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>>Von deinem Gott war die Rede, ich sprach/ gegen ihn<<: Aspekte der Frage nach Gott in Leben und Werk Paul Celans

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2008, 21 Pages
Author: Monika Ringleb
Subject: Theology - Systematic Theology

Details

Event: Hauptseminar
Institution/College: University of Würzburg
Tags: Gott, Rede, Aspekte, Frage, Gott, Leben, Werk, Paul, Celans, Hauptseminar
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2008
Pages: 21
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 11  Entries
Language: German
Archive No.: V92986
ISBN (E-book): 978-3-638-06628-0
ISBN (Book): 978-3-638-95512-6
File size: 222 KB
Notes :
mit einer ausführlichen Darstellung der leidensgeschichte Celans und einer Interpretation der Gedichte Psalm und Tenebrae >>> Grenzbereich zwischen Literaturwissenschaft und Theologie >>> meine Dozentin war ganz begeistert ;o)


Abstract

Paul Celans Erfahrung ist die eines Gottes, der sich von der Welt abgewandt hat - und zwar radikal. Genau diese Erfahrung und die damit zusammenhängende Frage nach Gott in Leben und Lyrik Celans ist Gegenstand der vorliegenden Arbeit. Sie untersucht, auf welche Weise Celan Gott in seiner Lyrik explizit und vor allem implizit zum Thema macht, arbeitet das hinter den Gedichten liegende Gottesbild heraus und erklärt die biographischen Voraussetzungen und Gründe dieses Bildes genauer. Die Arbeit bietet einen Überblick, eine kurze Einführung in die Frage nach Gott im Leben und in der Lyrik Celans. Das tut sie, indem sie sich 1) auf zentrale Aspekt des Lebens Celans beschränkt, in denen sich die Frage nach Gott implizit stellt und 2) indem zwei exemplarische Gedichte aus dem umfangreichen Werk Celans hinsichtlich der des dahinter liegenden Gottesbildes analysiert werden. Aus dieser Einschränkung ergibt sich der Aufbau der Arbeit: In einem ersten Teil erfolgt eine kurze Betrachtung der Biographie Celans – und zwar eingeschränkt auf Aspekte, in denen sich die Frage nach Gott stellt. In einem zweiten Teil soll untersucht werden, inwiefern sich diese Frage nach Gott im Leben Celans in seiner Lyrik niederschlägt. Den Schluss bildet eine kurze Diskussion darüber, ob Celan aufgrund der Ergebnisse des ersten und zweiten Teils als theologischer Dichter (»poeta theologus«) einzuordnen ist.


Excerpt (computer-generated)

BAYERISCHE JULIUS-MAXIMILIANS-UNIVERSITÄT

WÜRZBURG

Katholisch-Theologische Fakultät

Lehrstuhl für Fundamentaltheologie

Hauptseminar im WS 2007/08

Gottesferne ­ ganz nah.

Gravuren christlicher Gottesrede in der Welt von heute

Seminararbeit zum Thema:

»Von deinem Gott war die Rede, ich sprach/ gegen ihn«:

Aspekte der Frage nach Gott in Leben und Werk Paul Celans






vorgelegt von:

Monika Ringleb

11.03.2008


Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis 2

Einleitung 3

1 Die Frage nach Gott im Leben Paul Celans: Der Zweifel am jüdischen Gott und die Bindung an

sein Volk 4

1.1 Kurzer biographischer Abriss 4

1.2 Erfahrungen schweren Leids 5

1.2.1 Verlusterfahrungen 5

1.2.2 Erfahrungen des Antisemitismus 5

1.2.3 Erfahrungen des Scheiterns 6

1.2.4 Die Frage nach Gott im Leid 8

1.3 Verhältnis zum Judentum 9

1.4 Zwischenfazit: Der Zweifel am jüdischen Gott und die Bindung an sein Volk 10

2. Die Frage nach Gott in der Lyrik Paul Celans: Die Niederschlagung der Biographie im Werk... 10

2.1 Das Charakteristikum Celanscher Lyrik: Verwobenheit von Erlebtem und Geschriebenem . 10

2.2 Aspekte der Frage nach Gott in der Lyrik Celans 11

2.2.1 Das Gedicht als Begegnung mit dem »ganz Anderen« 12

2.2.2 Dialektik von Reden und Schweigen 12

2.2.3 Das Jüdische in Celans Dichtung 13

2.2.4 Das Gottesbild Celans am Beispiel der Gedichte

Psalm

(1962) und

Tenebrae

(1957)... 13

Abschließende Diskussion: Paul Celan ­ ein »poeta theologus«? 18

Literaturverzeichnis 20

2


Einleitung

Es ist eine der tiefsten und traumatischsten Erfahrungen der Menschheit, dass Gott in unserer unfertigen

