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Title: Die Urnenfelder-Kultur (Excerpt)
Die Urnenfelder-Kultur

Subtitle: Eine Kultur der Bronzezeit vor etwa 1300/1200 bis 800 v. Chr.

Excerpt, 1996, 121 Pages
Author: Ernst Probst
Subject: Archaeology

Details

Category: Excerpt
Year: 1996
Pages: 121
Language: German

Archive No.: V93166
ISBN (E-book): 978-3-640-10552-6
ISBN (Book): 978-3-640-11173-2
File size: 3081 KB

Abstract

Die Bronzezeit vor mehr als 2000 bis 800 v. Chr. gilt als die erste und längere der Metallzeiten in Europa. In dieser Zeit wurden Werkzeuge, Waffen und Schmuck aus Bronze hergestellt. In einigen Gebieten hatte die Bronzezeit eine andere Zeitdauer. So begann sie in Süddeutschland schon vor etwa 2300 v. Chr. und endete um 800 v. Chr. In Norddeutschland dagegen währte sie von etwa 1600 bis 500 v. Chr. Zu den in Deutschland verbreiteten Kulturen der Bronzezeit gehört die Urnenfelder-Kultur vor etwa 1300/1200 bis 800 v. Chr. Sie gilt in Europa als eine der wichtigsten Kulturen der Spätbronzezeit und vermochte sich vom nördlichen Balkan über die Donauländer bis zur Oberrheinregion auszubreiten. In Deutschland war sie in Baden-Württemberg, Bayern, im Saarland, in Rheinland-Pfalz, Hessen, Teilen Nordrhein-Westfalens (Niederrheinische Bucht) und südlich des Thüringer Waldes heimisch. Der Begriff Urnenfelder-Kultur fußt darauf, daß damals die Toten auf Scheiterhaufen verbrannt und danach häufig ihre Asche beziehungsweise Knochenreste in tönerne Urnen geschüttet und in Brandgräbern beigesetzt wurden. Gelegentlich bildeten die Brandgräber ausgedehnte Urnenfelder mit Dutzenden oder Hunderten von Bestattungen. Der Text über die Urnenfelder-Kultur stammt aus dem vergriffenen Buch „Deutschland in der Bronzezeit“ (1996) des Wiesbadener Wissenschaftsautors Ernst Probst in alter deutscher Rechtschreibung und entspricht dem damaligen Wissensstand. Weitere Kulturen der Bronzezeit aus Deutschland werden ebenfalls in Einzelpublikationen vorgestellt.


Excerpt (computer-generated)

MANUAL

Ernst Probst

Die Urnenfelder-Kultur

1


Meiner Ehefrau Doris gewidmet

2


Ernst Probst

Die

Urnenfelder-

Kultur

3


4


Vorwort

Die Bronzezeit vor mehr als 2000 bis 800 v. Chr. gilt als die

erste und längere der Metallzeiten in Europa. In dieser Zeit

wurden Werkzeuge, Waffen und Schmuck aus Bronze her-

gestellt. In einigen Gebieten hatte die Bronzezeit eine andere

Zeitdauer. So begann sie in Süddeutschland schon vor etwa

2300 v. Chr. und endete um 800 v. Chr. In Norddeutschland

dagegen währte sie von etwa 1600 bis 500 v. Chr.

Zu den in Deutschland verbreiteten Kulturen der Bronze-

zeit gehört die Urnenfelder-Kultur vor etwa 1300/1200 bis

800 v. Chr. Sie gilt in Europa als eine der wichtigsten

Kulturen der Spätbronzezeit und vermochte sich vom nörd-

lichen Balkan über die Donauländer bis zur Oberrheinregion

auszubreiten. In Deutschland war sie in Baden-Württem-

berg, Bayern, im Saarland, in Rheinland-Pfalz, Hessen,

Teilen Nordrhein-Westfalens (Niederrheinische Bucht) und

südlich des Thüringer Waldes heimisch.

Der Begriff Urnenfelder-Kultur fußt darauf, daß damals die

Toten auf Scheiterhaufen verbrannt und danach häufig ihre

Asche beziehungsweise Knochenreste in tönerne Urnen ge-

schüttet und in Brandgräbern beigesetzt wurden. Gelegent-

lich bildeten die Brandgräber ausgedehnte Urnenfelder mit

Dutzenden oder Hunderten von Bestattungen.

Der Text über die Urnenfelder-Kultur stammt aus dem ver-

griffenen Buch ,,Deutschland in der Bronzezeit" (1996) des

Wiesbadener Wissenschaftsautors Ernst Probst in alter deut-

scher Rechtschreibung und entspricht dem damaligen Wis-

sensstand. Weitere Kulturen der Bronzezeit aus Deutschland

werden ebenfalls in Einzelpublikationen vorgestellt.

