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Diploma Thesis, 2007, 147 Pages
Author: Dipl.-Sozialarb./Sozialpäd. (FH) Björn Sedlak
Subject: Social Pedagogy / Social Work
Details
Tags: Jugendliche, Karriereleiter, Abstellgleis
Year: 2007
Pages: 147
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 150 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-06725-6
ISBN (Book): 978-3-640-10515-1
File size: 7224 KB
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Abstract
Dem Postulat der prinzipiellen Chancengleichheit bei individuellem Engagement in unserer Gesellschaft wird durch den provokanten Titel der Diplomarbeit „»Sie müssen nur wollen« – Jugendliche zwischen Karriereleiter und Abstellgleis“ Ausdruck verliehen. So erscheinen Bildungsdefizite und Arbeitslosigkeit in der Wissensgesellschaft kausal. Bildung wird zur Qualifikation und Qualifikation zur Kompetenz. Die Fähigkeit zum Kompetenzerwerb bleibt, so die öffentliche Meinung, individuellen Anstrengungen geschuldet. Mit derartigen Mustern der Stigmatisierung sieht sich die aktuelle Jugend konfrontiert. Aus sozialarbeiterischer Sicht eröffnet sich die Frage nach möglichen Konsequenzen insbesondere für Jugendliche in prekären Lebenslagen sowie für die Profession Soziale Arbeit selbst. Im Spiegel sozialisationstheoretischer Zugänge, der Dialektik von Subjekt und Gesellschaft nach Pierre Bourdieu sowie Aspekten der Handlungsfreiheit nach Amartya Sen werden innerhalb dieser Arbeit reelle Chanceneröffnungen für die nachwachsende Generation ausgelotet. Hierbei werden neben dem Horizont der Jugendhilfe auch die aktuell gebotenen [bildungs-] politischen Zielsetzungen im europäischen und bundesdeutschen Kontext, sowie zu Teilen das Bildungssystem der BRD beleuchtet. Blickpunkte professioneller Sozialer Arbeit - wie die Fähigkeit zur Gestaltungsfunktion im Netzwerk sowie dem Management - werden anhand ausgewählter Begegnungsmodelle aus der Praxis diskutiert. Eine analytische Annäherung an den zentralen Begriff »Jugend« ist den Auseinandersetzungen innerhalb dieser Arbeit vorangestellt.
Excerpt (computer-generated)
Fachhochschule Hildesheim/ Holzminden/ Göttingen
Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst
Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit
Diplomstudiengang Soziale Arbeit Hildesheim
DIPLOMARBEIT
»SIE MÜSSEN NUR WOLLEN«
JUGENDLICHE ZWISCHEN KARRIERELEITER UND
ABSTELLGLEIS
zum Erlangen des Grades
Diplom- Sozialpädagoge/ Diplom- Sozialarbeiter (FH)
vorgelegt von Björn Sedlak
Hildesheim, 14. August 2007
INHALTSVERZEICHNIS
EINLEITUNG
4
1 JUGEND EINE »ANNÄHERUNG«
8
1.1
VOM »BILD DER JUGEND«
8
1.2
LEBENSALTER ALS RAHMUNG
11
1.3
EINE HISTORISCHE VERGEWISSERUNG
17
1.4
HERAUSFORDERUNG »JUGEND HEUTE«
26
2 »BLICKPUNKT« JUGENDHILFE
30
2.1
EINE STANDORTBESTIMMUNG
30
2.2
WESENTLICHE LEITLINIEN
32
2.3
GENESIS
34
2.4
ZUR PREKÄREN LAGE
38
3 AGENDA »BILDUNG«
40
3.1
»LEITBILD« WISSENSGESELLSCHAFT
40
3.2
EUROPÄISCHE RAHMUNG
45
3.3
BUNDESDEUTSCHE BILDUNGSOFFENSIVE
55
3.2
JUGENDHILFE IM SPANNUNGSFELD
63
4 »LIFE- LINE- RESSOURCEN« ALS »GATEKEEPER«
68
4.1
SOZIALISATIONSTHEORETISCHE ÜBERLEGUNGEN
68
4.2
ZUR DIALEKTIK VON SUBJEKT UND GESELLSCHAFT NACH BOURDIEU 77
4.3
ZUM ASPEKT DER HANDLUNGSFÄHIGKEIT NACH SEN
83
4.4
VON DER SCHULE HER GEDACHT
90
5 »BEGEGNUNGSMODELLE« SOZIALER ARBEIT
99
5.1
CASE- UND PROJEKT- MANAGEMENT
100
5.2
PRAXISBEISPIELE: »PEB« UND »STELLWERK« 109
5.3
»NETZWERK BILDUNG« ALS ANTWORT 119
RESÜMEE
125
ABBILDUNGSVERZEICHNIS
127
LITERATURVERZEICHNIS
128
QUELLENVERZEICHNIS
142
ANHANG
143
EINLEITUNG
EINLEITUNG
,,Was bildet den Menschen? [...]
