? 17

6. Der Lautsprecher 19

6.1. Entstehung und Entwicklung 19

6.1.1. Telegrafentechnik und Telefon 19

6.1.2. Entwicklung bis zum Public-Address-System 23

6.2. Der Raumaspekt 28

6.2.1. Zur Raumgröße 28

6.2.2. Zum Raumklang 29

6.3. Technik als Stilmittel 30

6.3.1. Allgemeines 30

6.3.2. Ein Exkurs zur Lautstärke 32

6.3.3. Der Soundaspekt 34

6.4. Berufsbilder 36

6.4.1. Das Mischpult 36

6.4.2. Der Musiker als Techniker 37

6.4.3. Der Techniker als Künstler 38

2


6.5. Der Aspekt der Kompositionstechnik 40

6.6. Zusammenfassung des 6. Kapitels 42

7. Das Mikrophon 43

7.1. Entstehung und Entwicklung 43

7.2. Folgen für den Gesang 46

7.2.1. Folgen der Lautstärke 46

7.2.2. Das Crooning 47

7.2.3. Technik vs Authentizität 49

7.2.4. Authentizität und Crooning 51

7.3. Zusammenfassung des 7. Kapitels 53

8. Die elektrische Gitarre 53

8.1. Entstehung und Entwicklung 53

8.1.1. Die Ausgangssituation 53

8.1.2. Die Elektrifizierung 55

8.2. Einflussreiche Akteure 58

8.2.1. Gitarristen und der spieltechnische Aspekt 58

8.2.2. Gitarrenbauer und der kommerzielle Aspekt 61

8.3. Die Bassgitarre 64

8.4. Der Soundaspekt bei der E-Gitarre 67

8.5. Die Stellung der Gitarre in der populären Musik 71

8.5.1. Verbreitung und Anwendung 71

8.5.2. Das Image 71

8.6. Zusammenfassung des 8. Kapitels 73

9. Schlussteil 74

9.1. Resümee 74

9.2. Bewertung 76

10. Anhang 79

10.1. Abbildungen 79

10.2. Songtexte 84

10.3. Literaturverzeichnis 89

3


1. Einleitung

1.1. Problemstellung

Musik durchläuft einen immerwährenden Prozess der Veränderung und Erneuerung.

Gerade in der populären Musik wechseln vorherrschende Stile innerhalb von wenigen

Jahren, unterschiedliche Musikrichtungen werden miteinander zu neuen kombiniert und

alte werden wieder neu entdeckt. Diese Entwicklung von populärer Musik ist bestimmt

durch zahlreiche Einflüsse von denen gerade die technischen immer wieder thematisiert

werden. Besonders weil sich beide, die Technik als objektivistisch, von sich aus nichts

implizierendes und der Mensch als subjektivistisch, die Technik nutzend, so bildhaft

gegenüberstehen, ergibt sich die Kontroverse, die besonders in der Popularmusik zu immer

wiederkehrender Relevanz und Resonanz fand. Hier wird augen- (und ohren-) scheinlich

ein bedeutender Teil dessen was klingt unter Verwendung von Technik erzeugt. Dabei

stand von jeher die Frage im Raum, wie viel Einfluss Technik an sich auf die Musik hat.

Kann eine Beeinflussung ausgemacht werden und wenn ja, wie sieht diese aus? Die

Untersuchung einer solchen Frage, die der Zeichnung retrospektiver Wirkungsfolgen

bedarf, muss immer Stückwerk und Indizienforschung bleiben, kann allerdings zu

aufschlussreichen Folgerungen führen, die zur Klärung beitragen, wie populäre Musik zu

dem werden konnte, was sie ist. Besonders fundamentale Änderungen in der Geschichte,

bei denen sich unter der starken Mitwirkung von technischen Aspekten ein Wandel

ausmachen lässt, eignen sich am besten, um zu möglichst deutlichen

Untersuchungsresultaten zu gelangen. Vier der für populäre Musik am relevantesten

erscheinenden Entwicklungen waren 1. die Elektrifizierung, 2. die Virtualisierung, 3. die

Digitalisierung sowie 4. die Modularisierung.1 Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der

Elektrifizierung und so mit dem Wandel, der sich mit den Worten des Sängers

Captain

Beefheart

als

New Electric Ride

2 beschreiben lässt. Worauf sich das Neue jedoch bezog

und was daraus resultierte, wie die relevanten technischen Entwicklungen aussahen und

welche Wirkung sie auf die populäre Musik im Zusammenhang der Live-Darbietung

hatten, soll anhand verschiedener zentraler Beispiele dargestellt werden. Zunächst sind

jedoch einige Vorbemerkungen von Nöten.

