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Subtitle: Vergleich des wissenschaftlichen Diskurses mit der in den deutschen Medien geführten Debatte
Thesis (M.A.), 2007, 168 Pages
Author: Jenni Egenolf
Subject: Politics - International Politics - Topic: European Union
Details
Tags: Debatte, EU-Beitritt, Türkei
Year: 2007
Pages: 168
Grade: noch offen
Bibliography: ~ 119 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-15115-8
File size: 809 KB
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Abstract
„Eine Türkei, die in die EU eintreten kann, wird eine andere sein, als die, die wir kennen. (...) Eine EU, in die die Türkei eingetreten ist, wird auch eine andere sein.“ Als Grenzland zwischen Europa und Asien, zwischen Christentum und Islam und zwischen westlichem und östlichem Kulturkreis, lässt die Türkei in ihrer Geschichte bereits seit dem Ende des 16. Jahrhunderts ein großes Interesse an Europa erkennen. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bewegt sich die Türkei kontinuierlich auf Europa zu, indem sie westliche Gesellschaftsentwürfe zum Leitbild für die Modernisierung des türkischen Staates, der Gesellschaft und der Wirtschaft erklärte. Zur Vollendung dieser Entwicklung, strebt die Türkei nun den Beitritt in die Europäische Union (EU) an. Der Beschluss des Europäischen Rates von Brüssel am 3. Oktober 2005 Beitrittsverhandlungen mit der Türkei aufzunehmen, hat europaweit kontroverse Debatten ausgelöst. Die öffentliche und fachliche Aufmerksamkeit für den möglichen Beitritt der Türkei ist geradezu überwältigend. Die Debatte wird vor allem im Kreis der Altmitglieder der Europäischen Union in zahlreichen tagespolitischen Medien, in politischen Zentren, in Fachjournalen und Expertenrunden heftig ausgetragen. Je greifbarer die Beitrittsperspektive für die Türkei wurde, desto heftiger wurden die geführten Diskussionen. In der auf breiter Basis geführten Debatte, die durch satte Polemik, flammende Plädoyers, sowie neutrale Problemskizzen charakterisiert ist, werden eine Vielzahl von Argumenten für das Für und Wider einer EU-Mitgliedschaft der Türkei vorgetragen. Hier ist eine Aufteilung in zwei verschiedene Argumentationsebenen zu beobachten. Einerseits verläuft die Debatte auf der Ebene der von der EU vorgegebnen Beitrittskriterien, den Kopenhagener Kriterien. Hier werden in erster Linie die politischen, rechtlichen, ökonomischen und sozialen Aspekte eines EU-Beitritts der Türkei näher beleuchtet. Andererseits thematisiert eine andere Ebene der Argumentationen die kulturelle und religiöse Andersartigkeit der Türkei. Damit wird die Beitrittsmöglichkeit eines Landes zum ersten Mal mit kulturell-religiösen Fragestellungen verbunden. Gleichzeitig gewinnen die offenen Fragen nach der Identität und Finalität der EU und ihren Grenzen sowie die Diskussion welches Ausmaß an Erweiterung für die Union finanziell und strukturell überhaupt erwünscht und verkraftbar ist, im Rahmen der türkischen Beitrittsdebatte wieder an Bedeutung.[...]
Excerpt (computer-generated)
Abschlussarbeit
zur Erlangung der Magistra Atrium
im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften
der Johann Wolfgang Goethe Universität
Institut für Politikwissenschaft und politische Soziologie
Thema:
Die Debatte um einen EU-Beitritt der Türkei
Vergleich des wissenschaftlichen Diskurses mit der in
den deutschen Medien geführten Debatte
vorglegt von: Jennifer Egenolf
Einreichungsdatum: 27.09.2007
Gliederung
Einleitung
S.
1
1.
Ziel und Aufbau der Arbeit
S. 2
2
Die Türkei Ein Kurzüberblick
S. 4
2.1
Geostrategische
Lage
S.
4
2.2
Die Wurzeln der Westorientierung
S. 5
2.2.1 Das Osmanische Reich
S. 5
2.2.2
Die
Jungtürken S.
