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Grenzfälle mythologischen Erzählens - Ovid, Shakespeare, Ransmayr und Superhelden-Comic

Thesis (M.A.), 2007, 99 Pages
Author: Sabine Friedlein
Subject: German Studies - Comparative Literature

Details

Category: Thesis (M.A.)
Year: 2007
Pages: 99
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 70  Entries
Language: German
Archive No.: V92087
ISBN (E-book): 978-3-638-05730-1

File size: 492 KB

Abstract

Was ist „Mythos“? Diese Frage beschäftigt Literaturwissenschaftler und Philosophen bereits seit mehreren Jahrhunderten. Es existiert nach Walter Burkert keine anerkannte Definition von Mythos und es kann sie auch nicht geben, da der Begriff im Laufe seiner langen Rezeptionsgeschichte einem permanenten Wandlungsprozess unterliegt. Nicht nur die Definition von Mythos, sondern auch das mythologische Erzählen selbst blickt auf eine lange Geschichte von Abwandlungen, Neuinterpretationen und Variationen zurück. Doch bleibt nach Blumenbergs Arbeit am Mythos der einzelne Mythos als „erratischer Einschluss“ in noch so heterogenen Kontexten und Traditionszusammenhängen erhalten. Der Mythos muss also als solcher erkennbar bleiben, um sein wahres Wesen nicht zu verlieren. Nur: was ist sein wahres Wesen? Genügt es, den Namen „Hercules“ zu zitieren, oder eine seiner zwölf Aufgaben zu benennen, um die Erzählung zu einer mythologischen zu machen? Wo tun sich Grenzen im Spannungsfeld zwischen dem ikonischen „erratischen Einschluss“ Mythos und dem Erzählen von ihm im jeweiligen kulturellen und geschichtlichen Kontext auf? Können überhaupt klare Grenzen gezogen werden? Hier möchte diese Arbeit ansetzen und im Vergleich der Erzählmethoden von Ovid, Shakespeare, Ransmayr und dem Superhelden-Comic formale und inhaltliche Gemeinsamkeiten und Unterschiede bei den Mythenbearbeitungen herausstellen, und was sie an die Grenzen mythologischen Erzählens führt. In der bewussten Auffächerung der Untersuchungsgegenstände auf vier Erzählgattungen (Epos, Drama, Roman, Bild-Text-Hybride) und drei Epochen (Antike, Renaissance, Postmoderne) soll untersucht werden, inwieweit es ein einigendes Prinzip von mythologischem Erzählen geben kann, und wodurch Ovids Metamorphosen, Shakespeares Dramen wie Hamlet und Titus Andronicus, Ransmayrs "Die Letzte Welt" und Superhelden-Comics wie "Spider-Man" und "Hercules" Grenzen mythologischen Erzählens erreichen, inwieweit und wie sie abweichen von der traditionellen mythischen Erzählform Epos als auch von tradierten mythischen Motiven und Themen. Der Grad dieser Abweichung definiert den Grad ihrer "Grenzwertigkeit".


Excerpt (computer-generated)

Universität Augsburg

Lehrstuhl Vergleichende Literaturwissenschaft/

Europäische Literaturen


Magisterarbeit

Grenzfälle mythologischen Erzählens

Ovid ­ Shakespeare ­ Ransmayr ­ Superhelden-Comic

von

Sabine Friedlein

Studiengang: Magister Komparatistik, 10. Semester

Augsburg, 16.07.2007


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 3

2.

Ovids

Metamorphosen

im antiken Kontext

6

2.1 Poetologische

Grundlagen 6

2.1.1 Referenzialität

der

Metamorphosen

6

2.1.2 Die

Metamorphosen

als Sach- und Heldenepos 11

2.1.3 Ausgestaltung bekannter Mythen durch innovative epische Mittel 15

2.2 Distanz

der

Metamorphosen

zu Mythologie 16

2.2.1 Ironie mit erzählerischen Mitteln 16

2.2.2 Glaube an das Erzählen ersetzt den Glauben an den Mythos 18

2.3

Nicht-mythologische Wertesysteme ersetzen mythischen Kult 22

2.3.1 Synthetisierende Wirkung der Poesie 22

2.3.2 Moralischer Symbolismus statt kultische Aitiologie 26

2.4 Vergegenwärtigung

des

Mythos 28

2.4.1 Romanisierung 28

2.4.2 Anthropomorphisierung 29

2.4.3 Polyperspektivität 32

2.5

Mythen inszeniert als Dramen 33

2.5.1 ,,Exposition" 34

2.5.2 ,,Steigerung" im Monolog 35

2.5.3 Metamorphose als Katastrophe 38

3.

