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Kulturelle Differenz zwischen Indien und Europa - Ideologie, Musik und soziale Praxis im Kulturvergleich

Termpaper, 2008, 70 Pages
Author: Konrad Kalisch
Subject: Sociology - Culture, Technology, Peoples / Nations

Details

Event: Indien und Europa. Ein musiksoziologischer Kulturvergleich
Institution/College: University of Kassel
Tags: Kulturelle, Differenz, Indien, Europa, Ideologie, Musik, Praxis, Kulturvergleich, Indien, Europa, Kulturvergleich
Category: Termpaper
Year: 2008
Pages: 70
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 59  Entries
Language: German
Archive No.: V91083
ISBN (E-book): 978-3-638-04877-4
ISBN (Book): 978-3-638-94270-6
File size: 248 KB

Abstract

Diese soziohistorische Arbeit behandelt zunächst im allgemeineren Sinne den Begriff der Kultur und die damit verbundenen philosophischen Deskriptionen. Dann geht es weiter mit den Vorzügen, der Geschichte und den Problemen der Methodologie des Kulturvergleichs. Danach werden die zwei theoretischen Perspektiven, einerseits der kulturellen Differenz, andererseits der universalistisch Ansatz erläutert und beleuchtet. Danach folgt eine umfassende Abhandlung über die beiden zentral unterschiedlichen gesellschaftlichen Ideologien von Europa und dem Subkontinent Indien. All das vorangegangene fliesst dann ein in den Vergleich zwischen den Musikkulturen beider Länder und im Resümee werden abschließend die vorher herausgearbeiteten und anhand von zahlreichen Quellen belegten Kulturunterschiede in Form von gegensätzlichen Begriffspaaren aufgezeigt.


Excerpt (computer-generated)

Universität Kassel

Fachbereich 5:

Gesellschaftswissenschaften

Seminararbeit zur Veranstaltung:

Indien und Europa. Ein musiksoziologischer

Kulturvergleich.

Thema der Seminararbeit:

Kulturelle Differenz zwischen Indien und Europa

Ideologie, Musik und soziale Praxis im

Kulturvergleich

Konrad Kalisch

Soziologie BA

5 Semester

30.03.2008


Inhaltsverzeichnis


Inhaltsverzeichnis 2

1. Einleitung 3

2. Was

ist

Kultur? 5

3. Sinn und Zweck der wissenschaftlichen Operation des Kulturvergleichs 12

4. Die universalistische Perspektive der kulturellen Gleichheiten 21

5. Die Perspektive der kulturellen Differenz 24

6. Individualismus vs. Kollektivismus 29

7. Klassische Musikkultur in Indien und Europa 44

8. Resümee 58

Literaturverzeichnis 63

2


1. Einleitung

In dieser Untersuchung soll es sich um die Verknüpfung und Verzahnung mehrerer

thematischer Ebenen handeln. Dargestellt werden wird nicht, wie eigentlich

üblicherweise Usus, eine Erörterung einer zu Grunde liegenden These, sondern es wird

ein kohärentes Geflecht vieler teilweise verschiedenartiger Sphären gewoben werden.

Es wird angestrebt zu zeigen, welche Zusammenhänge zwischen so lebensweltlichen

Bereichen wie beispielsweise Musik, Sozialem und Kulturgewordensein bestehen. Zu

diesem Zweck wird in hohem Maße vornehmlich in der Kultur,- Musik,- und

Sozialgeschichte gewildert werden. Zur Verdeutlichung und zum besseren Verständnis

von Kultur, Kulturdifferenz und Kulturrelativismus wird die wissenschaftliche

Perspektive des Kulturvergleichs gewählt. Zur Begründung, Sinn und Ergiebigkeit

dieser Methode gibt es einen eigenen Abschnitt. In der Geschichte, vornehmlich in der

musikologischen Soziohistorie soll deshalb gewildert werden, da im Mittelpunkt dieser

Arbeit die klassische Musikkultur von zwei elementar differenzierten Ländern,

Deutschland in Europa und Indien in Asien, steht. Dabei korrelieren gewordene

Musikkultur und gewesene Sozialgeschichte miteinander wie die darwinische

Evolutionstheorie und die damit einhergehende Anpassung vieler Spezies an die sich

verändernden Umweltbedingungen in der Welt. Dabei soll möglichst der

Gesamtzusammenhang zwischen den wichtigen, schillernden und hier noch unscharfen

Allgemeinbegriffen Historie, Musik, Sozialität und Kultur nie verloren gehen.

