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Essay, 2004, 8 Pages
Author: Sarah Müller
Subject: German Studies - Older German Literature, Mediaevistik
Details
Tags: Erec, Enite, Hartmann von Aue, minne
Year: 2004
Pages: 8
Grade: 2
Bibliography: ~ 5 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-07197-0
File size: 143 KB
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Abstract
Dieser Aufsatz charakterisiert das Königspaar Erec und Enite und dessen Schwierigkeiten, seine Minne mit der Ehe als öffentlich-höfische Verpflichtung in Einklang zu bringen.
Excerpt (computer-generated)
Charakterisierung der Beziehung von Erec und Enite im Spannungsfeld
von Liebe (minne) und Ehe
Sarah Müller
Dieser Aufsatz charakterisiert das Königspaar Erec und Enite und dessen
Schwierigkeiten, seine Minne mit der Ehe als öffentlich-höfische Verpflichtung in
Einklang zu bringen.
Die Ehe war hauptsächlich eine politische Angelegenheit. Eine Ehe war keine Heirat
aus Liebe, sondern eine möglichst lukrative Zweckverbindung, die als »Absicherung
oder Erweiterung des eigenen Herrschaftsbereichs, zur Befestigung politischer
Bündnisse, zur Versöhnung alter Feindschaften oder zur Einheirat in Familien von
höherem Rang diente« 1. Die Herkunft des Wortes ,,Ehe", zurückzuführen auf das
westgermanische Wort *aiwæ, das ,,Sitte, Recht" bedeutet 2, unterstreicht den
offiziellen Charakter des damaligen Verständnisses von Ehe.
Anfangs erscheint auch die Beziehung von Erec und Enite eine solche
Zweckverbindung zu sein: »Erec braucht eine Frau für den Sperberkampf als Mittel
zum Sieg über den Schänder seiner Ehre (499 ff.)... Als Gegenleistung bietet er an,
Enite im Falle eines Sieges zu heiraten.«3 Diese Annahme wird jedoch rasch widerlegt:
Nach dem siegreichen Kampf löst Erec sein Versprechen ein und nimmt Enite mit an
den Artushof. Auf dem Weg dorthin sind die beiden zum ersten Mal allein, das heißt sie
sind nicht der Öffentlichkeit und deren Anforderungen ausgesetzt. Diesen Umstand
nutzt Hartmann von Aue sofort, um die beiden sich durch Blicke näherkommen zu
lassen. Hartmann schreibt von
minne
(Liebe),
triuwe
(Aufrichtigkeit) und
stæte
(Beständigkeit) 4 (1490 ff.), Eigenschaften, die insbesondere in Bezug auf Enite, durch
den gesamten Roman hinweg erhalten bleiben.
Die Hochzeit findet am Artushof statt. Erec fällt es schwer, die Zeit bis zu diesem
Tag abzuwarten, um endlich mit Enite das Bett teilen zu können. Hartmann beschreibt
Erecs Verlangen jedoch nicht auf seine Person bezogen, sondern auf sein Herz: »
daz
Êreckes gemüete vil herzenlîche nâch ir ranc
.« (1845 f.). Dieses Verlangen wird am
Hofe nicht geduldet, deshalb muss es heimlich geschehen, heimlich im Herzen Erecs.
Die Minne, ursprünglich für ,,Verlangen" (altirisch: mían), ,,Genuss, Vergnügen"
(altindisch: máyan) und sogar ,,Beischlaf" (avestisch: maiiah-) 5, wird hier als ,,Frau
1 Joachim Bumke: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im Mittelalter. München 5 1990. S.534-535
2 Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Berlin 242002. Stichwort
Ehe
.
3 Ursula Schulze:
âmîs unde man
. Die zentrale Problematik in Hartmanns
Erec
. In: Beiträge zur Geschichte der
deutschen Sprache und Literatur. 105. 1983. S. 20.
4 Bumke: Höfische Kultur. S. 524.
5 Kluge: Etymologisches Wörterbuchder deutschen Sprache. Stichwort
Minne
.
2
Minne" (1858) personifiziert. Diese Personifizierung verdeutlicht, dass das körperliche
Verlangen zu sehr in den Vordergrund gestellt wird.
Nach Erecs Hochzeit (2195) - Enite wird hier passiv dargestellt, die von Erec zur
Frau genommen wird (1905) darf das Verlangen nach der körperlichen Liebe
ausgelebt werden. Enite tritt hinsichtlich der Hochzeit und den Aufgaben am Hofe in
den Hintergrund. Betrachtet man die ,,Liebe" als Abstraktum des Adjektivs ,,lieb", so
wird deutlich, dass dem aus dem Germanischen stammenden *leuba- durchaus eine
passive Konnotation zugesprochen wird 6. Erec, sich in das damals herrschende Schema
des Patriarchats einfügend, muss also den aktiv-offiziellen Part der Ehe übernehmen,
wie es von ihm verlangt wird. Er geht seinen Ritterpflichten nach und erlangt in
Turnieren großen Ruhm und Ehre. Er ist ein Ritter, der sich am Artushof vorbildlich zu
benehmen weiß. Erec und Enite bleiben noch einige Zeit am Artushof, so dass sich die
beiden den Gesetzen des Hofes unterstellen und sich bezüglich auf ihr körperliches
Verlangen zurückhalten.
Erec möchte jedoch nicht ewig am Artushof bleiben, sondern mit Enite nach
Karnant zu seinen Eltern ziehen. In Karnant, dem eigenen Grund und Boden, übergibt
ihm sein Vater die Herrschaft. In den eigenen Gemächern erfüllt Erec die
Anforderungen der Öffentlichkeit nicht mehr. Er vernachlässigt seine ritterlichen
Pflichten und verliert seine Vorbildlichkeit, indem er sich den sinnlichen Genüssen und
der Bequemlichkeit hingibt.
Erec ist zu jung, um sich darüber im Klaren zu sein, was es bedeutet ein ver-
heirateter
und
verliebter König zu sein. Ein Ritter war entweder verheiratet und damit in
einer Zweckgemeinschaft, die die Liebe außen vor ließ, oder er war verliebt und diente
einer Dame, jedoch im Rahmen seiner Ritterdienste. Da in den seltensten Fällen Ehen
aus Liebe geschlossen wurden, stellte sich das Problem der angeblichen Unver-
einbarkeit von Ehe und Liebe einfach nicht.
Anders ist es nun bei Erec und Enite. Sie sind verheiratet
und
verliebt. Eine Ehe zu
führen erforderte einen großen Teil der Zeit und Aufmerksamkeit des Ritters, ebenso
aber die Minne zu einer Dame. Dadurch wurde es praktisch unmöglich, sowohl eine
Ehe als auch eine Minne zu haben. Gerade an diesem Punkt scheitert Erec, da er ver-
sucht diese Unvereinbarkeit zu ignorieren.
6 Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Stichwort
lieb
.
3
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