Shakespeare und antike Mythen 40

3.1 Die

Metamorphosen

als Quelle für Allegorien 40

3.2

Rhetorik der Allegorie 43

3.3 ,,Grandsire,

′tis

Ovid′s

Metamorphoses

" 46

3.4

Glaubhaftigkeit durch Empirie und Mythologie 48

3.5

Spielwiese zwischen christlich-moralischen und antik-mythischen Bildern 49

3.5.1 Entmythisierende theatralische Verwandlungen 56

3.5.2 Die Transzendenz universalisierender

Metamorphosen

58

4. Ransmayrs

Die Letzte Welt

im Kontext mythologischen Erzählens 62

4.1

Das ,,Ovidische Repertoire": Mythen als postmodernes Spiel 62

4.2

Mythologische Personal als ent-mythologisierte Romanfiguren 63

4.3 Der

Mensch

als Opfer natürlicher Allgewalt 66

4.4

Vom Fehlen einer ,,Mythologie" hin zur Transzendenz von Fiktionalität

und Faktualität 67

5. Mythologie

im

Superhelden-Comic 70

5.1

Der Superhelden-Comic als Sach- und Heldenepos 71

5.2

Die Herkunft der Superhelden:

Origin

statt

Aitia

75

5.3

Bürgerliche Aufklärungsideologie und Comic 77

5.4

Authentizität durch (spielerisch-ironische) Comic-Rationalität 78

5.5

Spider-Man

als mythisierte Ikone der Massenmedien 81

5.6

Kollision zwischen Bürgerlichkeit und Mythos 84

5.7

Der Comic-Hercules: Eine Fallstudie 87

5.8

Mythologische Wucht durch Opulenz von Klischees 89

6. Schluss 92
7. Literaturverzeichnis 94


1. Einleitung

Was ist ,,Mythos"? Diese Frage beschäftigt Literaturwissenschaftler und

Philosophen bereits seit mehreren Jahrhunderten. Es existiert nach Walter Burkert

keine anerkannte Definition von Mythos1 und es kann sie auch nicht geben, da der

Begriff im Laufe seiner langen Rezeptionsgeschichte einem permanenten

Wandlungsprozess unterliegt2. Man fühlt sich an den Mann erinnert, der versucht,

den mythologischen Gestaltwandler Proteus zu fangen.

Nicht nur die Definition von Mythos, sondern auch das mythologische

Erzählen selbst blickt auf eine lange Geschichte von Abwandlungen,

Neuinterpretationen und Variationen zurück. Doch bleibt nach Blumenbergs

Arbeit am Mythos3

der einzelne Mythos als ,,erratischer Einschluss" in noch so

heterogenen Kontexten und Traditionszusammenhängen erhalten.

Ikonische Konstanz ist in der Beschreibung von Mythen das eigentümlichste Moment. Die.

Konstanz seines Kernbestandes läßt den Mythos als erratischen Einschluß noch in

Tranditionszusammenhängen heterogener Art auftreten. Die hochgradige Haltbarkeit

sichert seine Ausbreitung in der Zeit und im Raum, seine Unabhängigkeit von lokalen und

epochalen Bedingungen. Das griechische

mython mytheisthai

besagt, eine nicht datierte und

nicht datierbare, also in keiner Chronik zu lokalisierende, zum Ausgleich dieses Mangels

aber in sich selbst bedeutsame Geschichte zu erzählen. [Blumenberg, S. 165]

