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Sozialarchäologische Analysen zur Kontinuität des neolithischen Bestattungsrituals Südskandinaviens

Subtitle: Versuch einer Analyse zur Sozialstruktur des Neolithikums auf der Grundlage von Bernstein und Nachnutzungen

Thesis (M.A.), 2008, 121 Pages
Author: Hilthart Pedersen
Subject: Archaeology

Details

Category: Thesis (M.A.)
Year: 2008
Pages: 121
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 110  Entries
Language: German
Archive No.: V93198
ISBN (E-book): 978-3-638-06290-9
ISBN (Book): 978-3-640-12767-2
File size: 11674 KB

Abstract

Gleichermaßen wie Gold in der Bronzezeit, so entbehrt Bernstein rein funktional gedacht jeglicher praktischen Funktion. Es taugt weder als Nahrungsmittel noch als Material für die Werkzeugherstellung, anders aber zur Schmuckherstellung ausschließlich durch den Eigenwert an sich. Daher deutet sein Vorkommen in archäologischen Zusammenhängen immer auf Aspekte, die außerhalb des rein Funktionalen liegen. Gerade diese Aspekte lassen sich in der Archäologie jedoch am schwierigsten erfassen – sind aber von höchstem Interesse. Sobald die Forschung über eine rein deskriptive Stufe hinauskommen will, drängen sich förmlich Fragen der gesellschaftlichen Organisation und des geistigen Lebens vergangener Kulturen auf. Diese Arbeit will die gesellschaftliche Struktur im Zusammenhang mit der Erörterung der Frage nach der Bedeutung des Bernsteins in der Trichterbecherkultur (TBK) vorrangig in Dänemark behandeln. Dabei wird die unterschiedliche Verteilung und Häufigkeit von Bernstein in Gräbern und Hortfunden in das in Regionen aufgeteilte Arbeitsgebiet Dänemark, untersucht. Es soll untersucht werden, welche Aussagekraft der Bernstein bezüglich der Möglichkeit hat, den jeweiligen sozialen Kontext und die gesellschaftliche Organisation zu rekonstruieren. Insbesondere ist bei der Untersuchung der TBK wichtig, ob eine Differenzierung von Gräbern mit Bernstein und Nachbestattungen, zwischen Gräbern bei denen keine Bernsteinbeigaben und/oder Nachbestattungen oder Nachnutzungen dokumentiert sind, zu erkennen ist. Als Ergebnis der Aussagen über die Gesellschaft wird eine Differenzierung von fünf verschiedenen definierten Regionen, durch multiple Eigenschaften und Merkmale erwartet. Weiter soll der Frage nachgegangen werden, mit welchen anderen Beigabentypen Bernstein korreliert und ob sich unterschiedliche Niederlegungsgebräuche bezüglich der unterschiedlichen Typen von Bernstein wie die „Bernsteinperle“ und „Bernsteinscheiben“ beobachten lassen. Sofern möglich, wurden bei der Analyse der Gräber anthropologische Daten miteinbezogen, um zu klären, ob es sich beim Bernstein als Grabbeigaben um eine geschlechtsspezifische Beigabe handelt. Hierzu liegen jedoch für die TBK nur sehr wenige Daten vor.


Excerpt (computer-generated)

Sozialarchäologische Analysen zur Kontinuität des neolithischen Bestattungsrituals Südskandinaviens

