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Analyse der Darstellung akustischer Sinneswahrnehmungen im Kriegsfilm

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2008, 27 Pages
Author: Julius Pöhnert
Subject: Film Science

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2008
Pages: 27
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 20  Entries
Language: German
Archive No.: V91297
ISBN (E-book): 978-3-638-04090-7
ISBN (Book): 978-3-638-93719-1
File size: 132 KB

Abstract

Die Protagonisten des Kriegsfilms treten am Gefechtsschauplatz in eine Welt ein, die sich von ihren Alltagserfahrungen und denen des Publikums gravierend unterscheidet. Oftmals müssen sich die Soldaten in einem unbekannten Terrain zurecht finden, denn Kriegsschauplätze sind meist ferne, teils exotische Länder. Bei der Charakterisierung des dortigen Geschehens kommt dem Ton eine besondere Bedeutung zu. Einerseits sind die Soldaten von einer unbekannten hintergründigen Lautsphäre umgeben, andererseits dominieren im Krieg auch vordergründig fremde Geräusche und Töne. Auf sprachlicher Ebene markant ist das Militärjargon der meist ausschließlich männlichen Stimmen. Hinzu kommen die Klänge verschiedenartiger Waffen und Signale, die für das Überleben von großer Bedeutung sein können. Zudem wird der Protagonist oft anderer, vertrauter Sinne beraubt: Viele Gefechte finden bei Nacht statt, so dass das Gehör oft die einzige Orientierungsmöglichkeit bietet. Meist wird die Tonspur eines Films genutzt, um die Erlebnisse der Hauptfiguren zu subjektivieren und ein für den Zuschauer möglichst „realistisches“ Erlebnis zu erschaffen. Gegenstand dieser Arbeit soll die Erforschung der Darstellung subjektiver Wahrnehmungen der Protagonisten und ihrer Wirkung auf den Zuschauer sein; die Bedeutung der in wissenschaftlichen Untersuchungen häufig nicht näher betrachteten akustischen Ebene wird hierbei besonders beachtet. Für diese filmische Analyse eignen sich hauptsächlich Werke, die das Schicksal einzelner Figuren in den Vordergrund rücken und somit die Identifikation des Zuschauers auf eine Hauptfigur fokussieren. Aus diesem Grund finden – besonders im letzten analytischen Teil der Arbeit – die Filme "Saving Private Ryan" (Der Soldat James Ryan) und "Idi i Smotri" (Geh und Sieh) eine besondere Beachtung. "Saving Private Ryan" wurde von Kriegsveteranen sowie der Filmindustrie für sein hohes Maß an Realismus gelobt und mit mehreren Oscars, u. a. für den besten Ton, ausgezeichnet. "Idi i Smotri" zeigt das Kriegsgeschehen aus der Sicht eines jungen russischen Partisanen und arbeitet mit zahlreichen Mitteln der Subjektivierung des Erlebten. Weiterhin werden auch andere für ihr besonderes Sounddesign bekannte Filme, wie z. B. "Apocalypse Now", für die Untersuchung herangezogen.


Excerpt (computer-generated)

Johannes Gutenberg-Universität

Mainz

Institut für Filmwissenschaft/ Mediendramaturgie

Wintersemester 2006/07

Hauptseminar: Kriegsfilm

Analyse der Darstellung

akustischer Sinneswahrnehmungen im

Kriegsfilm

Julius Pöhnert

Mediendramaturgie (7)


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 2

2. Kriegsfilm als ,,sinnliches Erlebnis" 4

2.1 Bedeutung der Sinneswahrnehmungen im Krieg 4

2.2 Klangliche Eigenheiten des Krieges 7

3. Die Bedeutung des Gehörsinns 13

3.1 Auf der Seite der Protagonisten 13

3.2 Auf der Seite der Zuschauer 17

4. Schlusswort 21

Verzeichnis der besprochenen Filme 22

Literaturverzeichnis 23

1


1. Einleitung

Die Protagonisten des Kriegsfilms treten am Gefechtsschauplatz in eine Welt ein, die

sich von ihren Alltagserfahrungen und denen des Publikums gravierend unterscheidet.

Oftmals müssen sich die Soldaten in einem unbekannten Terrain zurecht finden, denn

Kriegsschauplätze sind meist ferne, teils exotische Länder. Bei der Charakterisierung

des dortigen Geschehens kommt dem Ton eine besondere Bedeutung zu. Einerseits sind

die Soldaten von einer unbekannten hintergründigen Lautsphäre umgeben, andererseits

dominieren im Krieg auch vordergründig fremde Geräusche und Töne. Auf sprachlicher

Ebene markant ist das Militärjargon der meist ausschließlich männlichen Stimmen.