1 Wicke 2002.

2 Songtitel von

Captain Beefheart & His Magic Band

erschienen 1974 auf dem Album

Unconditionally
Guaranteed

. Vollständigen Songtext siehe im Anhang Songtext 1.

4


1.2. Vorbemerkungen

Um das weite Feld der Einflüsse von Technik auf populäre Musik bearbeiten zu können

und dabei die wichtigsten Bereiche einzuschließen, ist es notwendig, das Thema weiter

einzugrenzen und zu spezifizieren. Die Betrachtung bezieht sich deswegen grundlegend

erstens auf den Zusammenhang der Live-Darbietung, zweitens auf die Zeit der

Elektrifizierung sowie drittens auf einige zentrale Beispiele der Technik. Die Fokussierung

auf den Live-Zusammenhang ist nicht allein dem aus der eigenen praktischen Erfahrung

resultierenden individuellen Interesse geschuldet, sondern erscheint gerade deshalb

besonders interessant, weil es im Gegensatz zur aufgenommenen und durch Technik

reproduzierten Musik keine so starke wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem

Thema gibt. Zahlreiche Autoren haben die Bedeutung der Technik für den Zusammenhang

der Tonaufzeichnung belegt und dieselbe hat einen zu großen Stellenwert, als dass sie in

dieser Arbeit gänzlich ignoriert werden könnte, beschreibt aber dennoch etwas anderes.

Diese Musik müsste unter der gewählten Fragestellung ganz anders bearbeitet werden,

denn es scheinen zahlreiche Aspekte zu existieren, die im Gegensatz zur Aufnahme nur

oder zumindest zum großen Teil im genuinen Live-Zusammenhang von Bedeutung sind.

Auf der Basis einer kurzen grundlegenden Einschätzung sollen im Verlauf dieser Arbeit

solche Aspekte herausgearbeitet werden. Zunächst kann gesagt werden, dass viele Punkte,

die das Spezifische der Live-Musik deutlich machen, besonders gut durch ihre

Gegensätzlichkeit zur Aufnahme ersichtlich werden. Die meisten Lexika sprechen zwei

Hauptpunkte an. So benennt beispielsweise der Brockhaus als Merkmal von ,,live" erstens

die ,,Direktsendung" und zweitens die reale Anwesenheit.3 Oppositionär zur Aufnahme

gesehen liegen hier also die Kernindikatoren, die sich auf die räumliche und zeitliche

Verortung beziehen. Live produzierte Musik kann nicht wie die Aufnahme reproduziert

werden, was hier sogar unabhängig von Ort und Zeit geschehen kann. Aus diesen

gewichtigen Eigenschaften lassen sich weitere Punkte ableiten, was im Verlauf der Arbeit

und verknüpft mit den einzelnen Betrachtungen des Live-Zusammenhangs geschehen soll.

Bei der Untersuchung ermöglicht die Betrachtung der Ära der Elektrifizierung, den

Schnittpunkt zwischen einer Zeit gänzlich ohne elektrifizierte Technik und einer, aus der

jene inzwischen nicht mehr wegzudenken wäre, in den Blick zu nehmen, was möglichst

deutliche Resultate verspricht.

3 Brockhaus 1990, S. 463.

5


Um die Betrachtung zu konkretisieren, bezieht sich diese Arbeit auf einzelne

Beispiele. Mit dem Lautsprecher, dem Mikrofon und der E-Gitarre wurden drei Beispiele

ausgewählt, die als fundamental für die heutige populäre Musik gelten.4 Die beiden ersten

ermöglichen zusammen mit dem Verstärker in der Kombination prinzipiell die

Verstärkung jeder Klangquelle und stellen somit eine Vorraussetzung für elektrifizierte

Musik allgemein dar. Als Instrumente nehmen das Mikrofon, welches in diesem Sinne eine

Art Doppelcharakter hat, und die E-Gitarre jeweils eine besondere Stellung ein, die sich

zum großen Teil auf weitere Instrumente beziehen lässt. In der vorliegenden Arbeit wird

nicht versucht, anhand nur eines Beispiels alle relevanten Gesichtspunkte des Themas zu

exemplifizieren, sondern stattdessen anhand der drei aufgezählten die jeweils wichtigsten

herauszugreifen. Als Nachteil dabei könnte verstanden werden, dass beispielsweise in