Der Mythos muss also als solcher erkennbar bleiben, um sein wahres Wesen nicht

zu verlieren. Nur: was ist sein wahres Wesen? Genügt es, den Namen ,,Hercules"

zu zitieren, oder eine seiner zwölf Aufgaben zu benennen, um die Erzählung zu

einer

mythologischen

zu machen? Wo tun sich Grenzen im Spannungsfeld

zwischen dem ikonischen ,,erratischen Einschluss" Mythos und dem Erzählen von

ihm im jeweiligen kulturellen und geschichtlichen Kontext auf? Können

überhaupt klare Grenzen gezogen werden? Hier möchte diese Arbeit ansetzen und

im Vergleich der Erzählmethoden von Ovid, Shakespeare, Ransmayr und dem

Superhelden-Comic formale und inhaltliche Gemeinsamkeiten und Unterschiede

bei den Mythenbearbeitungen herausstellen, und was sie an die Grenzen

mythologischen Erzählens führt.

1 Walter Burkert: ,,Mythos ­ Begriff, Struktur, Funktion", in Fritz Graf:

Mythos in mythenloser
Gesellschaft ­ Das Paradigma Rom

. Stuttgart; Leipzig 1993, S. 9.

2 Vgl. Barner, Wilfried; Detken, Anke; Wesche, Jörg:

Texte zur modernen Mythentheorie

. Stuttgart

2003, S. 8f.

3 Hans Blumenberg:

Arbeit am Mythos

. Frankfurt/Main 1979.


In Mythen werden nach Taylor4 fundamentale Fragen gestellt nach der Position

des Menschen in der Welt, seiner Beziehung zu den Göttern, der Natur, Geburt

und Tod, menschlichen Grundfunktionen wie Sexualität und Nahrungsaufnahme

[vgl. Taylor, S. 4]. Rademacher5 unterscheidet Mythos vom Logos und spricht

ihm durch das Symbolhafte die Fähigkeit zu, ,,Antwort auf ein Was? Wieso?

Warum? angesichts der Rätsel unseres Daseins und des Weltgeschehens" zu

geben, ,,nicht vom streng prüfenden Verstand, sondern von der Phantasie geboten,

die versucht, Dunkles, Erregendes, Drohendes oder Erheiterndes in menschlich

naheliegende Schau umzusetzen." [Rademacher, S. 70f] Bernard de Fontenelle

hingegen sah Anfang des 18. Jahrhunderts Mythos als rein auf Unterhaltsamkeit

hin ausgerichtete Anhäufung von Trugbildern, Träumereien und Absurditäten6.

Diese Auffassung ändert sich mit Beginn der Mythenforschung Mitte des 18.

Jahrhunderts, durch die Mythologie Ernsthaftigkeit, Bedeutsamkeit und kulturelle

sowie kultische Relevanz zugesprochen und somit ein neues Mythenverständnis

geschaffen wird, das bis ins 21. Jahrhundert hineinwirkt [vgl. Graf, S. 108].

Gerade in der bewussten Auffächerung der Untersuchungsgegenstände auf vier

Erzählgattungen (Epos, Drama, Roman, Bild-Text-Hybride) und drei Epochen

(Antike, Renaissance, Postmoderne) soll untersucht werden, inwieweit es ein

einigendes Prinzip von

mythologischem Erzählen

geben kann, und wodurch Ovids

Metamorphosen

, Shakespeares Dramen wie

Hamlet

und

Titus Andronicus

,

Ransmayrs

Die Letzte Welt

und Superhelden-Comics wie

Spider-Man

und

Hercules

Grenzen mythologischen Erzählens erreichen, inwieweit und wie sie

abweichen von der traditionellen mythischen Erzählform Epos als auch von

tradierten mythischen Motiven und Themen. Der Grad dieser Abweichung

definiert den Grad ihrer ,,Grenzwertigkeit".

Das Vorwissen von Mythen ist entscheidend für den Umgang mit dem Material

und die Rezeption. Der Bekanntheitsgrad von Mythen ist allgemein eine wichtige

Voraussetzung für die Rezeption der mythologischen Erzählung durch den Leser.

Dies trifft auch auf die

Metamorphosen

zu, die eine ,,ebenso voraussetzungsreiche

4 Anthony B. Taylor (Hg.):

Shakespeare′s Ovid: The

Metamorphoses

in the Plays and Poems

.

Cambridge 2000.