5


ERNST WAGNER,
geboren am 5. April 1832
in Karlsruhe,
gestorben am 7. März 1920
in Karlsruhe.
Der Sohn des Stadtpfarrers
von Schwäbisch Gmünd war
1861 bis 1863 Erzieher in
London und 1864 bis 1875
Erzieher des
Erbgroßherzogs in Karlsru-
he. 1867 wurde er Leiter der
Friedrichschule. Von 1875
bis 1919 leitete er die Groß-
herzogliche Altertümer-
sammlung in Karlsruhe und
war Oberschulrat. Auf
Wagner geht der Begriff
Urnenfelder-Kultur zurück.

6


Die Zeit

der Unruhestifter

Die Urnenfelder-Kultur

vor etwa 1300/1200 bis 800 v. Chr.

Die Urnenfelder-Kultur gilt in Europa als eine der wich-

tigsten Kulturen der Spätbronzezeit. Sie bestand von etwa

1300/1200 bis 800 v. Chr. und vermochte sich vom nördli-

chen Balkan über die Donauländer bis zur Oberrheinregion

auszubreiten. In Deutschland war sie in Baden-Württemberg,

Bayern, im Saarland, in Rheinland-Pfalz, Hessen, Teilen

Nordrhein-Westfalens (Niederrheinische Bucht) und südlich

des Thüringer Waldes heimisch.

Der Begriff ,,Urnenfelder-Kultur" fußt darauf, daß damals

die Toten auf Scheiterhaufen verbrannt und danach häufig

ihre Asche beziehungsweise Knochenreste in tönerne Ur-

nen geschüttet und in Brandgräbern beigesetzt wurden. Ge-

legentlich bilden die Brandgräber ausgedehnte Urnenfelder

mit Dutzenden oder Hunderten von Bestattungen.

Als erster formulierte 1885 der Direktor der Großherzog-

lichen Altertümersammlungen in Karlsruhe, Ernst Wagner

(1832­1920), die Bezeichnung ,,Urnen-Friedhöfe". Seine Pu-

blikation ,,Hügelgräber und Urnen-Friedhöfe in Baden"

wurde 1886 durch den Königsberger Prähistoriker Otto

Tischler (1843­1891) in der ,,Westdeutschen Zeitschrift"

kommentiert. Dabei sprach Tischler von ,,Urnenfeldern der

Bronzezeit".

Nach Ansicht der meisten Prähistoriker war die Urnenfelder-

7


Zeit ein unruhiger Abschnitt der Urgeschichte. Damals setz-

ten vermutlich in vielen Gebieten Europas große Völker-

wanderungen ein, die vielleicht im mittleren Donauraum

ihren Ausgang nahmen. Sie erreichten wahrscheinlich nicht

nur Süddeutschland, sondern auch den Balkan und die östli-

che Mittelmeerregion. Sogar die Ägypter mußten sich der

Eindringlinge mit Waffengewalt erwehren.

Ihre Ursache hatten die großen Wanderungen der Unruhe-

stifter womöglich in einer erheblichen Bevölkerungszunah-

me, deren Folgen durch ein ungünstiges trockenes Klima

verstärkt wurden. Ein weiteres Motiv könnte das Interesse

von Anführern der betroffenen Gemeinschaften an Kriegs-

zügen gewesen sein, die bei erfolgreichem Verlauf sowohl

Beute als auch Ansehen mehrten. Diese Kriegszüge nun be-

wirkten vermutlich Ausweichbewegungen jener Stämme, in

deren Gebiete die Eroberer zuerst eindrangen.

Es gab aber auch Experten, die derartige Wanderungen be-

zweifelten. Der Freiburger Prähistoriker Georg Kraft (1894­

1944) beispielsweise schloß 1927 nach der Untersuchung

süddeutscher Urnenfelder aus, daß eine große Kulturbewe-

gung von Osten nach Westen stattgefunden habe. Im Ge-

gensatz dazu vertrat 1938 der österreichische Prähistoriker

Richard Pittioni (1906­1985) die Ansicht, in der Lausitz zwi-

schen Sachsen, Brandenburg und Schlesien habe im 13. Jahr-

hundert v. Chr. eine große Abwanderung eingesetzt. Aus der

Begegnung der wandernden Gruppen mit den älteren ein-

heimischen Kulturen in verschiedenen Teilen Europas seien

als Folge lokale Urnenfelder-Gruppen entstanden, die im 12.

und 11. Jahrhundert v. Chr. über fast den gesamten Konti-

nent verbreitet gewesen seien.

