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Eine Darstellung der Figur Wilhelm Tell von Schiller - Mythos vom Held der Freiheit

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 23 Pages
Author: Norman Hanisch
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2006
Pages: 23
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 16  Entries
Language: German
Archive No.: V91809
ISBN (E-book): 978-3-638-05712-7

File size: 100 KB

Abstract

Katharina Mommsen, Goetheforscherin an der Deutschen Akademie der Wissenschaften in Berlin, erinnert sich wie folgt an ihre Schweizer Schulzeit in den fünfziger Jahren „Die heutige Wissenschaft ist, beeindruckt von den Forschungen Karl Meyers, zum Schluss gekommen, die Existenz Wilhelm Tells als eine wahrscheinliche Möglichkeit zu betrachten“ Dieser Lehrsatz, der den damaligen Schülern bei der Behandlung von Schillers Tellstück vordiktiert wurde, ist beispielhaft für den Schweizer Umgang mit ihrem Ursprungsmythos. Jede historische Auseinandersetzung, die Zweifel an der Existenz des Nationalhelden aufkommen lässt, stößt bei den Eidgenossen auf Widerspruch. So glauben nach einer Umfrage der Schweizer Coopzeitung auch heute noch 60% der Schweizer an ihren historischen Landsmann Tell und man wird es nicht müde, wissenschaftlichen Zweifeln mit Schriften zu begegnen, die den selben Tenor wie das Buch vom Schweizer Claudio Schärer inne haben: Und es gab Tell doch. Neue Forschungsergebnisse zur Gründungsgeschichte der Eidgenossenschaft (Luzern: Harlekin 1986). Tatsächlich ist die seriöse Wissenschaft jedoch zu dem Schluss gekommen, dass Wilhelm Tell als eine historische Person nicht nachweisbar ist, was jedoch nicht immer der Fall war. Im Weißen Buch zu Sarnen (1470), eine der ältesten und umfassendsten Landesschroniken der Schweiz, oder etwa in Aegidius Tschudis Chronicon Helveticum (16. Jahrhundert) wird die Geschichte Wilhelm Tells als historische Realität geschildert. Beide Bücher dienten Schiller als primäre Quellen seines Studiums der Schweizer Geschichte. Sie spiegeln einen Trend zur Realperson Wilhelm Tell wieder, der bis ins 18. Jahrhundert hineinreichte, bevor erstmals historische Kritik am Mythos kratzte. So stellt Schneller 1834 in seinen wissenschaftlichen Recherchen bereits fest, ,, das sich sein (W. Tell’s) Name in keinem Archiv der vier Urkantone finden ließ“. Zwar stößt Joseph Eutych Kopp bei „Dokumentenforschungen 1845 doch auf den Namen Tell im Urner Kirchenbuch (...), zögert aber nicht, diese Eintragung als Fälschung zu klassifizieren“. [...]


Excerpt (computer-generated)

Universität Mannheim

Lehrstuhl für neuere deutsche Literaturwissenschaft

Hauptseminar:

Aktuelle Inszenierungen am Mannheimer Nationaltheater

WS 2005/2006

Schillers Wilhelm Tell :

Mythos vom Held der Freiheit

Norman Hanisch

Germanistik / Politik (LA)


Inhalt

1. Die historische Person

Wilhelm Tell

3

2. Schiller als Sänger des Tell für die Schweiz 6

3.

Dichter der Freiheit

und Tell als Symbol der Freiheit 9

4. Tells Entwicklung zum Held in Schillers Drama 13

5. Umwertung der Werte in der Tellfigur 18

6. Literaturverzeichnis: 21

2


1. Die historische Person Wilhelm Tell

Katharina Mommsen, Goetheforscherin an der Deutschen Akademie der Wissenschaften in

Berlin, erinnert sich wie folgt an ihre Schweizer Schulzeit in den fünfziger Jahren:

,,Die heutige Wissenschaft ist, beeindruckt von den Forschungen Karl Meyers, zum Schluss

gekommen, die Existenz

Wilhelm Tells

als eine wahrscheinliche Möglichkeit zu betrachten"1

Dieser Lehrsatz, der den damaligen Schülern bei der Behandlung von Schillers Tellstück

vordiktiert wurde, ist beispielhaft für den Schweizer Umgang mit ihrem Ursprungsmythos.

