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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2008, 42 Pages
Author: Tanja Wagner
Subject: German - Pedagogy, Didactics, Literature Studies
Details
Institution/College: University of Passau
Tags: Akustischer, Einsatz, Lyrik, Deutschunterricht, Version, Oswald, Wolkenstein, Deutschunterricht, Mittelalter, Adaption, Lied, Musik, Didaktik, hörbar machen, hören, Unterrichtsmaterial, Kl 18, Lebensballade
Year: 2008
Pages: 42
Grade: 1
Bibliography: ~ 41 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-05194-1
ISBN (Book): 978-3-638-94481-6
File size: 477 KB
Kommentar von Prof. Dr. Karla Müller: "Eine ausgezeichnete Arbeit Note 1 Die Arbeit geht weit über das Niveau der üblichen Hauptseminararbeit hinaus. Sie entwickelt eigenständig und detailgenau eine anspruchsvolle, in sich schlüssige Argumentation und belegt alle Überlegungen mit Wiss. Literatur. Die Fähigkeit zu sachlicher und didaktischer Reflexion wird sehr überzeugend unter Beweis gestellt. Sprache und Formalia sind tadellos. Sehr erfreulich!"
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Abstract
Im Rahmen dieser Arbeit wird gezeigt, dass die Beschäftigung mit mittelhochdeutscher Literatur insbesondere im Zusammenhang mit den Methoden "Lyrik hören" und "Lyrik hörbar machen" durchaus fruchtbar sein kann und in der Schule ihren berechtigten Platz hat. Es wird der Frage nachgegangen, wieso Lyrik im Unterricht überhaupt akustisch präsentiert werden soll. Hierbei werden auch Ziele des Lehrplans genannt, die dadurch erreicht werden können und verschiedene Unterrichtsideen präsentiert. Daraufhin wird begründet, warum sich dabei der Einsatz von mittelalterlichen Gedichten ganz besonders anbietet - insbesondere die Affinität zwischen mittelalterlicher Dichtung und moderner Musik wird hier verdeutlicht. Anschließend wird ein konkreter Unterrichtsvorschlag für die Oberstufe am Gymnasium vorgestellt. Dabei wird in der Sachanalyse zunächst geklärt, worum es sich bei Gedichten überhaupt handelt. Als Beispiele werden dann der Text „Es fuegt sich“ (auch "Lebensballade" oder "Kl18" gemäß der Edition von Klein genannt) von Oswald von Wolkenstein (~1377-1455) und eine moderne Adaption dieses Liedes von der Band No Trouble At All untersucht. An die fachwissenschaftliche Analyse der mittelhochdeutschen und der neuen Fassung schließen sich eine didaktische Untersuchung des Gegenstandes sowie eine Lernzielanalyse an. Die pädagogisch-psychologische Einschätzung der Schüler der 13. Klasse und das Erläutern einer Unterrichtsskizze sowie des erarbeiteten Arbeitsmaterials zusammen mit weiteren Ideen runden den Unterrichtsvorschlag ab. Zum Schluss wird noch einmal zusammenfassend aufgezeigt, dass die mittelalterlichen Texte und Stoffe in der Schule durchaus nützlich sind und aufgrund der Wahlmöglichkeiten, die der Lehrplan bietet, häufiger als nur in der siebten Jahrgangsstufe, wie im G8 vorgesehen, eingesetzt werden können. Neben einem ausführlichen Literaturverzeichnis befinden sich im Anhang der Arbeit beide Primärtexte sowie alle für die Umsetzung des Unterrichtsvorschlags notwendigen Materialien.
Excerpt (computer-generated)
Philosophische Fakultät
Lehrstuhl für Didaktik der deutschen Sprache und Lite-
ratur
HAUSARBEIT
Akustischer Einsatz mittelalterlicher
Lyrik im Deutschunterricht
am Beispiel der modernen Version
eines Lieds von Oswald von
Wolkenstein
zum
Hauptseminar
,,Mittelalterliche Texte und Stoffe im Deutschuntericht"
Sommersemester 2007
abgegeben von:
Name:
Wagner
Vorname: Tanja
Studiengang:
Lehramt an Gymnasien
Fächer:
Deutsch,
Geschichte
7.
