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Märchenanalyse - Vergleich zwischen dem dänischen Volksmärchen "Gaaden" aus der Sammlung E.T. Kristensen und dem Kunstmärchen "Reisekammeraten" von H.C. Andersen

Hausarbeit, 2007, 33 Seiten
Autor: Stefanie Binder
Fach: Skandinavistik

Details

Kategorie: Hausarbeit
Jahr: 2007
Seiten: 33
Note: 1,7
Literaturverzeichnis: ~ 12  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V91165
ISBN (E-Book): 978-3-638-04581-0
ISBN (Buch): 978-3-638-94045-0
Dateigröße: 328 KB
Anmerkungen :
"Gut in der Anlage, viele gute Beobachtungen und Interpretationsvorschläge." (Prof. Dr. W. Baumgartner)


Zusammenfassung / Abstract

Im Zuge meines Studiums der Volksmärchen stieß ich auf die Tatsache, dass Hans Christian Andersen seine „Karriere“ quasi mit dem Nacherzählen eben jener begann. Für mich war das ein Novum, da ich immer davon ausging, er hätte die Handlung seiner Märchen von Anfang an selbst erdacht. Mein nächster Schritt war also, ein ursprüngliches Volksmärchen zu finden, dass Andersen merklich verändert hat. Denn während NEUHAUS konstatiert, dass Andersen die Traditionen, die er bereits vorfand, variierte, „ohne ihnen (...) etwas substanziell Neues hinzuzufügen“ [Neuhaus. Märchen, S.195] , ging ich sehr wohl davon aus, dass er gravierendere Einschnitte vornahm, als die bloße Variation. Die Wahl fiel schließlich auf „Gaaden“ aus der Sammlung „Æventyr fra Jylland“ von Evald Tang Kristensen und „Reisekammeraten“ aus Andersens „Eventyr, fortalde for Børn“.


Textauszug (computergeneriert)

Märchenanalyse

zwischen dem dänischen Volksmärchen ,,Gaaden" aus

der Sammlung E.T. Kristensen und dem Kunstmärchen

,,Reise-kammeraten" von H.C. Andersen

Seminararbeit

im Fach Skandinavische Volksmärchen.

Nordisches Institut,

Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifs

vorgelegt von

Stefanie Binder

Greifswald, 30.07.2007


1. EINFÜHRUNG

3

2. DIE BEISPIELMÄRCHEN

4

2.1 ,,GAADEN"

4

2.2. ,,REISEKAMMERATEN"

8

3. EINBLICK IN DIE MÄRCHENFORSCHUNG

10

3.1 VLADIMIR PROPP ,,MORPHOLOGIE DES MÄRCHENS"

13

3.2 ALGIRDAS GREIMAS ,,SÉMANTIQUE STRUCTURALE"

14

3.3 BENGT HOLBEK ,, INTERPRETATION OF FAIRY TALES"

14

4. INTERPRETIERENDER VERGLEICH

17

4.1 HANDLUNGSSTRUKTUR

17

4.2 HANDELNDE FIGUREN

18

4.2.1 DER HELD (SUBJEKT)

18

4.2.2 DER HELFER (ADJUTANT)

20

4.2.3 GEGNER (OPPONENTEN)

21

4.2.4 DER KÖNIG (SENDER)

22

4.2.5 DIE PRINZESSIN (OBJEKT)

22

4.3 UNIVERSUM

23

4.3.1 ZU HAUSE (ZIVILISATION)

24

4.3.2 DRAUßEN (NATUR)

24

4.3.3 NEUES ZU HAUSE (ZIVILISATION)

27

5. SCHLUSSWORT

29

6. QUELLEN

31

2


1. Einführung

Im Zuge meines Studiums der Volksmärchen stieß ich auf die

Tatsache, dass Hans Christian Andersen seine ,,Karriere" quasi mit dem

Nacherzählen eben jener begann. Für mich war das ein Novum, da ich

immer davon ausging, er hätte die Handlung seiner Märchen von Anfang an

selbst erdacht.

Mein nächster Schritt war also, ein ursprüngliches Volksmärchen zu

finden, dass Andersen merklich verändert hat. Denn während NEUHAUS

konstatiert, dass Andersen die Traditionen, die er bereits vorfand,

variierte

,

,,ohne ihnen (...) etwas substanziell Neues hinzuzufügen" [Neuhaus.

Märchen

, S.195]1, ging ich sehr wohl davon aus, dass er gravierendere

Einschnitte vornahm, als die bloße Variation.

Die Wahl fiel schließlich auf

,,Gaaden"

aus der Sammlung ,,Æventyr

fra Jylland" von Evald Tang Kristensen und

,,Reisekammeraten"

aus

Andersens ,,Eventyr, fortalde for Børn".

Es wäre nicht verwunderlich, wenn es unter den Volksmärchen noch

weitere Ver-sionen von

Gaaden

geben würde. So habe ich unter anderem

eine Übersetzung aus der Sammlung Kristensens namens ,,Der

Reisekamerad" [Bødker.

