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Scholary Paper (Seminar), 2008, 21 Pages
Author: Alfred Seif
Subject: Psychology - Psychology of Religion
Details
Institution/College: LMU Munich (Psychologie)
Tags: Psychische, Gesundheit, Religiosität, Psychische, Gesundheit
Year: 2008
Pages: 21
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 4 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-09799-9
File size: 173 KB
Ein Überblick über den Stand der Forschung zum Zusammenhang zwischen Religion und psychischer Gesundheit, vom Verfasser aufgrund persönlicher Erahrungen zum Teil auf die Zeugen Jehovas bezogen
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Abstract
Macht Religion oder Religiosität krank oder verläuft die Wirkung umgekehrt und neigen psychisch kranke oder auffällige Menschen zu Religiosität? Auf der einen Seite, so Godwin Lämmermann (1) finden sich Belege für einen positiven Effekt von Religiosität auf die psychische Gesundheit - andererseits gibt es Hinweise, dass Religiosität mit psychischen Erkrankungen zusammenhängt. Lämmermann führt dabei Henning (Henning u.a., 2003, 147) an, dass „insgesamt mehr Studien eine positive als eine negative Korrelation nachweisen.“ Allerdings zeigten sich hier „only slightly positive correlates of religion“ (Bergin 1983, 170) und diese Effekte sind auch nur geringfügig (O`Conolly u.a.2002,56;Bergin 1983, 176). Es sei, glaube man Murken (1994, 141), „innerhalb der Religionspsychologie die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Religiosität und seelischer Gesundheit eine der am meisten diskutierten“. Die Frage, wie Religion und Gesundheit zusammenhingen, sei nicht einfach zu beantworten. Der Grund sei, dass die meisten empirischen Untersuchungen dazu auf Korrelationen beruhten, über die kausalen Wirkungsverhältnisse jedoch wenig aussagten und somit kein wirklich treffendes Bild über dieses Problem abgeben würden. Dabei könne man nie völlig ausschließen, dass Korrelationen von anderen intervenierenden Variablen beeinflusst würden. Wenn extrem religiöse Menschen weniger suchtgefährdet seien, so könne dies nicht nur auf die prophylaktische Wirkung starker Religiosität, sondern genauso auf rigider sozialer Kontrolle oder Selbstbeschränkung oder aber auch auf religiös bewirkten Angst- und Schuldgefühlen beruhen. Glaube man den vielen amerikanischen Studien zu diesem Thema, dann sind religiöse Menschen gesünder, angstfreier und zuversichtlicher als Atheisten. „Die große Mehrzahl der Studien erweist, dass Religion heilsame Wirkungen auf die Gesundheit ausübt“ (Utsch 2005, 159) . Viele andere Untersuchung ergäben, dass suchtkrank und sexgierig werde, wer sein spirituelles Potenzial nicht ausschöpfe (Utsch 2005, 189) und dass der „Verlauf einer schweren Krebserkrankung ... von der Religiosität und Spiritualität des Patienten mitgesteuert“ werde. Dieser Euphorie stehe jedoch entgegen, dass viele dieser Studien, so Lämmermann, von evangelikalen Forschern stamme. Satura (1981, 6) stellt die Frage, ob „es in der religiösen Erfahrung Momente gibt, die zur seelischen Gesundheit beitragen“ und vermutet diesbezüglich vier Zusammenhänge, in denen Religiosität positiv wirken könne:
Excerpt (computer-generated)
Ludwig-Maximilians-Universität München, Department Psychologie
Klassische Sozialpsychologie
Seminar ,,Psychische Gesundheit"
Wintersemester 2007/2008
Hausarbeit
Psychische Gesundheit und Religiosität
Alfred Seif
30.12.2007
Inhaltsverzeichnis
I. Die Bedeutung der Religiosität für die Gesundheit 2
1. Religionspsychologie und Gesundheitsforschung: 2
2. Religiosität und Wohlbefinden: 3
3. Religion und Angst: 4
4. Religiosität und Depression: 5
5. Religiosität und Neurose: 6
6. Religiöse Wahnvorstellungen: 7
II. Mitgliedschaft in einer extremen religiösen Gruppe 8
1. Destruktive Gruppen: 8
2. Anwerben und Erzeugen von Abhängigkeit: 9