Welt mit Abwesenheit zu glänzen scheint. Wo ist er, dieser Gott, von dem wir glauben, er sei allmächtig

und gütig, wenn Eltern in der Lage sind, ihre eigenen Kinder zu töten? Wo ist er, wenn bei einem

Tsunami mehr als 200.000 wehrlose Menschen ihr Leben lassen müssen? Wo ist er, wenn sich alle 40

Sekunden weltweit1 ein hoffnungsloser Mensch das Leben nimmt? In tiefster Verlassenheit rufen wir

nach diesem Gott, den wir so sehr brauchen. Aber er scheint all unserer Drangsal einfach nur tatenlos

zuzusehen! Und er scheint nicht mal davor zurückzuschrecken, seinen eigenen Sohn demselben

Schicksal auszuliefern, wenn dieser ihm am Kreuz entgegenschreit: ,,Mein Gott, mein Gott, warum hast

Du mich verlassen?"2

Jene Erfahrung eines Gottes, der sich von der Welt abgewandt hat, ist auch die des Dichters Paul Celan.

Als Überlebender des Holocaust, der das absolute Ausmaß dessen, was Menschen sich gegenseitig antun

können, durchleiden musste, bringt er sein Verständnis von Gott im Gedicht

Zürich, Zum Storchen

, dem

ein Gespräch mit Nelly Sachs zugrunde liegt, auf den Punkt: ,,Von Deinem Gott war die Rede, ich

sprach/ gegen ihn". Gegen Gott sprechen heißt: Celan kann nicht mehr glauben nach dem, was er erleben

musste. Auschwitz bedeutet, dass Gott den Menschen unendlich fern sein muss!

In einer solchen Situation der Gottferne macht das Christentum seine befreiende Grunderfahrung,

nämlich, dass dem Kreuz die Auferstehung, der absoluten Verzweiflung die totale Liebe folgt und wir

Menschen deshalb auch im tiefsten Gefühl der Gottverlassenheit darauf vertrauen dürfen, dass das Leid

und das Böse nicht das letzte Wort haben. Ostern hat gezeigt, dass Gott gerade in der Ferne ganz nahe

kommen kann ­ auch heute noch. Paul Celan allerdings blieb diese erlösende Erfahrung Zeit seines

Lebens verwehrt, aus seinem persönlichen Kreuz gab es kein Entkommen: Indem Gott Auschwitz

zugelassen hat, hat er sich für Celan unwiderruflich von ihm selbst, aber auch von allen Menschen

abgewandt. Aus der Gottferne gibt es für ihn kein Zurück mehr.

Genau diese Erfahrung Celans und die damit zusammenhängende Frage nach Gott in seinem Leben und

in seiner Lyrik soll Gegenstand der vorliegenden Arbeit sein. Sie will untersuchen, auf welche Weise

Celan Gott in seiner Lyrik explizit und vor allem implizit zum Thema macht, will das hinter den

Gedichten liegende Gottesbild herausarbeiten sowie die schon angedeuteten biographischen

Voraussetzungen und Gründe dieses Bildes genauer erklären.

In der Erarbeitung dieser Thematik muss sich eine Seminararbeit notwendigerweise auf zentrale Aspekte

beschränken. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft und der Tatsache, dass Celan sein persönliches Leid

immer im Kontext des Leids des jüdischen Volkes insgesamt betrachtet, könnte man ganze Bücher allein

über Celans Verhältnis zum Judentum/zum jüdischen Gott schreiben ­ ebenso über die Verwendung

jüdischer Motivik in seiner Lyrik! Eine solche umfassende Darstellung kann diese kurze Arbeit nicht

leisten. Sie will deshalb nicht mehr als einen Überblick, eine kurze Einführung in die Frage nach Gott im

Leben und in der Lyrik Celans geben. Das tut sie, indem sie sich 1) auf zentrale Aspekt des Lebens

Celans beschränkt, in denen sich die Frage nach Gott implizit stellt und 2) indem nur zwei

1 Vgl. www.suizid.de.

2 Mk 15, 34b par.

3


exemplarische Gedichte aus dem umfangreichen Werk Celans hinsichtlich der des dahinter liegenden

Gottesbildes analysiert werden.