5 Ludwig Rademacher:

Mythos und Sage bei den Griechen

. 3., unveränderte Aufl. Darmstadt

1968.

6 Bernard de Fontenelle: ,,De l′origine des fables", in Alain Niderst (Hg.):

Oeuvres complètes 3

.

Paris 1989, S. 187.

4


wie selbstreflexive Dichtung"7 sind: Mythologisches Erzählen verlangt vom

Publikum eine kulturelle Anstrengung8. Mythen dienen nach Solodow9 in der

antiken Literatur als die ältesten, meistverwendeten, beliebtesten Vorlagen [vgl.

Solodow, S. 74].

Abhängig von Erzählkonventionen, die die Gattungen auferlegen, verändert

sich auch die Erzählweise: Wo Ovid Sach- und Heldenepos miteinander

verbindet, ,,erzählt" Shakespeare Mythen mehr durch Charakterisierung seiner

Dramenfiguren. Ransmayr macht aus den mythischen Gestalten prosaische

Romanfiguren, und

Spider-Man

findet zur kallimacheisch-homerischen

Erzählweise zurück. Um die erzähltechnischen Besonderheiten der verschiedenen

Mythenbearbeitungen herauszustellen erfolgte die Auswahl der Mythen

eklektisch, gemeinsam ist ihnen als mythologisches Material nur der

Herculesmythos.

Ovids spätantike

Metamorphosen

üben nachhaltigen Einfluss auf die

europäische Mythenrezeption aus, die in der Renaissance einen kulturellen

Höhepunkt der Entfaltung erlebt und sich wie ein roter Faden durch Shakespeares

Dramen zieht. Shakespeares Dramen wurden ausgewählt, weil sie einen wichtigen

Angelpunkt in der Entwicklung mythologischen Erzählens darstellen. Dramen

gehören nicht zur Kategorie Epik, und sind daher bereits per definitionem ein

Grenzfall von

Erzählen

. Das Besondere aber an Shakespeare ist gerade, dass er

seine Bearbeitung mythologischer Stoffe nicht darauf reduziert, sie in

traditioneller Weise zu dramatisieren10. Über die mittelalterliche

Mythenallegorese hinaus hebt er Mythen auf die Figurenebene und macht

mythologische ,,Verwandlungen" an der Plotstruktur erkennbar11, und verwischt

stellenweise sogar die Grenzen zwischen spezifisch-mythologischen und

allgemeingültig-zeitgenössischen Bildern.

Ransmayrs postmoderner Roman

Die Letzte Welt

hat audrücklich die

Metamorphosen

zum Vorbild, macht die Figuren zu Gegenständen der

Romanhandlung. Ransmayrs Figuren ähneln häufig nur noch namentlich oder

durch ihre bürgerlichen Berufe den Ovidianischen Vorbildern, wenn sie nicht

7 Friedmann Harzer:

Ovid

. Stuttgart 2002, S. 70.

8 Vgl. Paul Veyne:

Glaubten die Griechen an ihre Mythen?

.

Übers. v. Markus May.

Frankfurt/Main 1987, S. 60.

9 Joseph B. Solodow:

The World of Ovid′s

Metamorphoses. London 1988.

10 Shakespeare verfasst Dramen wie

Titus Andronicus

und nicht

The Tragic Tale of Tereus, Procne
and Philomela

.

5


ganz von ihren Ovidianischen Vorbildern abweichen und sich ihre Deutung in

sinnlosen Assoziationen verliert. Letztendlich bleiben Ransmayrs erzählerische

Ästhetik und Cottas Wahnsinn, um die fehlende Sinnhaftigkeit zu ersetzen.

Als Abschluss soll ein Blick auf den US-amerikanischen Superhelden-Comic

geworfen werden, der überraschenderweise trotz aller motivischen Unterschiede

bereits bei Ovid bekannte Erzählschemata, wie die Vermischung von sachepischer

und homerischer Erzählweise, die Anthropomorphisierung der Götter, das

Verwandlungsmotiv und die Vermischung wissenschaftlicher und mythologischer

Erklärmethoden bedient.

