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Der Beginn des Hartmannschen Epos "Gregorius" und die Frage: Worin besteht die Schuld des Gregorius?

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2008, 39 Pages
Author: Caroline Boller
Subject: German Studies - Older German Literature, Mediaevistik

Details

Event: Wie beginnen mittelhochdeutsche Epen?
Institution/College: University of Hamburg (Institut für Germanistik 1)
Tags: Beginn, Hartmannschen, Epos, Gregorius, Frage, Worin, Schuld, Gregorius, Epen
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2008
Pages: 39
Bibliography: ~ 18  Entries
Language: German
Archive No.: V93387
ISBN (E-book): 978-3-640-09805-7
ISBN (Book): 978-3-640-11527-3
File size: 253 KB

Abstract

Diese Hausarbeit unterteilt sich in zwei Themenbereiche: Sie beschäftigt sich sowohl mit der Frage nach dem Beginn des mittelhochdeutschen Epos "Gregorius" Hartmanns von Aue als auch mit der Thematik der Schuld des Gregorius, der hier eine bedeutende Rolle zukommt Im Zuge dieser Hausarbeit werden folgende Fragen beantwortet: 1. Welches sind die wesentlichen Elemente, die den Prolog, die Vorgeschichte und der Beginn der Handlung des Gregorius kennzeichnen? Wie und aufgrund welcher Kriterien läßt sich Hartmanns " Gregorius" gliedern? 2. Welche Bedeutung besitzt der Begriff der Schuld in diesem Epos, und warum ist dieser so zentral? Worin liegt die Schuld des Gregorius begründet? Der erste Fragenkomplex bezieht sich auf die Form des Epos, der zweite behandelt die zentrale Thematik desselben. Da Form und Inhalt dieses Werkes unauflöslich miteinander verbunden sind, ergänzen sich die beiden Fragestellungen. Das Ziel dieser Arbeit ist es zu zeigen, dass weder die These, gemäß der die personale Schuld des Gregorius´in dessen Klosteraustritt zu finden ist, noch die Schieb- Nobelsche-These, nach der die Schuld des Gregorius´in der Nichtübernahme der Buße für die Sünde seiner Eltern bestehe, überzeugend ist. Diese Arbeit will vielmehr belegen, dass die Schuld des Gregorius´ in dessen Inzest mit seiner Mutter besteht, und dass es sich dabei aber um keine personale Schuld, sondern nur um eine objektive Schuld handelt, da Gregorius unabsichtlich den Inzest begangen hat.


Excerpt (computer-generated)

ÄLTERE DEUTSCHE LITERATUR

SEMINAR 2: " WIE BEGINNEN MITTELHOCHDEUTSCHE EPEN?"

Der Beginn des Hartmannschen Epos ,,Gregorius" und die Frage:

Worin besteht die Schuld des Gregorius?

Vorgelegt von Caroline Boller im März 2008


Inhaltsverzeichnis

1.

Einleitung 3

2.

Der Prolog des ,,Gregorius": Inhalt und Motive 4

2.1

Das Motiv des ,,zwîvels" 4

2.2

Die beiden gegensätzlichen Wege: der ,,wec der helle" und die ,,saelden straze" 5

2.3

Das Samaritergleichnis 6

3.

Die Erzählung unterteilt nach Schauplätzen und Entwicklungsstufen im Leben des

Helden 8

3.1

Die Vorgeschichte: Schauplatz Aquitanien: Der Geschwister-Inzest, Geburt und

Aussetzung

des

Gregorius 8

3.2

Der zweite Schauplatz: Die Klosterinsel ( zugleich erste Station des Gregorius) 12

3.2.1 Der Disput zwischen Gregorius und dem Abt 13

3.2.1.1 Der erste Teil des Disputes: Der Abt übergibt Gregorius die Ritterrüstung 14

3.2.1.2 Der zweite Teil der Auseinandersetzung zwischen Gregorius und dem Abt 15

3.2.1.3 Der dritte Teil des Disputes zwischen Gregorius und dem Abt: Gregorius′

Abschied von der Klosterexistenz 16

4.

Schauplatz Aquitanien: das Ritterdasein Gregorius′ (zweite Station des Helden) 17

5.

Die Frage nach der Schuld des Gregorius 19

5.1 Über die These, gemäß der das Verlassen des Klosters die persönliche Schuld des

Gregorius

darstellt 20

5.1.1 Die Cormeausche Argumentation gegen die These, gemäß der die Schuld des

Gregorius in dessen Klosterabschied zu finden ist 20

5.1.2 Die Schieb-Nobelsche These der Unterlassungssünde des Gregorius 21

5.1.2.1 Die Begründung der Bußpflicht des Gregorius 23

5.1.2.2 Kritik an der Nobelschen These 24

5.1.2.3 Die Nichtübernahme der Buße als Ausdruck der superbia des Gregorius 25

5.1.2.4 Eigene Kritik an der Nobelschen These, dass Gregorius der superbia verfallen ist .. 26

5.2

Die Argumentation Kings gegen die Schieb-Nobelsche These der

Unterlassungssünde

des

Gregorius 26

5.3

Die Cormeausche Auffassung, gemäß der Gregorius nur in objektiver Hinsicht

schuldig

ist 30

6.

