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Ossian in Goethes Werther

Termpaper, 2004, 24 Pages
Author: Sarah Müller
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Termpaper
Year: 2004
Pages: 24
Grade: 1
Bibliography: ~ 18  Entries
Language: German
Archive No.: V91235
ISBN (E-book): 978-3-638-04661-9
ISBN (Book): 978-3-638-94200-3
File size: 220 KB

Abstract

In dieser Hausarbeit beschäftige ich mich mit der Ossian Lektüre Werthers und Lottes. Zuerst werde ich jedoch kurz auf die Epoche der Empfindsamkeit eingehen, um an ihr zu verdeutlichen, warum die Leiden des jungen Werther so charakteristisch für die Empfindsamkeit sind. Danach folgt ein Exkurs über den Roman als Briefroman, bevor ich zur Entstehungsgeschichte der ossianischen Gesänge übergehe. Die Rezipienten der Empfindsamkeit kümmerte es wenig, dass es sich bei den Gesängen um einen Betrug handelte, sprach Ossian ihnen doch aus der Seele. So auch Goethe, der, von Herder inspiriert, einem intensiven, wenn auch kurzen, Ossianfieber verfiel. Immerhin führte diese Faszination dazu, dass Goethe die Gesänge Ossians in den Werther integrierte und so den Ossian erst in Mode brachte. Um sich einen Überblick über die Welt des Ossian verschaffen zu können, folgt ein Einblick in diese. Bevor ich im Hauptteil auf die Parallelen in den Handlungen des Werthers und des Ossians eingehe, beleuchte ich Werthers Rezeption der Gesänge. Da Werthers Liebe so unbedingt ist, und er nur mit Lotte als seiner Geliebten leben kann, muss sein Verhalten unweigerlich in den Tod führen. Deshalb werde ich auch dieses Thema ansprechen. Im Fazit gehe ich der Frage nach, warum der Roman einen solchen Zuspruch erlebte und schließe damit die Arbeit über einen der „spektakulärsten Fälle produktiver Rezeption in der Literaturgeschichte“ ab.


Excerpt (computer-generated)

Ossian in Goethes Werther

Als man Goethe im Alter darauf ansprach, dass

sein Roman die Dichtung Ossians in Mode

gebracht habe, erwiderte er lächelnd darauf

unter Hinweis auf die Bespiegelung des

Helden in der Homer- und Ossian-Lektüre:

,,Das ist nicht unrichtig, aber die Herren

Kritiker haben nicht darauf geachtet, dass

Werther den Homer pries, als er noch bei

Sinnen war, dagegen den Ossian, als er

verrückt wurde."
























Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 3

2. Die Epoche der Empfindsamkeit 3

3.

Die Leiden des jungen Werther

als Briefroman 6

4. Ossian 7

4.1. Die Entstehungsgeschichte des

Ossian

7

4.2. Goethe und

Ossian

8

4.3. Die Welt des

Ossian

9

5. Werther und

Ossian

12

5.1. Werthers Rezeption der Ossian-Gesänge 12

5.2. Parallelen in den Handlungen des

Werthers

und des

Ossians

14

5.2.1. Colma 15

5.2.2. Ryno 16

5.2.3. Alpin 16

6. Werthers Tod 18

7. Fazit 20

8. Bibliographie 22

2


1.

Einleitung

In dieser Hausarbeit beschäftige ich mich mit der

Ossian

Lektüre Werthers und Lottes. Zuerst

werde ich jedoch kurz auf die Epoche der Empfindsamkeit eingehen, um an ihr zu

verdeutlichen, warum

die Leiden des jungen Werther

so charakteristisch für die

Empfindsamkeit sind. Danach folgt ein Exkurs über den Roman als Briefroman, bevor ich zur

Entstehungsgeschichte der

ossianischen

Gesänge übergehe. Die Rezipienten der

Empfindsamkeit kümmerte es wenig, dass es sich bei den Gesängen um einen Betrug handelte,

sprach Ossian ihnen doch aus der Seele. So auch Goethe, der, von Herder inspiriert, einem

intensiven, wenn auch kurzen, Ossianfieber verfiel. Immerhin führte diese Faszination dazu,

dass Goethe die Gesänge Ossians in den

Werther

integrierte und so den

Ossian

erst in Mode

brachte. Um sich einen Überblick über die Welt des

Ossian

verschaffen zu können, folgt ein

Einblick in diese.

