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Debatten über Ehe, Sexualität und Weiblichkeit - Der Moderne Durchbruch in Skandinavien und sein Widerhall in Amalie Skrams "Constance Ring"

Hauptseminararbeit, 2008, 25 Seiten
Autor: Patricia Patkovszky
Fach: Skandinavistik

Details

Veranstaltung: HS Skandinavisch-deutsche Literaturbeziehungen in der Erzählkunst um die Jahrhundertwende
Institution/Hochschule: Humboldt-Universität zu Berlin (Nordeuropa-Institut)
Tags: Debatten, Sexualität, Weiblichkeit, Moderne, Durchbruch, Skandinavien, Widerhall, Amalie, Skrams, Constance, Ring, Skandinavisch-deutsche, Literaturbeziehungen, Erzählkunst, Jahrhundertwende
Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2008
Seiten: 25
Note: 2,0
Literaturverzeichnis: ~ 25  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V91982
ISBN (E-Book): 978-3-638-05362-4
ISBN (Buch): 978-3-638-94597-4
Dateigröße: 205 KB

Zusammenfassung / Abstract

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelten sich in Skandinavien die Grundlagen für die heutige Frauenemanzipation. Wegbegleitend zum europaweit einsetzenden Aufschwung mit Industrialisierung und Technisierung der einzelnen Gesellschaften, änderte sich auch das traditionelle Bild von Frau und Familie. In diesem Zeitraum des gesellschaftlichen Umbruchs kam auch eine neue literarische Epoche zum Tragen, die bereit war, die kulturellen, sozialen und politischen Veränderungen aufzunehmen und umzusetzen: der Moderne Durchbruch. Kritischer Realismus und Naturalismus setzten sich als Hauptrichtungen der bürgerlichen Literatur durch, und Brandes Forderung nach einer 'aktuellen Problemdebatte' und 'aristokratischem Radikalismus' ermöglichte eine Orientierung der Schriftsteller auf Probleme der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft. Ein weiterer Programmpunkt der Epoche des Modernen Durchbruchs und eine der intensivst geführten Debatten der Zeit war die sogenannte 'Frauenfrage', und die Selbstbefreiung und Selbstverwirklichung von Frauen aus bedrückenden Lebensumständen und Klassenschranken, die nicht ihren Vorstellungen von der Würde des Menschen entsprachen. Daraus entstanden Diskussionen über die gesellschaftlich sanktionierte Doppelmoral und die Forderung nach vor- und außerehelicher sexueller Enthaltsamkeit auch für das männliche Geschlecht, welche sich schließlich 1883 mit dem Schauspiel "En Hanske" des Dramatikers Bjørnstjerne Bjørnson endgültig zu einer 'Sittlichkeitsdebatte' in der skandinavischen Öffentlichkeit entwickeln sollte. Viele weibliche Autorinnen griffen diese Debatten der Sittlichkeitsfehde in ihren Werken auf und trugen somit zu einer kritischen Bewusstmachung der Geschlechterpolitik bei. Zu diesen Autorinnen zählte auch Amalie Skram, die in ihren Eheromanen aber nicht nur die mangelnden Rechte der Frauen in den Vordergrund stellte, sondern auch deren Wunsch nach erfüllter Erotik und Sexualität, sowie nach einem selbstbestimmten Leben. Die Frage, die sich jedoch stellt, und die in dieser Arbeit behandelt werden soll, ist, inwiefern Skrams "Constance Ring" ein Beitrag zur geführten Sittlichkeitsdebatte in Skandiniavien ist, und wie diese im Werk behandelt wird. Wie werden wichtige Diskussionsthemen wie die weibliche Sexualität, die Ehe als bürgerliche Institution und Frauen und Arbeit thematisiert, und wie spiegeln sich in ihnen die damaligen gesellschaftlich geführten Debatten wider?


Textauszug (computergeneriert)

Humboldt Universität zu Berlin

Nordeuropa-Institut

Debatten über Ehe, Sexualität und

Weiblichkeit

Der Moderne Durchbruch in Skandinavien und sein

Widerhall in Amalie Skrams Constance Ring

1. Mai 2008

vorgelgt von

Patricia Patkovszky


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

3

1.1 Aktuelle Forschungsdebatten und Methodik .

5

2 Eine radikale Kritik an der bürgerlichen Ehe: Amalie Skrams Con-

stance Ring

7

2.1 Die bürgerliche Ehe als Institution .

8

2.2 Geld, Sexualität und Prostitution 12

2.3 Frauen und Arbeit 17

3 Schlussbetrachtung

20

Literaturverzeichnis

23

2


1 Einleitung

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelten sich in Skandinavien die