2. Ovids Metamorphosen im antiken Kontext

Ovids

Metamorphosen12

werden vom Mittelalter an als profundeste Quelle für

griechische und römische Mythen gehandelt, aus der europäische Künstler, Poeten

und Philosophen Wissen und Inspiration schöpfen13. Ironischerweise führt Ovid

jedoch aufgrund seines problematischen Verhältnisses zum Mythos und zur

römischen Wirklichkeit14 nicht eine Erzähltradition fort, sondern erzählt

Mythologie auf ganz spezifische Art. Die in diesem Kapitel wichtige Frage ist,

welche Elemente Ovids ,,persönliche Mythologie" ausmachen und inwieweit er

sich somit bereits an die Grenzen mythologischen Erzählens vorwagt oder solche

andeutet.

2.1 Poetologische Grundlagen

2.1.1 Referenzialität der Metamorphosen

Die Vertrautheit der Zeitgenossen Ovids mit mythologischen Figuren und

Erzählungen kann man unter anderem daran ablesen, dass Ovid an manchen

Stellen die Figuren nicht beim Namen nennt: Hercules wird zum ersten Mal nicht

bei seinem populären Namen, sondern selbstverständlich als ,,der Alcide" [

Met

.

IX.13] bezeichnet, da der Vater seines Pflegevaters Alcaeus heißt (was bei Ovid

nicht explizit erwähnt wird). Pythagoras wird als ,,Mann, der aus Samos stammte"

[

Met

. XV.60] eingeführt, und der Zusatz: ,,[...] doch war er zugleich von der Insel

und vor ihren Machthabern geflüchtet und aus Tyrannenhaß freiwillig in die

12 Publius Ovidius Naso:

Metamorphosen

. Lateinisch-Deutsch. Herausgegeben und übersetzt von

Michael von Albrecht. Stuttgart 1994. Im Folgenden zitiert unter der Sigle

Met

.

13 Vgl. Fritz Graf: ,,Myth in Ovid", in Philip Hardie (Hg.):

The Cambridge Companion to Ovid

.

Cambridge 2002, S. 108.

14 Vgl. Michael von Albrecht: ,,Mythos und römische Realität in Ovids

Metamorphosen

".

Aufstieg
und Niedergang der römischen Welt 2

. 1981 (31:4), S. 2328.

6


Verbannung gegangen" [

Met

. XV.60-62] hilft nur dem des Mythos Kundigen

weiter. Bei der Erzählung von Tereus, Procne und Philomela erachtet Ovid es

nicht als notwendig, explizit die Vögel (Nachtigall und Schwalbe) zu benennen, in

die sich die Frauen verwandeln. Wo Apollodor15 sehr konkret wird, ,,[...] Prokne

wird zur Nachtigall, Philomela aber zur Schwalbe. In einen Vogel verwandelt

wird aber auch Tereus und wird so ein Wiedehopf." [

Bibliotheke

III.195], setzt

Ovid dieses Wissen voraus: ,,Man hätte meinen können, die Cecropiden

schwebten auf Flügeln ­ und in der Tat schwebten sie auf Flügeln. Eine von ihnen

fliegt in den Wald, die andere schlüpft unter ein Dach." [

Met

. VI, 667-670] Bei

genauer Betrachtung lässt Ovid sogar offen, ob sich die Frauen tatsächlich in

Vögel verwandeln. Die Umformung der Erzählung wird den Zeitgenossen

besonders aus dem Grund aufgefallen sein, weil sie bereits vertraut mit dem

Material waren. Wozu das Bekannte, auf die Gefahr hin, zu langweilen,

benennen?

Nichts hält Ovid davon ab, intertextuelle Scherze auf Kosten mythologischer

Gravität zu machen. Iuno steigt in Buch IV in den Tartarus mit der Absicht hinab,

mit Hilfe der Furien Wahnsinn über Ino auszuschütten, nimmt sich aber die Zeit,

an der Stätte der Frevler die Kapitalsünder mit finsterem Blick zu strafen, davon

aber besonders Ixion [vgl.