7
2.2.3 Der Niedergang des Osmanischen Reiches und die
Gründung der türkischen Republik
S. 8
2.2.4 Die Kulturrevolution Atatürks und ihre Ziele
S. 9
2.2.5 Die sechs Prinzipien des Kemalismus
S. 9
3.
Die Entwicklung des institutionellen Anschlusses der Türkei an
die
Europäische
Union S.
11
3.1
Das
Assoziierungsabkommen S.
12
3.2
Die problematische Entwicklung der türkischen Integration
bis zum Ende der 80er Jahre
S. 17
3.3
Der
Antrag
auf
Vollmitgliedschaft
S.
20
3.4
Die veränderte Ausgangssituation der Türkei - EU Beziehungen
nach dem Ende des Ost-West-Konflikts
S. 23
3.5
Die
weitere
Entwicklung
der Beziehungen bis zur
Realisierung der Zollunion zwischen der EU und der Türkei
S. 24
3.6
Das Zollunionsabkommen zwischen der Türkei und der EU
S. 25
3.7
Wichtige Entwicklungen im Vorfeld des Europäischen Rates
von
Luxemburg S.
28
3.8
Das Gipfeltreffen der Europäischen Union in Luxemburg
S. 29
3.9
Der
Beschluss
von
Helsinki
S.
32
3.10 Das Dokument über die Beitrittspartnerschaft und die weiteren
Entwicklungen
bis
2004
S.
34
3.11 Die Erlangung des Beitrittskandidatenstatus und die weitere
Entwicklung
bis
heute S.
37
4. Europäische
Perspektiven
Chancen und Risiken für die EU im Falle eines EU-Beitritts der Türkei S. 41
4.1
Geopolitische und geostrategische Dimension
S. 42
4.1.1 Von der anti- Riegelfunktion zur multidimensionalen
strategischen
Partnerschaft
S.
43
4.1.2 Geopolitische Bedeutung Außenbeziehungen der Türkei S. 45
4.1.3
Geostrategische
Bedeutung
S.
48
4.1.4
Energie-
und
Sicherheitspolitik
S.
50
4.1.4.1 Die Türkei als Energieversorger
S. 50
4.1.4.2 Die Türkei als sicherheitspolitischer Stabilisator
S. 51
4.1.4.3 Politische und soziale Stabilisierung der Türkei
S. 55
4.2
Institutionelle
Dimension
S.
56
4.3
Ökonomische und soziale Dimension
S. 57
4.3.1 Die wirtschaftliche Situation der Türkei
S. 57
4.3.2
Wirtschaft
S.
62
4.3.3
Migration
S.
66
4.4
Geographische
Dimension
S.
69
4.5
Kulturelle
Dimension
S.
72
4.5.1
Kultur
S.
73
4.5.2
Politische
Kultur
S.
76
4.5.3
Religion S.
79
4.6
Identität S.
85
4.6.1 Definition europäischer Identität durch geschichtlichen und
religiösen
Hintergrun
S.
85
4.6.2 Definition
europäischer
Identität durch Willenserklärung zur
Zugehörigkeit
S.
86
4.6.3 Definition europäischer Identität - EU als Werte- und
Rechtsgemeinschaft
S.
87
4.6.4 Identität Die allgemeine Diskussion
S. 88
4.6.5
Die
europäische
Identität
S.
89
4.6.6
Die
türkische
Identität S.
91
4.7
Mögliche Alternativen zu einer EU-Vollmitgliedschaft der Türkei S. 92
4.7.1
Privilegierte
Partnerschaft
S.
92
4.7.2
Erweiterte
Assoziierte
Mitgliedschaft S.
93
4.7.3
Abgestufte
Integration S.
94
5. Türkische
Perspektiven
Chancen und Risiken für die Türkei im Falle eines EU-Beitritts
S. 96
5.1
Politik
S.
97
5.2
Wirtschaft
S.100
5.3
Gesellschaft
S.102
6.