Aus dieser Einschränkung ergibt sich der Aufbau der Arbeit: In einem ersten Teil erfolgt eine kurze

Betrachtung der Biographie Celans ­ und zwar eingeschränkt auf Aspekte, in denen sich die Frage nach

Gott stellt. In einem zweiten Teil soll untersucht werden, inwiefern sich diese Frage nach Gott im Leben

Celans in seiner Lyrik niederschlägt. Den Schluss bildet eine kurze Diskussion darüber, ob Celan

aufgrund der Ergebnisse des ersten und zweiten Teils als theologischer Dichter (»poeta theologus«)

einzuordnen ist.

1 Die Frage nach Gott im Leben Paul Celans: Der Zweifel am jüdischen

Gott und die Bindung an sein Volk

Die Frage nach Gott ist eine, die sich durch viele Lebensbereiche und Erfahrungen Celans

unterschwellig durchzieht und immer irgendwie mitklingt. Ihre dauernde implizite Präsenz speist sich

aus zwei unveränderlichen Konstanten im Leben Celans: Seine Verwurzelung im Judentum und die

zahlreichen Leiderfahrungen, denen er ausgeliefert war.

Als Jude geboren wuchs Celan in den Traditionen des Judentums auf. Als Jugendlicher befreite er sich

zwar aus der restriktiven Gesetzeserfüllung, die jüdischen Wurzeln blieben jedoch ein feststehender

Bezugsrahmen seines Lebens (und auch seines Werkes). Im Zuge dessen bedurfte es auch einer

Auseinandersetzung mit dem jüdischen Gott, dessen Allmacht und Güte ­ und letztlich sogar Existenz ­

Celan aufgrund der zweiten Konstante, nämlich der sich durch sein Leben ziehenden Leiderfahrungen,

stark anzweifelte.

Wenn man nach der Rolle, die Gott im Leben Celans spielte, fragt, stößt man zwangsläufig auf diese

Konstanten, die die Basis des ganzen Lebens Paul Celans ausmachen und sich implizit durch viele

Lebensbereiche durchziehen. Deshalb sollen sie und die Tatsache, inwiefern sich aufgrund der

Verwurzelung im Judentum und des schweren Leids die Frage nach Gott im Leben Celans stellt, im

Folgenden genauer untersucht werden. Damit diese Aspekte nicht im luftleeren Raum stehen, sondern in

Bezug auf das ganze Leben Celans ungefähr eingeordnet werden können, sei allerdings ein kurzer Abriss

seiner Biographie vorweggeschoben.

1.1 Kurzer biographischer Abriss

Paul Antschel3 wurde am 23. November 1920 als Sohn deutschsprachiger Juden in Czernowitz

(Rumänien) geboren und verlebte bis zum Anbruch des Nazi-Regimes, dem seine Eltern zum Opfer

fielen, eine relativ glückliche Zeit. Schon früh hatte er seine Liebe zur Sprache und Literatur entdeckt

und beschloss deshalb nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und seines Zwangsarbeitsdienstes

Sprachen (Romanistik, Anglistik, Germanistik) zu studieren und Dichter (bzw. Übersetzer) zu werden.

Weil er in Umgebung von renommierten Schriftstellern und anderen Künstlern leben wollte, zog es den

jungen Celan über mehrere Zwischenstationen (z. B. Bukarest und Wien) 1948 nach Paris. Hier heiratete

3 Der Geburtsname Celans lautete Paul Antschel. Ab 1946 verwendete er im Zuge seiner ersten Übersetzungstätigkeiten

und Veröffentlichungen das Anagramm »Celan«, weil ihm sein Nachname für einen Dichter nicht elegant genug klang.