Bezug auf das Mikrofon nicht alle in Frage kommenden Betrachtungsweisen angesprochen

werden. Der Vorteil allerdings, und dieser überwiegt, ist, dass die Möglichkeit besteht die

unterschiedlichen Aspekte, die bei den jeweiligen Beispielen allein aufgrund der oft

schwierigen Quellenlage verschieden deutlich ausgeprägt sind und ausgemacht werden

können, für sich klarer zu beschreiben. Da die einzelnen Resultate meist auf die anderen

bezogen werden können, ist es nicht notwendig, sie für jedes einzelne Beispiel

aufzuzeigen. Dabei muss erwähnt werden, dass das Prinzip des Lautsprechers dem des

Mikrophons und der verstärkten Gitarre gleicht. Ebenfalls hängen viele Aspekte der

technischen Entwicklung der Artefakte5 zum großen Teil voneinander ab. Dennoch sollen

sie für eine bessere thematische Abgrenzung in dieser Arbeit einzeln beschrieben werden.

Eine weitere Einschränkung muss in Bezug auf die einzelnen Musikstile und auf

den Rahmen, in dem populäre Musik stattfindet, gemacht werden. Da bei weitem nicht in

allen Stilen und in allen Situationen gleichermaßen elektrifizierte Artefakte in die Live-

Darbietung mit einbezogen wurden, schon allein aus dem Grund, weil es für kleine

Besetzungen in kleinen Räumen nicht zwangsläufig die Notwendigkeit der Verstärkung

gab, bezieht sich diese Arbeit auf den Zusammenhang, in dem Technik gebraucht wird. In

der beschriebenen Zeit stehen dabei zunächst größere Tanzorchester und Big Bands des

Swing

im Vordergrund, die in größeren Räumen und vor einem verhältnismäßig großen

Publikum auftraten. Mit der fortlaufenden Entwicklung werden jedoch weitere Stile wie

beispielsweise

Bebop

sowie Musik in kleineren Räumen relevant, bis hin zu der Situation

4 Vgl. Théberge 2001, S. 4.

5 Der Begriff

Artefakt

wird in dieser Arbeit nach seiner originären Bedeutung als ,,das durch menschliches

Können Geschaffene" (Duden Fremdwörterbuch 2001, S. 91.), was das Künstlerische zunächst nicht direkt

implementiert.

6


in der elektrifizierte Artefakte nicht mehr aus all dem wegzudenken sind, was Rock- und

Popmusik mit einschließt. Es soll also keine genrespezifische Betrachtung vorgenommen

werden, die beispielsweise nur Gültigkeit für den Stil des Jazz′ hat, sondern es werden

stattdessen Beispiele aus den jeweils interessantesten Musikarten genommen.

Schließlich soll zur Erklärung vorausgeschickt werden, dass sich der Blick nicht

allein auf ein Land begrenzen kann. Obwohl der überwiegende Teil des Gegenstands in

Amerika verortet ist, spielt die Entwicklung in Deutschland sowie in anderen europäischen

Ländern eine wichtige Rolle. In dem betrachteten Zeitraum fand bereits eine starke

gegenseitige Beeinflussung dieser Länder statt, so dass die meisten Effekte ohne oder mit

relativ geringer Zeitverzögerung vom Ursprungsort zu anderen Orten gelangten. Es

erscheint deswegen nicht notwendig, die Folgerungen, die aus den Beobachtungen gezogen

werden, außer bei großen Unterschieden, auf einzelne Länder zu beziehen.

Bevor mit der Betrachtung der Beispiele begonnen werden kann, ist es notwendig

einige theoretische Vorüberlegungen anzustellen. An erster Stelle steht dabei die

Verortung der zentralen Begrifflichkeiten. Danach soll beleuchtet werden, in welchem

Umfeld die musikwissenschaftliche Untersuchung von Technik und deren Einfluss

stattfindet, um dann ein Grundgerüst der wesentlichen Fragestellungen herauszuarbeiten,

mit denen die konkrete Untersuchung begonnen werden kann. Diese geht nicht einzig und

unmittelbar auf die Folgen der technischen Entwicklung ein, sondern legt einen ähnlich

starken Schwerpunkt auf die technische Entwicklung an sich. Einerseits ist allein zum

besseren Verständnis der Effekte von Technik die Kenntnis der Artefakte an sich

Voraussetzung, andererseits ist diese Vorgehensweise auch der Annahme geschuldet, dass

es selten einseitige Einflusswirkungen gibt und stattdessen technische Entwicklung Effekte

auslöst, die wiederum auf technische Entwicklung zurückwirken. So sollte es bereits bei

der Darstellung der einzelnen Entwicklungsschritte möglich sein, zu untersuchen, ob und

welche gegenseitige Beeinflussung stattgefunden hat.