Fachsemester
Inhaltsverzeichnis
1. MITTELALTERLICHE TEXTE UND STOFFE IM UNTERRICHT
1
1.1. MITTELALTERLICHE LITERATUR IM LEHRPLAN DES GYMNASIUMS
1
1.2. ZIELE DER ARBEIT
2
2. LYRIK HÖREN UND HÖRBAR MACHEN
3
2.1. LYRIK HÖREN
3
2.2. LYRIK HÖRBAR MACHEN
5
2.3. WIESO GERADE MITTELHOCHDEUTSCHE LYRIK?
7
3. UNTERRICHTSVORSCHLAG
10
3.1. FACHWISSENSCHAFTLICHE ANALYSE 10
3.1.1. DEFINITION UND FUNKTIONEN VON GEDICHTEN 10
3.1.2. OSWALD VON WOLKENSTEIN: ,,ES FUEGT SICH" 10
3.1.3. DIE ADAPTION VON ,,ES FUEGT SICH" DURCH NO TROUBLE AT ALL 15
3.2. DIDAKTISCHE ANALYSE DER TEXTE 21
3.3. LERNZIELANALYSE 23
3.4. PÄDAGOGISCH-PSYCHOLOGISCHE EINSCHÄTZUNG 24
3.5. UNTERRICHTSPLAN 25
3.6. WEITERFÜHRENDE UNTERRICHTSVORSCHLÄGE 26
4. SCHLUSSBEMERKUNGEN
28
LITERATUR- UND MEDIENVERZEICHNIS
29
GEDRUCKTE LITERATUR 29
ONLINE-RESSOURCEN UND HÖRMEDIEN 31
BILDNACHWEISE 32
ANHANG
33
ANLAGE 1: OSWALD VON WOLKENSTEIN: ,,ES FUEGT SICH" 34
ANLAGE 2: NO TROUBLE AT ALL: ,,ES FUGT SICH" 36
ANLAGE 3: UNTERRICHTSSKIZZE 37
ANLAGE 4: ARBEITSBLATT 1 38
ANLAGE 5: ARBEITSBLATT 2 39
1. Mittelalterliche Texte und Stoffe im Unterricht
1.1. MITTELALTERLICHE LITERATUR IM LEHRPLAN DES GYMNASIUMS
,,Das Mittelalter ist eine höchst bedeutsame Epoche in unserer (deutschen und europäischen)
Kultur- und Literaturgeschichte."1 so lautet der erste Satz der Erläuterungen zum Hauptsemi-
nar ,,Mittelalterliche Texte und Stoffe im Unterricht". Dass das Mittelalter im gegenwärtigen
Kulturleben tatsächlich präsent ist, zeigen nicht nur die vielen Ausstellungen mit mittelalterli-
chen Themen, sondern auch die zahlreichen mittelalterlichen Stadtfeste und Märkte sowie Mu-
siker, Handwerker und Händler, die bei solchen Festivitäten inszenieren, was sie für mittelalter-
liches Leben halten.2 Das rege Mittelalterinteresse drückt sich auch in literarischen Verarbei-
tungen mittelalterlicher Stoffe durch zeitgenössische Autoren aus.3 Neben der so vermittelten
Kulturtradition ist aber die Literatur des Mittelalters selbst ,,integraler Bestandteil der deutschen
Literaturgeschichte."4 Doch dieser hohe Stellenwert des Mittelalters und seiner Literatur außer-
halb der Schule findet in den Lehrplänen keine Resonanz, selbst am Gymnasium nicht. Für das
Gymnasium in Bayern gelten derzeit zwei verschiedene Lehrpläne. Die zehnte Klasse sowie die
Oberstufe werden noch nach dem auslaufenden G9-Lehrplan unterrichtet, für die fünfte bis
neunte Jahrgangsstufe gilt bereits der G8-Lehrplan.5 Der neue Lehrplan sieht nur in der siebten
Klasse die Beschäftigung mit mittelalterlicher Literatur im Fach Deutsch vor: ,,Vertrautwerden
mit Stoffen des Mittelalters [--> G 7.1], auch in jugendgemäßer Bearbeitung: Lesen und Verste-
hen ausgewählter Texte, z. B. zu den Themen Erziehung, Frau, Heldentum, Liebe"6. Im G9-