Met

. IV.464f]. Die Hintergründe dazu eröffnen sich

demjenigen, der den Mythos kennt, denn Ovid geht nicht explizit darauf ein, dass

sich Iunos Feindseligkeit auf Ixions vereitelten Versuch bezieht, sie zu

vergewaltigen. Iunos besonders finstere Blick ist der Verweis auf einen Mythos,

den Ovid nicht Wert erachtet, vorab zu erzählen, obwohl die in dem

Ablenkungsmanöver mit einer Wolke gezeugten Zentauren, im späteren Verlauf

der

Metamorphosen

eine wichtige Rolle spielen, und sie auch selbstverständlich

als ,,Wolkensöhne" bezeichnet werden [vgl.

Met.

XII.211].

Ovid bedient sich aus einem reichhaltigen mythologischen Fundus16. Er

unterscheidet in den

Metamorphosen

weder zwischen Kulturkreis (griechisch,

römisch, orientalisch) noch Autoritätsanspruch (historische Mythen, regionale

Sagen, Lügenmärchen) der Mythen [vgl. Solodow, S. 75 und Taylor, S. 4], und

Mythen stellen auch weder für ihn noch seine Zeitgenossen sakrosanktes Material

15 Apollodor:

Bibliotheke. Götter- und Heldensagen

. Herausgegeben, übersetzt und kommentiert

von Paul Dräger. Düsseldorf 2005.

16 Solodow nennt es ,,warehouse of mythology" [Solodow, S. 105], Veyne spricht gar von einer

,,Rumpelkammer" [Venyne, S. 145].

7


dar. In der Antike sind

fabulae

(mythologische Erzählungen) [vgl. Graf, S. 109]

vielmehr das Material für Tragödienstoffe, die von Dichter zu Dichter

weitergegeben werden, was nach Graf zu zwei Konsequenzen führt:

Intertextualität (Bezugnahme auf einen älteren Text) und freie Formbarkeit (oder

Freiheit in der Abwandlung des mythologischen Materials)17 [vgl. Graf, S. 110].

Ovids Mythenverständnis muss vor diesem Hintergrund betrachtet werden:

Fabulae

sind für ihn von unbekannten Dichtern aus der Vergangenheit verfasste

und ohne weiteres veränderbare poetische Vorlagen [vgl. Graf, S. 110]. Nach

Solodow fasst Ovid Mythologie als Spielwiese auf, wo er nach eigenem

Gutdünken kommentieren, erweitern, annehmen und ablehnen, erfinden und

abschließen kann [vgl. Solodow, S. 75; Harzer:

Ovid

, S.76]: Er stellt Mythen in

neue Kontexte und setzt neue Schwerpunkte. Ovids Umgang mit Mythos lässt

sich weder der Fontenelle′schen Deutung noch dem Ernsthaftigkeitspostulat ganz

zuordnen, denn in seinem metapoetischen Spiel liegen Sinn und Un-Sinn nahe

beieinander, wie im Folgenden aufgezeigt werden soll.

Zu Ovids Zeiten werden Erzähltexte in der Rhetorik gemäß ihres

Wahrheitsgehalts in drei Kategorien eingeteilt:

fabula

(,,mythische Erzählung"),

historia

(,,historische Erzählung"), und

argumentum

(,,Handlung", besonders

einer Komödie) [vgl. Graf, S.109].

Fabulae

sind im Unterschied zu den anderen

Kategorien weder wahr (

historia

) noch plausibel (

argumentum

), und dienen als

Vorlagen für Tragödien [vgl. Graf, S. 109]. Trotz der historischen Distanz und

seinem ,,Wissen" um die ,,Lügenhaftigkeit"18 der überlieferten Stoffen kann Ovid

sich dennoch ihrer Wirkkraft nicht entziehen, verwendet sie in den

Amores

und in

anderen Werken häufig als rhetorische Mittel, beschuldigt sich gar in den

Tristia

selbst der kindlichen Naivität, an Mythen zu glauben19 [vgl. Graf, S. 111].

Der buchstäbliche Wahrheitsgehalt von Mythen und

Aitiologien

ist im

mythologischen Diskurs der Antike nicht entscheidend: wichtiger ist ihre

Bedeutsamkeit als kollektiv geteilte Sprache. Und hier entwickelt sich durch die

schriftliche Fixierung Mythologie in zwei grundlegende Richtungen: eine

17 Diese Abwandlung des mythologischen Materials reicht bis hin zu Neuerfindungen. Graf

argumentiert, dass gerade das Fehlen einer eigenen römischen Literaturgeschichte diese neue

Tradition der literarischen Neuschöpfung begründet [vgl. Graf, S. 110].