Stellte mir jemand diese Frage, ich antwortete, ohne zu zögern und mit dem -
seltenen Gefühl, etwas unanfechtbar Richtiges zu sagen: ,Alles!′ - Alles, selbst
wenn es langweilt oder gleichgültig lässt oder abschreckt. Dann ist dies die
bildende Wirkung. ,Alles′, weil der Mensch ein - wundersam und abscheulich -
plastisches Wesen ist: veränderbar, beeinflussbar, reduzierbar, steigerungsfähig
auch gegen seinen Willen, gegen seine Einsicht, gegen seine Natur . . . Eine
einzige Geste eines anderen, in seinem Gemüt gespeichert, kann ihn ein Leben
lang mit Eifersucht oder Haß oder Hypochondrie erfüllen, ein einziges Wort ihn
mit Sehnsucht oder Heilsgewißheit oder Verblendung schlagen. Der Mensch hat
aus diesem Grund als einziges Lebewesen eine Geschichte. Anders als die
übrige Kreatur ist er fast unbegrenzt auf Formung angelegt. Ist diese gewollt, so
nennt man sie Bildung"
(von Hentig zit. in Bock et al. 2006:332).
MOTIVATION
Ausgangspunkte für die Wahl meines Diplomarbeitsthemas »Sie müssen nur wollen« -
Jugendliche zwischen Karriereleiter und Abstellgleis finden sich im berufspraktischen wie
wissenschaftlichen Bereich.
Mein persönliches Interesse begründet sich aus der praktischen Tätigkeit in einer
Inobhutnahmeeinrichtung für Kinder und Jugendliche der Stadt Hannover. Hierbei wurde
mir im Kontakt mit externen Einrichtungen des öffentlichen Lebens vermehrt deutlich,
dass augenscheinlich Einstellungen und Mentalitäten dominieren, die problembelastete
Jugendliche als rein defizitär deuten. Mit einem gewissen »Maß an Disziplin« und der
»richtigen Einstellung« würde sich qua Automatismus ein geradliniger Lebenslauf
einstellen. »Sie müssten ja nur wollen«. Diese Erfahrungen gipfelten dahingehend, dass
selbst Fachkräfte der Sozialen Arbeit und Kommilitonen diesen Mythos dergestalt
vertreten, so dass damit einhergehende Einstellung unerschütterlich erscheinen.
Mein wissenschaftliches Interesse am Thema habe ich während meines Studiums der
Sozialen Arbeit an der HAWK Hildesheim entwickelt. In der Auseinandersetzung mit
themenspezifischen Fragestellungen im Rahmen von Seminaren und
wissenschaftlichen Vertiefungen hat sich mein Interesse an den Themenbereichen
Jugend, Bildung und Soziale Ungleichheit sowie an Fragen professioneller Sozialarbeit
vermehrt entwickelt, sodass ich im Rahmen der vorliegenden Diplomarbeit
entsprechenden Themenkomplex vertiefend aufgreife. Dies sehe ich letztlich als
konsequenten Schritt auch in Hinblick auf meine persönliche Entwicklung innerhalb der
Profession Soziale Arbeit. Die Themen- und Titelwahl erfolgte zudem nicht zuletzt
aufgrund der Aktualität und Brisanz.