Jede historische Auseinandersetzung, die Zweifel an der Existenz des Nationalhelden

aufkommen lässt, stößt bei den Eidgenossen auf Widerspruch. So glauben nach einer

Umfrage der Schweizer Coopzeitung2 auch heute noch 60% der Schweizer an ihren

historischen Landsmann Tell und man wird es nicht müde, wissenschaftlichen Zweifeln mit

Schriften zu begegnen, die den selben Tenor wie das Buch vom Schweizer Claudio Schärer

inne haben:

Und es gab Tell doch. Neue Forschungsergebnisse zur Gründungsgeschichte der

Eidgenossenschaft

(Luzern: Harlekin 1986).

Tatsächlich ist die seriöse Wissenschaft jedoch zu dem Schluss gekommen, dass Wilhelm

Tell als eine historische Person nicht nachweisbar ist, was jedoch nicht immer der Fall war.

Im

Weißen Buch zu Sarnen

(1470), eine der ältesten und umfassendsten Landesschroniken der

Schweiz, oder etwa in Aegidius Tschudis

Chronicon Helveticum

(16. Jahrhundert)

wird die

Geschichte Wilhelm Tells als historische Realität geschildert. Beide Bücher dienten Schiller

als primäre Quellen seines Studiums der Schweizer Geschichte. Sie spiegeln einen Trend zur

Realperson Wilhelm Tell wieder, der bis ins 18. Jahrhundert hineinreichte, bevor erstmals

historische Kritik am Mythos kratzte. So stellt Schneller 1834 in seinen wissenschaftlichen

Recherchen bereits fest, ,, das sich sein (W. Tell′s) Name in keinem Archiv der vier

Urkantone finden ließ".3 Zwar stößt Joseph Eutych Kopp bei

,, Dokumentenforschungen 1845 doch auf den Namen Tell im Urner Kirchenbuch (...), zögert

aber nicht, diese Eintragung als Fälschung zu klassifizieren".4

Am treffendsten zu dieser Debatte erscheint mir das Urteil des Baslers Johann Heinrich

Gelzer (

Schweizergeschichte

), dass bei Friedrich Oberkogler (S.21) wie folgt wiedergegeben

wird:

1 Piatti, S.114.

2 Compagno, S.90.

3 Oberkogler, S.20.

4 Oberkogler, S.21.

3


,,Alle die Ereignisse, die uns von Tell erzählt werden, spielen ins Unwirkliche und

Wunderbare hinein. Und wenn der Apfelschuss sich tatsächlich so vollzogen hätte, dann wäre

Geßler ein Ungeheuer und Tell ein Wahnsinniger gewesen.

Alle die Taten Tells, der glückliche Schuss, die Rettung Baumgartens, der Sprung vom

Geßlerschiff, sowie die ungefährdete Tötung des Tyrannen, sie trügen unzweifelhaft Züge des

Unwirklichen und Sagenhaften."

Gelzer vermutet, dass vielleicht ,,Vorfälle", die ursprünglich gar nicht zusammengehörten, die

sich vielmehr zu verschiedenen Zeiten und an anderen Orten ereignet hätten, hier ,,in ein

einziges frappentes Gemälde zusammengereimt wurden".

So berichtet zum Beispiel der dänische Geschichtsschreiber Saxo Grammaticus bereits um

das Jahr 1200 ,,von einem Kriegsmann Toko (Tocho), einem berühmten Gothen, der als

Schütze sein Ziel nie verfehlte und der auf Geheiß des Königs Heraldo, dem diese

Meisterschaft kundgetan wurde, einen Apfel von dem Haupte seines Sohnes schoss "5.

Wie Wilhelm Tell hielt auch der dänische Schütze einen zweiten Pfeil bereit, der im Falle des

Misslingens seinem Herrscher zugedacht war. Jedoch ist der Tell damit kein dänisches

Märchen, denn der Apfelschuss lässt sich auch bei der Wieland-Sage (Eigils Schuss) sowie

bei Finnen, Byzantinern und sogar bei schottischen Balladendichtern des 13. Jahrhunderts

finden 6. Grund für die Beliebtheit der Apfelschusslegende war dabei auch die Tatsache, dass

,,sie sich durch das Motiv des Tyrannenmords leicht mit revolutionären historischen

Ereignissen verknüpfen ließ."7 Es handelt sich also um eine sogenannte

Wandersage

, ,,deren

Motive sich dann aber jeweils lokalen Gegebenheiten anpassen"8, die ihren Weg in die

Schweiz fand, und dort vom Meisterschützen Toko zum Lokalheld, den Thall oder Tell wird.