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 3

1.1. Forschungsgeschichte 4

1.2.Erkenntnistheoretische Überlegungen zu Untersuchungen der

Sozialstruktur im Neolithikum anhand des archäologischen Materials 5

1.2.1. Prestige und regionale Zentren 7

1.2.2. Die Rolle des Rituals - Übergangsriten 9

1.2.3. Kommunikatives Handeln 10

1.2.4. Modell des Begräbnisses als Kommunikative Handlung 11

1.3. Datengrundlage 14

1.4. Methodik 14

1.5. Trichterbecherkultur 16

1.5.1. Definition und Phasen 16

1.5.2. Siedlungen 17

1.5.3. Gräber und deren Grabtypen 18

1.5.4.Funde: Keramik, Silexbeile, etc. 20

1.6. Vorkommen und Bildung des Bernsteins 20

1.7. Räumliche Verteilung des Bernsteins der TBK 22

2. Bernsteintypen in Gräbern und Hortfunden 23

2.1. Datierung der Bernsteinperlen 27

3. Quantitative Untersuchungen ­ Komponentenanalyse 28

3.1. Nichtmegalithische Gräber / Megalithische Gräber 28

3.2. Regionaler Vergleich- Bernstein und andere Faktoren der Bestattungen

in kleinräumigen Regionen 30

3.2.1. Grabtyp / Bernstein 31

3.2.2. Besonderheiten bei den einzelnen Fundkategorien 31

3.2.3. Verteilung der Hauptkategorien der Fundtypen: Schmuck, Metall,

Steinwerkzeuge, Keramik und Knochengeräte 32

3.2.4. Grabkammergrößen 33

3.3. Vergleich zwischen den Regionen 34

3.4. Vergleich nach dem Vorhandensein von Bernstein 38

3.5 Geschlechtsdifferenzierte Gräber 40

4. Analyse nach Foucaults Machtbegriff 44

5. Hortfunde mit Bernstein 48

6. Vergleich der Hortfunde mit den Gräbern 50

6.1. Bernstein in der Trichterbecherkultur Südskandinaviens und

Norddeutschlands 50


[Sozialarchäologische Analysen zur Kontinuität des neolithischen Bestattungsrituals Südskandinaviens]

7.

Die Frage der sozialen Stratifizierung und die Komponente der Macht 51

8. Nachnutzung und Nachbestattungen bei Primärgräbern der TBK 54

8.1. Typologischer Vergleich des Bernsteins der TBK und der EGK 54

8.2. Typologische Vergleiche zur Differenzierung von Nachbestattungen in der

TBK 54

8.2.1. Kriterien und Kategorien für Nachbestattungen 54

8. 3. Nachbestattungen in TBK Gräbern und Formen und Nachnutzung 55

8.4. Definition und Auffälligkeiten von Nachbestattungen 57

8.4.1. Grabtypen und Kombinationen 58

8.4.2. Kategorien der Nachbestattungen 59

8.5. Nachbestattungen im Kontext des Bernsteins der TBK Gräber 59

8.5.1. Limfjordregion 65

8.5.2. Seeland und Fünen 66

8.5.3 Ostjütland 70

9. Bedeutung der Nachbestattungen in der neolithischen Gesellschaft 70

9.1. Nachnutzungen und Nachbestattungen als Schlüssel zur Kontinuität und

Wandel? 70

9.2. Intentionen und nicht- intentionelle Konsequenzen 71

10. Korrespondenzanalysen ­ Analyse zur Differenzierung der Regionen 72

10.1. Beigabenindices 74

10.2. Korrespondenzanalyse der Gräber aus der Limfjordregion 77

10.3. Korrespondenzanalyse der Gräber in Seeland 77

10.4. Vergleich zwischen den Regionen 78

10.5. Korrespondenzanalyse der Fundkategorien 78

11. Interpretation der Komponentenanalyse zur Kontinuität im Neolithikum 80

11.1. Ausblick 84

12. Literatur 86

13. Anhang 94

13.1 Verzeichnis der Abbildungen 94

13.1.1. Abbildungen 97

13.2. Abbildungen der Bernsteinfunde ausgewählter Gräber 109

13.3. Index der Gräber

13.4 Beschreibung der Gräber

1


[Sozialarchäologische Analysen zur Kontinuität des neolithischen Bestattungsrituals Südskandinaviens]

Verzeichnis für die im Text, bei den Tabellen und Abbildungen benutzten Abkürzungen

