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Scholary Paper (Seminar), 2004, 42 Pages
Author: Franka Birkholz
Subject: German - Pedagogy, Didactics, Literature Studies
Details
Institution/College: University of Potsdam (Institut für Germanistik)
Tags: Rotwelsch, Sprache, Außenseiter, Einführung, Sprachgeschichte, Sprachgeschichtsforschung
Year: 2004
Pages: 42
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 24 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-06953-3
File size: 798 KB
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Abstract
1. Einleitung „Legst du mal bitte noch die Flebbn raus!“ – Jeder in meiner Familie weiß dann sofort, dass es sich dabei um die Fahrzeugpapiere handelt. Woher wissen wir das? Immerhin ist eine direkte Ableitung aus dem Wort nicht möglich. Ein Blick in den Duden verrät: Flebbe, die -, -n meist Plur. (Gaunerspr. Ausweispapier) . Wir bedienen uns also eines gaunersprachlichen, rotwelschen Begriffes. Bei einer tiefergehenden Untersuchung der Etymologie dieses Wortes begibt man sich auf die Spuren von Vaganten , Dieben, Bettlern, Händlern und Hausierern , deren Geschichte sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen lässt. Von Beginn an bildete das ‚fahrende’ Volk eine Gesellschaft in der Gesellschaft, da dessen Lebensweise nicht den Vorstellungen und Erwartungen der anderen Menschen entsprach. Die von ihm geschaffene Sprache lässt sich – trotz vieler sozialer Veränderungen – bis in die heutige Zeit nachweisen und ist zumindest punktuell auch in der Gemeinsprache wieder zu finden . Eine Auseinandersetzung mit dem Rotwelschen beinhaltet somit auch die Beschäftigung mit sozialen Unterschieden und den daraus entstehenden Ab- bzw. Ausgrenzungen. Denn erst diese bieten Anlass und Möglichkeit für die Herausbildung einer solchen Sondersprache. Darüber hinaus lassen sie Rückschlüsse auf die Funktionen der Gaunersprache zu: Geheimhaltung und Identifikation. Einige Beispiele sollen helfen, das heutige Vorkommen der Gaunersprache – in seiner „sesshaften“ Form – als Rotwelsch-Dialekte darzustellen. Des Weiteren soll diese Arbeit einen Überblick über wichtige Forschungsarbeiten liefern und Einblick in literarische Überlieferungen geben. Aufgrund der großen Beweglichkeit der Rotwelsch-Sprecher und der damit begünstigten Interaktion innerhalb dieser heterogenen Gruppe erklärt sich eine lexikalische Besonderheit: der Einfluss verschiedener Sprachen. Auch wenn ein Großteil der Wörter dem Deutschen entstammt, lassen sich unter anderem Einflüsse aus dem Jüdisch-Hebräischen, Zigeunerischen, Lateinischen und Niederländischen nachweisen. Dass letztlich nicht nur deutsche Mundarten und andere Sprachen prägend auf die Gaunersprache wirkten, sondern auch diese wiederum Gemein- und Alltagssprache beeinflusste, soll am Beispiel des Berlinischen aufgezeigt werden.
Excerpt (computer-generated)
Hausarbeit
Universität Potsdam
Institut für Germanistik
GK III Einführung in die Sprachgeschichte und
Sprachgeschichtsforschung
Sommersemester 2004
Franka Birkholz
Rotwelsch
Die geheime Sprache sozialer Außenseiter
Inhaltsverzeichnis
Seite
1. Einleitung
4
2. Rotwelsch Die deutsche Gaunersprache
6
2.1.
Entwicklungsgeschichte
7
2.1.1. Vom Entstehen eines neuen Standes
7
2.1.2. Vom 30-jährigen Krieg bis zum Ende des
8
napoleonischen Zeitalters
2.1.3. Vom Beginn der Industrialisierung bis heute
10
2.2.
Rotwelsch-Dialekte
12
2.2.1. Masematte
13
2.2.2. Henese Fleck
14
2.2.3. Hundeshagener Musikantensprache
14
3. Rotwelsch als sprachwissenschaftlicher Gegenstand
16
3.1.
