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Subtitle: Politische Kommunikation im Presse Club System
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2005, 26 Pages
Author: Svenja Bolten
Subject: Politics - International Politics - Region: Far East
Details
Institution/College: University of Duisburg-Essen (Institut für Ostasienwissenschaften)
Tags: Japans, Medien, Informationskartelle, Gewalt“, Medien, Spiegel, Politik, System, Ost-, Südostasien
Year: 2005
Pages: 26
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 40 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-05731-8
ISBN (Book): 978-3-638-94945-3
File size: 181 KB
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Abstract
In demokratischen Verfassungsstaaten kontrollieren und begrenzen freie und unabhängige Medien die Macht der Regierung, indem sie durch die Erfüllung ihrer Kritikfunktion gegenüber der Regierung den öffentlichen Diskurs beeinflussen und die Chancen auf einen Machtwechsel in der Wahl erhöhen. Sie handeln idealerweise als politisch unabhängige Institutionen und beteiligen sich aktiv als Wächter der Demokratie. Sie bilden somit eine weitere Säule des Demokratiegefüges, neben der Legislative, der Judikative und der Exekutive, eine „vierte Gewalt“. Inwieweit lenken japanischen Medien ihre Wirkungs- und Funktionsweise auf den Demokratisierungsprozess? Interpretieren japanische Journalisten ihre Rolle als Kontrollinstitution des Staates im Sinne einer „vierten Gewalt“, oder sind die Prinzipien gesellschaftlicher Konsens und Harmoniestreben von größerer Bedeutung? Ergeben sich aus den spezifisch japanischen Charakteristika der Medienlandschaft und der besonderen Institution des Presse Clubs Funktionsstörungen, welche sogar eine Kartellisierung der Medien bewirken? Die vorliegende Arbeit setzt sich mit einem der möglichen Gründe für die Ein-Parteien Dominanz im demokratischen System Japans auseinander: Die Rolle der Medien in der politischen Kommunikation und die Vernachlässigung ihrer politischen Funktionen. Zunächst wird die japanische Institution des Presse Clubs analysiert. Der Einfluss der Presse Clubs auf die politische Berichterstattung und somit auf die Inhalte des öffentlichen Diskurses, den Agenda Setting-Prozess, wird dargestellt. Geleitet von der Frage, ob die Berichterstattung auf den demokratischen Grundlagen einer freien Presse beruht und ob sie sich an einem westlich geprägten Funktionsverständnisses der Medien messen lässt, wird die These der „vierten Gewalt“ überprüft.
Excerpt (computer-generated)
Universität Duisburg-Essen
WS 2003/ 2004
Institut für Ostasienwissenschaften
Seminar:
Medien als Spiegel von Politik und System in Ost- und Südostasien
Japans Medien - Informationskartelle oder ,,vierte Gewalt"?