4
EINLEITUNG
FRAGESTELLUNG UND ERKENNTNISINTERESSE
Der Titel der vorliegenden Diplomarbeit dürfte zunächst unterschiedliche Reaktionen bei
LeserInnen - von Bestätigung inhärenter Wert- und Normvorstellungen bis
Verständnislosigkeit - provozieren. Bereits hier liegt ein zentrales Erkenntnisinteresse
meiner Arbeit verortet. So gehe ich innerhalb der vorliegenden Diplomarbeit grundlegend
der Frage nach, ob sich das öffentlich präsente Postulat »Sie müssen nur wollen« als
solches u. a. vor dem Hintergrund gesellschaftlichen Wandels und politischer
Entwicklungen aber auch unter Berücksichtigung theoretischer Überlegungen zur
Chancengleichheit halten lässt oder einer anderen Sicht der Dinge und somit einer
Revidierung bedarf. Dabei wird die Metapher der beiden Konträre »Karriereleiter« und
»Abstellgleis« aufgegriffen, wodurch bereits das nahezu unauflösbare und komplexe
Spannungsgefüge der Thematik versinnbildlich wird. Aus sozialarbeiterischer Sicht
eröffnet sich die Frage nach möglichen Konsequenzen insbesondere für Jugendliche in
prekären Lebenslagen sowie für die Profession selbst. Dabei interessiert mich
insbesondere der Horizont der Jugendhilfe, als auch die aktuell gebotenen politischen
Zielsetzungen im europäischen und bundesdeutschen Kontext.
METHODE UND VORGEHEN
Die vorliegende Diplomarbeit ist eine literaturgestützte Arbeit, so dass ich für die
Bearbeitung meiner Fragestellung
in erster Linie auf aktuell fundierte Fachliteratur
zurückgreife. Dabei beziehe ich ein breites Spektrum unterschiedlicher und einschlägiger
AutorInnen ein und greife u. a. auf Sammelbände und Zeitschriften zurück. Daneben
basieren meine Informationen auf Publikationen die beispielsweise im Auftrag des
Bundesministeriums für Forschung und Bildung, des Bundesministeriums für Familie,
Senioren, Frauen und Jugend oder der Europäischen Kommission sowie anderen
Kuratorien herausgegeben wurden.
Anregende Impulse für meine Arbeit ergaben sich darüber hinaus durch ein Praktikum in
der EQUAL- Geschäftsstelle der Stadt Hildesheim.
AUFBAU DER ARBEIT
Die vorliegende Diplomarbeit ist formal in fünf Kapitel untergliedert. Im ersten Kapitel
meiner Arbeit beginne ich mit einer Annäherung an »Jugend« als zentralen Begriff der
Auseinadersetzung. Dies dient als Verständnisgrundlage und spiegelt die
Vielgestaltigkeit sowie Vielfältigkeit von Jugend wieder. Diese Hinführung erscheint
insbesondere im Hinblick auf die späteren Ausführungen als zentral, um nicht zu
vergessen, wer »die« Jugendlichen tatsächlich sind.
5
EINLEITUNG
Im Focus des zweiten Kapitels steht die Jugendhilfe als Subsystem Sozialer Arbeit. Hier
wird eine Standortbestimmung vorgenommen. Neben der rechtlichen Fundierung,
werden wesentliche fachliche Leitlinien, historische Entwicklungsmuster sowie aktuelle
Herausforderungen und Spannungsfelder skizziert.
Im drittel Kapitel dieser Arbeit werden aktuelle unter der Überschrift Agenda »Bildung«
[bildungs]politische Entwicklungen und der inhärente »Blick auf Bildung« betrachtet.
Dabei konzentriere ich mich sowohl auf die europäische als auch die
bundesrepublikanische Bildungsoffensive. Das Kapitel mündet in jugendhilfepolitische
Bildungspotenziale und selbst erhobener Ansprüche, die im Kontext der aufgezeigten
politischen Rahmung Relevanz erfahren.