Die Debatte um den EU-Beitritt der Türkei in den deutschen Medien
S.104
6.1
Theoretisch-methodische Zuordnung der Analyse
S.104
6.1.1 Die wissenssoziologische Diskursanalyse
S.105
6.1.1.1 Die Medieninhaltsanalyse
S.107
6.1.2 Allgemeine methodische Vorüberlegungen
S.108
6.1.2.1 Forschungspraktische theoretische Herangehensweise
S.108
6.1.2.2 Quantitative und qualitative Elemente der Inhaltsanalyse S.109
6.1.2.3 Qualitative Forschung
- Interpretation und Kontrolle hermeneutischer Zirkel und
seine methodische Umsetzung
S.109
6.1.2.4 Qualitative Analyseinstrumente I
Frames, Argumentationsmuster,
Argumentationsebene/stil,
Bias
S.112
6.1.2.5 Qualitative Analyseinstrumente II und quantitative Gewichtung
von Frames, Argumenten und Schlüsselbegriffen
S.113
6.2
Untersuchungsvorgehen
S.114
6.2.1
Untersuchungszeitraum
S.114
6.2.2
Untersuchungseinheiten
S.114
6.2.3
Ausschlusskriterien
S.115
6.3
Ergebnisse
S.116
6.3.1 Vergleich der Relevanz des Themas
S.116
6.3.1.1 Querschnitt- und Symbolanalyse
S.117
6.3.1.2
Längsschnittanalyse
S.124
6.3.2 Feinanalyse und Rekonstruktion der Frames
S.125
6.3.3 Codierung, Identifizierung und Gewichtung der Frames
S.144
6.3.3.1 Codierschema für die Inhaltsanalyse
S.144
6.3.3.2
Identifizierte
Frames
S.145
7.
Vergleich und Bewertung des wissenschaftlichen Diskurses mit
der in den Medien geführten Debatte
S.146
8.
Schlussbemerkung
S.151
Literaturverzeichnis
S.154
Monographien
und
Sammelbände
S.154
Aufsätze
und
unselbstständige
Veröffentlichungen
S.157
Offizielle
Dokumente
S.161
Abkürzungsverzeichnis
S.163
Einleitung
,,Eine Türkei, die in die EU eintreten kann, wird eine andere sein,
als die, die wir kennen. (...)
Eine EU, in die die Türkei eingetreten ist, wird auch eine andere sein."1
Als Grenzland zwischen Europa und Asien, zwischen Christentum und Islam und
zwischen westlichem und östlichem Kulturkreis, lässt die Türkei in ihrer Geschichte
bereits seit dem Ende des 16. Jahrhunderts ein großes Interesse an Europa erkennen.
Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bewegt sich die Türkei kontinuierlich auf Europa
zu, indem sie westliche Gesellschaftsentwürfe zum Leitbild für die Modernisierung des
türkischen Staates, der Gesellschaft und der Wirtschaft erklärte. Zur Vollendung dieser
Entwicklung, strebt die Türkei nun den Beitritt in die Europäische Union (EU) an.
Der Beschluss des Europäischen Rates von Brüssel am 3. Oktober 2005
Beitrittsverhandlungen mit der Türkei aufzunehmen, hat europaweit kontroverse
Debatten ausgelöst. Die öffentliche und fachliche Aufmerksamkeit für den möglichen
Beitritt der Türkei ist geradezu überwältigend. Die Debatte wird vor allem im Kreis der
Altmitglieder der Europäischen Union in zahlreichen tagespolitischen Medien, in
politischen Zentren, in Fachjournalen und Expertenrunden heftig ausgetragen. Je
greifbarer die Beitrittsperspektive für die Türkei wurde, desto heftiger wurden die
geführten Diskussionen.
In der auf breiter Basis geführten Debatte, die durch satte Polemik, flammende
Plädoyers, sowie neutrale Problemskizzen charakterisiert ist, werden eine Vielzahl von
Argumenten für das Für und Wider einer EU-Mitgliedschaft der Türkei vorgetragen.
Hier ist eine Aufteilung in zwei verschiedene Argumentationsebenen zu beobachten.
Einerseits verläuft die Debatte auf der Ebene der von der EU vorgegebnen
Beitrittskriterien, den Kopenhagener Kriterien. Hier werden in erster Linie die
politischen, rechtlichen, ökonomischen und sozialen Aspekte eines EU-Beitritts der
Türkei näher beleuchtet. Andererseits thematisiert eine andere Ebene der
Argumentationen die kulturelle und religiöse Andersartigkeit der Türkei. Damit wird
1
Meyer, T
.: Die Identität Europas, Shurkamp, Frankfurt am Main, 2004, S.148.