4


er 1952 die Malerin Gisèle Lestrange und erlebte Ende der 50er Jahre seinen sich seit seiner Lesung vor

der »Gruppe 47« (1952) abzeichnenden internationalen Durchbruch. Er erhielt mehrere Literaturpreise ­

u. a. den Georg Büchner Preis (1960). Ab 1962 erlitt Celan mehrere Schübe einer psychischen

Erkrankung, die ihn schließlich als letztes Glied einer Kette von schweren Krisen am 20.04. 1970 in den

Freitod trieb.

1.2 Erfahrungen schweren Leids

Schon in einer nur oberflächlichen Auseinandersetzung mit der Biographie Paul Celans wird sehr schnell

deutlich, dass Celan ein Leben führte, das wieder und wieder von Krisen erschüttert wurde, dass Celan

Zeit seines Lebens Erfahrungen schweren Leids ganz unterschiedlicher Art machen musste.4 Wie für

viele Menschen stellte sich in diesen Leiderfahrungen auch für Celan die Frage nach Gott.

1.2.1 Verlusterfahrungen

Paul Celan erlebte in seiner Kindheit einen strengen Vater, vor dem er allerdings immer wieder in die

Arme seiner Mutter Friederike flüchten konnte. Sie war seit frühester Kindheit seine Beschützerin und

konnte ihm, da Celan Einzelkind blieb, ihre ganze Aufmerksamkeit schenken. Auch seine Begeisterung

für Literatur teilte sie. Zwischen Mutter und Sohn entwickelte sich so ein Bündnis, das von tiefer Liebe

und gegenseitiger Hochachtung getragen war: Bis weit nach der Pubertät war Celans ,,dominante

emotionale Bindung immer noch die zur über alles geliebten, schönen Mutter, die ihrerseits die

vielversprechende Entwicklung des hochbegabten Sohnes und einzigen Kindes mit steter Wärme und

großer Genugtuung begleitete". Israel Chalfen, ein Biograph Celans, trug sogar die Hypothese vor, dass

in dieser ,,intensiven Mutterbindung Celans ganzes Gefühlsleben aufging" und dass ,,alles grob Sexuelle

verdrängt oder in die ideale Liebesbeziehung zur Mutter umgewandelt wurde"5.

Wenn man sich die tiefe Liebe Celans zu seiner Mutter vergegenwärtigt, kann man ansatzweise

ermessen, welchen großen Verlust ihr Tod für ihn bedeuten musste. Die unendlich tiefe Trauer um seine

Mutter begleitete Celan ein Leben lang und trug letztlich auch das ihre zu Erkrankung und Suizid bei.

Eine zweiten großen Verlust musste Celan hinnehmen: Sein erster Sohn Francois starb nur 30 Stunden

nach der Geburt. ,,Es war", wie Celan einem Freund anvertraute, ,,schwer, schwer, schwer"6. Wie auch

schon beim Tod seiner Mutter schrieb sich Celan die Trauer in einem Gedicht, das er seinem Sohn

widmete (

Grabschrift für Francois

), von der Seele.

1.2.2 Erfahrungen des Antisemitismus

Wenn man als Jude in die Zeit hineingeboren wird, deren Kind Celan ist, ist eine Erfahrung die wohl

prägendste des Lebens: Die Erfahrung, dass man schräg angeschaut, angefeindet oder sogar misshandelt

oder getötet wird, weil man Jude ist ­ die Erfahrung des Antisemitismus. Auch Celan wurde zu seinem

Opfer.

4 Aufgrund der folgenden Darstellungen könnte der Eindruck entstehen, dass Celans Leben aus nichts als Bedrängnis und

Not bestand. Dem sind eine relativ sorglose Kindheit, Ehrungen des Schriftstellers mit verschiedenen Preisen und ein

glückliches Familienleben vor dem Ausbruch seiner Krankheit entgegenzusetzen. Es ist dem Gegenstand dieser Arbeit

geschuldet, dass hier nur Leiderfahrungen betrachtet werden.

5 Beide zit. nach: Emmerich, Wolfgang: Paul Celan. Reinbek bei Hamburg, 2006, 34/35.

6 Zit. nach: Felstiner, John: Paul Celan : Eine Biographie. München, 1997, 108.

5



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