Bevor ich im Hauptteil auf die Parallelen in den Handlungen des

Werthers

und des

Ossians

eingehe, beleuchte ich Werthers Rezeption der Gesänge. Da Werthers Liebe so unbedingt ist,

und er nur

mit

Lotte als seiner Geliebten leben kann, muss sein Verhalten unweigerlich in den

Tod führen. Deshalb werde ich auch dieses Thema ansprechen.

Im Fazit gehe ich der Frage nach, warum der Roman einen solchen Zuspruch erlebte und

schließe damit die Arbeit über einen der ,,spektakulärsten Fälle produktiver Rezeption in der

Literaturgeschichte"1 ab.

2.

Die Epoche der Empfindsamkeit

Empfindsamkeit ist eine ,,literatur- und mentalitätsgeschichtliche Tendenz"2, eine

,,Geisteshaltung und literarische Geschmacksrichtung"3 des 18. Jahrhunderts. Der Begriff

empfindsam

wurde auf Anregung Lessings durch J. J. C. Bode als Übersetzung des englischen

sentimental

(Bode übersetzte Sternes

Yorik′s Sentimental Journey

) eingeführt: ,,Wagen Sie,

empfindsam! Wenn eine mühsame Reise eine Reise heißt, bei der viel Mühe ist: so kann ja

auch eine empfindsame Reise eine Reise heissen, bey der viel Empfindung war."4 Allein im

Deutschen Wörterbuch

von Jacob und Wilhelm Grimm gibt es über zwanzig Einträge, die von

empfindbar

über

Empfindeln

bis hinzu

Empfindsamkeit

und

Empfindung

reichen. J. H. Campe

1 Flaschka, Horst: Goethes »Werther«. Werkkontextuelle Deskription und Analyse. München 1987. S.

298.

2 Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen

Literaturgeschichte. Hrsg. Klaus Weimar. Band I. Berlin/New York 1997. S. 438.

3 Dtv Lexikon. Band 5. Mannheim 1995. S. 54.

4 Sauder, Gerhard: Empfindsamkeit. Band I. Voraussetzungen und Elemente. Stuttgart 1974. S. 5.

3


bezeichnete 1785 Empfindsamkeit als ,,die Empfänglichkeit zu Empfindnissen oder die

Fähigkeit, sittliche Empfindungen zu haben."5 Des weiteren unterschied er zwischen zwei

Fällen der Empfindsamkeit:

,,Entweder steht die Empfindsamkeit, in dieser engern Bedeutung genommen,

mit der Ausbildung und Stärke aller übrigen Kräfte des Menschen, besonders

der Vernunft und der Körperkraft, in richtigem Ebenmaße; oder nicht. Im

ersten Falle ist sie eine schöne, würdige und beseligende Eigenschaft, die, so

lange das erwähnte Ebenmaß unverrückt erhalten wird, nie zu sehr angebauet

werden und nie zu stark wirken kann. Im zweiten Falle hingegen, wo die

Empfindsamkeit über die andern Kräfte des Menschen, besonders über seine

Vernunft und über das Maß seiner Körperkräfte ungebührlich hervorragt, ist

sie eins der verderblichsten Geschenke, welche Abschleifung und

Verfeinerung den gebildeten Menschen unsers Zeitalters verliehen haben,

verderblich sowol für die Glückseligkeit der damit behafteten Personen, als

auch für das Wohl der Gesellschaft; weil sie in diesem Falle, schwache,

unsichere, bald wieder erschlafftem und zu den gewöhnlichen Geschäften des

Lebens mehr oder weniger unbrauchbare Menschen macht."6

Der zweite Fall die ,,übertriebene Empfindsamkeit, wird als Krankheit eingeschätzt und in

einen begrifflichen Zusammenhang mit Melancholie, Hypochondrie und Hysterie gebracht".7

Gefühle nehmen in der Epoche der Empfindsamkeit eine Vorrangstellung ein: Es geht um

Gefühle der Freundschaft, der Liebe, des Mitleids, der Rührung, des Wehmuts, kurz, um

Gefühle, ,,denen eine hohe moralische Qualität zuerkannt wird"8.

Flaschka hat anhand des

Werthers

einige Aspekte empfindsamer Literatur und deren

Funktion(en) herausgearbeitet: Einen hohen Anteil haben Lieblingswörter und Wendungen.