TBK (TRB): Trichterbecherkultur

EGK: Einzelgrabkultur/zeit

DZ: Dolchzeit

BRZ: Bronzezeit

NB: Nachbestattung

NN: Nachnutzung

GH: Grabhügel

Regionen (Abb. 48)

WJ: Westjütland

LF: Limfjordregion südlich und nördlich des Limfjords

OJ/ØJ: Ostjütland

FY: Fünen und Inseln (Langeland, Ærø)

SE: Seeland, Falster/Lolland

AL: Alsen und Ostteil von Nordschleswig(Sønderjylland)

BH: Bornholm

SH: Schleswig-Holstein

NI: Niedersachsen

MECK: Mecklenburg-Vorpommern

GGI, EGKI, DZI, BRZI: Inventare der jeweiligen Zeit/Periode

DCKFLB: dicknackiges Flintbeil, DNNFLB: dünnnackiges Flintbeil

SLD: Siedlung

TERRITOR: Territorialmarker

SKÅL: Schälchensteine

FN: Frühneolithikum; MN: Mittelneolithikum

Allgemeine Abkürzungen:

z. B.: zum Beispiel

m. E.: meines Erachtens

z. T.: zum Teil


2


[Sozialarchäologische Analysen zur Kontinuität des neolithischen Bestattungsrituals Südskandinaviens]

,,Machtverhältnisse wurzeln in der Gesamtheit des gesellschaftlichen Netzes."

(FOUCAULT 1999, 198)

1. Einleitung

Gleichermaßen wie Gold in der Bronzezeit, so entbehrt Bernstein rein funktional ge-

dacht jeglicher praktischen Funktion. Es taugt weder als Nahrungsmittel noch als Material

für die Werkzeugherstellung, anders aber zur Schmuckherstellung ausschließlich durch den

Eigenwert an sich. Daher deutet sein Vorkommen in archäologischen Zusammenhängen

immer auf Aspekte, die außerhalb des rein Funktionalen liegen. Gerade diese Aspekte lassen

sich in der Archäologie jedoch am schwierigsten erfassen ­ sind aber von höchstem Interes-

se. Sobald die Forschung über eine rein deskriptive Stufe hinauskommen will, drängen sich

förmlich Fragen der gesellschaftlichen Organisation und des geistigen Lebens vergangener

Kulturen auf. Diese Arbeit will die gesellschaftliche Struktur im Zusammenhang mit der Erör-

terung der Frage nach der Bedeutung des Bernsteins in der Trichterbecherkultur (TBK)

vorrangig in Dänemark behandeln. Dabei wird die unterschiedliche Verteilung und Häufig-

keit von Bernstein in Gräbern und Hortfunden in das in Regionen aufgeteilte Arbeitsgebiet

Dänemark, untersucht (Abb. 55). Es soll untersucht werden, welche Aussagekraft der Bern-

stein bezüglich der Möglichkeit hat, den jeweiligen sozialen Kontext und die

gesellschaftliche Organisation zu rekonstruieren. Insbesondere ist bei der Untersuchung der

TBK wichtig, ob eine Differenzierung von Gräbern mit Bernstein und Nachbestattungen,

zwischen Gräbern bei denen keine Bernsteinbeigaben und/oder Nachbestattungen oder

Nachnutzungen dokumentiert sind, zu erkennen ist. Als Ergebnis der Aussagen über die

Gesellschaft wird eine Differenzierung von fünf verschiedenen definierten Regionen, durch

multiple Eigenschaften und Merkmale erwartet.

Weiter soll der Frage nachgegangen werden, mit welchen anderen Beigabentypen

Bernstein korreliert und ob sich unterschiedliche Niederlegungsgebräuche bezüglich der

unterschiedlichen Typen von Bernstein wie die ,,Bernsteinperle" und ,,Bernsteinscheiben"

beobachten lassen. Sofern möglich, wurden bei der Analyse der Gräber anthropologische

Daten miteinbezogen, um zu klären, ob es sich beim Bernstein als Grabbeigaben um eine

geschlechtsspezifische Beigabe handelt. Hierzu liegen jedoch für die TBK nur sehr wenige

Daten vor (siehe 3.5 Geschlechtsdifferenzierte Gräber).