Grundlagen für die heutige Frauenemanzipation. Wegbegleitend zum europaweit ein-

setzenden Aufschwung mit Industrialisierung und Technisierung der einzelnen Gesell-

schaften, änderte sich auch das traditionelle Bild von Frau und Familie. Die einstigen

Groÿfamilien entwickelten sich zu bürgerlichen Kernfamilien, und dadurch wurde die

bis dato traditionelle Frauenarbeit in Heim und Hof vielfach überüssig. (Engelstad,

1992, 19/20) Dies bedeutete aber auch eine existenzielle Krise für viele Frauen, da

sie nun nach neuen Betätigungsfeldern und Lebensaufgaben suchen mussten, oder wie

Pil Dahlerup diese Sinnsuche treend beschrieb: Hvad vil det egentlig sige at være

kvinde? Hvad skal samfundet egentlig med kvinder? (Dahlerup, 1975, 37).

In diesem Zeitraum des gesellschaftlichen Umbruchs kam auch eine neue literarische

Epoche zum Tragen, die bereit war, die kulturellen, sozialen und politischen Verän-

derungen aufzunehmen und umzusetzen: der Moderne Durchbruch. Jens Peter Jacob-

sen, Henrik Ibsen und Georg Brandes waren Vorreiter und Vordenker dieser Epoche.

Kritischer Realismus und Naturalismus setzten sich als Hauptrichtungen der bürger-

lichen Literatur durch (Sokoll, 1989a, 66), Friedrich Nietzsches radikale Ideen fanden

groÿen Anklang, und Brandes Forderung nach einer ′aktuellen Problemdebatte′ und

′aristokratischem Radikalismus′ ermöglichte eine Orientierung der Schriftsteller auf

Probleme der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft [...und das Eintreten] für eine

menschenwürdige Gesellschaft (Sokoll, 1989a, 67).

Ein weiterer Programmpunkt der Epoche des Modernen Durchbruchs und eine der in-

tensivst geführten Debatten der Zeit war die sogenannte ′Frauenfrage′, und die Selbst-

befreiung und Selbstverwirklichung [von Frauen] aus bedrückenden Lebensumständen

und Klassenschranken, die nicht ihren Vorstellungen von der Würde des Menschen

entsprachen (Sokoll, 1989b, 15). Georg Brandes hatte 1869 John Stuart Mills um-

strittenes Werk On the Subjection of Women übersetzt und sich in einem glühenden

3


1 Einleitung

Vorwort für die Rechte der Frau eingesetzt. Die Reaktionen waren äuÿerst gespalten,

und spiegelten sowohl Zuspruch als auch kritische Ablehnung wider. Daraus entstanden

Diskussionen über die gesellschaftlich sanktionierte Doppelmoral [...] und die Forde-

rung nach vor- und auÿerehelicher sexueller Enthaltsamkeit auch für das männliche

Geschlecht (Heitmann, 2006, 203), welche sich schlieÿlich 1883 mit dem Schauspiel

En Hanske des Dramatikers Bjørnstjerne Bjørnson endgültig zu einer ′Sittlichkeitsde-

batte′ in der skandinavischen Öentlichkeit entwickeln sollte.

Die Befreiung der Frau von allen Zwängen, explizit auch die Freisetzung ihrer sexuellen

Wünsche, war die Forderung aus dem radikalen Lager um Georg Brandes. Die Ehe

sollte aufgelöst werden, um eine Unterdrückung des sexuellen Verlangens bei Männern

und Frauen zu beenden. War dies erst einmal geschehen, so die Annahme, dann würde

die Frau dem Manne gleichgestellt sein, und eine gleichberechtigte Liebesbeziehung

wäre möglich. Dies würde auch das Ende von Prostitution und der Unterdrückung

von Frauen bedeuten. (Engelstad und Øverland, 1981, 16f)

Solche Forderungen fanden jedoch bei den Frauen der bürgerlichen Frauenbewegung

und den Anhängern von Bjørnsons handskemoralen wenig Anklang; ihre Forderungen

richteten sich eher danach, den Mann, ebenso wie die Frau, zur Keuschheit vor und

Treue während der Ehe zu bewegen. Auÿerdem empfanden sie die Forderung nach

freier Liebe nicht als das Hauptproblem der unterdrückten Frau, in ihrer Radikalität

zu einseitig, und wie Irene Engelstad und Janneken Øverland bemerken: Kvinnene

opplevde faktisk at de ville bli mer utnyttet seksuelt dersom det seksuelle marked

skulle bli uten noen sosiale restriksjoner. De manglet bl.a. den økonomiske likhet med

menn for å kunne realisere et slikt krav i frihet (Engelstad und Øverland, 1981, 17).