Sprachtypologische Einordnung des
Rotwelsch
16
3.1.1. Die Geheimhaltungsabsicht
17
3.1.2. Das Identifikationsmittel
18
3.2. Wichtige Forschungsarbeiten
19
3.2.1. Kenntnis des
Rotwelsch
zum Schutz vor Betrügern
19
3.2.2. Kriminalistisches Interesse
20
3.2.3. Soziohistorisches und linguistisches Interesse
21
3.2.4. Schriften von
Rotwelschen
21
3.3. Literarische Überlieferungen
21
2
4. Die Lexik
23
4.1. Deutsche Einflüsse
23
4.2. Jiddische und hebräische Einflüsse
24
4.3. Zigeunersprachliche Einflüsse
25
4.4. Einflüsse anderer Sprachen
26
5. Rotwelsch im Berlinischen
27
6. Rotwelsch heute Fazit
30
7. Anhang
31
7.1. Literaturverzeichnis
31
7.2. Abbildungsnachweis
32
7.3. Listen gaunersprachlicher Begriffe im Berlinischen
33
7.3.1. Liste I: Rotwelsche Wörter im Berlinisch-Wortschatz
33
7.3.2 Liste II: Berlinische Wörter im Rotwelsch-Wortschatz
38
7.3.3. Liste III: Berlinische Wörter, die eine
40
Verwandtschaft zum Rotwelsch nahe legen
3
1.
Einleitung
,,Legst du mal bitte noch die Flebbn raus!" Jeder in meiner Familie weiß dann sofort,
dass es sich dabei um die Fahrzeugpapiere handelt. Woher wissen wir das? Immerhin ist
eine direkte Ableitung aus dem Wort nicht möglich. Ein Blick in den Duden verrät:
Flebbe
, die -, -n
meist Plur.
(
Gaunerspr.
Ausweispapier)1. Wir bedienen uns also eines
gaunersprachlichen, rotwelschen Begriffes.
Bei einer tiefergehenden Untersuchung der Etymologie dieses Wortes begibt man sich
auf die Spuren von Vaganten2, Dieben, Bettlern, Händlern und Hausierern3, deren
Geschichte sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen lässt. Von Beginn an bildete das
,fahrende′ Volk eine Gesellschaft in der Gesellschaft, da dessen Lebensweise nicht den
Vorstellungen und Erwartungen der anderen Menschen entsprach. Die von ihm
geschaffene Sprache lässt sich trotz vieler sozialer Veränderungen bis in die heutige
Zeit nachweisen und ist zumindest punktuell auch in der Gemeinsprache wieder zu
finden4.
Eine Auseinandersetzung mit dem Rotwelschen beinhaltet somit auch die
Beschäftigung mit sozialen Unterschieden und den daraus entstehenden Ab- bzw.
Ausgrenzungen. Denn erst diese bieten Anlass und Möglichkeit für die Herausbildung
einer solchen Sondersprache. Darüber hinaus lassen sie Rückschlüsse auf die
Funktionen der Gaunersprache zu: Geheimhaltung und Identifikation.
Einige Beispiele sollen helfen, das heutige Vorkommen der Gaunersprache in seiner
,,sesshaften" Form als Rotwelsch-Dialekte darzustellen. Des Weiteren soll diese
Arbeit einen Überblick über wichtige Forschungsarbeiten liefern und Einblick in
literarische Überlieferungen geben.