Im vierten Kapitel erfolgt eine Auseinandersetzung mit theoretischen Überlegungen und
Theoremen, aus denen Aussagen zum [Abhängigkeits]Verhältnis von Herkunft und
sozialer Teilhabe bzw. der Verwirklichung von Bildungs- und Karrierechancen abgeleitet
werden können. Hier werden ausgehen von sozialisationstheoretischen Zugängen, die
Dialektik von Subjekt und Gesellschaft nach Pierre Bourdieu sowie die Aspekte der
Handlungsfreiheit nach Amartya Sen aufgegriffen. Am Ende dieses Kapitels steht zudem
die institutionelle Bedeutung von Schule für die Verteilung von Karrierechancen im
Mittelpunkt der Betrachtung. Die Auseinadersetzung in Kapitel vier dient insbesondere
dazu, um Rückschlüsse auf das im Titel der Diplomarbeit verankertet Postulat »Sie
müssen nur wollen« zuziehen.
Vor dem Hintergrund der bisherigen Auseinandersetzung und sich daraus ergebender
Anforderungen fokussiert das letzte Kapitel dieser Arbeit ausgewählte
Begegnungsmodelle Sozialer Arbeit. Als konkrete Praxisbeispiele befasse ich mich im
fünften Kapitel dieser Diplomarbeit mit den Modellprojekten »PeB« und »STELLWERK«
die auf die berufliche Integration von Jugendlichen zielen. Anschließend wird die
Grundidee eines »Netzwerk Bildung« eingebracht und auf sich aus der Arbeit ergebene
Potenziale hin befragt.
Im abschließende Resümee führe ich die zentralen Aspekte meiner Diplomarbeit
zusammen und stelle die Essenzen erneut in Verbindung mit dem provokanten Titel der
vorliegenden Arbeit: »Sie müssen nur wollen« - Jugendliche zwischen Karriereleiter und
Abstellgleis.
HINWEISE ZUR FORMALEN ARBEITSWEISE
Die Zitierweise und Angabe der gesamten innerhalb dieser Arbeit verwendeten Literatur
orientiert sich an wissenschaftlichen Standards und berücksichtigt insbesondere die von
6
EINLEITUNG
der HAWK, Fakultät Soziale Arbeit Holzminden2 sowie die der Ruhr- Universität Bochum,
Tutorienprogramm Sozialwissenschaft3 veröffentlichten Hinweise und Empfehlungen zur
formalen Gestaltung wissenschaftlicher Arbeiten. Eventuelle Besonderheiten ergeben
sich in den nachstehend aufgeführten Gegebenheiten.
Wörtliche Zitate werden grundsätzlich durch Anführungszeichen ,,..." kenntlich gemacht
und markieren den Beginn und das Ende einer zitierten Textpassage, nicht aber
zwingend dessen tatsächlichen Satzanfang bzw. -ende. Eventuelle Auslassungen am
Anfang und Ende der Textpassage werden somit nicht explizit kenntlich gemacht, wobei
Auslassungen und/ oder Einfügungen des Verfassers innerhalb des wörtlichen Zitates
wie folgt kenntlich gemacht werden: [...]. Auf diese Form wird in erster Line zugunsten
der Lesbarkeit und somit auch entgegen komplizierter Konstruktionen zurückgegriffen4.
Darüber hinaus werden Schlagwörter bzw. Fachbegriffe, die von Autoren innerhalb des
wissenschaftlichen Diskurses geprägt und diesen explizit zuzuordnen sind, ebenfalls in
Anführungszeichen ,,..." gefasst. Die Angabe des jeweiligen Autors geschieht in diesen
Fällen jedoch, wiederum zugunsten der Lesbarkeit und des Textflusses, ohne Jahres-
und Seitenangabe.
Zum Umgang mit Fußnoten lässt sich erwähnen, dass diese Ergänzungen,
weiterführende Gedankengänge oder Zitat, beispielhafte Verdeutlichungen, Verweise auf
weiterführende Literatur und Zusammenhänge oder sonstige Anmerkungen bereithalten,
sodass ein prinzipielles Verstehen der Arbeit bei ausreichenden Kenntnissen auch ohne
Berücksichtigung der Fußnoten möglich ist. Anderenfalls diesen die Fußnoten dem
Verständnis.