Wenn man sich jedoch an den Bereich der Analyse der Sozialstrukturen wagt, kann es

nicht schaden, sich Anregungen aus den Nachbardisziplinen zu holen, die sich bereits seit

langem speziell mit dieser Thematik beschäftigen: namentlich Ethnologie, Kulturanthropo-

logie und Soziologie. Durch Anwendung dort entwickelter Theorien und Modelle soll im

Folgenden mittels der Untersuchung speziell des ,,überalltäglichen" Materials Bernstein ein

3


[Sozialarchäologische Analysen zur Kontinuität des neolithischen Bestattungsrituals Südskandinaviens]

Interpretationsmodell aufgestellt und geprüft werden. Für die Interpretation von archäolo-

gischem Material sind grundlegende archäologische Modelle und Theorien nötig. Speziell im

nach wie vor relativ theoriefeindlichen deutschsprachigen Raum mangelt es jedoch an die-

sen. Verwiesen sei hier auf STEUER (1982), auch wenn sich dessen Ansatz speziell auf die

Frühgeschichte bezieht, was seine Anwendung auf andere Zeiträume erschwert.

In der Arbeit hier wird zuerst wird die Forschungsgeschichte einmal kurz betrachtet um

dann einige theoretische Überlegungen über den Toten und dessen Kommunikation (an die

Nachwelt der Lebenden) vorzunehmen.

1.1. Forschungsgeschichte

Anfang des 19. Jahrhunderts begann das

Interesse der Geschichtsinteressierten an

Bernstein und Bernsteinhorten. Im Jahr 1835

gab Erich Christian WERLAUFF an der Universi-

tät Kopenhagen seinen ersten Beitrag zur

Geschichte des nordischen Bernsteinhandels.

In diesem Buch eröffnet er dem Leser die

These, dass der Norden einschließlich Däne-

mark und speziell Jütland schon seit der Anti-

ke lange vor Chr. Geburt bekannt waren und

damit auch der Bernstein. E. C. WERLAUFF be-

Abb. 1: Verteilung der Bernsteinperlen nach

schäftigte sich künftig weiter mit der Bern-

Thorvildsen 1941, 56.

steinthematik und schrieb 1838 einen Aufsatz über die Geschichte des nordischen Bern-

steinhandels. Doch auch wenn diese Arbeit fast ausschließlich auf schriftlichen Quellen

beruhte, findet sie hier Erwähnung. Weiterhin bezieht er sich auf die Forschungsreise des

Søren Abildgård, der um 1770 herum einen Bernsteinfund gesehen habe, der so groß war,

dass die Perlen einen ganzen Scheffel füllten (EBBESEN 1995a, 33). Ein ganz besonderer Fund

aufgrund seiner großen Anzahl von Bernsteinperlen, mit 3989 Perlen (8,5 kg) stellt der in

der Nähe von Læsten in Mitteljütland entdeckte Hortfund dar. Er wurde bald auch in einem

kleinen Aufsatz in der damals führenden archäologischen Zeitschrift1 gewürdigt (ANONYM

1838, 39). In den Folgenjahren wurden die Neufunde an Bernsteinhorten jedoch nur in kur-

zen Fundmitteilungen publiziert. Erst 1888 wurden die Bernsteinhorte durch C. NEERGAARD

1 Annaler for Nordisk Oldkyndighed og Historie (1838-1839).

4


[Sozialarchäologische Analysen zur Kontinuität des neolithischen Bestattungsrituals Südskandinaviens]

im Rahmen einer generellen Untersuchung steinzeitlicher Bernsteinhorte ausführlicher dar-

gestellt (NEERGAARD 1888).