1 Für die Schreibung dieses Wortes finden sich verschiedene Schreibweisen: Flebbe/-n, Flebbn, Fleppe,
Flepn. Duden Die deutsche Rechtschreibung (2000), S. 380; Girtler, R.: Rotwelsch Die alte Sprache
der Gauner, S. 156
2 Vaganten, von vagari, lat.: wandern, umherschweifen
3 u.a., Wolf unterscheidet insgesamt 9 Sprechergruppen (siehe S. 13 dieser Arbeit), aus: S. Wolf:
Rotwelsch, die Sprache sozialer Randgruppen, S. 75
4 ,,Das deutsche Universalwörterbuch [Duden] listet in seiner [...] fünften Auflage aus dem Jahre 2003 77
als gaunersprachlich gekennzeichnete Eintragungen auf." aus: Hochhaus, Stephan: Rotwelsch die
deutsche Gaunersprache, Eine künstliche Sprachbarriere (Hauptseminarsarbeit)
4
Aufgrund der großen Beweglichkeit der Rotwelsch-Sprecher und der damit
begünstigten Interaktion innerhalb dieser heterogenen Gruppe erklärt sich eine
lexikalische Besonderheit: der Einfluss verschiedener Sprachen. Auch wenn ein
Großteil der Wörter dem Deutschen entstammt, lassen sich unter anderem Einflüsse aus
dem Jüdisch-Hebräischen, Zigeunerischen, Lateinischen und Niederländischen
nachweisen.
Dass letztlich nicht nur deutsche Mundarten und andere Sprachen prägend auf die
Gaunersprache wirkten, sondern auch diese wiederum Gemein- und Alltagssprache
beeinflusste, soll am Beispiel des Berlinischen aufgezeigt werden.
5
2.
Rotwelsch Die deutsche Gaunersprache
Den Beginn der Betrachtungen soll die Klärung des
Rotwelsch
-Begriffes als
Bezeichnung für die deutsche Gaunersprache haben. Einigkeit besteht hinsichtlich des
ersten Auftretens des Wortes in der deutschen Literatur um 1250. Hier steht
rotwalsch
bereits in einer übertragenen Bedeutung für ,,Worte geheimen, arglistigen Sinnes"5.
Dabei wird der Wortteil
walsch
als ,fremdartig, unverständlich′ interpretiert,
Bedeutungen, die im übertragenen Sinn aus ,romanisch′, besonders ,italienisch′6,
,französisch′, hervorgegangen sein sollen7.
Dagegen finden sich für
rot-
zwei verschiedene etymologische Erklärungen: Die erste
Variante wird abgeleitet aus dem Wortbestand des
Liber Vagatorum
(ca. 1510), wonach
rotboß
(Bettlerherberge,
boß
Haus, Herberge),
Rottun
(Bettler) und
Rotten
(betteln)
den Schluss nahe legen, dass mit dem Wortteil
rot-
Bettler bezeichnet wurden. Insofern
wäre
Rotwelsch
dann die ,,(schwer verständliche) Sprache der Bettler".
Eine andere Ansicht wird zum Beispiel im Grimmschen Wörterbuch (1893) vertreten:
Hier steht
rt
für ,rothaarig, falsch′. Die Farbbezeichnung enthält also
Nebenbedeutungen im Sinne von ,schlau, falsch, gerissen′. Mit diesem Ansatz kommt
dem Sprachnamen die Bedeutung ,,betrügerische Rede" zu.
In der Sprachwissenschaft hat sich die Bezeichnung
Rotwelsch
für die deutsche
Gaunersprache durchgesetzt. Darüber hinaus finden sich aber auch: Argot8, Jenisch9,
Kundensprache10 und Kochemer loschn11 sowie verschiedene Namen von Rotwelsch-
Dialekten etwa Masematte12, Giessener Manisch und Lingelbacher Musikantensprache.
5 Kluge, F.: Rotwelsch, S. 1
6 der Wahle, der Walisch: italienischer Krämer, fremder Händler, vgl.: Wolf, S.A.: Wörterbuch des
Rotwelschen, S. 9
7 nach: Lühr, R.: Zum Sprachnamen Rotwelsch, S. 16
8 ,,Argot: Bez. für verschiedene spezielle Varietäten sozialer Randgruppen, Sondersprachen, im Dt. als
Rotwelsch, im Engl. als Cant bekannt." aus: Glück, H.: Metzlers Lexikon Sprache, S. 59
9 Das Wort enthält die zigeunerische Wurzel ,,dsian", was so viel wie ,,wissen" bedeutet. Jenisch ist also
die ,,kluge Sprache". Nachweisbar ist diese Bezeichnung seit 1714. vgl.: Wolf, S.A.: Wörterbuch des
Rotwelschen, S. 10
10 Kunden bezeichnet ,,stromernde Handwerksburschen, Walzbrüder"; Vgl.: Wolf, S.A.: Wörterbuch des
Rotwelschen, S. 10
11 Diese Bezeichnung leitet sich aus dem Jiddischen ab: chochem >klug<, losn >Sprache<; Aus: Glück,
H.: Metzlers Lexikon Sprache, S. 587
12 Masematte ist ein in Münster beheimateter Dialekt. Das Wort bedeutet in der ursprünglichen Form
,,Verhandlung, Geschäft", erhielt in der Gaunersprache jedoch eine neue Bedeutung: ,,Diebstahl".
