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"Wir sind wieder wer!" - "Das Wunder von Bern“ und seine Wirkung auf die deutsche Gesellschaft der 50er Jahre

Examination Thesis, 2007, 92 Pages
Author: Thomas Müller
Subject: History - Newer History, European Unification

Details

Category: Examination Thesis
Year: 2007
Pages: 92
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 26  Entries
Language: German
Archive No.: V92179
ISBN (E-book): 978-3-638-06038-7

File size: 434 KB

Abstract

„(…) Bozsik, immer wieder Bozsik, der rechte Läufer der Ungarn am Ball. Er hat den Ball verloren, diesmal gegen Schäfer – Schäfer nach innen geflankt – Kopfball – abgewehrt – aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen - Rahn schießt! – Tooor! Tooor! Tooor! Tooor! …“ … 3:2 für Deutschland im Fußball-Weltmeisterschaftsfinale 1954. Der krasse Außenseiter stand kurz vor der großen Sensation, der Sieg über die für unschlagbar gehaltenen Ungarn war zum Greifen nah. Nur noch sechs Minuten galt es zu überstehen. Radioreporter Herbert Zimmermann bekniete den Minutenzeiger schneller zu wandern, doch der leistete seinen Dienst „streng nach Vorschrift“. Noch einmal mussten die Deutschen eine Schrecksekunde überstehen, als der ungarische Star Ferenc Puskás den vermeintlichen Ausgleich erzielte. Aber Abseits, kein Tor! Wenig später pfiff der englische Schiedsrichter Ling die Partie ab – und Deutschland war Fußballweltmeister 1954. In der Heimat feierten die Menschen den Erfolg ausgelassen. Das Ausmaß der Begeisterung sollten die Helden auf ihrer Rückreise erleben. Menschenaufläufe und frenetischer Jubel überall da, wo sie auftauchten. Weniger als zwanzig Jahre zuvor gerieten die Deutschen schon einmal angesichts sportlicher Erfolge in Ekstase. Damals verstand die politische Führung um Adolf Hitler, sich diese Triumphe zu Eigen zu machen. Dem Jubel über Max Schmelings Sieg über den für unbezwingbar gehaltenen „braunen Bomber“ Joe Louis (USA) am 19. Juni 1936 und dem guten Abschneiden der deutschen Olympioniken im gleichen Jahr haftete daher ein „… über alles in der Welt “-Beigeschmack an. Wie aber ist der Jubel von 1954 einzuordnen? Kehrte mit der Freude über den WM-Gewinn der deutsche Chauvinismus zurück - eine Renaissance nationalsozialistischer Ideale? Oder hatten sich bereits neun Jahre nach Kriegsende demokratische Strukturen etabliert?


Excerpt (computer-generated)

Johann Wolfgang Goethe ­ Universität Frankfurt am Main

Sommersemester 2007

Wissenschaftliche Hausarbeit für das Lehramt an Haupt- und Realschulen

,,Wir sind wieder wer!"

,,Das Wunder von Bern" und seine Wirkung auf die deutsche

Gesellschaft der 50er Jahre

Fachbereich 08:

Philosophie und Geschichtswissenschaften

Didaktik der Geschichte

Thomas Müller

Abgabetermin: 30.05.2007


2

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitende Fragestellung 3

2. Die deutsche Gesellschaft der Nachkriegszeit bis 1954 6

2.1. Die Nachkriegsgesellschaft 6

2.2. Auseinandersetzung mit der Vergangenheit 8

2.3. Die Situation im Sport 13

2.4. Die Neugründung des DFB 16

3. Der lange Weg zur Weltmeisterschaft 1954 19

3.1. Sepp Herberger und Fritz Walter: ,,Der Chef und sein Vasall" 19

3.2. Der Weg zum ,,3:2" 21

3.3. Der Geist von Spiez 23

3.4. Die Spiele 25

3.5. Das Finale 28

4. Begeisterung nach dem Finale 29

4.1. Triumphale Heimkehr der Weltmeister 30

4.2. Jubel in der nationalen Presse 32

4.3. Internationale Anerkennung: Reaktionen der ausländischen Presse 34

5. Nationale Töne und die Reaktionen 37

5.1. Misstöne nach dem Finale 37

5.2. ,,Gutes Kicken" und ,,gute Politik" - Reaktionen der Politiker 40

5.3. Reaktionen der Presse 43

5.4. Reaktionen der Bevölkerung 54

6. Die DDR und das Wunder von Bern 57

7. Der Mythos vom ,,Wunder von Bern" 63

7.1. Die Entwicklung des Mythos 66

8. Wir sind wieder wer 69

9. Rezeption des ,,Wunders von Bern" 75

10. Resümee 79

11. Anhang 86

12. Literaturverzeichnis 87


3

1. Einleitende Fragestellung

,,(...) Bozsik, immer wieder Bozsik, der rechte Läufer der

Ungarn am Ball. Er hat den Ball verloren, diesmal gegen

Schäfer ­ Schäfer nach innen geflankt ­ Kopfball ­ abgewehrt

­ aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen - Rahn schießt!

­ Tooor! Tooor! Tooor! Tooor! ..."1

... 3:2 für Deutschland im Fußball-Weltmeisterschaftsfinale 1954. Der

krasse Außenseiter stand kurz vor der großen Sensation, der Sieg über

die für unschlagbar gehaltenen Ungarn war zum Greifen nah. Nur noch

sechs Minuten galt es zu überstehen. Radioreporter Herbert Zimmermann

bekniete den Minutenzeiger schneller zu wandern, doch der leistete

seinen Dienst ,,streng nach Vorschrift". Noch einmal mussten die

Deutschen eine Schrecksekunde überstehen, als der ungarische Star

Ferenc Puskás den vermeintlichen Ausgleich erzielte. Aber Abseits, kein

Tor! Wenig später pfiff der englische Schiedsrichter Ling die Partie ab ­

und Deutschland war Fußballweltmeister 1954.

In der Heimat feierten die Menschen den Erfolg ausgelassen. Das

Ausmaß der Begeisterung sollten die Helden auf ihrer Rückreise erleben.

Menschenaufläufe und frenetischer Jubel überall da, wo sie auftauchten.

Weniger als zwanzig Jahre zuvor gerieten die Deutschen schon einmal

angesichts sportlicher Erfolge in Ekstase. Damals verstand die politische

Führung um Adolf Hitler, sich diese Triumphe zu Eigen zu machen. Dem

Jubel über Max Schmelings Sieg über den für unbezwingbar gehaltenen

,,braunen Bomber" Joe Louis (USA) am 19. Juni 1936 und dem guten

Abschneiden der deutschen Olympioniken im gleichen Jahr haftete daher

ein ,,... über alles in der Welt2"-Beigeschmack an.

Wie aber ist der Jubel von 1954 einzuordnen? Kehrte mit der Freude über

den WM-Gewinn der deutsche Chauvinismus zurück - eine Renaissance

nationalsozialistischer Ideale? Oder hatten sich bereits neun Jahre nach

Kriegsende demokratische Strukturen etabliert?

1 Auszug aus der Rundfunkreportage von Herbert Zimmermann während des WM-Finales von

1954. Zitiert nach: Raithel, Dr. Thomas: Fußball-Weltmeisterschaft 1954 ­ Sport ­ Geschichte ­

Mythos, Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München, 2004, S. 150. [Im

Folgenden als ,,Raithel" abgekürzt]

2 Textzeile aus der 1. Strophe des Deutschlandliedes.


4

Um diese Frage zu klären, werde ich in dieser Arbeit mehrere Ebenen der

deutschen Gesellschaft untersuchen:

Zum einen muss die Rolle der westdeutschen Presse genauer beleuchtet

werden. Schließlich ist der Einfluss von Medien auf die Meinungsbildung

der Bevölkerung unbestritten. Noch wenige Jahre zuvor war die Presse

ein Werkzeug der Nazis, um deren politische Propaganda unters Volk zu

bringen. Es stellt sich daher die Frage, wie der WM-Erfolg von 1954

medial verarbeitet wurde.

Auch die Rolle der neuen politischen Führung wird mich im Folgenden

beschäftigen. Welche Lehren hatten sie aus dem Verhalten ihrer

Vorgängerregierung gezogen? Übten sie sich in Zurückhaltung oder

stimmten sie in den allgegenwärtigen Jubel mit ein? Nutzten sie vielleicht

diesen sportlichen Sieg, um der noch jungen Bundesrepublik ein wenig

Anerkennung zu verschaffen? Schließlich wird der WM-Erfolg in der

heutigen Betrachtung oft mit einem ,,Wir sind wieder wer"-Gefühl

beschrieben, das sich nun in der Bevölkerung etabliert habe. Wie aber

muss dieses Gefühl einsortiert werden? ,,Wer" war man denn nun - und

wer davor? Es muss also geklärt werden, wie die Deutschen ihre

Vergangenheit verarbeitet hatten ­ beziehungsweise, ob sie sie

überhaupt

verarbeitet hatten.