Darunter fallen

Herz

und

Seele

als Ort innerer Empfindungen;

Strom

der Empfindung, der

Wonne, des Schmerzes als häufige Metapher für Reichtum und Überschwang des Gefühls;

Wortformen der Innenwelt wie

innen

,

innern

,

innerlich

,

Inneres

,

Innerstes

. Auch

Verhaltensweisen wie

Verstummen

,

Anblicken

,

Umarmen

oder

freundschaftliches

Küssen

als

empfindsame Kommunikationsformen spielen eine große Rolle. Sie drücken mit hoher

Suggestivkraft als Sprachersatz Unaussprechliches aus, vor allem Rührung, Freue und

seelisches Ergriffensein. Doch darf man auch die Losungsworte nicht vergessen, die einen

gemeinsamen seelischen Raum als Alternative zur realen Gesellschaft eröffnen sowie Innigkeit

und Gleichklang der Seelen signalisieren9: Man denke nur an Lottes Ausruf:

Klopstock!

10

5 Campe, J. H.: Sensation, Sensibilität, Sentiment, sentimental, sentimentalisieren u.s.w.

6 ebd.

7 Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. S. 439.

8 ebd. S. 439.

9 vgl. Flaschka. S. 162.

10 Goethe, Johann Wolfgang von: Die Leiden des jungen Werther. Stuttgart 2001. S. 30.

4


woraufhin Werther in einem ,,Strome von Empfindungen"11 versinkt. Der hier beschriebene

Gleichklang der Lektüre steht stellvertretend für den Gleichklang der Seelen und deutet so auf

die enge Verbundenheit Werthers und Lottes hin.

Die Protagonisten der Romane der Empfindsamkeit ­ im

Werther

beispielsweise als ,,sensiblen

Seelenfreund"12 dargestellt - erzielten eine hohe Identifikationsquote bei den Lesern, die

Epoche selbst wurde zu einer ,,sozialen Bewegung, die vor allem von Vertretern der jungen

Generation (Empfindsamkeit als erste Jugendbewegung, die am auffälligsten bei der Rezeption

des

Werther

in Erscheinung tritt:

Wertherfieber

) [...] getragen wird."13

Das

Wertherfieber

zeichnet sich durch folgende Merkmale aus: ,,seelische Hochstimmung,

Sinnesreizung, Verzückung, Rührung bis zu Tränen und Seufzern, Liebestaumel und als

Folgewirkung Leid und Weh"14.

Die Leiden des jungen Werther

(1774, Neufassung 1789)

werden als Höhepunkt der Bewegung angesehen, sie stehen für den Gipfel und zugleich

Wendepunkt der empfindsamen Dichtung.15 Mit dem Erscheinen des

Werthers

,,erfährt die

Empfindsamkeit eine bis dahin nicht gekannte Radikalisierung. Die daraus resultierende

Krisenerfahrung kann in [...] nachfolgenden Romanen [...] wohl variiert, kaum aber überboten

werden."16

,,Der Kult des Gefühls ist, wie man weiß, schon im 18. Jahrhundert als Störenfried geordneter

und einheitlicher Verhältnisse bekämpft worden."17

Die Leiden des jungen Werther

wurden

nicht nur positiv aufgenommen, sondern es gab durchaus auch Gegner, die das Wertherfieber

als ,,Modekrankheit"18 bezeichneten. In einer spöttischen Wiener Werthernachdichtung von

1785 ,,muss sich der jugendliche, von Selbstmordgedanken befreite Held folgende Strafpredigt

anhören: [...] Das elende Empfindsamkeitsfieber richtet euren gesunden Menschenverstand zu

Grunde. Es soll von nun an streng auf diese Zucht [...] gesehen werden. Ich rath es allen den

superempfindsamen Dichterlingen, dem

Werthervolk

, ihr Unwesen [...] sein zu lassen."19

11 ebd. S. 30.

12 Flaschka, S. 101.

13 Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. S. 440.

14 Flaschka. S. 156.

15 vgl. Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte. Hrsg. Werner Kohlschmidt und Wolfgang Mohr.

Band I. Berlin 21958. S. 345.

16 Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. S. 440.

17 Pikulik, Lothar: Die Mündigkeit des Herzens. In: Aufklärung. Jahrbuch für die Erforschung des 18.

Jahrhunderts und seiner Wirkungsgeschichte. Hrsg. Günter Birtsch, Karl Eibl und Norbert Hinske.

München 2001. S. 10.

18 nach F. Sengle. In: Flaschka. S. 156 und Sauder. S. 234.

19 Flaschka. S. 157,158.

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