Mag die historische Existenz eines Wilhelm Tell vor und nach Schiller auch häufig Fragen

und Zweifel aufgeworfen haben, so bleibt jedoch eines außer Frage: der von Schiller

geschaffene, alle Zeiten überdauernde Mythos von Wilhelm Tell als Held der Freiheit.

Kein anderes seiner Stücke diente öfters als Vorlage und Leitbild der Geschichte und wird

heute noch, auch außerhalb der Schweiz, in Schulen und Universitäten unter diesem

Gesichtspunkt behandelt. Eine Entwicklung die bereits beim Erscheinen des Stückes

abzusehen war, denn Schiller war sich der beabsichtigten Wirkung des Stückes durchaus

bewusst, wie sich im Folgenden noch zeigen wird.

5 Oberkogler, S.24.

6 Frenzel. Stoffe der Weltliteratur. S.737.

7 Frenzel. Stoffe der Weltliteratur. S.737.

8 Schweikle, S.406.

4


,,Der

Tell

ist ein solches Volksstück, wie Sie es wünschen..."9 schreibt Friedrich Schiller am

5. August 1803 an den Berliner Theaterdirektor August Wilhelm Iffland. Damals konnte wohl

noch niemand ahnen, dass dieses Volksstück zwei Begriffe prägen würde, die auch nach 200

Jahren noch Hand in Hand mit dem Namen Friedrich Schiller erwähnt werden:

Sänger des Tell

und

Dichter der Freiheit

Dies zeigt, dass von den vielen bemerkenswerten Aspekten des Dramas, z.B. der gekonnten

Verflechtung dreier anspruchsvoller Handlungsstränge, der als nahezu perfekt geltenden

Dramenkomposition, oder der vielseitigen moralischen und philosophischen Ansätze vor

allem ein Thema für die fortwährende Bedeutung des Stückes ausschlaggebend ist.

Denn neben der höfischen Ebene (Rudenz / Berta-Handlung) und dem sagenumwobenen

Rütlibund war es vor allem das Geschehen um Wilhelm Tell, das nicht nur Schillers

Gedanken, sondern die vieler freiheitsliebender Menschen jener Zeit beflügelte.

,,Wenn Tell und seine Familie nicht der interessanteste Gegenstand im Stücke sind und

bleiben, wenn man auf etwas anderes begieriger sein könnte als auf ihn, so wäre die Absicht

des Werkes sehr verfehlt worden."(Schiller)10

Dem legendären Stoff um den Meisterschützen Wilhelm Tell, seinem berüchtigten

Apfelschuss und dem Tyrannenmord galt die eigentliche Faszination Schillers. So dienten

ihm nach eigenen Aussagen die beiden anderen Handlungsstränge vielmehr nur zur

Vervollkommnung seines Volksstückes.

Das eigentliche Kernstück des Dramas und seines überdauernden Mythos bildet also die Sage

des Helden Tell. In dieser Arbeit soll sie untersucht werden und eine Antwort auf die Frage

gefunden werden, welche Aspekte Schillers Figur des Wilhelm Tell zum Freiheitshelden

werden ließen.

Nachdem bereits gezeigt wurde, wie die Sage vom Meisterschützen ihren Weg in die Schweiz

gefunden hat und welchen Stellenwert sie dort besitzt, soll zunächst Tells Bedeutung als

Lokalheld untersucht werden.

Darauf aufbauend soll sein Bedeutungshorizont über die Schweiz hinaus ergründet werden,

vor allem in Bezug auf sein gedankliches Wirken, welches im Anschluss anhand von

Schillers Text ausgearbeitet werden soll. Dadurch soll aufgezeigt werden, warum der Tell aus

9 Schiller an Iffland. Lecke, S. 497.

10 Oberkogler, S.114.

5



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