THORVILDSEN (1941) fertigt eine Kartierung der Gräber mit Bernstein an. Er erläutert aber

nicht weiter diese (THORVILDSEN 1941, 56,

Abb. 1). Diese Kartierung entspricht längst nicht

mehr dem heutigen Forschungsstand (Abb. 3). Bis zu EBBESENS Aufsatz (1995a) ist in der

jüngsten Forschungsgeschichte, der Bernstein im Zusammenhang mit der Betrachtung der

Gesellschaft der TBK, außer einigen Gesamtdarstellungen über Bernstein (JENSEN 2000) und

der Analyse der Gesellschaft anhand der Verteilung der verschiedenen Keramikstile (EBBESEN

1975, 1978) nicht weiter intensiv behandelt worden.

In den 1950ger Jahren beschäftigt man sich mit der Verteilung der Bernsteinperlen aus-

schließlich auf Grundlage von marktwirtschaftlichen Modellen (JAHN 1956, 20ff.; BECKER

1950; JENSEN 2000). Diese wird ein wenig variierter durch Polanyis Studien aus den 1960gern

(DALTON (Hrsg.) 1968).

1.2.

Erkenntnistheoretische Überlegungen zu Untersuchungen der Sozialstruktur

im Neolithikum anhand des archäologischen Materials

Bevor die eigentliche Untersuchung von Sozialstrukturen anhand von Begräbnissen vor-

genommen wird, ist zu klären, was sich eigentlich unter dem relativ schwammigen Begriff

,,Sozialstruktur" verbirgt. Sozialstrukturen spiegeln hauptsächlich Machtverteilungen inner-

halb einer Gesellschaft wieder. Nach der Definition Max Webers ist Macht

,,... jede Chance,

innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzu-

setzen, gleichviel, worauf diese Chance beruht.

" (WEBER 1976, 28). Das archäologische

Datenmaterial lässt es fast unmöglich erscheinen, ein solches

Widerstreben

herauszuarbei-

ten. Es lassen sich jedoch

Einschränkungen der Handlungsmöglichkeiten

anderer fassen,

zum Beispiel wenn diese zu aufwendigen Grabkonstruktionen, Abgabenleistungen etc. he-

rangezogen werden. Weber attestiert seinem Begriff von Macht, er sei ,,soziologisch

amorph" (WEBER 1976, 28). Für die Soziologie lebendiger Gesellschaften kann die Bestim-

mung von Macht als soziologisch amorph, ein Nachteil sein; im hier verwendeten

Zusammenhang allerdings wird diese Unbestimmtheit zum Vorteil. Der amorphe Charakter

des Begriffes Macht erlaubt, ihn auch dann anzuwenden, wenn tatsächliche Herrschafts-

strukturen (erst einmal) unbekannt sind. In diesem Sinne hat der webersche Machtbegriff

bereits Einzug in verschiedene spezifisch archäologische Erörterungen gefunden (z.B. BERN-

BECK / MÜLLER 1996, 2).

5


[Sozialarchäologische Analysen zur Kontinuität des neolithischen Bestattungsrituals Südskandinaviens]

Dem Individuum wird durch Positionierungen innerhalb des sozialen Raumes die

Möglichkeit gegeben, andere in ihren Handlungsmöglichkeiten einzuschränken und damit

Macht auszuüben und auszunutzen. Diese Position kann sich auf verschiedenen Ebenen

manifestieren: Status, Aufgabe (Rolle) und Prestige. Diese Ebenen sind nicht strikt vonei-

nander getrennt, sondern beeinflussen oder überschneiden sich. Als Folge hiervon

werden diese Begriffe (nicht nur) in der archäologischen Literatur oft vertauscht oder syn-

onym verwendet. Im Folgenden soll versucht werden, für die Begriffe eine eigene

Definition vorzuschlagen und sie inhaltlich zu trennen.