Dänische Volksmärchen

(1994)] gefunden, die dem

Märchen von Andersen sehr ähnlich ist. Meine Wahl traf jedoch bewusst

Gaaden

, da es meiner Meinung nach am besten den rauen ungeschliffenen

Charakter eines Volksmärchens wiedergibt und so die anfangs erwähnten

Einschnitte besser verdeutlicht.

Nach der ersten Rezeption von

Gaaden

und

Reisekammeraten

ist mir

aufge-fallen, dass beide Märchen ein religiöses Grundmotiv verwenden, das

bereits vor unserer Zeitrechnung bekannt war. Die Geschichte des

dankbaren Toten, der dem Helden wie ein Schatten folgt und ihm zur Seite

steht, findet man zum Beispiel auch im Buch

Tobit

des Alten Testaments

[Dal.

Kommentar

(Bd.VII), S.34], das bereits um 200 vor Christus verfasst

wurde.

Als Tobit den Tod erwartet, ermahnt er seinen Sohn Tobias, Gott in

den Menschen zu dienen und vor allem großzügig zu helfen, wo er kann:

,,

Hast du viel, so gib reichlich von dem, was du besitzt; hast Du wenig, dann

1 Die Quellenangaben sind im laufenden Text eingebunden, gekennzeichnet durch eine eckige Klam-

mer. Taucht die Quelle ein erstes Mal auf, ist sie mit [Autor. Titel, Seite] angegeben, alle weiteren

Male nur noch mit dem Anfangsbuchstaben des Autoren und der Seitenzahl.

Ein ausführliches Quellenverzeichnis befindet sich auf Seite ...

3


zögere nicht, auch mit dem Wenigen Gutes zu tun. (...) Wer aus

Barmherzigkeit hilft, der bringt dem Höchsten eine Gabe dar, die ihm gefällt.

"

[Wikipedia.

Buch Tobit

] Der große Engel Raphael begleitet Tobias dabei in

Menschengestalt während der Reise nach Medien2.

Ob das religiöse Grundmotiv automatisch die Lobpreisung des

christlichen Glaubens im Märchen impliziert, werde ich allerdings erst im

Schlusswort beantworten. Im Vordergrund meiner Analyse steht vorerst der

syntagmatische und paradigmatische Vergleich beider Märchen.

Um eine gemeinsame Arbeitsgrundlage zu schaffen, füge ich im

folgenden Kapitel eine übersetzte Kurzfassung beider Märchen ein. Für das

bessere Verständnis der Analyse ist es jedoch empfehlenswert, die

Originaltexte, die sich als Kopie im Anhang befinden, zu lesen.

2. Die Beispielmärchen

2.1 ,,Gaaden"

Das Märchen ,,Gaaden" (dt.: ,,Das Rätsel") befindet sich in der 5.

Ausgabe der Sammlung ,,Æventyr fra Jylland" von Evald Tang Kristensen.

Kristensen (1843-1929) stammt aus einem westjütländischen

Bauerngeschlecht.

Im Juli 1867 begann er, alte Märchen zu sammeln und aufzuschreiben,

indem er in den Abendstunden von Haus zu Haus wanderte und den

Männern und Frauen dort zuhörte [Bridea.

Dansk Biografisk Lexikon

,

S.502]. So gibt er im Vorwort der 5. Ausgabe

Æventyr

als Quelle für

,,Gaaden"

Kristine Marie Væver

aus Filsø und

Povl Revskov

aus Tvis an.

[Kristensen.

Æventyr fra Jylland

, S.VI]

Bis zu seinem Tod veröffentlichte Kristensen 26 große Bände

,,Folkeminder", eini-ge kleinere lokalhistorische Schriften und zahllose

Beiträge in Kalenderblättern. [B.502]

Da die Aufzeichnung, bzw. Veröffentlichung von Gaaden aus dem

Jahre 1881 stammt, werden viele Worte aus dem Altdänischen benutzt, was

die Übersetzung er-schwerte. Um trotzdem adäquate deutsche

Entsprechungen zu finden, habe ich das ,,Neue vollständige Wörterbuch der

2 Landschaft im nordwestlichen Iran

4


dänisch-norwegischen und deutschen Sprache" von Dr. Svenn Henrik

Helms aus dem Jahre 1895 genutzt.

Das Rätsel

Der Jüngste von zwei Söhnen will sein Glück in der Welt versuchen. Er

bekommt vom Vater 10 Taler Reisegeld, ein Pferd und den guten Rat, niemals

in ein Wirtshaus hinein und an keiner Kirche vorbei zu gehen. Auch wenn er

selbst in Not ist, soll er anderen helfen.

Als er an einem Sonntag an einer Kirche vorbei kommt, sieht er viele

streitende Menschen, die einen toten Mann nicht begraben wollen, weil er

ihnen Geld schuldet. Der Bauernsohn gibt ihnen sein Reisegeld und der

Mann wird begraben.

Er reitet weiter und trifft nach einer Weile auf einen großen Burschen3,

der ihn fortan begleitet. Ihr erstes Nachtquartier beziehen die beiden in der

Gästekammer eines Wirtshauses im Wald. Auf Rat des Kameraden hin legen

sie sich jedoch nicht in die Gästebetten, sondern in die der Söhne der Wirtin.