3. Die Führungsinstanz: 9
4. Die Indoktrination: 10
III. Zeugen Jehovas und psychische Gesundheit 11
1. Die Zeugen Jehovas unter dem Aspekt der Sozialpsychologie: 11
a) Kognitive Dissonanz und Zeugen Jehovas: 11
b) Psychologische Reaktanz bei den Zeugen Jehovas: 12
c) Soziale Vergleichsprozesse bei den Zeugen Jehovas 12
d) Selbstwerterhaltung und Selbstwerterhöhung bei den Zeugen Jehovas 13
2. Die Untersuchung der seelischen Gesundheit der Zeugen Jehovas von Jerry Bergman: 13
a) Zeugen Jehovas und das Problem der psychischen Erkrankungen 14
b) Zu Erkrankungen beitragende Faktoren 15
3. Stellungnahme der Zeugen Jehovas Deutschland und persönliches Fazit: 16
Literatur: 19
1
I. Die Bedeutung der Religiosität für die Gesundheit
1. Religionspsychologie und Gesundheitsforschung:
Macht Religion oder Religiosität krank oder verläuft die Wirkung umgekehrt und neigen
psychisch kranke oder auffällige Menschen zu Religiosität? Auf der einen Seite, so Godwin
Lämmermann (1) finden sich Belege für einen positiven Effekt von Religiosität auf die
psychische Gesundheit - andererseits gibt es Hinweise, dass Religiosität mit psychischen
Erkrankungen zusammenhängt. Lämmermann führt dabei Henning (Henning u.a., 2003, 147)
an, dass ,,insgesamt mehr Studien eine positive als eine negative Korrelation nachweisen."
Allerdings zeigten sich hier ,,only slightly positive correlates of religion" (Bergin 1983, 170)
und diese Effekte sind auch nur geringfügig (O`Conolly u.a.2002,56;Bergin 1983, 176).
Es sei, glaube man Murken (1994, 141), ,,innerhalb der Religionspsychologie die Frage nach
dem Zusammenhang zwischen Religiosität und seelischer Gesundheit eine der am meisten
diskutierten". Die Frage, wie Religion und Gesundheit zusammenhingen, sei nicht einfach zu
beantworten. Der Grund sei, dass die meisten empirischen Untersuchungen dazu auf
Korrelationen beruhten, über die kausalen Wirkungsverhältnisse jedoch wenig aussagten und
somit kein wirklich treffendes Bild über dieses Problem abgeben würden. Dabei könne man
nie völlig ausschließen, dass Korrelationen von anderen intervenierenden Variablen
beeinflusst würden. Wenn extrem religiöse Menschen weniger suchtgefährdet seien, so könne
dies nicht nur auf die prophylaktische Wirkung starker Religiosität, sondern genauso auf
rigider sozialer Kontrolle oder Selbstbeschränkung oder aber auch auf religiös bewirkten
Angst- und Schuldgefühlen beruhen.
Glaube man den vielen amerikanischen Studien zu diesem Thema, dann sind religiöse
Menschen gesünder, angstfreier und zuversichtlicher als Atheisten. ,,Die große Mehrzahl der
Studien erweist, dass Religion heilsame Wirkungen auf die Gesundheit ausübt" (Utsch 2005,
159) . Viele andere Untersuchung ergäben, dass suchtkrank und sexgierig werde, wer sein
spirituelles Potenzial nicht ausschöpfe (Utsch 2005, 189) und dass der ,,Verlauf einer
schweren Krebserkrankung ... von der Religiosität und Spiritualität des Patienten
mitgesteuert" werde. Dieser Euphorie stehe jedoch entgegen, dass viele dieser Studien, so
Lämmermann, von evangelikalen Forschern stamme. Satura (1981, 6) stellt die Frage, ob ,,es
in der religiösen Erfahrung Momente gibt, die zur seelischen Gesundheit beitragen" und
vermutet diesbezüglich vier Zusammenhänge, in denen Religiosität positiv wirken könne:
,,Bei leichten Formen der Neurosen, in den ersten Stadien der Erkrankung, bei psychischer
Prophylaxe und Psychohygiene, also bei der Vorbeugung und Erhaltung seelischer
Gesundheit und darüber hinaus bei jenen Formen, die in der Medizin als Selbstheilungsfälle
bekannt sind" (Satura 1981, 19). Im Gegensatz dazu komme Schmitz bei seiner Metaanalyse
bisheriger Studien zum Thema zu einem gegensätzlichen Urteil. Religiosität könne durchaus
auch ,,für die seelische Gesundheit des einzelnen Menschen einen Komplex von
Risikofaktoren darstellen" (Schmitz 1992, 148).