Unter Status ist die aktive Stellung innerhalb des Sozialraumes zu verstehen; sie er-

gibt sich durch eine Spezialisierung des individuellen Tätigkeitsbereiches und der damit

verbundenen Monopolisierung. In völlig unspezialisierten Gesellschaften kann es demzufol-

ge keinen Status geben, wohl aber eine Aufgabe/Auftrag oder Prestige. Beispiele für Status

wären der administrative Spezialist, wie z. B. ein Häuptling, oder die Stellung, die durch ma-

teriellen Reichtum, oder anderer Arten von Akkumulationen oder durch Leistungsbetonung

erlangt werden kann. Hier bieten sich vielerlei Variationen und Möglichkeiten.

Die Stellung eines Individuums innerhalb einer Weltordnung ist verknüpft mit seiner Aufga-

be (Auftrag) verknüpft. Dies kann eine selbst spezifisch gewählte Aufgabe oder eine

erzwungene Aufgabe sein, die durch bestimmte Rahmenbedingen der Umwelt und der Ge-

sellschaft gefiltert werden. Die Rahmenbedingungen können Unterschiede des Geschlechts

oder Alters, bestimmter Ereignisse (Behinderungen, besondere Gegebenheiten bei der Ge-

burt etc.) sein. Es kann aber auch ein bestimmter Status oder ein bestimmtes Prestige einer

Aufgabe innerhalb der herrschenden Weltordnung zugeschrieben werden: das Heil des

Fürsten, wie im alten Rom die sakrale Aufgabe des pater familias und vor allem auch die

Aufgabe als Toter. Gerade diese letzte Aufgabe im Übergang zu einer anderen Ebene kann

für die noch Lebenden dominieren, so etwa im christlichen Selbstverständnis. Dort wird das

Individuum ausschließlich in der Rolle als verstorbener Mensch aufgefasst, was man aus der

gleichförmigen Ausstattung ersehen kann (keine Beigaben bei der normalen Bevölkerung,

wohl aber bei hohen Geistlichen und Fürsten).

Prestige spricht die Position eines Individuums aufgrund direkter, persönlicher Bezie-

hungen an und ist als solches nicht institutionalisierbar. Sie ist somit an das spezifische

soziale Netzwerk gebunden. Als Beispiele hierfür sei die Position des sog. ,, big man"

in der melanesischen Gesellschaft nach Sahlins angeführt. Prestige ist somit ­ im Ge-

gensatz zur Aufgabe und Status ­ keine Eigenschaft des Individuums, es wird diesem von

anderen zugesprochen. Der Begriff ist aber m. E. trotzdem in diesem Schema angebracht, da

6


[Sozialarchäologische Analysen zur Kontinuität des neolithischen Bestattungsrituals Südskandinaviens]

personalisierte Begriffe wie z.B. Charisma zu kurz greifen. Einem Individuum stehen ver-

schiedene Möglichzeiten zur Verfügung, die Handlungen und Lebensbedingungen anderer

Individuen einzuschränken. Die Summe dieser Möglichkeiten, die sich aus diesen drei

Dispositionen ergeben, entspricht der akkumulierten Macht des Individuums.

Im folgenden wird die letzte Komponente des Prestige im Zusammenhang mit regionalen

Zentren, die eine Machtkomponente Darstellung (mehr zur Machtfrage siehe Punkt 3.) erör-

tert

1.2.1. Prestige, Status und regionale Zentren

Um Statusgüter (wie im oben definiertem Sinn) im Früh- und Mittelneolithikum zu be-

handeln, ist erst eine genauere Definition von dem was Statusgüter (

Prestigegüter) i

m

Neolithikum umfassen kann, notwendig. Es kann hier in den Untersuchungen festgestellt

werden, dass eine ausgeprägte Beigabenausstattung (etwa durch besondere exklusive Bei-

gaben) nicht notwendigerweise zu einer Bedeutung als ein regionales Zentrum führen muss.

Exklusive symboltragende Gegenstände des Status besonders im Zusammenhang mi einer

Betonung des Prestige (Akkumulation individueller Beigaben) bedeuten nicht immer gleich

ein die Lokalität eines regionalen / überregionalen Zentrums, sondern kann m. E. vielmehr

auch/oder eine Abgrenzung oder Überbetonung im Vergleich zu benachbarten Gesellschaf-

ten, die durch die Kommunikation des Rituals und insbesondere das Prestige der Lebenden

(dem Toten nachkommenden) mit dem Status und Prestige in Verbindung stehen, sein.