1
die Beitrittsmöglichkeit eines Landes zum ersten Mal mit kulturell-religiösen
Fragestellungen verbunden.
Gleichzeitig gewinnen die offenen Fragen nach der Identität und Finalität der EU und
ihren Grenzen sowie die Diskussion welches Ausmaß an Erweiterung für die Union
finanziell und strukturell überhaupt erwünscht und verkraftbar ist, im Rahmen der
türkischen Beitrittsdebatte wieder an Bedeutung.
Keine Aspiration eines anderen Landes auf eine Mitgliedschaft in der Europäischen
Union hat die Meinungen in den EU-Staaten, sowohl auf politischer und
wissenschaftlicher, als auch auf gesellschaftlicher Ebene, so sehr gespalten, wie die
Frage um die Aufnahme der Türkei in die EU. Dies hat mein Interesse geweckt, und
mich dazu bewogen, mich in meiner Magisterarbeit näher mit der Debatte um den
möglichen EU-Beitritt der Türkei zu befassen.
1.
Ziel und Aufbau der Arbeit
Im Rahmen dieser Arbeit möchte ich einerseits den wissenschaftlichen Diskurs um
einen möglichen EU-Beitritt der Türkei und andererseits den <gesellschaftlichen>
Diskurs in den deutschen Medien näher beleuchten.
Die wissenschaftliche Debatte soll aus europäischer und türkischer Perspektive auf ihre
Argumente für und gegen den Beitritt der Türkei untersucht werden, um so die Chancen
und Risiken für die Türkei und die EU im Falle eines Beitritts zu verdeutlichen. Diesen
Ergebnissen soll dann die Debatte in den deutschen Medien gegenübergestellt werden.
Im Rahmen dieses Vergleiches, möchte ich der Frage nachgehen, ob die in der
Wissenschaft und in den Medien geführten Debatten mit den gleichen oder ähnlichen
Argumentationslinien und Themenschwerpunkten arbeiten, oder ob es Unterschiede
gibt. Sollten Unterschiede festgestellt werden, stellt sich wiederum die Frage wodurch
diese begründet sein könnten und welche Auswirkungen verschieden starke
Gewichtungen einzelner Argumente haben könnten.
Um die komplexen Zusammenhänge verständlich zu machen, werde ich als Einstieg in
die Thematik zunächst einen kurzen Überblick über die geschichtlichen Hintergründe
der Türkei geben (Kapitel 2). Anschließend sollen die verschiedenen Phasen der
Annäherung der Türkei an die EU bis zur Erlangung des Beitrittskandidatenstatus der
2
Türkei nachgezeichnet werden. Ziel ist die Darlegung des rechtsvertraglichen Status
zwischen der EU und der Türkei und der Motive und Interessen der EU und der Türkei,
die mit den jeweiligen Annäherungsschritten verbunden waren (Kapitel 3).
Der Hauptteil der Arbeit besteht aus zwei Schwerpunkten. Im ersten Teil möchte ich die
Debatte um den EU-Beitritt auf Basis wissenschaftlicher Sekundärliteratur näher
beleuchten. Dazu werde ich in Kapitel 4 die aus europäischer Perspektive vorgetragenen
Argumente der Beitrittsgegner und befürworter gegenüberstellen und vertiefend
untersuchen, um so die Chancen und Risiken der EU im Falle eines Beitritts der Türkei
im Hinblick auf die geopolitische und geostrategische, die institutionelle, die
geographische und die kulturelle Dimension, sowie die europäische Identität
herauszuarbeiten. Analog dazu sollen dann die Chancen und Risiken der Türkei im
Falle einer EU-Vollmitgliedschaft auf politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher
Ebene anhand der vorgebrachten Argumente für und gegen den Beitritt erläutert werden
(Kapitel 5).