___________________________________________________________________________
(1) Godwin Lämmermann (2006), Einführung in die Religionspsychologie, Neukirchener Verlag, Neukirchen-
Vluyn
- 3 -
2
Es scheint, so Lämmermanns Fazit, wie auch immer im Einzelnen die Zusammenhänge
aussehen mögen, dass Religiosität eher zu den Gesundheits- als zu den Erkrankungsfaktoren
gehöre. Andererseits betont er, dass übersteigerte Religiosität schon lange als Krankheitsbild
der Psychiatrie gelte. Auch sprächen Ergebnisse der Depressionsforschung nicht gerade für
eine positive Wechselwirkung von Gesundheit und Religiosität. Hole (1977) habe dabei eine
enge Beziehung von Depression und religiösen Wahnvorstellungen nachgewiesen.
2. Religiosität und Wohlbefinden:
Die Religionspsychologie tut sich schwer, seelisches Wohlbefinden zu definieren, zumal viele
psychische Störungen durchaus mit subjektivem Wohlbefinden (etwa die narzistische
Persönlichkeitsstörung) einhergehen. Dennoch hat, so Lämmermann, das Konzept
>Wohlbefinden< Eingang in die Religionspsychologie gefunden und wurde in Deutschland
vor allem von Grom aufgegriffen, der sich die Frage stellt: Beeinträchtigt Religiosität das
subjektive Wohlbefinden negativ? Fördert Religiosität das subjektive Wohlbefinden ?
Beeinflusst das subjektive Wohlbefinden oder dessen Abwesenheit die eigenen Religiosität?
Für Grom wirkt der Faktor Religiosität je nach persönlicher Konstitution, schwankt dabei
zwischen positiven und negativen Effekten und hängt von eigenen Erfahrungen ab, wobei
sich negative Erfahrungen negativ potenzieren und positive Erfahrungen positiv.
Murken (1998, 74ff) untersuchte an 465 Patienten einer psychosomatischen Klinik eine
vermutete Beziehung zwischen Religiosität, dem soziale Netzwerk der Patienten, ihrem
Selbstwertgefühl und ihrer Gesundung und gelangte dabei zu folgender Feststellung:
,,Entgegen der Hypothese gelang es jedoch nicht, zu zeigen, dass Religiosität eine Ressource
bei der Verarbeitung äußerer und innerer Anforderungen sein könnte... Es fanden sich
keinerlei korrelative Zusammenhänge zwischen Dimensionen einer als positiv erlebten
Religiosität oder Gottesbeziehung und verschiedenen Maßen psychischer Gesundheit"
(Murken 1998, 158). Eine negative Gottesbeziehung erwies sich allerdings nicht als
gesundheitsförderlich. Für Schmitz (1992,143) bleibt ,,die Beziehung zwischen bestimmten
Formen der Religiosität und psychischer Gesundheit oder psychischer Störung ... offenbar
viel zu kompliziert.". Murken weise, wie Lämmermann meint, zu Recht darauf hin, dass die
Integration des Themas Religion in die Behandlungen von psychischen und
psychosomatischen Erkrankungen nur konsequent wäre, zumal man in der neueren
Psychotherapie davon ausgehe, dass 12 15 Prozent der Patientenprobleme religiöser Natur
seien (Jordahl 1990,251).
So wie ein positives Selbstwertgefühl und ein entsprechendes Selbstkonzept, so das Fazit
Lämmermanns, Gesundheit fördern könne, habe auch eine Religiosität, die diese beiden
Dispositionen stütze, eine indirekt positive Wirkung auf die seelische Gesundheit: Eine
unmittelbare Wirkung von Religiosität auf Gesundheit und Wohlbefinden sehe er jedoch
nicht. Andererseits mache Religiosität krank, besonders wenn sie sich kontraproduktiv auf
Selbstwertgefühl und Selbstkonzept auswirke und sich am Geschäft mit der Angst beteilige.
Eine als positiv empfundene Religiosität steigert, über einen präventiven und Lebens-
zufriedenheit erhaltenden Einfluss hinaus, sogar das subjektive Wohlbefinden, so Grom(2).