Die nationalsozialistische Indoktrinierung war natürlich auch im Ausland

bekannt. Eine jubelnde deutsche Masse rief daher so manches

Stirnrunzeln hervor. Angesichts dieser Tatsache stellt sich die Frage, wie

das Ausland auf den deutschen WM-Erfolg reagierte. Was überwog: Die

Sorge ob der ,,braunen" Vergangenheit, oder die Anerkennung eines

sportlichen Erfolges?

Zum Ausland gehörte mittlerweile auch der Osten Deutschlands. Im

Oktober 1949 hatte sich hier die DDR unter der Führung der

,,Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED)" gegründet. Im Zuge

des Ost-West-Konfliktes entfremdeten sich die zwei deutschen Staaten

zunehmend. Doch als was verstanden sich die Bürger der DDR? Wie

reagierten sie auf den Erfolg des westlichen Bruders? Wie reagierten ihre

politischen Führer, wie die Presse?


5

Weiterhin werde ich mich mit der Mythisierung des WM-Erfolges von 1954

auseinandersetzen, der mittlerweile weit über den Wert eines

Fußballspiels hinausgewachsen ist. Aus dem Endspiel wurde das

,,Wunder von Bern" und seine Bedeutung für die Menschen der 50er Jahre

wird als ,,Wir sind wieder wer"-Gefühl zusammengefasst. Doch woher

kommen diese Mythen eigentlich? Wie und wann haben sie sich etabliert?

Über die Bedeutung des ,,Wunders von Bern" diskutieren Historiker,

Politologen, Soziologen und Journalisten kontrovers. Wie genau ist es zu

bewerten? Ich werde hier verschiedene Positionen darstellen und ihre

jeweiligen Argumente verdeutlichen.

Zu Beginn meiner Ausführungen werde ich mich jedoch mit der deutschen

Nachkriegsgesellschaft befassen. Das Ende des Zweiten Weltkrieges

bedeutete eine Art Zäsur. Ausgangspunkt ist daher die so genannte

,,Stunde Null".


6

2. Die deutsche Gesellschaft der Nachkriegszeit bis 1954

2.1. Die Nachkriegsgesellschaft

8. Mai 1945: Der Tag der bedingungslosen Kapitulation. Nun war

Hitlerdeutschland auch offiziell besiegt - der Krieg endgültig beendet. In

den zwölf Jahren ihrer Herrschaft hatte die NSDAP vom Lebensraum im

Osten, der deutschen Herrenrasse und dem Endsieg geträumt. Die

Realität nach Kriegsende lautete Fremdherrschaft durch die alliierten

Streitkräfte. Diese teilten das einstige ,,Großdeutsche Reich" in zunächst

drei, später vier Sektoren auf. Mit dem Abtreten der ostdeutschen Gebiete

Pommern, Schlesien und Ostpreußen an Polen (und ein Teil von

Ostpreußen an die Sowjetunion) verlor Deutschland etwa ein Viertel

seines Staatsgebietes und ein Fünftel der Bevölkerung wurde zu

Flüchtlingen.

Die Menschen in Deutschland sahen sich nun überdeutlich den Folgen

des Krieges ausgesetzt: Hunger, Elend und Trümmer. Allein in

Westdeutschland wurden etwa fünf Millionen Wohnungen zerstört. Dies

führte zur völligen Überbelegung des restlichen Wohnraumes, vor allen

Dingen in den Städten.3 Untermieterverhältnisse, in denen sich mehrere

Familien Küche und Bad teilten, waren oftmals die Konsequenz. Doch an

Neubau war kaum zu denken ­ schließlich fehlte unmittelbar nach

Kriegsende nicht nur Geld, sondern vielmehr das Baumaterial. In Bayern

beispielsweise wies eine Statistik von 1953 auf, dass von den

vorhandenen Mietwohnungen lediglich acht Prozent nach 1945 gebaut

wurden.4 Noch 15 Jahre nach Kriegsende sah der Staat zehn

Quadratmeter Wohnfläche pro Person als angemessen an.5

Die Intimität der eigenen vier Wände war somit für viele Bundesbürger mit

erheblichen Komplikationen verbunden. Viel schlimmer jedoch wog die

Tatsache, dass so viele Familien gänzlich zerrissen waren: Der Krieg

3 Niehuss, Merith: Kontinuität und Wandel der Familien in den 50er Jahren; in: Schildt, Axel /

Sywo, Arnold (Hrsg.): Modernisierung im Wiederaufbau ­ Die westdeutsche Gesellschaft der 50er