Zudem soll darauf hingewiesen werden, dass zugunsten der Lesbarkeit und um
komplizierten Konstruktionen vorzubeugen nicht immer explizit die weibliche und
männliche Form der Schreibweise berücksichtigt wird, jedoch sind in all diesen Fällen
selbstverständlich beide Geschlechter angesprochen und gemeint.
2 HAWK, Fakultät Soziale Arbeit Holzminden (2006): Hinweise zur formalen Gestaltung von Studien- und
Diplomarbeiten. URL:>http://www.hawk-hhg.de/hawk/fk_soziale_arbeit/media/WissArbeiten.pdf<.
3 Ruhr- Universität Bochum, Tutorienprogramm Sozialwissenschaft (2002): Erstellung eines
Literaturverzeichnisses. Vers. 1.6 WiSe 2002/03. URL:>http://www.ruhr-uni-bochum.de/sowi-
tutorium/Materialien/Literaturverzeichnis.pdf<.
4 Bsp.:,,Zitattext [Anm. d. Verf.] Zitattext" statt ,,[...] Zitattext [Anm. d. Verf.] Zitattext [...]".
7
JUGEND EINE »ANNÄHERUNG«
1 JUGEND EINE »ANNÄHERUNG«
Rund um das Thema »Jugend« existiert eine nahezu unüberschaubare Fülle an
Literatur. Als ein zentraler Begriff dieser Arbeit zeichnet sich »Jugend« durch ihre
Vielgestaltigkeit und Vielfältigkeit aus. So stehen neben dem »Alltagsverständnis«
entsprechender Semantik auch diverse fachspezifische Belegungen des Begriffs
»Jugend« im Zentrum wissenschaftlicher Auseinandersetzungen, welche jeweils ihre
fachinternen signifikanten Gesichtspunkte akzentuieren (vgl. Zimmermann 2006:154;
Schäfers/ Scherr 2005:17; Bernart 2001:362ff; et al.). Wenn im Rahmen dieser Arbeit
von »Jugend« die Rede ist, so soll nicht vergessen werden, dass es »die Jugend« bzw.
die/den Jugendliche/n gar nicht gibt. Das nachstehende Kapitel erhebt folglich nicht den
Anspruch der Vollständigkeit, also alle themenspezifischen Überlegungen und
Bezugsgrößen zu repräsentieren, sondern bietet vielmehr eine Annäherung aus
ausgewählten Bezugspunkten an das komplexe Thema »Jugend«. Dies dient zuvorderst
als Verständnisbasis dieser Arbeit.
Ausgehend vom »Bild der Jugend«, welches eine mögliche Sicht der Gesellschaft auf
Jugend skizziert, wird ein denkbarer Passungsversuch unternommen, Jugend als
solches zu erfassen. Dies will als Hinführung und Klärung verstanden sein. Darauf
aufbauend wird Jugend unter dem Gesichtspunkt des Lebensalters betrachtet. Dabei
bilden das deutsche Rechtssystem und Aspekte der Entwicklungspsychologie
wesentliche Orientierungspunkte. Zur historischen Vergewisserung dient nachfolgend ein
geschichtlicher Abriss, der insbesondere das Verhältnis von Bildung und Jugend
akzentuiert beleuchtet, da »Bildung« als der entscheidende Bedingungsfaktor für eine
gesellschaftliche Position »zwischen Karriereleiter und Abstellgleis« gehandelt wird (vgl.
Becker/ Lauterbach 2007:9ff). Abschließend werden im Kontext dieser Arbeit markante
Herausforderungen, mit denen sich die heutige Jugend konfrontiert sieht bzw. wird,
herausgestellt. Die vorliegende Annäherung an Jugend endet gezielt mit einem
Romanauszug und somit ohne eine abschließende Gesamtbetrachtung des Kapitels, da
»Jugend« nicht festzuhalten ist.
1.1 VOM »BILD DER JUGEND«
,,[...] Die Jugendlichen sind ihrem Charakter nach zu Begierde disponiert und
geneigt, das zu tun, wonach ihre Begierde tendiert. Und sie sind so disponiert,
dass sie von den leiblichen Begierden am ehesten der Geschlechtslust anhängen
und darin unbeherrscht sind (...) Aber hinsichtlich ihrer Begierden sind sie leicht
wandelbar und zum Überdruss geneigt. Sie begehren heftig, lassen aber schnell
nach; denn ihre Wünsche sind heftig aber nicht stark wie das Durst- und
Hungergefühl der Kranken (...).