Hinzu kommen die Klänge verschiedenartiger Waffen und Signale, die für das Überle-

ben von großer Bedeutung sein können. Zudem wird der Protagonist oft anderer,

vertrauter Sinne beraubt: Viele Gefechte finden bei Nacht statt, so dass das Gehör oft

die einzige Orientierungsmöglichkeit bietet.

Meist wird die Tonspur eines Films genutzt, um die Erlebnisse der Hauptfiguren zu

subjektivieren und ein für den Zuschauer möglichst ,,realistisches" Erlebnis zu erschaf-

fen. Gegenstand dieser Arbeit soll die Erforschung der Darstellung subjektiver Wahr-

nehmungen der Protagonisten und ihrer Wirkung auf den Zuschauer sein; die Bedeu-

tung der in wissenschaftlichen Untersuchungen häufig nicht näher betrachteten

akustischen Ebene wird hierbei besonders beachtet. Für diese filmische Analyse eignen

sich hauptsächlich Werke, die das Schicksal einzelner Figuren in den Vordergrund

rücken und somit die Identifikation des Zuschauers auf eine Hauptfigur fokussieren.

Aus diesem Grund finden ­ besonders im letzten analytischen Teil der Arbeit ­ die

Filme

Saving Private Ryan (Der Soldat James Ryan)

und

Idi i Smotri (Geh und Sieh)

eine besondere Beachtung.

Saving Private Ryan

wurde von Kriegsveteranen sowie der

Filmindustrie für sein hohes Maß an Realismus gelobt und mit mehreren Oscars, u. a.

für den besten Ton, ausgezeichnet.

Idi i Smotri

zeigt das Kriegsgeschehen aus der Sicht

eines jungen russischen Partisanen und arbeitet mit zahlreichen Mitteln der Subjektivie-

rung des Erlebten. Weiterhin werden auch andere für ihr besonderes Sounddesign

bekannte Filme, wie z. B.

Apocalypse Now

, für die Untersuchung herangezogen.

Eine unentbehrliche Grundlage für die Analyse der Tonebene bilden die Schriften des

Filmwissenschaftlers Gianluca Sergi und von Michel Chion. Um die intendierte

Wirkung von Klangeffekten zu untersuchen, werden zudem Lehrbücher der Klangges-

2


taltung sowie Interviews mit Sounddesignern und Filmemachern herangezogen. Für die

genauere Filmanalyse bieten Zuschauerberichte, Kritiken und wissenschaftliche

Analysen aus zahlreichen weiteren Publikationen wertvolle Ansätze.

Beim Lesen dieser Arbeit ist zu beachten, dass besonders in englischsprachigen Zitaten

mit ,,Soundtrack" die komplette Tonspur des Films bezeichnet wird, und nicht, wie oft

im Deutschen, die Filmmusik. Außerhalb der innerfilmischen Ereignisse gespielte

Musik wird deshalb ,,Score" genannt.

3


2. Kriegsfilm als ,,sinnliches Erlebnis"

2.1 Bedeutung der Sinneswahrnehmungen im Krieg

Kriegsereignisse versetzen die Protagonisten eines Films immer wieder in die Lage, sich

auf ihre Wahrnehmung verlassen zu müssen. Teilweise werden sie gezwungen,

urzeitlichen Instinkten zu vertrauen, Geräusche bekommen dabei die Funktion als

,,Auslösefaktoren für Orientierungsreflexe".1 Bei moderner Kriegsführung wird durch

technische Geräte wie Zielvorrichtungen, Ferngläser oder Radar die visuelle Wahrneh-

mung geschärft, für einzelne Bereiche gibt es Spezialisten. Scharfschützen oder

Platoonführer haben sich auf bestimmte Sinne und Abläufe spezialisiert, um ihre

Aufgaben mit größtmöglicher Präzision durchführen zu können.

Jeder Soldat befindet sich in einer menschlichen Ausnahmesituation, die zugleich Stress

verursacht und konzentriertes Handeln erfordert. Oftmals werden die Protagonisten in

eine exotische und ihnen unbekannte Welt entsendet, beispielsweise in Vietnamkriegs-

filmen. Die Soldaten sind hier einer als ,,feindlich" wahrgenommenen Umwelt ausge-

setzt, die sich durch hohe Temperaturunterschiede, fremde Gerüche und eine Vielzahl

unbekannter Geräusche offenbart. Hinzu kommt die permanente Bedrohung durch den

Feind, vor dem sich die Protagonisten in Acht nehmen müssen.