Lehrplan war auch in der achten Klasse die Beschäftigung mit der Literatur des Mittelalters
angedacht und Bereiche daraus wurden sogar zum Grundwissen gezählt.7 Der G9-Lehrplan
fordert des Weiteren explizit im Grundkurs der 13. Jahrgangsstufe (hier momentan ja noch gül-
tig) ,,Lyrik im Epochen- und Motivvergleich vom Mittelalter bis zur Gegenwart"8 bzw. im Leis-
tungskurs ,,Lyrik in Epochen- und Motivvergleichen vom Mittelalter über Barock und Neuzeit
bis zur Gegenwart"9 zu behandeln sowie den ,,Parzival" als Ganzschrift zu lesen, wohingegen
im momentanen Lehrplanentwurf für die Oberstufe des G8 die mittelalterliche Literatur keine
Erwähnung mehr findet.10
1 Erläuterungen zu den Lehrveranstaltungen im Sommersemester 2007 (Online-Ressource, im Folgenden
abgekürzt als OR), 33.
2 Vgl. Jentzsch (1998), 3.
3 Vgl. Karg (1998), 10.
4 Kern (2001), 29.
5 Vgl. Lehrplanverzeichnis (OR), 1, 6.
6 Lehrplan G8, Jahrgangsstufe 7 (OR).
7 Vgl. Lehrplan G9, Deutsch (OR), 22/323.
8 ebenda, 49/350.
9 ebenda, 58/359.
10 Vgl. Lehrplan G8, Seminarstufe (OR).
© Tanja Wagner
1
1.2. ZIELE DER ARBEIT
Dass die Beschäftigung mit mittelhochdeutscher Literatur aber durchaus fruchtbar sein kann
und in der Schule ihren berechtigten Platz hat, soll im Rahmen dieser Hausarbeit insbesondere
im Zusammenhang mit den Methoden ,,Lyrik hören" und ,,Lyrik hörbar machen"11 gezeigt wer-
den. Es wird der Frage nachgegangen, wieso Lyrik im Unterricht überhaupt akustisch präsen-
tiert werden soll. Hierbei werden auch Ziele des Lehrplans genannt, die dadurch erreicht werden
können und verschiedene Unterrichtsideen präsentiert. Daraufhin wird begründet, warum sich
dabei der Einsatz von mittelalterlichen Gedichten ganz besonders anbietet. Anschließend wird
ein konkreter Unterrichtsvorschlag für die Oberstufe am Gymnasium vorgestellt. Dabei wird in
der Sachanalyse zunächst geklärt, worum es sich bei Gedichten überhaupt handelt. Als Beispiele
werden dann der Text ,,Es fuegt sich" von Oswald von Wolkenstein und eine moderne Adaption
dieses Liedes vorgestellt. An die fachwissenschaftliche Analyse der mittelhochdeutschen und
der neuen Fassung schließen sich eine didaktische Untersuchung des Gegenstandes sowie eine
Lernzielanalyse an. Die pädagogisch-psychologische Einschätzung der Schüler12 der 13. Klasse
und das Erläutern einer Unterrichtsskizze sowie des erarbeiteten Arbeitsmaterials zusammen mit
weiteren Ideen runden den Unterrichtsvorschlag ab. Zum Schluss wird noch einmal zusammen-
fassend aufgezeigt, dass die mittelalterlichen Texte und Stoffe in der Schule durchaus nützlich
sind und aufgrund der Wahlmöglichkeiten, die der Lehrplan bietet, häufiger als nur in der sieb-
ten Jahrgangsstufe, wie im G8 vorgesehen, eingesetzt werden können.