___________________________________________________________________________
2) Bernhard Grom (3.Aufl. 2007), Religionspsychologie, Kösel Verlag, München
3
Von 100 englischsprachigen Untersuchungen, die König et. al. (2002) sichteten, berichteten
Vertreter christlichen, jüdischen und muslimischen Glaubens zu 80% von positiven, 13% von
nicht vorhandenen und 7% von gemischten Korrelationen zwischen Religiosität und den
Indikatoren Lebenszufriedenheit, Glücklichsein, und Sinnorientierung. Emnid ermittelte
1992, dass sich in Westdeutschland regelmäßige Gottesdienstbesucher je nach Konfession
um 16% bzw 10% häufiger als Nichtkirchgänger als mit dem Leben zufrieden bezeichneten.
Dabei, so Grom, hänge der Mehrwert an Lebensqualität davon ab, wie stark relevante
Glaubensüberzeugungen konkret verinnerlicht würden und nicht nur eine Bekenntnisformel
für Sonn- und Feiertage seien.
3. Religion und Angst:
Zahlreiche Religionen weisen laut Lämmermann angsterzeugenden Inhalte wie ewiger Tod,
Teufel, böse Geister und Hölle auf. Der klinische Psychologe Buggle weise auf inhumane
Tendenzen in der christlichen und jüdischen Bibel hin, wo besonders negative Effekte wie
Angst, Grauen, Strafe und Vergeltung thematisiert würden. Diese negativen Wirkungen
zentraler religiöser Aussagen gefährdeten so Buggle Wohlbefinden und psychische
Gesundheit: ,, Es ist a priori von allen Kenntnissen her, die wir über die Entstehung
psychischer Störungen und psychischer Leiden haben, mehr als plausibel und durch
zahlreiche Einzelschicksale zu belegen, wie zentrale Inhalte biblischer Religiosität ... sich als
erdrückende Last auf ...gläubige Menschen legen könne" (Buggle 1992,9). Dieser Aussage
steht das Selbstverständnis im Grunde aller Weltreligionen als Religionen der Liebe und des
Friedens entgegen. Und man muss sich an dieser Stelle fragen : Gehört die Erzeugung von
Angst zum Wesen der Religion oder ist die Religion eine angsthemmende Macht?
Eine plausible Erklärung findet Lämmermann beim Pastoralpsychologen Pfister: ,,Die
religiösen Ängste können vorwiegend rückwärts blicken: Man ängstigt sich, weil man gegen
Gott gesündigt hat, wobei meist hinter der bewussten Schuld eine oder mehrere unbewusste
Übertretungen stecken" (Pfister 195,30). Pfister sehe letztendlich hinter der religiösen Angst
ein falsches Gottesbild, nämlich das vom strafenden Rachegott. Dem setze er das Prinzip der
Seelsorge gegenüber, in welchem das Vertrauen auf Gott die Angst ausschalte. Angst werde
schließlich in einem Lernprozess erworben, habe also exogene Ursachen. Ähnlich
argumentiere auch die Konditionierungstheorie: Angst sei als erlernte Reaktion auf bedingte
Reize zu verstehen, wenn dem Menschen Schmerz und Verletzungen drohten. Dieser lerne,
Angstsituationen zu antizipieren und reagiere oftmals bei objektiv geringeren Gefahren
übermäßig ängstlich. Die Angst verselbständige sich also, so dass sie auch ohne einen
verursachenden Auslöser auftrete.
Die Frage nach dem Verhältnis zwischen Angst und Religiosität wurde in letzterer Zeit vor
allem von Grom (2, s.o.) aufgegriffen und die Frage gestellt, inwieweit Religiosität den
Menschen für Angst prädisponiere oder immunisiere Ersteres gelte besonders , wenn die
Gottesbeziehungen, der Vollzug religiöser Handlungen sowie die Beachtung von Normen
überwiegend als Zwangsunterwerfung unter eine Autorität erlebt würden, die Ungehorsam
mit körperlichen und seelischen Strafen bedrohe und den Verzicht auf die Befriedigung
legitimer Bedürfnisse verlange. Religiosität immunisiere hingegen als erfüllungsmotivierte
positive Religiosität, wenn sie auf Gefühlen von Hoffnung, Sinn und Geborgenheit sowie
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