Um noch etwas näher zu explizieren, wird beispielsweise folgenden Fragen

nachgegangen werden: Wie hängen Musikkultur und soziale Praxis zusammen? Was

sind Funktionen und Ursprünge von Musik? Welche Kulturunterschiede und

Kulturgemeinsamkeiten lassen sich zwischen dem Kontinent Europa und dem so

genannten Subkontinent Indien verallgemeinern und heraus destillieren? Wie ist es

durch geschichtliche Prozesse dazu gekommen?

3


Die Notwendigkeit, zu diesen Fragestellungen auf die

,,soziokulturellen Evolutionen",

in Form von historischen Entwicklungen zurück zu greifen, erklärt sich aus einem alten

gesetzmäßig- sozialwissenschaftlichen Dogma, wie es schon Gründungsväter wie

Comte, Spencer und Durkheim bekräftigten: ,,Der Zustand einer Kultur ist stets die

Folge ihres früheren Zustandes" (Tenbruck: 1992, S. 13). Passend dazu formulierte ein

anderer wirkungsmächtiger Soziologe: ,,Die gesellschaftliche Welt ist akkumulierte

Geschichte" (Bordieu: 1992, S. 49).

4


2. Was ist Kultur?

Diese Frage soll hier zunächst in ausreichendem Maße, von europäisch-

kulturwissenschaftlicher Seite aus, beantwortend beleuchtet werden. Seit dem so

genannten

,,cultural turn"1

, hat sich die Geisteswissenschaft vermehrt und in hohem

Maße nicht mehr ,,nur" der Erforschung des Menschen, Leben und Geschichte

zugewandt, sondern es wird mit der Geburt der Gesellschafts- und Kulturwissenschaften

besonders dieser schillernde Begriff Kultur2, der eine so

,,Bedeutungsgeladene

Diffusität"

(Soeffner: 2003, S. 175) besitzt und enthält, thematisiert. Anders

ausgedrückt kann man auch von einer ,,Kulturalisierung der Wissenschaft" sprechen.

Aus heutiger Sicht gibt es unzählige Ansätze des Forschens auf diesem Gebiet. Der

Begriff wurde regelrecht zerpflückt und differenziert auseinander genommen, um klare

Trennschärfe zu erzeugen. Diese Tatsache zeugt wiederum von der Vielfältig- und

Vielschichtigkeit von Kultur. Bevor wir hier eine kulturvergleichende Operation

durchführen, soll kurz einiges weniges und wichtiges zum Kulturbegriff genannt

werden. Hierbei handelt es sich lediglich um eine kleine theoretische Zusammenfassung

der vielen Kulturdimensionen, als um eine akribische Begriffsbestimmung. Kultur ist

ein ubiquitäres Phänomen und zählt zur so genannten

,,conditio humana"

, also zu den

Bedingungen des Menschseins (Vgl. Soeffner: 2003, S. 171)3.

Erlauben wir es uns, mal in das bunt durchmixte Kulturpotpourri zu greifen und ein paar

Beispiele heraus zu extrahieren: Zunächst einmal, im allgemein vereinfachten Sinne,

kann Kultur definiert werden als menschliche Lebensäußerungen, beispielsweise in

Form von Sitten, Bräuchen, Weltbildern und Weltanschauungen, Lebensstilen- und

Lebensgewohnheiten, dichterischer Sprache, Philosophie, Kunst wie beispielsweise

Gemäldegalerien, Kleidungsstilen, organisiertes Orchester und Theater, ,,Eß-, Trink-,

1

Zu Begriff, Wirkung und Geschichte des cultural turn siehe: Lutter, Musner, Wunberg (Hg.) (2001):

Cultural Turn. Zur Geschichte der Kulturwissenschaften. Verlag Turia + Kant.

2

Die wissenschaftliche Reflexion hat ,,ständig neue Definitionen von Kultur" hervorgebracht und so ist ein

regelrechtes Dickicht von Definitionen mit vielen möglichen Bedeutungen entstanden (Vgl. Kurt: 2007, S. 183).

3

Am Ende seines Aufsatzes über den Begriff Kultur und seiner Dimensionen, bezeichnet Soeffner Kultur als

,,diesseits der großen Religionen die konkrete, täglich praktizierbare Menschenreligion ­ so etwas wie die unentwegte

Anstrengung, unsere Zufälligkeit und Endlichkeit in der Zeit zu transzendieren" und in diesem Sinne erscheint Kultur

als unentfliehbarer und ,,elementarer Bestandteil unserer selbst" (Soeffner: 2003, S. 192).

5


Mal-, Geschäfts-," und Sportkultur, ,,Mode, Architektur, Musik, ökonomische

Organisationsformen, und nicht zuletzt Gaststättenketten" (Soeffner: 2003, S. 178).