11 Ich beziehe mich dabei insbesondere auf die Ausführungen von Müller (2004), 6-13.
12 Der Kürze und Lesbarkeit halber ist im Text von ,,Lehrern" und ,,Schülern" die Rede. Dass das Kolle-
gium eines Gymnasiums in der Regel aus Frauen und Männern, die Schülerschaft aus Mädchen und Jun-
gen besteht, wurde überall mit bedacht.
© Tanja Wagner
2
2. Lyrik hören und hörbar machen
2.1. LYRIK HÖREN
Literatur mit den Ohren aufzunehmen, hat viele Vorteile. Beispielsweise ist durch das Vortragen
von Texten oder Vorspielen einer Aufnahme die Faszination der menschlichen Stimme nutzbar,
die sog. ,,Magie der Sprache". Hören kann des Weiteren leichter sein als Lesen. Denn wenn ein
Text akustisch eingespielt wird, können Stimmführung, Untermalung mit Musik und/oder Ge-
räuschen sowie ein Vortrag mit verteilten Rollen das Verständnis erleichtern. So ist es möglich,
Schüler, die nicht gerne lesen, vermehrt einzubeziehen. Gerade bei diesen kann dadurch auch
Freude an literarischen Texten geweckt werden. Wenn etwas leichter verstanden wird, kann eine
größere Aufgeschlossenheit für das Thema des Unterrichts erreicht werden; das ist umso nöti-
ger, je fremder den Schülern der Stoff ist. Insbesondere die Untermalung mit Musik und Geräu-
schen kann eine Atmosphäre schaffen, die den Zugang zum Inhalt erleichtert. Dies regt den
Zuhörer zu kognitiver und motivationaler Aktivität an, d. h. er stellt sich Fragen, z. B. ob Vor-
trag und Prosodie stimmig sind. Der Zuhörer ist aufgefordert, Sinnzusammenhänge zu kon-
struieren und das Langzeitgedächtnis hierfür zu bemühen. Nicht zuletzt sei noch darauf verwie-
sen, dass bereits die ursprüngliche Wortbedeutung von ,,Lyrik" als ,,Zur Leier-Begleitung Ge-
sungenes"13 geradezu einen akustischen Einsatz von Lyrik im Unterricht fordert und die Schüler
aus ihrer Lebenswelt den gesungenen Gedichtvortrag bestens kennen, weil sich auch die meis-
ten modernen Lieder reimen und häufig über weitere Spezifika eines lyrischen Textes verfügen.
Mit der Arbeit an akustisch präsentierter Lyrik kann auch Schülern entgegen gekommen wer-
den, die auditive Lerntypen sind.
Damit diese Chancen, die das Hören von Lyrik bietet, optimal genutzt werden können, ist auf
die Qualität des Hörmediums zu achten, insbesondere auf die für das Verständnis geleisteten
Hilfestellungen. Geräusche dienen nur dann als Verständnishilfe, wenn sie den Schülern be-
kannt sind. Der Klang unbekannter Musikinstrumente kann ebenfalls leicht zu nicht gewollter
Verwirrung führen. Hören ist unter Umständen anstrengender und ermüdender als Lesen, weil
ständig der Laut- und Redefluss des/der Vortragenden vom Zuhörer segmentiert werden muss.
Besonders schwierig ist das, wenn viele unbekannte Wörter im Text vorkommen. Deshalb ist
die Rezeptionsfähigkeit der Schüler im Verhältnis zur geforderten Zuhördauer sowie zur Vor-
tragsgeschwindigkeit zu beachten. Außerdem muss man sich darüber im Klaren sein, dass das
Präsentieren eines Textes als Hörmedium den Schülern evtl. die Möglichkeit nimmt, im eigenen
Tempo zu lesen, einzelne Textpassagen mehrmals zu lesen und Tonfall sowie Akzentuierung
des Textvortrags selbst, nach der eigenen Interpretation des Textes, zu bestimmen.