Den zweiten Schwerpunkt bildet eine Diskursanalyse zum EU-Beitritt der Türkei, die
ich im Rahmen meines Empiriepraktikums gemeinsam mit Nicole Schuler erstellt habe.
Diese Diskursanalyse beleuchtet die Debatte um den EU-Beitritt der Türkei auf Basis
von Kommentaren und Stellungsnahmen, die aus verschiedenen deutschen Zeitungen
entnommen wurden. Sie soll dazu dienen, dem zuvor dargestellten wissenschaftlichen
Diskurs die Debatte in den deutschen Medien gegenüberzustellen (Kapitel 6).
Abschließend möchte ich dann die in der wissenschaftlichen Diskussion vorgebrachten
Argumente und die Bedeutung, die ihnen zugemessen wird, mit den in den Medien
vertretenen Positionen vergleichen (Kapitel 7).
3
2.
Die Türkei Ein Kurzüberblick
Abb. 12
2.1 Geostrategische
Lage
Die Türkei umfasst ein Gebiet von 779.452 Quadratkilometern. Das Land erstreckt sich
geographisch auf zwei Kontinenten und besteht daher aus einem europäischen und
einem asiatischen Teil. Anatolien, der asiatische Teil des türkischen Staatsgebiets,
nimmt ca. 97% der Gesamtfläche ein. Den europäischen Teil bildet das östliche
Thrakien. Er umfasst etwa 3% der Landesfläche. Istanbul, die größte Stadt der Türkei,
mit ca. 9 Mio. Einwohnern, ist weltweit die einzige Stadt, die sich über zwei Kontinente
erstreckt.
Die Hauptstadt des Landes ist die in Anatolien gelegene Stadt Ankara. Die
Gesamtbevölkerung umfasst ca. 69 Mio. Menschen.
7200 km der insgesamt ca. 9.850 km langen Landesgrenzen der Türkei sind von Wasser
umgeben. Im Westen der Türkei liegt das Ägäische Meer, im Süden das Mittelmeer und
im Norden das Schwarze Meer. Die Türkei hat außerdem gemeinsame Grenzen mit 8
Nachbarländern. Im Nordwesten grenzt sie an Griechenland (206 km Grenze) und
Bulgarien (240 km), im Nordosten an Georgien (252 km), Armenien (268 km) und
Aserbaidschan (9 km). Im Osten grenzt sie an den Iran (499 km) und im Süden an den
Irak (352 km) und Syrien (822 km).
2 Entnommen aus: http://www.onlineproduction.de/turkey.html (20.06.2007)
4
2.2
Die Wurzeln der Westorientierung
Die frühesten türkisch- europäischen Begegnungen, die damals meist in Form
militärischer Konfrontationen stattfanden, können bis zur Schlacht von Malazgirt 1071
zwischen dem Reich der türkischen Seldschuken und dem byzantinischen Reich
zurückverfolgt werden. Nach dem Sieg der türkischen Seldschuken beschleunigte sich
die Türkifizierung Anatoliens und seit dem 13. Jahrhundert bestand in Anatolien
ununterbrochen ein türkisches Staatswesen unter der Herrschaft der Römischen bzw.
Anatolischen Seldschuken, türkischer Fürstentümer, dem Osmanischen Imperium und
schließlich der Republik Türkei.3
2.2.1 Das Osmanische Reich
Die Eroberung Istanbuls stellte das Ende des tausendjährigen Oströmischen Reichs dar
und markierte zugleich den Beginn der osmanischen Großmacht in Europa. Das
Osmanische Imperium, das sich auf drei Kontinente, nämlich Europa, Asien und Afrika
erstreckte, verstand sich jedoch von Beginn an im politischen und diplomatischen Sinne
eher als eine europäische und nicht als eine asiatische Macht.4
Spätestens im 16. Jahrhundert hatte das osmanische Reich unter Süleyman (1520-1566)
begonnen, eine Rolle als europäische Großmacht zu spielen und sich auf Europa
zuzubewegen, als ein Vertrag mit Frankreich unterzeichnet wurde, der sich in erster
Linie gegen das Habsburgreich, den gemeinsamen Gegner in Zentraleuropa richtete.5
In der Blütezeit des Osmanischen Reiches konnte jedoch keinesfalls von einer Suche
nach europäischen Modellen die Rede sein, denn die osmanischen Türken betrachteten
sich als kulturell und zivilisatorisch gegenüber dem christlichen Europa überlegen.