Politische Kommunikation im Presse Club System
Hausarbeit zum Scheinerwerb
Vorgelegt von:
Svenja Bolten
Diplom II Regionalwissenschaften Ostasien
Abgabedatum:
08.07.2005
Inhaltsverzeichnis
1
Einleitung _____________________________________________________________ 3
2
Funktionen der Medien im politischen Prozess _______________________________ 4
2.1
Informationsfunktion ____________________________________________________ 4
2.2
Artikulationsfunktion ____________________________________________________ 4
2.3
Kritik und Kontrollfunktion_______________________________________________ 5
2.4
Dilemma: Wahrung der Unabhängigkeit bei gleichzeitiger Abhängigkeit__________ 5
3
Einflussgrößen auf die politischen Funktionen japanischer Medien ______________ 6
3.1
Das gesetzliche Rahmenwerk japanischer Medien _____________________________ 6
3.2
Beziehungsnetzwerke der Medien __________________________________________ 7
4
Japans Medienlandschaft ________________________________________________ 7
5
Historische Entwicklung der Presse Clubs ___________________________________ 9
5.1
Tokugawa Shogunat (1603-1868) ___________________________________________ 9
5.2
Meiji Ära (1868-1912) ___________________________________________________ 10
5.3
Taisho-Ära (1912-1926) und Vorkriegszeit __________________________________ 12
5.4
Nachkriegszeit _________________________________________________________ 13
5.5
Presse Clubs heute ______________________________________________________ 13
6
Presse Clubs als Informationskartelle______________________________________ 15
6.1
Formelle Clubregeln ____________________________________________________ 16
6.2
Informelle und andere Regeln ____________________________________________ 17
6.3
Sanktionen ____________________________________________________________ 18
7
Zukünftige Herausforderungen an das Presse Club System Japans______________ 18
7.1 Externer Druck ____________________________________________________________ 18
7.2 Interner Druck ____________________________________________________________ 20
8
Fazit ________________________________________________________________ 20
9
Literaturverzeichnis ____________________________________________________ 24
2
1 Einleitung
In demokratischen Verfassungsstaaten kontrollieren und begrenzen freie und unabhängige
Medien die Macht der Regierung, indem sie durch die Erfüllung ihrer Kritikfunktion
gegenüber der Regierung den öffentlichen Diskurs beeinflussen und die Chancen auf einen
Machtwechsel in der Wahl erhöhen. Sie handeln als politisch unabhängige Institutionen und
beteiligen sich aktiv als Wächter der Demokratie. Sie bilden eine weitere Säule des
Demokratiegefüges, neben der Legislative, der Judikative und der Exekutive, eine ,,vierte
Gewalt". Japans Medienlandschaft ist beachtenswert, denn ,,[d]ie asiatischen Länder nehmen
rund 20% des Weltmarktes im Bereich Medieninhalte (Bücher, Zeitschriften, Zeitungen,
Musik, TV, Radio) ein - 2002 waren dies 86,5 Mrd. Euro, an denen Japan 51% Anteil hat, bei
nur 4% (126 Mio.) der gesamten asiatischen Bevölkerung. [...] Die japanischen
Medienmärkte sind nicht nur dominant innerhalb Asiens, sondern sind auch weltweit an
führender Position." (DJW News 2003) Inwieweit lenken die japanischen Medien ihre
Wirkungs- und Funktionsweise auf den Demokratisierungsprozess? Seit Jahrzehnten
dominiert die Liberal Demokratische Partei (LDP) das Parlament. Nach den Oberhauswahlen
im Frühling 2004 zog die japanische Regierungspartei geschwächt, jedoch erneut erfolgreich
in das Oberhaus des japanischen Parlaments ein. Die vorliegende Arbeit setzt sich mit einem
der möglichen Gründe für die Ein-Parteien Dominanz im demokratischen System Japans
auseinander. Ausgehend von der Rolle der Medien in der politischen Kommunikation und der
Frage nach der Erfüllung ihrer politischen Funktionen wird die japanische Institution der
Presse Clubs untersucht, und ihr Einfluss auf die politische Berichterstattung und somit auf
die Inhalte des öffentlichen Diskurses, den
Agenda Setting
Prozess, betrachtet. Sehen die
Journalisten ihre Rolle als Kritiker und Kontrollinstitution des Staates als eine ,,vierte Gewalt",
oder räumen sie dem Prinzip des gesellschaftlichen Konsenses und Harmoniebestreben die
größere Bedeutung ein? Ergeben sich aus den japanspezifischen Charakteristika der
Medienlandschaft und der Institution der Presse Clubs Funktionsstörungen, welche sogar eine
Kartellisierung der Medien bewirken? Geleitet von der Frage, ob die Berichterstattung auf
den demokratischen Grundlagen einer freien Presse beruht und ob sie sich an einem westlich
geprägten Funktionsverständnisses der Medien messen lässt, wird die These der ,,vierten
Gewalt" überprüft.
3
2 Funktionen der Medien im politischen Prozess
Der zentrale politische Auftrag der Massenmedien liegt in der Herstellung von Öffentlichkeit.