8
JUGEND EINE »ANNÄHERUNG«
Ferner sind sie hitzig und jähzornig und bereit, ihrem Zorn zu folgen. Auch
sind sie Sklaven ihres Zorns; denn aufgrund ihres Ehrgeizes können sie es nicht
ertragen, gering geachtet zu werden, sondern sie geraten in Empörung, wenn sie
sich ungerecht behandelt glauben (...) Auch sind sie ehrgeizig oder mehr noch
siegessüchtig; denn die Jugend trachtet nach Überlegen-Sein; der Sieg aber ist
eine Art Überlegen-Sein. Auf dieses beides sind sie mehr aus als auf Geld (...)
Ferner sind sie nicht schlecht gesinnt, sondern gutmütig, weil sie noch
nicht viel Schlechtigkeit gesehen haben. Auch sind sie leichtgläubig, weil sie noch
nicht häufig getäuscht worden sind (...) Sie leben meistens in der Hoffnung; denn
die Hoffnung bezieht sich auf die Zukunft, die Erinnerung aber auf das
Vergangene. Für die Jugend aber ist die Zukunft lang, die Vergangenheit
dagegen kurz; denn am Morgen des Lebens glaubt man, sich an nichts zu
erinnern, dagegen alles zu erhoffen.
Aufgrund des Gesagten ist sie auch leicht zu täuschen; denn sie ist leicht
zur Hoffnung geneigt (...) Auch sind sie (die Jugendlichen) besonders tapfer;
denn sie sind hitzig und voll guter Hoffnung, wovon das eine sie furchtlos, das
andere aber zuversichtlich macht (...) Ferner lieben sie mehr als die anderen
Lebensalter ihre Freunde und Genossen, weil das Zusammenleben ihnen Freude
bereitet und sie noch nichts nach dem Nutzen beurteilen, demnach auch nicht
ihre Freunde (...).
Alle ihre Fehler aber liegen (...) im Bereich des Übermaßes und der
übertriebenen Heftigkeit; denn alles tun sie im Übermaß: sie lieben nämlich im
Übermaß, sie hassen im Übermaß und so alles andere in gleicher Weise. Auch
glauben sie, alles zu wissen, und nehmen die Haltung des Betreuens ein: denn
das ist auch die Ursache der Übertreibung in allem (...) Ihre Beleidigungen
tendieren zu übermütigem Verhalten, nicht aber zur Bosheit.
Auch sind sie zum Mitleid disponiert, weil sie alle für besser und
rechtschaffener halten, als sie es wirklich sind: denn sie messen ihre
Mitmenschen nach der eigenen Unschuld. Daher nehmen sie an. dass sie
unverdientermaßen leiden. Ferner lieben sie das Lachen, und daher sind sie
auch disponiert für den Spaß; denn Spaß ist gebildeter Übermut. So beschaffen
ist also der Charakter der Jugend."
(Aristoteles zit. in Schäfers/ Scherr 2005: 55f)
Dieses »Bild der Jugend«, das sich in die Zeit Aristoteles′5 einordnen lässt und somit
über 2000 Jahre alt ist, wirkt in Anlehnung an Schäfers/ Scherr (ebd.) ,,wie der Auftakt zu
einer bis heute üblichen kulturkritischen Sicht auf die Jugend". Dieses vergesellschaftete
»Bild der Jugend« kann vor allem in Europa bis ins 21. Jahrhundert hinein als prägend
angesehen werden (vgl. ebd.) und zeichnet ein tradiertes »Bild der Jugend« inhärenter
Stigmatisierungen. Festzuhalten bleibt hierbei, dass das »Verständnis von Jugend« stets
abhängig von epochalen wie kulturellen Kontexten war und ist (vgl. Zimmermann 2006:
154; Schäfers/ Scherr 2005: 28f), was letztlich in Anlehnung an Zimmermann dazu führt,
dass »Jugend« nicht eindeutig definiert werden kann; ,,die Konturen von ,Jugend′ [...]
verschwimmen" (Hitzler et al. 2005: 16).