18 In den

Amores

schreibt Ovid, Mythen seien ,,ueterum mendacia uatum", Lügen alter

Dichter(propheten). [

Amores

3.6.12]

19,,Stulte, qui haec frustra uotis puerilibus optas, / quae non ulla tibi fert feretque dies?" Publius

Ovidius Naso:

Briefe aus der Verbannung

. Lateinisch-Deutsch. Übers. von Willhelm Willige.

München 1990, 3.8.11f.

8


literaturgeschichtliche und eine literaturwissenschaftliche. Auf der einen Seite

eignen sich für klassische Dichter wie Kallimachos diverse mythische

Erzählungen wie

Aitia

besonders aufgrund ihrer narratologischen Struktur als

interessante Denkmodelle für eigene spielerische Erzählexperimente20. Wo die

Schriftform die Variante bezugsfähig macht legt sich das jeweils Neue über das

von ihm Überbotene ,,und schafft ­ die Literaturgeschichte" [Blumenberg:

Arbeit

am Mythos

, S. 168].

Auf der anderen Seite werden Mythen von Grammatikern und Rhetorikern in

Lehrbücher schriftlich fixiert, zusammengefasst und kodifiziert [vgl. Veyne, S.

60f]. Mythen werden in hellenistischer Zeit zu einer Lehre, die sich dem Volk zu

entziehen beginnt21. Die scholarische Kodifizierung von Mythen beinhaltet eine

Vereinfachung, somit wird den großen Erzählzyklen eine offizielle Lesart

gegeben, die Varianten in Vergessenheit geraten lässt [vgl. Veyne, S. 60]. Gerade

dieser dogmatisierte Kanon wirkt aber der Tradition des mythologischen

Erzählens entgegen. Wenn

fabulae

, mythologische Erzählungen im Sinne einer

,,offiziellen Lesart" künstlich reduziert werden, wird bereits eine Grenze

mythologischen Erzählens erreicht, denn Mythen definieren sich durch ihre

Spielarten, wie Ovid in den

Metamorphosen

an der dreifachen Erklärung der

Herkunft des Schwans unter Beweis stellt [drei ,,Cygni" kommen vor in

Met

. II,

VII, und XII]. Diese ,,dogmatische" Grenze mythologischen Erzählens wird durch

Politisierung gänzlich überschritten: Im Augustäischen Zeitalter werden Mythen

gerne instrumentalisiert, um kulturelle, soziale und natürliche Zustände zu

legitimieren [vgl. Graf, S. 111f; Solodow, S. 74]. Heldenmythen besitzen

historischen und politischen Wert, nachdem sie ihrer allzu fantastischen

Auswüchsen entledigt worden sind [vgl. Graf, S. 109]. Auch Vergil belebt mit der

Aeneis

mythologisches Erzählen wieder, als kulturelles Mittel zum Ausdruck

einer neuen, gemeinschaftlich geteilten, identifikationsstiftenden römischen

Ideologie [vgl. Graf, S. 119], doch wird die Konstruktion einer Ideologie mittels

Mythen erst dann zum Grenzfall mythologischen Erzählens, wenn das Erzählen

der Mythen vollständig in den Hintergrund gerät, was bei Vergil nicht der Fall ist.

An dem Ideologiekonzept übt Ovid ironisch Kritik, wenn er in den

Fasti

aus dem

20 Vgl. Sara K. Myers:

Ovid′s Causes: Cosmogony and Aetiology in the

Metamorphoses. Michigan

1994, S. 17.

21 ,,Das Volk behielt seine Märchen und seinen Aberglauben bei, aber die Mythologie entfernte

sich von ihm, seitdem sie zur Lehre geworden war: In den Augen des Volkes hatte sie das Prestige

eines Wissens der Elite, an dem sich der Rang eines Mannes messen ließ." [Veyne, S. 60]

9



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