Massenmedien reduzieren in parlamentarischen Demokratien die Komplexität der Umwelt
und machen sie dadurch überschaubarer für die politisch handelnde Elite und alle Teilnehmer
und Beobachter des politischen Prozesses. Sie selektieren Themen und bestimmen daher, auf
welche Inhalte die Aufmerksamkeit verteilt wird und schlagen somit unterschiedliche
Bedeutsamkeiten der Themen vor. ,,Im Rahmen einer Interpretation des politischen Prozesses
der Interessenartikulation, Interessenaggregation, Meinungsbildung und
Entscheidungsfindung richtet die Politikwissenschaft das Augenmerk auf Funktionen,
Bedeutung und politische Wirkungen der Massenmedien." (KEVENHÖERSTER 2003: 197)
Idealtypischerweise erfüllen sie drei politisch relevante Funktionen, die im Weiteren erläutert
werden. (Vgl. BERGSDORF 1980: 75-90; Vgl. KEVENHÖERSTER 2003: 194-223; Vgl.
WEISCHENBERG 1992: 99-106)
2.1 Informationsfunktion
Übermittlung von Nachrichten über Geschehnisse von politischer Relevanz bedeutet
politische Information. Über die politische Relevanz entscheidet eine Vielzahl von
Institutionen und Personen, die nach eigenen Gesichtspunkten Informationen selektieren. Die
Massenmedien fungieren als wechselseitiges Sprachrohr zwischen der Regierung und der
Wählerschaft. Voraussetzung bei der Informationsübermittlung sind Vollständigkeit,
Objektivität und Verständlichkeit der vermittelten Informationen. Freiheit und Vielfalt der
politischen Informationen sind gesichert, wenn Freiheit und Chancengleichheit im Zugang zu
den Medien bestehen, die von einem intensiven Wettbewerb untereinander geprägt sind.
2.2 Artikulationsfunktion
Rezipienten der Medien können sich nicht nur über politische Prozesse informieren, sondern
über die Medien ihre eigene Willensbildung artikulieren. Parlament und Medien schaffen den
institutionellen Rahmen für die Teilnahme am politischen Prozess der Artikulation
gesellschaftlicher Interessen. Durch die Selektion der artikulierten Informationen haben
Medien in Mediendemokratien die Fähigkeit zum
Agenda Setting
inne, sie können die
Themen der politischen Agenda mitbestimmen, jedoch ohne echten politischen Einfluss
auszuüben. Sie orientieren sich an den Bedürfnissen großer Gruppen und können einen
Beitrag leisten bei der politischen Entscheidungsfindung.
4
2.3 Kritik und Kontrollfunktion
Die Gesellschaft steht den Massenmedien in ihrer Gesamtheit als Gegenstand der Kritik zur
Verfügung. Die Kritik richtet sich auf Sach-, Personal- und Verfahrensfragen. Sie können als
eine ,,vierte Gewalt" fungieren, indem sie kritisch im Interesse der Öffentlichkeit als
,,Wachhunde" ("watchdogs") politisch informieren. Sie verfügen jedoch bloß über indirekte
Sanktionsmittel, indem sie die ,,öffentliche Meinung" beeinflussen. Durch ihre Kritik an der
Regierung erhöhen sie die Chancen eines Machtwechsels.
Bergedorf unterscheidet darüber hinaus zwischen der Sozialisations- und Bildungsfunktion
der Massenmedien. Neben den zentralen politischen Funktionen nehmen sie auch Aufgaben
der Bildung, durch die Diffusion von Wissen und Kenntnissen, sowie Aufgaben der
Sozialisation durch Einüben der Tolerierung inhaltlicher Pluralität, wahr.
(BERGSDORF1980)
Die genannten Funktionen können durch eine Kartellisierung der Medien gestört werden.