6
2.1.
Entwicklungsgeschichte
2.1.1. Vom Entstehen eines neuen Standes
Schon in der heidnischen germanischen Gesellschaft gab es Unfreiheit, die jedoch ,,als
deren wesentlichste Eigentümlichkeit [...] gerade die Fürsorge für die leiblichen
Bedürfnisse und für das Auskommen des Knechtes und seiner Familie"13 aufwies.
Somit garantierte sie den Schutz des Einzelnen vor Heimat- und Besitzlosigkeit. Diese
Situation änderte sich im Laufe des Mittelalters mit dem Wandel der ,,gesellschaftlichen
Organisationsstrukturen, [der] Modelle des Wirtschaftens und [der]
Regierungsformen"14 erheblich.
Zwar stellte Karl d. Große die ,,minus potentes" oder ,,pauperes"15 noch unter seinen
persönlichen Schutz ,,gegen die vielen kleinen Patrone, die die Rechte der Armen mit
Füßen traten"16, allerdings konnte dieser Rechtsschutz der Ausbeuterwirklichkeit wenig
entgegensetzen. Auch wenn ,,im gesellschaftlichen Bewusstsein der Menschen des
Mittelalters die Sesshaftigkeit, die Verwurzelung an einem Ort und in einer
Gemeinschaft positiv bewertet"17 wurde und ,,das Gefühl der Ordnung und der sozialen
Sicherheit sich auf Bande des Blutes und der Nachbarschaft stützt"18, füllten sich die
Straßen mit immer mehr Menschen: Rittern, Handwerksgesellen, Scholaren, Mönchen
und Pilgern, Zigeunern19, aber auch denen, ,,die in Acht und Bann gerieten, sei es, dass
sie durch Beschluss der Gemeinschaft, durch gesetzliches Gebot oder gerichtliches
Urteil das Recht einbüßten, sich in einem bestimmten Territorium aufzuhalten"20. Eine
große Gruppe bildeten auch die leibeigenen Bauern, die verarmt ihre Schollen verlassen
hatten, ihr Heil als Landstreicher suchten und zu Hunderttausenden21 in die
13 Avé-Lallement: Das deutsche Gaunertum, S. 35
14 Geremek, B.: Der Außenseiter, S. 374
15 die Schwachen oder Armen, vgl.: Boehncke, H./Johannsmeier, R.: Das Buch der Vaganten, S. 9
16 Boehncke, H./Johannsmeier, R.: Das Buch der Vaganten, S. 9
17 Geremek, B.: Der Außenseiter, S. 375
18 ebd.
19 Avé-Lallement zeigt auf, dass sich die ersten Spuren von Zigeunern in Deutschland erst um 1417
(Nordsee) finden. Vgl.: Avé-Lallement: Das deutsche Gaunertum, S. 27
20 ebd., S. 376
21 Um der riesigen Bettlerheere Herr zu werden, wurde ihnen der Zugang zur Stadt verwehrt. Es entstehen
Vorstädte, das Milieu ursprünglich Orte, an denen Exkremente gesammelt wurden. Auf dem
Kohlenberg seit dem 14. Jh. Teil der Stadt Basel sollen bis zu 40.000 Bettler neben Kloakenreinigern,
Totengräbern und Henkern gelebt haben. Bettlerordnungen wie die der Stadt Augsburg von 1461
untersagten das Betreten der Stadt. Nur Kranken, Verdächtigen und Pilgern war das Betteln für wenige
7
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