Doch zu Beginn des 17.Jahrhunderts begann sich die osmanisch-türkische
Vormachtstellung zu relativieren. Als das Osmanische Reich dann 1768 in Folge des
türkisch-russischen Krieges große Gebietsverluste auf dem Balkan und im Kaukasus
hinnehmen musste, war diese Vormachtstellung in der Europapolitik endgültig verloren.
Grund hierfür war die mangelnde militärische Konkurrenzfähigkeit des Osmanischen
3 Vgl.:
Rill, B
.: Die Türkei zwischen Europa und Asien. Von der Schlacht von Malazgirt bis zum
Beitrittsgesuch zur Europäischen Gemeinschaft, in: Politische Studien, September-Oktober 1999, Nr. 367,
S.53.
4 Vgl.: Ebd., S. 52.
5 Vgl.:
Steinbach, U
.: Die Türkei im 20. Jahrhundert. Schwieriger Partner Europas, Lübbe, Bergisch
Gladbach, 1996, S.30.
5
Reiches gegenüber den anderen europäischen Großmächten, die auf die
abendländischen Fortschritte im Bereich Wissenschaft und Technik zurückzuführen
war.
Der osmanische Hof und seine Führungseliten waren dadurch zu technischen und
organisatorischen Reformen gezwungen und nahmen dabei das europäische Modell zum
Vorbild. Diese Reformen bezogen sich jedoch nicht nur auf den Militärapparat, sondern
auch auf die bürokratische Organisationsstruktur des Bildungssystems und des
Rechtswesens. 6
Im Jahre 1856 wurde das Osmanische Reich mit dem Vertrag von Paris als eine
europäische Macht im völkerrechtlichen Sinne anerkannt, denn seine Beziehungen zu
den europäischen Nachbarn bestanden längst nicht mehr ausschließlich aus
kriegerischen Auseinandersetzungen, vielmehr waren politische und diplomatische
Beziehungen sowie militärische Kooperationen und Bündnisse entstanden.7
Die Reformverordnungen von 1839, 1866 und schließlich die erste osmanische
Verfassung von 1876 modernisierten das politische System des Osmanischen Reiches
nach europäischem Vorbild. Die Verfassung war stark an die belgische Verfassung von
1831 und die preußische Verfassung von 1850 angelehnt und sah die Errichtung einer
konstitutionellen Monarchie und eines Zweikammernparlaments vor.8
Die osmanischen Reformer stießen jedoch auf starken Widerstand von Seiten der
muslimischen Bevölkerung, der sich besonders nach der Niederlage im Krieg gegen
Russland 1877/78 verstärkte. Die neue Regierung unter Abdulhamides II. (1876-1909)
war bestrebt, diese Unzufriedenheit für ihre Zwecke zu instrumentalisieren und setze
umgehend die Verfassung von 1876 außer Kraft. Die säkularisierenden Reformen der
vorangegangenen Epoche wurden als die Wurzel aller Probleme dargestellt und
angesichts der überlegenen Kultur des modernen Europas wurden die großen
Leistungen der islamischen Zivilisation in der Vergangenheit immer wieder
hervorgehoben.9
6 Vgl.:
Kreiser, K. / Neumann, Ch. K
.: Kleine Geschichte der Türkei, Bundeszentrale für politische
Bildung, Bonn, 2005, S.199.
7 Vgl.:
Faroqhi, S.
: Geschichte des Osmanischen Reichs, Beck, München, 2000, S. 74 ff.
8 Vgl:
Yesilyurt, Z
.: Die Türkei und die Europäische Union. Chancen und Grenzen der Integration, Der
andere Verlag, Osnabrück 2000, S.21.
9 Vgl.:
Adanir, F
.: Der Weg der Türkei z einem modernen europäischen Staat, in: Landeszentrale für
politische Bildung (Hrsg.): Der Bürger im Staat, 50. Jahrgang, Heft 1 2000, Stuttgart, 2000, S.10.
6
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