7


2. Begriffsklärung

2.1. Technik

Um im Folgenden mit dem Begriff

Technik

umgehen zu können, muss derselbe zunächst

bestimmt und eingeordnet werden. Vom griechischen Wort

téchn

kommend, bezeichnete

er dort Handwerk, Kunst, Kunstfertigkeit und Wissenschaft. Die neulateinische Bedeutung

von

technica

bezieht sich dagegen auf Kunst, Künste sowie die Anweisung zur Ausübung

einer Kunst oder Wissenschaft.6 Leopold von Wiese weist in Bezug darauf auf ein

wichtiges Problem hin, wenn er sagt: ,,Der Terminus Technikus gehört zu jenen

sprachlichen Bildungen, die eine übergroße Last eines bald weiter, bald enger gefassten

Inhalts zu tragen haben".7

Ein

weiter Technikbegriff

lässt sich bereits im Zusammenhang mit Aristoteles

finden. Im Rückgriff auf ihn formuliert Ropohl, dass Natur all das sei, was ohne Zutun des

Menschen von sich aus besteht und Technik dagegen, was seine Entstehung dem

menschlichen Handeln verdankt.8 In einem anderen Ansatz und trotzdem ähnlich

übergreifend findet sich der Begriff bei Max Weber, der speziell den musikalischen

Zusammenhang als Beispiel einbezieht. Er beschreibt Technik als eine Form des Handelns

und somit als zweckrationalen Einsatz von Mitteln, der sich bei ihm von der Gebetstechnik

über die erotische Technik bis hin zur musikalischen Technik erstreckt.9

Zu den auf der anderen Seite eng gefassten Auslegungen zählt beispielsweise die

Definition, wie sie Friedrich Dessauer anbietet. Er beschreibt Technik als ,,reales Sein aus

Ideen durch finale Gestaltung und Bearbeitung aus naturgegebenen Beständen".10 Auch

eine Definition von Mitcham und Mackey grenzt den Begriff stark ein. Hier handelt es sich

um ,,an activity which immediately produces artefact".11 Eine Beschränkung auf den

engen

Technikbegriff

ist besonders dann anzutreffen, wenn Geräte oder gegenständliche Technik

für sich betrachtet werden, wie dies beispielsweise in den Ingenieurswissenschaften eher

der Fall ist. Zu oft geschieht dies aber auch in der populären Musikwissenschaft. Eine

Darstellung nach dieser Definition würde jedoch im Rahmen dieser Arbeit zu sehr

begrenzten Ergebnissen führen, denn die ,,Betrachtung von Technik allein ohne

6 Vgl. Duden Etymologie 1989, S. 737.

7 Leopold von Wiese zit. nach Alemann 1989, S. 14.

8 Vgl. Ropohl 1985, S. 114.

9 Vgl. Weber 1972, S. 32.

10 Dessauer 1956, S. 234f.

11 Mackey/Mitcham 1972, S. 2.

8


Berücksichtigung (...) [der] Rahmenbedingungen bleibt Fragment".12 Die weite Definition,

ist für diese Untersuchung prinzipiell eher geeignet, akzentuiert jedoch nicht genug den

Stellenwert der Sachtechnik.

Mit dem

mittelweiten Technikbegriff

wird von Autoren wie Karl Tuchel13 oder

Günter Ropohl14 ein Kompromiss vorgeschlagen. Dieser Ansatz erkennt neben den

künstlichen Gegenständen auch das damit verbundene Handeln als Technik an. Dabei

gelten die Herstellung sowie der Gebrauch und die Verwendung als

Handlungszusammenhänge.15 Ropohl kategorisiert diesen Ansatz prägnant vom

Blickwinkel der Sachtechnik aus, indem er drei Bestimmungsstücke der Kategorie Gerät

benennt:

,,(a) die Artefakte selbst,

(b) deren Herstellung durch den Menschen und

(c) deren Verwendung im Rahmen zweckorientierten Handelns"16

In der vorliegenden Arbeit soll anhand einer solchen mittelweiten Definition des

Technikbegriffes vorgegangen werden. Mit dieser Begrifflichkeit konzentriert sich die