Somit lässt sich »Jugend« in Abgrenzung zum aristotelisch geprägten »Verständnis der
Jugend« heute eher als ein ,,Bewegungsbild" (Seeßlen) beschreiben, dessen Grenzen
unscharf sind und welches zeitgleich die gesellschaftliche Moral und Ästhetik in
5 Ca. 384 322 v. Chr. (vgl. Schäfers/ Scherr 2005:55).
9
JUGEND EINE »ANNÄHERUNG«
Bewegung hält. Jugend kann folgerichtig als »kulturbedingendes Moment« verstanden
werden, dessen vielfältigen »Erscheinungsformen« »Spiegelbild« der vielfältigen
Lebensentwürfe und Lebensstile der Jugend selbst sind (vgl. Seeßlen 2006:57ff) -
,,
Jugend
als Begriff und Konzept zeigt [...] Flexibilität" (Sander/ Vollbrecht 2000:7). Dabei
ist »Jugend« heute weniger »Gegenbewegung« und »Garant gesellschaftlichen
Fortschritts«, sondern wird zeit und grenzenlos. In diesem Kontext scheint »Jugend«
mehr zu einem »Label« der Marketingindustrie geworden zu sein, als dass sie ihrer
»Funktion« als ,,gesellschaftliche Gestalt" gerecht würde6, an der ,,die Eckpfeiler der
zukünftigen Gesellschaft" (Schröer 2004: 109) abgelesen werden könnten (vgl. ebd.,
Seeßlen 2006: 57, Sander/ Vollbrecht 2000: 7f). Vielmehr lassen sich ehemals typische
Muster der Erwachsenenwelt bereits in kindlichen und jugendlichen Phasen identifizieren
(vgl. Schröer 2004: 109). Hierbei erhält »Jugend« den Status einer unerschöpflichen
Ressource (vgl. Weber 2006:116ff), die kommerzialisiert, ökonomisiert und in Folge
funktionalisiert wird. So ist sie nicht nur ,,das Drama der ersten Male" (Seeßlen) sondern
vielmehr zugleich der andauernde Versuch, eine synthetische Reproduktion zu
konservieren. »Jugend als Altersstufe« ist out, »Jugendlichkeit« ist angesagt (vgl.
Bernart 2001:365; Finkeldey 2007:92).
So bekommt »Jugend« über diese Form der semantischen Belegung den Status einer
,,Lebenshaltung" zugewiesen (vgl. Sander/ Vollbrecht 2000:7), beinahe gleichsam einer
idealbildlichen Vision bzw. Illusio7. »Trendsetting« für die Erwachsenenwelt, wobei
Traditionen hinter variable Beziehungs- und Wertesysteme zurück treten (vgl. Finkeldey
2002:9; 2007:92). In [instrumentalisierter] Folge wird »Jugend« bzw. »Jugendlichkeit« in
ihrer Vielfältigkeit u.a. in die ökonomisch-medial geprägte Gesellschaftsentwicklung8
integriert und avanciert derart funktionalisiert zum ,,stabilisierende[n] Faktor" (Seeßlen)
einer stagnierenden Gesellschaftsordnung9 (vgl. Jansen et al. 2005:7ff). Somit ist das
alltagsverständliche Bild der »Jugend« im 21. Jahrhundert in Anlehnung an Sander/
Vollbrecht (2000:7) vor allem ein formbarer Begriff, daneben flexibles Konzept, zudem
ein Wort das nur den Genetiv kennt und kann letztlich als [idealbildliche] »Konstruktion
immanenter Stigmatisierungsmuster« gefasst werden, die nicht auf eine begrenzte
Altersgruppe beschränkt zu bleiben scheinen. Dennoch ergibt sich aus der Einordnung
von Jugend an Hand von Lebensalter eine Chance der Abgrenzung von Kindheit,
Jugend und Erwachsensein, wie nachfolgend erörtert wird.