Jahre, Verlag J. H. W. Dietz Nachf., Bonn, aktualisierte Studienausgabe, 1998, S. 321. [Im

Folgenden als ,,Modernisierung" abgekürzt]

4 Ebd.

5 Ebd.


7

hatte Kinder zu Waisen, Frauen zu Witwen und Männer zu Krüppeln

gemacht. Über 20 Millionen Menschen in Westdeutschland waren direkt

von den Kriegsfolgen betroffen, das war etwa ein Drittel der damaligen

Bevölkerung.6

Umso erstaunlicher, in welch atemberaubendem Tempo die Deutschen

den Weg aus der totalen Krise meisterten. Bereits 1949/50 erreichten die

Löhne wieder Vorkriegsniveau.7 Die Arbeitslosigkeit - bis 1950 mit 10%

noch eines der größten Probleme der jungen Bundesrepublik - wich Ende

der 50er Jahre einer Vollbeschäftigung.8 Die neue Demokratie (unter der

Ägide des neuen starken Mannes Konrad Adenauer), sowie die neue

Währung (DM) brachten Stück für Stück einen Aufschwung mit sich, den

wir unter dem Begriff ,,Wirtschaftswunder" führen. Ein Aufschwung, den

die Bevölkerung jedoch erst nach und nach zu honorieren wusste. Auf die

Frage des Meinungsforschungsinstitutes ,,Allensbach"9, wann in diesem

Jahrhundert es den Deutschen am besten gegangen wäre, antworteten im

Oktober 1951 noch 45%: ,,

Im Kaiserreich",

40%:

,,zwischen 1933 und

1938"

und lediglich 2% meinten:

,,Nach 1945"

.10

Der logische Schluss wäre nun, dass die Bürgerinnen und Bürger am

liebsten die Monarchie wieder einführen wollten. Genau diese Frage

stellte Allensbach einen Monat später. Doch interessanterweise votierte

eine relative Mehrheit von 36% dagegen (dafür immerhin 32%, die

restlichen Befragten waren unentschieden). Drei Jahre später sprach sich

sogar eine knappe absolute Mehrheit von 51% gegen die

Wiedereinführung der Monarchie aus (dafür 22%, unentschieden 27%).11

Zeitgleich stieg das Ansehen des Bundeskanzlers Konrad Adenauer

sprunghaft in der Bevölkerung an. Während 1950 noch niemand der

Deutschen der Meinung war, er habe am meisten für Deutschland

geleistet, stiegen seine Werte 1952 auf 3%, 1953 auf 9% und 1954 waren

6 Ebd.

7 Vgl.: Werner (Hrsg.): Die Kultur der fünfziger Jahre, Wilhelm Fink Verlag, München, 2002, S.

12. [Im Folgenden als ,,Faulstich" abgekürzt]

8 Ebd.

9 Institut für Demoskopie Allensbach, Gesellschaft zum Studium der öffentlichen Meinung mbH;

Vgl.: http://www.ifd-allensbach.de/ .

10 Noelle, Elisabeth / Neumann, Erich: Jahrbuch der öffentlichen Meinung 1947 ­ 1955, Verlag für

Demoskopie, Allenbach am Bodensee, zweite durchgesehene Auflage, 1956, S. 126. [Im

Folgenden als ,,Allensbach" abgekürzt]

11 Ebd., S. 132.


8

es bereits 17% (und damit die zweitgrößte Prozentzahl nach Otto von

Bismarck).12 Man freundete sich zunehmend mit dem neuen starken Mann

an der Spitze an. Auf die Frage, welcher Politiker derzeit der Fähigste sei,

stiegen die Werte des Bundeskanzlers sogar noch steiler an. Während im

Oktober 1948 nur 5% (damit gerade einmal ein Drittel des Wertes von Kurt

Schumacher) für Adenauer votierten, waren es zwei Jahre später bereits

19%, 1952 dann 33%, im Juni 1953 51% und im November 1953 sogar

62%.13

Der wirtschaftliche Aufschwung verstärkte die Akzeptanz der Demokratie

und warf ein gutes Licht auf ihre führenden Köpfe. 1953 stieg die positive

Beurteilung der Bundesrepublik denn auch auf 42%.14 Waren die

Deutschen also tatsächlich innerhalb weniger Jahre von überzeugten

Nationalsozialisten zu verfassungstreuen Demokraten geworden? Um

dieser Frage auf den Grund zu gehen, muss zunächst einmal geklärt

werden, wie sie ihre Vergangenheit verarbeitet hatten.