Untersuchung auf die konkrete Sachtechnik, schließt jedoch auch Technik im weiteren

Sinne ein. So beinhaltet die Betrachtung erstens das technische Artefakt an sich, zweitens

Aspekte seiner Entstehung und Verbreitung sowie drittens Gesichtspunkte seiner

Verwendung. Dieser Blickwinkel lässt sich auch bei Lysloff und Gay finden, die fordern:

,,[W]e must examine technologies not just as things (...) but as material culture that people

use and experience in ways meaningful to their particular needs and circumstances".17

Neben der Sachtechnik spielen in dieser Arbeit die

Spieltechnik

bzw.

Gesangstechnik

eine

wichtige Rolle. Annahme ist, dass technische Aspekte des Instrumentalspiels und des

Gesangs zur Bedingung für technische Entwicklung werden und wiederum von derselben

beeinflusst sind. Ebenso sind weitere Formen von Technik bedeutsam, die von

Kompositionstechnik

und

Verkaufstechnik

über

Kulturtechnik

bis hin zu

politischer

oder

wirtschaftlicher Technik

reichen können. Im Fokus sollen jedoch immer die Sachtechnik

und deren direkt angrenzenden Technikfelder bleiben. Welche genau das sind, hängt vom

jeweiligen Untersuchungsgegenstand ab.

12 Bammé/Berger/Kotzmann 1989, S. 30.

13 Vgl. Tuchel 1967, S. 23ff.

14 Vgl. Ropohl 2001, S. 16f.

15 ebd.

16 Ropohl 1979, S. 31.

17 Gay/Lysloff 2003, S. 7.

9


Wenn auch der Begriff

Technik

, wie schon aus dem Titel der Arbeit zu ersehen ist,

die zentrale Stellung innerhalb der Untersuchung einnimmt, so liegt der Terminus

Technologie

doch zu nahe, als dass er völlig übergangen werden könnte.

2.2. Technologie

Im 19. Jahrhundert bildete sich die Besetzung des Begriffes

Technologie

als die

Wissenschaft von der Technik heraus und in diesem Sinne verwendet sie auch heute die

überwiegende Anzahl der wissenschaftlichen Autoren aus den unterschiedlichen

Forschungszweigen.18 Auf der anderen Seite werden als Argumente für eine fehlende

Unterscheidung von

Technik

und

Technologie

beziehungsweise für eine Gleichsetzung

beider Begriffe in manchen Arbeiten die zunehmende

Verwissenschaftlichung von Technik

und die

Technisierung der Wissenschaft

angeführt.19 Im Rahmen dieser Arbeit scheint die

Unterscheidung der Begriffe jedoch angebracht. Ulrich von Alemann, der ebenfalls eine

Trennung vornimmt, definiert

Technologie

als ,,Summe des Wissens über die Verbreitung

der in der Natur vorkommenden Stoffe zu Gegenständen des physischen und sinnlichen

Gebrauchs des Menschen",20 weist jedoch gleichzeitig auf das Problem der Aufweichung

des Terminus hin. Im Alltag taucht dieser immer wieder zur Beschreibung von komplexen

jedoch trotzdem technischen und nicht technologischen Zusammenhängen auf, was der

Gegenposition Tribut zollt. Besonders in der Werbesprache wird so eine neue Technik

schnell zu einer

bahnbrechenden Technologie

.21

In dieser Arbeit soll die Trennung zwischen den Begrifflichkeiten nach Möglichkeit

gewahrt bleiben. Trotzdem muss oft auf eine scharfe Unterscheidung verzichtet werden, da

die Untersuchung auch Quellen mit einbezieht, die hier keine exakte Begrifflichkeit

verwenden. Dies liegt zum einen daran, dass in Literatur von nicht wissenschaftlichen

Autoren, gerade bei praktischen Musikern oder Technikern, weniger auf eine exakte

Verwendung geachtet wird. Zum anderen trifft die Vermischung im Besonderen auf den

englischen Sprachraum zu, in dem

Technology

meist als übergreifender,

Technik

mit

18 Vgl. Alemann 1989, S. 14; Brockhaus 1993, S. 672 oder Ropohl 2001, S. 17.

19 Vgl. Degele 2002 oder Weingart 2001.

20 Alemann 1989, S. 14f.

21 So beispielsweise in einer Presseerklärung zu einem neuen Soundkartentyp (Vgl. Rosendahl 2002.).

10



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