Für das Neolithikum Südskandinaviens hat die Forschung sich bisher wenig mit der Fra-

ge von regionalen Zentren auseinandergesetzt (außer durch Stilistische ´Keramik- und

Silexfund Analysen2), da nach bisheriger Festlegung von Kriterien aus späteren Perioden der

Bronzezeit und Eisenzeit, diese nicht auf das Neolithikum Nordmitteleuropas übertragbar

sind und vor allem das Beigabengut keine Elemente der Kostbarkeiten enthält, wie in der

Bronzezeit. Einige wenige gehen auf die Indikatoren wie Prestigegütern oder der Monu-

mentalität des Grabbaus ein.

Bei der Betrachtung von Nichtmegalithischen Langhügeln (Earthen long barrows) geht

die laufende Forschung davon aus, dass es im Frühneolithikum - erschließbar aus der mate-

riellen Kultur - kaum Hinweise auf eine differenzierte Sozialstruktur mit gravierenden

Statusunterschieden, gibt. Meist gehen die Interpretationen solcher Anlagen von deren

2 Siehe EBBESEN 1975 und 1978.

7


[Sozialarchäologische Analysen zur Kontinuität des neolithischen Bestattungsrituals Südskandinaviens]

räumlicher und sozialer Stellung aus und interpretieren sie als soziale Zentren (MIDGLEY

1992; vgl. HODDER 1984, 52) bzw. als symbolische Lagerhäuser. Oder aber die Zentrumsfunk-

tion eines solchen Baus wird als so bedeutend eingeschätzt, dass darin ein Besitzzeichen

einer Gruppe (

territorial marker

) gesehen wird. Dabei wird jedoch immer vom Monument

selbst ausgegangen, das entweder durch ökonomischen Druck (CHAPMANN 1981) oder aus

sozialem Wettbewerb heraus entstanden sei (Hodder 1984). So auch führt Alexander

GRAMSCH dies weiter aus, indem er außer der Betrachtung des

Objektes

(Hügelgrab), den

Prozess

des Bestattungsrituals hinzu nimmt (GRAMSCH 1996, 97).

Weiterhin stellt er in seinen Untersuchungen fest, dass Bernsteinfunde in den Gräbern

weder mit bestimmten Grabformen, noch mit bestimmten Personen oder Teile der Bevölke-

rung korrelieren (GRAMSCH 1996, 106). Dies kann m. E. durch die hier vorgenommenen

Untersuchungen nicht so stehen gelassen werden. Es zeigt sich mit dieser Arbeit ein weitaus

differenzierteres Bild. Und zwar differenzierter auch in Hinsicht auf die verschiedene Unter-

suchungsgebieten - die kleinräumigen Regionen innerhalb Dänemarks.

Daraus schlussfolgert GRAMSCH, Bernstein sei kein Prestigegut für das Individuum und

damit kein Zeichen zur Betonung der einzelnen Person, sondern ein Zeichen für sozioöko-

nomische Verbindungen zwischen sozialen Gruppen (GRAMSCH 1996, 106).

Über die sozioökonomischen Verbindungen hat Bernstein das Potential Prestige im Sin-

ne erfolgreicher Tauschbeziehungen zu symbolisieren. Dabei geht es bei erfolgreichen

Tauschbeziehungen um die Frage der Konsequenzen für das Prestigegut selbst und des Trä-

gers des Prestigegutes in zwei Kategorien. Jeweils die des Einzelnen, als auch die der

Gruppe. Das ist Voraussetzung überhaupt für die Analysierung von Machtverhältnissen,

wobei für die TBK in Dänemark noch weitere Faktoren der Quellenüberlieferung entschei-

dend sind in der die Interpretation des materiellen wie auch des Immateriellen (des

Subjektiven) geschehen muss.