13 Hassenstein (1998), 625.
© Tanja Wagner
3
Die momentan gültigen Lehrpläne für das Gymnasium kennen mehrere Ziele, die direkt oder
indirekt mit dem Hören zusammenhängen und die durch den akustischen Einsatz von Lyrik
erreicht werden können. Schon im Fachprofil Deutsch wird im G8-Lehrplan festgeschrieben,
dass die Schüler im Rahmen des Deutschunterrichts begreifen sollen,
,,dass mündliche Kommunikation das bewusste und konzentrierte Zuhören ebenso erfordert wie
das Einhalten von Regeln. Vorlesen, Vortragen und Gestalten sind besonders geeignet, Sprachbe-
wusstsein zu erzeugen, die Bedeutung und Wirkung von Sprache erfahrbar zu machen, Imaginati-
onsfähigkeit auszubilden sowie die inhaltliche und motivliche wie die sprachlich-ästhetische
Qualität von Literatur zu erfassen. 14
"
Im Rahmen der Hörerziehung kann durch den akustischen Einsatz von Lyrik die Fähigkeit, ak-
tiv, selektiv und sinnkonstituierend akustische Reize wahrzunehmen, geschult werden. Gerade
auch die Imaginationsfähigkeit wird dadurch gefördert, weil Hören andere Bilder im Kopf ent-
stehen lässt als Lesen. So können sich Lesen und Hören gegenseitig positiv bedingen. Das gilt
insbesondere, wenn die Schüler sich mit dem Verhältnis von vorgelesener und selbst gelesener
Literatur auseinandersetzen und/oder selbst gesprochene Literatur produzieren (vgl. Punkt 2.2.).
Weiter heißt es im Fachprofil, dass Aufgeschlossenheit für Literatur bei den Schülern erreicht
werden soll. Da der Zugang über Hören oft einfacher ist, bietet sich hierfür ebenfalls der akusti-
sche Einsatz von Lyrik an. Im G8 gehört es außerdem bereits in der Unterstufe zum Grundwis-
sen, dass die Schüler Gehörtes mündlich wiedergeben können sollen. Folglich empfiehlt es sich,
auch hier die erste Begegnung mit einem lyrischen Text rein akustisch ablaufen zu lassen. In der
10. Jahrgangsstufe des G8 ist des Weiteren im aktuellen Lehrplanentwurf vorgesehen, dass das
Zuhören geschult werden soll. Die Schüler sollen über das Gehörte Rückmeldungen geben,
dazu einen Fragenkatalog entwickeln sowie gezielt und differenziert Fragen stellen. Daneben
wird durch den akustischen Einsatz von Lyrik allgemein ein Einblick in die Klangqualität von
Sprache geleistet, was zur ästhetischen Bildung beitragen kann, die bereits im Vorwort des G8-
Lehrplans proklamiert wird:
,,Die ästhetische Bildung, die das Gymnasium vermittelt, ermöglicht es den Heranwachsenden,
durch differenziertes Wahrnehmen, Erleben und Gestalten Zugänge zu künstlerischen Leistungen
zu entwickeln, die das Leben und die eigene Persönlichkeit bereichern. Sie hilft den jungen Men-
schen auch, sich der Bedeutung von Stil und Form für die persönliche Lebensgestaltung bewusst
zu werden."15
Letztendlich sollten die Schüler bei der Untersuchung von gehörter Lyrik also stets auch befä-
higt werden, die gehörte(n) Version(en) zu bewerten und ihre Bewertung möglichst rational zu
begründen (obwohl v. a. Musik immer auch subjektive Geschmacksfrage bleiben wird). Je viel-
fältiger das Angebot an Hörfassungen ist, desto mehr wird den Schülern klar, dass sich das Ver-