Denn durch eine Störung des Wettbewerbs der verschiedenen am politischen Prozess
beteiligten Gruppen würde das inhärente System von
checks and balances
korrumpiert und
dadurch die politische Stabilität des demokratischen Systems bedroht. Massenmedien sind
Träger der politischen Kultur und leisten ihren Beitrag zur politischen Stabilität
demokratischer Systeme.
2.4 Dilemma: Wahrung der Unabhängigkeit bei gleichzeitiger Abhängigkeit
Einerseits erfordert eine pluralistische Medienlandschaft, dass JournalistInnen unabhängig,
informativ und kritisch dem Staat gegenüber treten und somit die ,,vierte Säule" des
Demokratiegefüges stellen. Andererseits müssen sich JournalistInnen in politischen und
wirtschaftlichen Machtzentren positionieren, um Informationen zu erhalten. Daraus resultiert
ein Dilemma zwischen der Unabhängigkeit der Berichterstattung bei gleichzeitiger
Abhängigkeit von Informationen.
In einem funktionierenden Mediensystem kann dieses Dilemma gelöst werden, denn
,,[v]erschaffen die Medien einerseits der Regierung eine
Publizitätsgarantie
, so wird dieser
Publizitätsbonus gegenüber der jeweiligen Opposition durch die Tendenz zu einer gegenüber
der Regierung kritischen Berichterstattung und Kommentierung zumindest teilweise wieder
ausgeglichen." (KEVENHÖERSTER 2003: 199)
5
In Japan hingegen entsteht der Eindruck, dass die institutionalisierte Abhängigkeit von
Informationsquellen dazu führt, dass Medien einseitig als Sprachrohr der Regierung fungieren
und eher im Sinne der jeweiligen Informationsquellen berichten. (Vgl. KRAUSS 1996: 109)
Tatsächlich spielt auch taktisches, ökonomisches Kalkül der Verlage eine Rolle. Es trägt zur
bewussten Beibehaltung des Systems der Abhängigkeit von den Medienunternehmen bei. Die
Medien werden dadurch sogar zu ,,Mitverschwörern" anstatt bloß ,,Dienern" des Staates. (Vgl.
FREEMAN 2000: 21)
3 Einflussgrößen auf die politischen Funktionen japanischer Medien
Die Funktionsfähigkeit der Massenmedien innerhalb der Demokratie hängt sowohl von den
rechtlichen Rahmenbedingungen ab, als auch von den politischen Bedingungen, d.h. wie sie
Organisation und Struktur der Massenmedien, die Pluralität bei der Berichterstattung und
Kommentierung sowie politische Meinungsbildung gewährleistet werden. (Vgl.
KEVENHÖERSTER 2003)
3.1 Das gesetzliche Rahmenwerk japanischer Medien
Kapitel 3, Artikel 21 des Japanischen Grundgesetzes garantiert, vor allem durch den Einfluss
der Amerikaner auf die Verfassungsgestaltung um 1945, Pressefreiheit und verhindert die
Konzentration von Besitzverhältnissen in der Medienindustrie:
"(1.) Freedom of assembly and association as well as speech, press and all other forms of expression are
guaranteed. (2.) No censorship shall be maintained, nor shall the secrecy of any means of communication
be violated. "(Research Commission on the Constitution)
Das rechtliche Rahmenwerk führte zu einem Prosperieren der Medienlandschaft nach 1945
und ermöglichte die Herausbildung einer Vielzahl von unabhängigen und konkurrierenden
Medienunternehmen. Der Grundstein für den freien Wettbewerb um Medieninhalte wurde
gelegt. Freier Wettbewerb als Voraussetzung fuer die Entwicklung einer medialen
Ideenvielfalt, die sich allerdings nicht auf den Bereich der Nachrichten- und
Informationsinhalte auswirkte. Diese sind medienübergreifend weitestgehend homogen. Der
Grund hierfür liegt nach Krauss in der Besonderheit des japanischen Mediensystems. Es ist
geprägt von dem Widerspruch zwischen dem formellen, rechtlichen Regelwerk und den
politischen, informellen Strukturen, die dieses unterwandern:
6
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