Fehler in der eigenen Wahrnehmung können den Tod oder lebensgefährliche Verletzun-

gen nach sich ziehen. Die Welt des Krieges fordert somit die Wahrnehmungsgabe

heraus, kann aber zugleich einzelne Sinne durch körperliche Verletzungen komplett

eliminieren. Der Schaden am menschlichen Körper, bzw. der Verlust von Organen und

Extremitäten wird in nahezu jedem Kriegsfilm thematisiert. Grund hierfür sind sowohl

die realistische Darstellung des gefährlichen Kriegsalltags als auch die Nachvollzieh-

barkeit des Verlustes für den Zuschauer. Nach dem physischen Schmerz durch Verlet-

zungen und Operationen folgt der psychische Schmerz über die Erkenntnis der eigenen

Verkrüppelung und der zukünftigen Unfähigkeit, vielen alltäglichen Dingen des zivilen

Lebens nachzugehen. In extremer Form stellt dies der Film

Johnny got his Gun (Johnny

zieht in den Krieg)

dar. GI Johnny findet sich in einem Krankenhaus wieder, sein

Gesicht ist abgedeckt, er ist taub und stumm. Allein über seinen Tastsinn, also auch

durch Vibrationen von Geräuschquellen, kann er nunmehr seine Umwelt wahrnehmen.

Mit wachsender Verzweiflung muss er feststellen, dass sowohl seine Arme und Beine

1 Mikunda 2002, 184.

4


als auch das gesamte Gesicht zerstört wurden. Der Film erzählt meist in Form eines

Voiceovers Johnnys Gedanken und zeigt seine Träume. Der Krieg hat aus ihm ein

lebendes Stück Fleisch gemacht.

Doch auch der Verlust eines einzigen Sinnes kann Figuren ins Verderben führen. In

All

Quiet on the Western Front

(Im Westen nichts Neues)

verliert das erste Todesopfer,

Behn, zunächst das Augenlicht. Während einem Panikanfall läuft Behn, seinen Verlust

beklagend, schreiend über das Schlachtfeld und wird erschossen. Geräusche sind in

All

Quiet on the Western Front

eine entscheidende Wahrnehmungskomponente. So werden

die jungen Rekruten am Kriegsschauplatz als Erstes von einem älteren Offizier darin

geschult, die Entfernung von Geräuschquellen abzuschätzen. Während des ersten

Bombenhagels ducken sich alle Rekruten schutzsuchend auf dem Boden, während der

ältere Soldat überrascht stehen bleibt. Die Geräusche der Geschosse haben ihm verraten,

dass er sich in sicherer Distanz befindet. In

Saving Private Ryan

wird diese Regel

hingegen ad absurdum geführt. Wir sehen das Platoon im Vordergrund ziehen, während

im Hintergrund, Kilometer entfernt, Explosionen aufleuchten. Da sich Schallwellen

langsamer als das Licht fortbewegen, sollte das Geräusch physikalisch korrekt mit einer

Verzögerung ankommen. Um dem Publikum eine unmittelbarere Wirkung zu vermitteln

und die im Kino gewohnte Kongruenz visueller und akustischer Effekte zu belassen,

wird die Realität modifiziert. Der visuelle Effekt ereignet sich gleichzeitig mit den

Explosionsgeräuschen. Michel Chion bezeichnet die gewohnte Gleichzeitigkeit visueller

und akustischer Effekte als ,,Synchresis" ­ eine Verbindung der Wörter ,,synchronism"

und ,,synthesis".2 Im Kopf des Zuschauers werden Bild und Ton zu einer logischen

Einheit zusammengefügt.

Auch wenn im Krieg die Schulung des Gehörs von erheblicher Bedeutung ist, so stellen

die Kriegsgeräusche ebenso eine Belastung dar ­ die Ohren lassen sich nicht schließen.

Immer wieder zeigen die jungen Rekruten in

All Quiet on the Western Front

, dass die

permanente Geräuschkulisse der Bedrohung von Bombenhagel und Granatgeräuschen

an ihrer Psyche zehrt: ,,I don′t mind the days so much ­ it′s keeping up all night!"3

Das Kino ist in seinen Möglichkeiten der Darstellung begrenzt, so dass dem Zuschauer

primär nur visuelle und akustische Reize vermittelt werden können. Die Befremdlich-

keit einer neuen Umgebung, Gefahren und Signale werden auf der Bild- und Tonebene

inszeniert. Bemerkenswert ist dabei die Vielfalt der Geräusche selbst, sowie der

2 Siehe Chion 1994, 63.

3 Paul (Lew Ayres) in

All Quiet on the Western Front

, 00:34:30.

5



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