Viele weibliche Autorinnen grien diese Debatten der Sittlichkeitsfehde in ihren Wer-

ken auf und trugen somit zu einer kritischen Bewusstmachung der Geschlechterpolitik

bei. Zu diesen Autorinnen zählte auch Amalie Skram, die in ihren Eheromanen aber

nicht nur die mangelnden Rechte der Frauen in den Vordergrund stellte, sondern auch

deren Wunsch nach erfüllter Erotik und Sexualität, sowie nach einem selbstbestimmten

Leben.

4


1 Einleitung

1.1 Aktuelle Forschungsdebatten und Methodik

Amalie Skram gilt bis heute als eine der wichtigsten weiblichen Schriftstellerinnen des

Modernen Durchbruchs.

Viele ihrer Eheromane wurden dabei schon zu Lebzeiten unter biographischen Ge-

sichtspunkten untersucht, da sich ihr Leben, ihre beiden unglücklichen Ehen, und ihre

Scheidung als Parallelen scheinbar geradezu anboten. Schon in ihrer ersten, 1910 er-

schienenen Biographie, Antonie Tibergs Amalie Skram som kunstner og menneske,

wird so über eine mögliche Bi- oder Homosexualität spekuliert, die Ursache für ihre

Sicht auf die bürgerliche Ehe gewesen sein sollte (Tiberg, 1910, 84) - eine Lesart, die

sich bis heute durch diverse Sekundärliteratur hindurchzieht1. Dabei ist die Kenntnis

von Skrams Biographie nicht zwingend nötig, um ihre literarischen Motive zu untersu-

chen, und eine solche Herangehensweise erscheint mir auch zu oberächlich. Viel eher

bietet es sich an, ihre Werke im Kontext der Zeit betrachten, war doch die Institution

Ehe eines der meist diskutierten Themen der Sittlichkeitsdebatte.

Eine interessante Neuinterpretation des Werks erschien 1992 mit Jan van Luxembourgs

Rhetoric and Pleasure. Reading in Realist Literature, indem er sich u.a. auch mit Con-

stance Ring auseinandersetzt. Sein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Reprä-

sentation der Hausangestellten im Roman, der Distinktion zwischen den verschiedenen

Klassen und ihrer Verbindung zur Sexualität. Seiner Meinung nach besteht eine groÿe

Diskrepanz zwischen der Beschreibung der bürgerlichen Frauen im Roman, die eher als

kalt und frigide dargestellt werden, während die Hausangestellten sexuell freizügiger

gezeichnet werden. (vgl. Luxembourg, 1992)

Ein anderer interessanter Ansatz ist die 1998 veröentlichte psychologische Deutung

Jørgen Dines Johansens: Krænkelser - en psykoanalytisk læsning af ′Constance Ring′,

in der er Constances Ehen und sexuelle Verhältnisse unter psychologischen Gesichts-

punkten untersucht, und sich besonders mit Freuds Narzissmustheorie beschäftigt.

Johansen schlussfolgert, dass Constance als Produkt ihrer Zeit zwangsmäÿig handelt,

d.h. ihr Leben also tragisch verlaufen musste. Ihre Identität ist in ihrer Jugendzeit ver-

ankert und stecken geblieben, was eine Charakterreife erschwert; gleichzeitig verfügt

sie über stark narzisstisch geprägte Züge, die ein emotionales Ungleichgewicht und

1Siehe bspw. Krane, Borghild. Amalie Skram og kvinnens problem. Oslo: Gyldendal, 1951.

Bjerkelund, Ragni. Amalie Skram: dansk borger, norsk forfatter. Oslo: Aschehoug, 1988.

5


1 Einleitung

Vakuum erzeugen, das dann unweigerlich zum Selbstmord führte. (Johansen, 1998,

35)

Diese beiden Sichtweisen liegen dieser Arbeite zugrunde. Die Frage, die sich jedoch

stellt, und die in dieser Arbeit behandelt werden soll, ist, inwiefern Constance Ring ein

Beitrag zur Sittlichkeitsdebatte in Skandiniavien ist, und wie diese im Werk behandelt

wird. Wie werden wichtige Diskussionsthemen wie die weibliche Sexualität, die Ehe

als bürgerliche Institution und Frauen und Arbeit thematisiert, und wie spiegeln sich

in ihnen die damaligen gesellschaftlich geführten Debatten wider?

6



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