Angesichts bestimmter Gemeinsamkeiten bei den archäolo-

gischen Funden ­ etwa immer wiederkehrender ähnlicher

8


Gefäßtypen ­ meinte Pittioni auch, alle Urnenfelder-Grup-

pen hätten einer Gemeinschaft mit derselben Sprache ange-

hört. Er nahm an, daß die Urnenfelder-Kultur mit einer kon-

kreten Einzelsprache, nämlich dem Illyrischen, in Verbin-

dung gebracht werden könne, und sprach in diesem Zusam-

menhang von sogenannten Proto-Illyrern. Laut Pittioni wa-

ren die Urnenfelder-Leute Alteuropäer, die weite Teile Eu-

ropas in Besitz nahmen.

Der Tübinger Prähistoriker Wolfgang Kimmig bestritt 1964,

daß die einzelnen Urnenfelder-Gruppen einem Volk ange-

hört hätten. Nur die östlichen Gruppen ließen sich dem

illyrischen Volkstum zuordnen. Wie Pittioni befürwortete

auch Kimmig die Theorie der Wanderungen, die neben

Kulturkontakten und einem Kulturaustausch mit verschie-

densten gegenseitigen Beeinflussungen für die Ausbreitung

der Urnenfelder-Kultur verantwortlich seien.

Nach Auffassung Kimmigs führten die Wanderungen der

Urnenfelder-Leute über Griechenland, die ägäischen Inseln

bis nach Syrien, Palästina und Ägypten. Demzufolge wären

europäische Fremdlinge in den Mittelmeerraum eingedrun-

gen und hätten dort ähnliche Unruhen ausgelöst wie in Mit-

teleuropa, Italien, Frankreich, Spanien und sogar England.

Für Süddeutschland und das Ostalpengebiet werden die 1902

durch den damals in Mainz arbeitenden Prähistoriker Paul

Reinecke (1872­1958) eingeführten Stufenbezeichnungen

Bronzezeit D, Hallstatt A und Hallstatt B verwendet. Davon

umfaßt Hallstatt A zwei Unterstufen (Ha A 1, Ha A 2), Hall-

statt B dagegen drei Unterstufen (Ha B 1, Ha B 2, Ha B 3).

Die Einteilung der Stufen und Unterstufen basiert auf be-

stimmten Bronzeobjekten und ihrem Formenwandel

(Schwerter, Dolche, Messer, Rasiermesser, Nadeln, Fibeln,

Armringe, Tassen) sowie Tongefäßen. Die zahlreichen kenn-

9


zeichnenden Formen dieser Stufen und Unterstufen wurden

1959 durch den bis dahin in München tätigen Prähistoriker

Hermann Müller-Karpe beschrieben. Eine genaue Auflistung

all jener Objekte ist in einem populärwissenschaftlichen Buch

wie diesem nicht möglich.

Nach neuesten Überlegungen wird heute die Urnenfelder-

Kultur dreigegliedert. Die erste Stufe entspricht der späten

Hügelgräber-Bronzezeit (Bronzezeit D) und der frühen

Urnenfelder-Zeit (Hallstatt A 1). Die zweite Stufe umfaßt

die mittlere Urnenfelder-Zeit (Hallstatt A 2 bis B 1) und die

dritte Stufe die späte Urnenfelder-Zeit (Hallstatt B 2/3).

Klimatisch gesehen herrschte während der Urnenfelder-Zeit

eine Trockenphase. Gegen Ende dieser Zeit um 800 v. Chr.

ereignete sich ein Klimasturz, der mit höheren Niederschlags-

mengen verbunden war. Dies hatte zur Folge, daß der Was-

serspiegel der Seen anstieg und die Seeufersiedlungen

(,,Pfahlbauten") in Süddeutschland aufgegeben werden muß-

ten.

Die archäologischen Funde deuten darauf hin, daß wohl

mächtige Häuptlinge, ,,Fürsten" und Priester das Sagen hat-

ten. Denn nur so sind der arbeits- und zeitaufwendige Bau

von befestigten Höhensiedlungen (,,Burgen") sowie die kul-

tisch motivierten Sach-, Tier- und Menschenopfer zu erklä-

ren. Neben Einzelbegräbnissen bedeutender Persönlichkei-

ten in eindrucksvollen Gräbern und mit reichen Beigaben

(Wagengräber) gab es Friedhöfe mit Hunderten von gleich-

artigen Brandgräbern.

Welche Körpergröße die damaligen Männer erlangen konn-

ten, wird an dem unverbrannten Skelett eines Mannes aus

dem Doppelgrab von Frankfurt/Main-Berkersheim ersicht-

lich. Dieser zusammen mit einer kleinen Frau bestattete Mann

maß 1,75 Meter. Bei einer Doppelbeisetzung von Ilvesheim

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