GRAMSCH (1996, 97) sieht, wie viele andere in der gegenwärtigen Forschung, die Bestat-

tung als ein gesellschaftliche Reaktion auf den Tod eines Mitgliedes dieser Gesellschaft, als

einen Anschlag auf das Ganze, der Gesellschaft, als Reaktion auf eine Krise (PFEFFER 1994,

10). Gramsch nimmt bei den Verflechtungen um das Prestige an, dass von einem sozialen

Druck mit dem Zusammenhalt der Gemeinschaft, statt eines ökonomischen Drucks auszu-

gehen ist (GRAMSCH 1996, 108 f.). Wie schon für das Frühneolithikum angenommen

vergrößert sich nun im MN durch den massiven Bau von Megalithgräbern die Macht und

Wissens-Differenzierung durch die

out-groups

bzw. in-groups mit dem Wissen innerhalb des

segmentierten Bereiches der Bestattung und des Rituals.

8


[Sozialarchäologische Analysen zur Kontinuität des neolithischen Bestattungsrituals Südskandinaviens]

Für ein genaueres Verstehen der des Zusammenhangs von Prestige, Prestigegütern und

das von Gramsch auszugehenden sozialen Drucks müssen wir zuerst noch ein wichtiges

Element des sozialen Gefüges betrachten, nämlich das Ritual.

1.2.2. Die Rolle des Rituals - Übergangsriten

Die Auffassung des Rituals besteht darin es als eine soziale Aktion in der soziokulturelle

Werte dargestellt werden wie Wissen, Macht, Prestige und der einer aufwendigen Bestat-

tung zu verstehen. Diese Grundthese der Ethnologie, dass Rituale kulturelle Werte zum

Ausdruck bringen (LA FONTAINE 1972) und helfen, die soziale Ordnung zu schaffen oder wie-

derherzustellen (BLOCH 1982). So sind die großen Megalithgräber nicht nur die sichtbare

Demonstration der religiösen Aktivitäten der Gruppe, sondern auch wie im Falle des Bestat-

tungsrituals, die der sozialen Werte. Das Bestattungsritual durchläuft drei Stufen nach dem

Modell der

rites de passage

, der Übergangsriten nach VAN GENNEP (1909):

·

Separation

: Trennungsriten (rites de separation)

·

Liminalität

: Übergangs- bzw. Schwellenriten (rites de marge)

·

Reintegration

: und den rituellen Zyklus abschließende ,,rites d′agrégation"

(Angliederungsriten)

Alle Übergänge und Brüche, die das Leben selbst notwendig macht, stellen nach VAN

GENNEP eine Gefahr für die statische Gesellschaftsordnung dar. Die Funktion der Übergangs-

riten ist hiernach, die Dynamik des gesellschaftlichen Lebens zu kontrollieren bzw.

abzuschwächen und die Ordnung der klar strukturierten Gesellschaft aufrecht zu erhalten.

Dem Verschieben der ,,magisch-religiösen Kreise", sprich der Klassifikations- und Struktur-

muster, die jede individuelle und gesellschaftliche Veränderung beinhaltet und der daraus

resultierenden Störung des sozialen und individuellen Lebens wird mit Riten begegnet, die

diese überwachen, herbeiführen und begleiten. Rituale sind für VAN GENNEP (1909) ,,soziale

Notwendigkeiten".

Während in den Trennungsriten (Separation), die Loslösung aus einem früheren klar fi-

xierten Zustand (sozialer, kosmischer oder vegetativer Natur) zum Ausdruck gebracht wird

und die Angliederungsriten, durch symbolische Handlungen, wie dem gemeinsamen Mal,

Austausch von Gaben, rituellem Geschlechtsverkehr, dem Anlegen von statusentsprechen-

den Insignien oder der Namensgebung eine ebenfalls klar bestimmte und klassifizierbare

neue Position im Leben mit entsprechenden Rechten und Pflichten zum Ausdruck gebracht

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