2.2. Auseinandersetzung mit der Vergangenheit

Eine intensive Beschäftigung mit der Vergangenheitsbewältigung der

Deutschen ist auch im Hinblick auf die einleitende Fragestellung dieser

Examensarbeit vonnöten. Untersucht man die Frage, woher das ,,Wir sind

wieder wer"-Gefühl der Deutschen kam, so muss man sich zuerst damit

beschäftigen, wer sie waren und vor allen Dingen, wer sie eigentlich sein

wollten!

12 Ebd.

13 Ebd., S. 192.

14 Vgl.: Megerle, Klaus: Die Radikalisierung blieb aus. Zur Integration gesellschaftlicher Gruppen

in der Bundesrepublik Deutschland während des Nachkriegsbooms; in: Kaelble, Hartmut: Der

Boom 1948 ­ 1973 ­ Gesellschaftliche und wirtschaftliche Folgen in der Bundesrepublik

Deutschland und in Europa, Westdeutscher Verlag, Berlin, 1992, S. 45. [Im Folgenden als

,,Boom" abgekürzt]


9

Unmittelbar nach Kriegsende gab es scheinbar keine Nazis mehr in

Deutschland:

,,Niemand ist ein Nazi. Niemand ist je einer gewesen. ( )

Ein ganzes Volk, das sich vor der Verantwortung drückt, (...)15"

unkte die

amerikanische Journalistin Martha Gellhorn nach einem Besuch im

Rheinland 1945. Doch gegen wen hatten die Alliierten dann die ganze Zeit

gekämpft? Fassungslos ob dieser plötzlichen 180°-Wende einer

kompletten Nation setzten die Amerikaner auf Schocktherapie. Sie

verpflichteten die Deutschen zu Kinobesuchen, in denen diese mit

Dokumentarfilmen über die Grausamkeiten der NS-Regierung konfrontiert

wurden. Ziel war es, ein Bewusstsein zu schaffen, damit die Bürger ihre

Rolle als Täter oder Mittäter akzeptierten und die wahren Schuldigen aus

ernsthaften Motiven verabscheuten.16

Doch nicht alle Deutschen begriffen, dass sie und ihre ehemaligen

politischen Führer die Schuld am Zweiten Weltkrieg trugen. Das Institut

Allensbach ermittelte im Oktober 1951 nur eine relative Mehrheit von 32%,

die dies akzeptierten. Offensichtlich noch immer benebelt von der NS-

Propaganda sahen 24% die Alliierten als die wahren Kriegstreiber,

während 18% die Schuldfrage auf alle Beteiligten gleichmäßig verteilen

wollten.17 Der Nationalsozialismus an sich sei auch gar keine so schlechte

Sache gewesen. Im Oktober 1948 gaben 78% der Befragten an, dass

ihnen daran

,,etwas besonders gut"

gefallen habe. Allerdings auf die

negative Frage, ob ihnen am Nationalsozialismus etwas besonders

missfallen habe, antworteten sogar 99% mit ,,Ja".18 Dennoch, es sei eine

gute Idee gewesen, die einfach nur schlecht ausgeführt wurde, meinten

57%.19

Wenn die Deutschen schon Schuld sein sollten, dann jedoch nur ihre

politischen Führer. Entsprechend waren 1953 auch 44% der Befragten

dagegen, dass Männer des Dritten Reiches Einfluss auf die aktuelle

deutsche Politik nehmen dürften. Dafür waren nur 13%. Es wurden auch

nicht alle NS-Führer gleichermaßen verteufelt. Bei Schacht, Speer oder

15 Malzahn, Claus Christian: Deutschland, Deutschland ­ Kurze Geschichte einer geteilten Nation,

Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn, 2005, S. 27 - 28. [Im Folgenden als ,,Malzahn"

abgekürzt]

16 Ebd., S. 28 ­ 29.

17 Vgl.: Allensbach, S. 137.

18 Ebd., S. 134.

19 Ebd.



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