14 Lehrplan G8, Fachprofil Deutsch (OR).
15 Lehrplan G8, Vorbemerkungen (OR).
© Tanja Wagner
4
ständnis und die Interpretation eines Textes in dessen akustischer Umsetzung manifestieren16
und dass lyrische Gedichte sehr vieldeutig sind. Mit dieser Vieldeutigkeit muss der Schüler
umzugehen lernen.17
Wie nun Lyrik konkret akustisch im Unterricht eingesetzt wird, hängt von den gewählten Zie-
len, der Klassensituation und vielem mehr ab. Man kann z. B. verschiedene Ebenen untersu-
chen, darunter Darstellung und Inhalt. Des Weiteren kann auch die Ebene der beim Publikum
angestrebten Wirkung unter die Lupe genommen werden, also was wohl die Intention des Au-
tors bzw. des Interpreten war und wie das Stück auf einen selbst wirkt. Außerdem bietet es sich
an, die Ebene der Gegenstandsangemessenheit der akustischen Umsetzung zu analysieren: Ist
die Musik dem Inhalt/Thema angemessen? Lyrik im Unterricht als gehörtes Medium einzuset-
zen, ist in verschiedenen Sozialformen realisierbar. Der Lehrer kann das Abspielen der Auf-
nahme zentral gestalten, beispielsweise indem er eine CD oder Kassette in einen tragbaren CD-
oder Kassettenspieler einlegt. Wenn die Schule über ein Sprachlabor verfügt, kann das Hören
der Aufnahme auch dort erfolgen, entweder mit oder ohne Kopfhörer. Es besteht auch die Mög-
lichkeit, das Hören des Stückes bzw. der Stücke als Einzel- oder Stationenarbeit am Computer
mit Kopfhörern per Powerpoint-Präsentation oder Lernsoftware zu konzipieren. Hierdurch kann
der Nachteil ausgeglichen werden, dass die Schüler beim Vorspielen eines Liedes von Kassette
oder CD durch den Lehrer nicht ihrem eigenen Zuhör- und Verständnistempo folgen können. So
ist es möglich, bestimmte Stellen ein zweites Mal zu hören und Pausen zu machen. Speziell
durch die Kopfhörer werden alle anderen Geräusche der Umwelt, die störend auf die Rezeption
wirken könnten, ausgespart. Folglich kann man sich besser auf das Gehörte konzentrieren und
das Rezeptionsvermögen steigt.
2.2. LYRIK HÖRBAR MACHEN
Lyrik kann von Schülern nicht nur durch vorgefertigte Aufnahmen hörend rezipiert werden,
sondern sie können solche auch selbst produzieren. So kann die Neigung speziell junger Men-
schen genutzt und gefördert werden, mit Sprache zu experimentieren. Wenn Schüler versuchen,
sich selbst lyrisch zu artikulieren, können sie erfahren, wie sich Kreativität gerade innerhalb
vorgegebener Regeln entfalten kann. Strophen vorzutragen, lässt die Schüler erkennen, dass sich
die Interpretation eines Textes in dessen akustischer Umsetzung äußert und dass eine bestimmte
Vortragsweise gewisse Annahmen und Wirkungen im Publikum zur Folge hat. Das Ausspre-
chen eines Textes fördert des Weiteren das Fremdverstehen und die Empathiefähigkeit. Außer-
dem regt schon allein das Entwickeln von Ideen für eine akustische Umsetzung eines lyrischen
Textes die Imaginationsfähigkeit stark an. Lyrik hörbar zu machen kann auch bedeuten, einen
16 Jede Vertonung eines Gedichts bedeutet bereits Interpretation und ist mit Problemen behaftet, z. B.
wenn der musikalische Rhythmus nicht identisch ist mit dem sprachlichen Rhythmus oder dem Vers-
schema. Vgl. Schäfer (1987), 205, 208.
17 Vgl. hierzu auch die Lernziele, die Hassenstein (1998), 639, allgemein für den Lyrikunterricht aufstellt.
© Tanja Wagner
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