Gegen Mitternacht erscheint diese mit einer Axt und schlägt die Köpfe ihrer

Söhne ab, die sie ja für die Fremdlinge hält. Der Kamerad fragt nun: ,,Ging es

nicht wie im Spiel, dass wir frei gekommen sind?". Der Bauernsohn ist jedoch

entmutigt und traurig, dass die Söhne ihr Leben verloren haben.

Mit Hilfe des Kameraden flieht er reitend vor der Wirtin, die ihm

nachläuft und vergifteten Wein aus einem Horn auf das Pferd schüttet,

worauf es umfällt und stirbt. Der Kamerad hält alles wiederum für ein Spiel,

während der Junge um sein Pferd trauert.

,,So ist es besser. Nun sind wir beide zu Fuß." Er schneidet dem Pferd

den Bauch auf, so dass die Innereien heraus quellen, worauf hin 12 Krähen

erscheinen, den Kadaver fressen und sterben. Sie nehmen die Krähen mit

und setzen sie am nächsten Abend 12 Räubern als Malzeit vor. Diese sterben

am vergifteten Fleisch, worauf der Kamerad wieder fragt: ,,Ging es nicht wie

im Spiel?" Der Bauernsohn erwidert jedoch, dass er die toten Körper

jämmerlich findet und bereits bereut, den Kameraden mitgenommen zu

haben.

Am nächsten Morgen finden sie in der Räuberhöhle Kleider, Geld und

Nahrungs-mittel. Sie schließen einen Pakt, dass, sollten sie sich trennen, sie

3 Anm. von Kristensen: Stumlingsdreng ­ en større halvvoxen Knøs

5


alles gleich untereinander aufteilen würden. Auf Rat des Kameraden hin,

nehmen sie nur die Nahrungsmittel mit und reisen weiter.

Am Abend erreichen sie ein Tal mit einer alten Kirche. Weil der

Bauernsohn abergläubig ist und keine Kirche im Dunkeln betreten will, sagt

der Kamerad zu ihm: ,,Du sollst vor nichts Angst haben!". Sie schlagen also

ihr Nachtquartier in der Kirche auf und der Kamerad entfacht ein Feuer aus

dem Altar und den Psalmbüchern, was der Junge für eine Sünde hält. Als sie

am nächsten Morgen erwachen, befindet sich ein riesiges Meer vor der

Kirchentür. Der Kamerad bricht das Dach (wörtl.: den Himmel) über der

Kanzel ab und die beiden segeln damit übers Meer zu einer Kaufmannsstadt.

An der Pforte dieser Stadt ist zu lesen: ,,Kommst du herein, so wird dir

schlimmes widerfahren, gehst du jedoch weiter, so wird dir noch schlimmeres

widerfahren." Auf Rat des Kameraden hin, gehen sie hinein und geben sich

als Kaufmann und Diener aus. Als sie nach einem Tag wieder abreisen

wollen, hält sie der König auf und meint, niemand könne aus dieser Stadt

verschwinden, ohne um die Hand seiner Tochter angehalten zu haben ,,und

so ist es Sitte hier, allen Bewerbern eine Frage zu stellen und können sie

diese nicht beantworten, so ist es aus mit deren Leben."

Der Kamerad beantwortet diese Frage wohl richtig für seinen Herren;

der König ist jedoch nicht zufrieden (die Prüfung war zu einfach) und nun

sollen die beiden der Prinzessin eine Aufgabe stellen, die sie in 7 Tagen lösen

soll. Kann sie die Aufgabe nicht enträtseln, wird Hochzeit gehalten.

Wieder spricht der Kamerad für seinen Herren: ,,Das Horn tötete das

Pferd, das Pferd tötete 12 Krähen, 12 Krähen töteten 12 Waldräuber, dadurch

wurden zwei Unschul-dige gerettet; sie bereiteten ihre Malzeit neben Gottes

Wort, brachen den Himmel ab und segelten damit übers Wasser."

Als die letzte Nacht vor dem Tage der Auflösung hereinbricht, schickt

die Prinzessin in ihrer Verzweiflung eine ihrer Zofen zum Kameraden, um des

Rätsels Lösung heraus zu finden. Dieser nötigt die Zofe jedoch, ihr Hemd

unter den Kopf seines Herren zu legen, damit sie die Lösung erfährt. Trotz

dass sie auf den Handel eingeht, gibt der Kamerad ihr nur das eigentliche

Rätsel mit auf den Weg. Das selbe widerfährt der zweiten Zofe, woraufhin

sich die Prinzessin selbst zum Kameraden begibt. Sie soll ebenfalls ihr Hemd

da lassen und bekommt auch nur das Rätsel selbst zu hören.

Da die Prinzessin die Aufgabe am nächsten Morgen nicht lösen kann,

stellt der Kamerad nun dem König ein Rätsel: ,,Als ich im Bett lag am Abend,

kam eine Hindin

6



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