6 Dem ,,[...] fortschrittsorientierten Argument des 20. Jahrhunderts [...]" (Schröer 2004: 109) folgend.
7 Fromm bezeichnet das Fehlen einer Vision bzw. Illusio als Lähmung des Selbstglaubens und inhärentem
Fehlen von Zukunftshoffnung. Dies führt in Folge zu einem resignativen Verharren. Besteht dagegen eine
Vision | Illusio, also Selbstglaube, macht Handeln Sinn, es wird zur wahren Motivation des Tätigseins (vgl.
Fromm 1989: 265f; 365ff).
8 Bsp.: Wandel von Sozialität und Sozialisation durch Virtualisierung und Medialisierung (vgl. Höhne
2004:137f).
9 Bsp.: lt. Vester et al. (2001: 145ff) beträgt die vertikale Milieudurchlässigkeit < 3%; 5% der Bevölkerung
sind vom dauerhaften sozialen Abstieg betroffen.
10
JUGEND EINE »ANNÄHERUNG«
1.2
LEBENSALTER ALS RAHMUNG
Ihrer Studie »Jugendsurvey 3« legen Gille et al. (2006) ein Verständnis von »Jugend« in
der heutigen Zeit zugrunde, das von einer Verkürzung der Kindheitsphase und einer
bildungsbedingten Ausweitung der Jugendphase ausgeht. Die in ihrer Studie befragte
Altersgruppe umfasst die Spannbreite der 12- bis 29 jährigern (vgl. ebd.:7ff), während
sich die Autoren der 15. Shell Jugendstudie vergleichsweise auf eine Alterspanne von 12
bis 25 Jahren beschränken (vgl. Schneekloth/ Leven 2006:453). Hieraus wird u.a.
deutlich, dass die Altersspanne einer »Lebensphase Jugend der heutigen Zeit«
innerhalb des wissenschaftlichen Diskurses variiert und insbesondere nach oben hin
unterschiedlich weit gefasst wird.
RECHTLICHE RAHMUNG
Eine mögliche Orientierung in Bezug auf »die Bestimmung von Jugend anhand von
Lebensjahren« ergibt sich aus den Positionen des deutschen Rechtes, in denen sich
gestaffelt nach Alter bestimmte Teilreifen von Kindern und Jugendlichen kategorisiert
ableiten lassen10. So bestimmt beispielhaft das JuSchG in § 1 Abs. 2 Personen als
Jugendliche, ,,[...] die 14, aber noch nicht 18 Jahre alt sind." (Stascheit 2005:1073),
während in ähnlicher Weise im SGB VIII § 7 Abs. 1-4 [KJHG] folgendermaßen
differenziert wird:
,,(1) Im Sinne dieses Buches ist
1.
Kind, wer noch nicht 14 Jahre alt ist, soweit nicht die Absätze 2 bis 4
etwas anderes bestimmen,
2. Jugendlicher, wer 14, aber noch nicht 18 Jahre alt ist,
3.
junger Volljähriger, wer 18, aber noch nicht 27 Jahre alt ist,
4.
junger Mensch, wer noch nicht 27 Jahre alt ist"
(Stascheit 2005:1033).
Gemessen am Strafgesetz und den rechtlich festgelegten Teilreifen11 ergibt sich die
Möglichkeit, den Jugendstrafvollzug in der Spanne vom 14. bis zum 25. Lebensjahr
anzuwenden (Bernart 2001:362).
Differenzierungen finden hierbei nach Riekenbrauk
(2004:152ff) unter Zuhilfenahme diverser Rechtsvorschriften statt:
o Nach § 19 StGB sind Personen, die noch nicht 14 Jahre alt sind, nicht
schuldfähig und folglich strafunmündig. Es wird der Terminus Kind verwandt. (vgl.
ebd.:152)
10 Entsprechende Rechtspositionen, insbesondere in Hinblick auf das Strafrecht, können hierbei in
Anlehnung an Riekenbrauk (2004:15ff) als »an gesellschaftlichen Werten und Normen orientiert« begriffen
werden.
11 Siehe Anhang 1: Tabellarische Darstellung der rechtlich festgelegte Teilreifen.
11
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