Religion, Kunst und Wissenschaft sind dabei ,,die auffälligsten und am häufigsten

genannten Kulturschöpfungen" (Soeffner: 2003, S. 191). Dies alles dient funktional im

übergreifenden Sinne als Orientierungsgerüst für die Menschen eines Volkes, einer

Nation, einer Gesellschaft oder eines Stammes.

Kultur als Funktion gesehen, bringt kognitiv-ordnungsstiftende Elemente in das Chaos

der Welt und hilft uns Menschen, diese besser zu verstehen und zu deuten, sie zu

ordnen, in ihr zu handeln und zu strukturieren: Kultur also als der ,,aufrecht erhaltene

und immer wieder hergestellte Ordnungszusammenhang, der das Geordnete und

Sinnhafte vom bloß Zufälligen und Sinnlosen abgrenzt" (Soeffner: 2003, S. 184). Die

letztgenannten Kulturschöpfungen oben, sind als internationale Kulturmuster zu

deuten4. Genau aus dem Grunde, das die Musik ein internationales Kulturmuster ist,

eignet sie sich auch bestens für einen Kulturvergleich. Denn die Musik wird in späteren

Gliederungspunkten, hier im Besonderen, als kulturunterscheidendes Merkmal begriffen

und behandelt werden.

Der Begriff Kultur ist eng verbunden mit dem Begriff Symbol. So schuf der

Neukantianer und Kulturphilosoph Ernst Cassirer (1874-1945) die philosophisch-

anthropologische Theorie vom Menschen als

,,animal symbolicum"

(Vgl. Gebhard:

2001, S. 32)

.

Demnach leben humane Wesen nicht nur in einer materiellen und

physikalischen Umwelt, sondern in einem symbolischen Universum. Dieses

symbolische Universum wird und wurde vom Menschen selbst geistig-kulturell

geschaffen5 und kann auch als uns umgebendes Symbolsystem bezeichnet werden.

Begegnet das menschliche Subjekt einem Objekt, z.B. einer Flasche, dann stellt der

symbolisch, vom Menschen subjektiv aufgeladene Bedeutungsgehalt dieser Flasche und

seines Inhalts, vermittelnd zwischen Subjekt und Objekt die Beziehung her. Das Objekt

der Flasche, so versteht das Subjekt, stellt ein Zeichen dar, indem es verweist auf die

existentiell notwendige Möglichkeit des Trinkens aus ihr.

4 Zu dieser praktischen Charakterisierung von Kultur vgl. Soeffner: 2003, S. 176-178.

5 Soeffner nennt diese menschliche Kulturdimension, von ,,Menschen Geschaffenes", mit Sinn und Bedeutung

bedachtes, im Gegensatz zur ,,sinnlosen Unendlichkeit des Weltgeschehens" Ausschnitthaftes, auch das

,,selbstgesponnene Bedeutungsgewebe" , in das wir mit all unseren Wahrnehmungen, Handlungen und

Orientierungen verstrickt sind (Vgl. Soeffner: 2003, S. 184).

6


Die materielle Umwelt, zu der auch die Flasche samt Inhalts gehört, ist also für das

Menschenwesen symbolisch aufgeladen mit konstruierter und interpretierter

Sinnhaftigkeit und Bedeutung. Und so verhält es sich mit vielen Dingen in der Umwelt.

Die Dinge sprechen nicht zu uns, sondern wir sprechen zu ihnen (Vgl. Gebhard: 2001,

S. 33). Dieser ,,symbolisch ausgedeutete Sinnhorizont, in den alle unsere

Wahrnehmungen, Deutungen und Handlungen eingebettet sind, wird durch Kultur (als

das Ineinandergreifen von uns auferlegter, gegenständlicher Symbolwelt einerseits und

Einstellung, Wahrnehmungs- und Handlungsstil andererseits) konstituiert" (Soeffner:

2003, S. 184).

In diesem ganzen Komplex, und zur weiteren Begründung und Erklärung von Kultur,

muss noch eine Facette des Menschseins betont werden: Seine ,,natürliche

Künstlichkeit" (Plessner). Kultur als von Menschen Geschaffenes entspringt eben dieser

Qualität der Künstlichkeit des Menschen. Der Mensch ist in seiner Wesensart natürlich

künstlich, da er sich selbst und sein Leben, sein ,,Tun, Dulden oder Unterlassen"

(Weber) erst konstruieren muss, indem er kognitiv Entscheidungen trifft. Dieser

Sachverhalt liegt u.a. ursächlich an seiner ,,Instinktarmut" (Gehlen). Er kann sich nicht

vollständig auf seine biologischen Instinkte verlassen, die ihn in seinem Handeln

anleiten, sondern muss sich immer wieder mit auftauchenden Fragen auseinandersetzen:

Was soll ich tun? Wie soll ich was tun? Warum soll ich was tun? Wie führe ich ein gutes

Leben? Etcetera. Diese Fragen und die vielen Weltgestaltungsmöglichkeiten des

Humanwesens sind symbolisch für seine ,,Weltoffenheit" (Gehlen):

,,Kulturanthropologisch denkende Philosophen wie Arnold Gehlen, Helmuth Plessner,

Max Scheler und Ernst Cassirer" (...) definierten ,,Kultur (nicht substantiell, sondern

funktional) als eine Art zweiter Natur" (...) ,,die sich das weltoffene Mängelwesen

Mensch selbst erschaffen muss, weil es nur durch die Bildung von Institutionen und

Symbolsystemen festen Halt in der Welt finden kann" (Kurt: 2007, S. 189).

Die natürliche Künstlichkeit des Menschen meint also, ,,dass das menschliche

Lebewesen genötigt ist, das Leben in einer artifiziellen Grenzziehung zu stabilisieren,

zu regulieren, zu normieren, zu disziplinieren" (Fischer: 2004, S. 69).

Ein Ausweg aus dieser wunderbaren Misere des ,,biologischen Mängelwesens" (Gehlen)

7


Mensch könnte beispielsweise die sinnstiftende und handlungsanleitende Kultur sein.

Natürlich gibt es dabei schon kulturhistorisch Vorgegebenes und Gewordenes, welches

das in-die-Welt-geworfene humane Lebewesen als Orientierungsleitfaden nutzen kann,

so dass es sich nicht komplett ein neues und eigenes kulturelles Universum erschaffen

muss: ,,Kultur zeigt sich hier als symbolisch ausgedeuteter Zusammenhang, als

historisch gewachsene, sich fortentwickelnde Welt, die wir nicht gemacht, sondern die

wir von unseren Vorfahren und diese wiederum von ihren Vorgängern übernommen

haben. Sie wird von uns erfahren als etwas, in das wir hineinwachsen müssen"

(Soeffner: 2003, S. 182). Soziologen, Pädagogen und Psychologen beschreiben diese

Aneignung von Kultur, im Laufe des Lebens eines Subjekts, mit Begriffen und

Prozessen wie beispielsweise Erziehung, Lernen, Sozialisation, Enkulturation und

Internalisierung von Normen, Verhaltensweisen und Werten nach denen die

Lebensführung ausgerichtet wird6. Und am Ende des ganzen Spektakels steht dann

idealtypischerweise die Geburt der so genannten sozio-kulturellen Persönlichkeit

(König)7. In anderen Worten das fertige, angepasste, geformte und voll

funktionstüchtige Gesellschaftsmitglied.

Es wäre ein Irrtum und eine Verirrung anzunehmen, das Kultur und Kulturen sich

teleologisch, also zielgerichtet, fortschrittlich und auf einen Endzweck hin entwickeln.

Ebenso wenig entwickelt sich die Evolution, trotz feststehender Naturgesetze,

zielgerichtet. Wenn hier von soziokultureller Evoultion die Rede sein wird, dann ist dies

lediglich ein Ausdruck für die sozialgeschichtliche Entwicklung und das Gewordensein

von Kultur in der Menschheitsgeschichte. Dieser Irrtum der Evolution als Fortschritt

und Höherentwicklung wurde längst schon, fast konsensfähig von den

Evolutionsbiologen, ad acta gelegt8. Evolutionsbiologen und Sozialwissenschaftler

könnten sich also in diesem Punkt endlich einmal einig sein, das Zufall und

Unvorhersagbarkeit, sei es bei der biopsychologischen Entwicklung der Spezies

Mensch oder der soziokulturellen Entwicklung von ganzen Gesellschaften und Kulturen

6 Die Orte und Institutionen an denen sich diese Prozesse vollziehen sind ferner das Elternhaus, der Kindergarten,

die Schule, das soziale Umfeld und/oder Milieu, die Universität, die Ausbildung und der Beruf.

7 Tatsächlich vollzieht sich der Sozialisationsprozess lebenslang und kommt nie an ein Ende. Deshalb ist diese

Vorstellung, und gleichermaßen Vision Rene Königs, auch eine idealtypische.

8 Siehe und Vgl. dazu: Meyer, Axel (2007): Das missverstandene Buch. Charles Darwins Werk über die Entstehung

der Arten wird noch immer falsch interpretiert. Selbst Wissenschaftler erliegen populären Irrtümern. In: Die Zeit,

Nr. 30. vom 19.07.07, S. 29-30.

8



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