Schlusswort 33

7.

Literaturverzeichnis 37

2


1.

Einleitung

Diese Hausarbeit unterteilt sich in zwei Themenbereiche:

Sie beschäftigt sich sowohl mit der Frage nach dem Beginn des mittelhochdeutschen Epos1

,,Gregorius" Hartmanns von Aue als auch mit der Thematik der Schuld des Gregorius, der

hier eine bedeutende Rolle zukommt.

Im Zuge dieser Hausarbeit werden folgende Fragen beantwortet:

1. Welches sind die wesentlichen Elemente, die den Prolog, die Vorgeschichte und den

Beginn der Handlung des Gregorius kennzeichnen? Wie und aufgrund welcher

Kriterien läßt sich Hartmanns ,,Gregorius" gliedern?

2. Welche Bedeutung besitzt der Begriff der Schuld in diesem Epos, und warum ist

dieser so zentral? Worin liegt die Schuld des Gregorius begründet?

Der erste Fragenkomplex bezieht sich auf die Form2 des Epos, der zweite behandelt die

zentrale Thematik desselben. Da Form und Inhalt dieses Werkes unauflöslich miteinander

verbunden sind, ergänzen sich die beiden Fragestellungen.

Das Ziel dieser Arbeit ist es, zu zeigen, dass weder die These, gemäß der die personale Schuld

des Gregorius` in dessen Klosteraustritt zu finden ist, noch die Schieb- Nobelsche These ,

nach der die Schuld des Gregorius` in der Nichtübernahme der Buße für die Sünde seiner

Eltern bestehe, überzeugend ist.

1 In dieser Arbeit wird der Begriff ,,Epos" verwendet, um Hartmanns Werk zu bezeichnen, weil eine genauere

gattungsspezifische Bestimmung innerhalb der Forschung umstritten ist. Der ,,Gregorius" wird in der

Hauptsache zwar als Legende eingestuft, aber diese Einstufung beinhaltet zumeist eine Einschränkung: höfische

Legende, Legendenroman, Legendennovelle. Denn es finden sich im ,,Gregorius" sowohl legendarische als auch

höfische Elemente. So findet sich z.B. in der Okkupation Aquitaniens durch einen abgewiesenen Freier, die

Befreiung des Landes durch einen Ritter, sowie die Vermählung der Herzogin mit diesem das âventiure- Schema

des höfischen Romans wieder. Zu den legendarischen Zügen des ,,Gregorius" gehören u.a. die gefahrenlose

Aussetzung des Neugeborenen auf dem Meer sowie das Wunder, dass Gregorius, obwohl er 17 Jahre keine

Nahrung zu sich nimmt, am Leben bleibt. (s. Cormeau, Christoph, Störmer, Wilhelm: Hartmann von Aue.

Epoche, Werk, Wirkung. München 1993², S.126-127.)

2 In dieser Arbeit orientiere ich mich an der Dittmannschen Gliederung des ,,Gregorius" nach Schauplätzen, die

zugleich die verschiedenen Entwicklungsstufen des Gregorius darstellen. Diese Art der Gliederung ist deshalb

besonders plausibel, weil der Schauplatzwechsel und die unterschiedlichen Stufen der Entwicklung des

Gregorius am Text belegt werden. Und somit stellt dieses Kriterium der Gliederung ein Maß an Objektivität

sicher, das andere Gliederungsansätze, wie z.B. die Gliederung Goebels, die auf dem Motiv zweimaliger

Trennung und Wiedervereinigung von Mutter und Sohn basierr. Denn im Gegensatz zu dieser erfasst die

Dittmannsche Gliederung alle für den Handlungsablauf wichtigen Elemente, ohne schon im Vorab in die

Hartmannsche Erzählung etwas hineinzulesen, was gemäß einer objektiven Lesart der Erzählung nicht

vorhanden ist.

3


Diese Arbeit will vielmehr belegen, dass die Schuld des Gregorius´ in dessen Inzest mit seiner

Mutter besteht, und dass es sich dabei aber um keine personale Schuld, sondern nur um eine

objektive Schuld handelt, da Gregorius unabsichtlich den Inzest begangen hat.

2.

Der Prolog des ,,Gregorius": Inhalt und Motive

Der Prolog des ,,Gregorius" umfasst die Verse 1-176.

Zu Beginn des Prologs widerruft Hartmann die Motivation seines früheren dichterischen

Schaffens: ,,Mîn herze hât betwungen dicke mîne zungen daz si des vil gesprochen hât, daz

nâch der werlde lône stât: daz rieten im diu tumben jâr."3

Darauf folgt die Mahnung Hartmanns an sein Publikum, dass es unabdingbar sei, für die in

der Jugend begangenen Sünden zur rechten Zeit, und nicht erst im Alter zu büßen. Denn

derjenige, der sich nicht um rechtzeitige Buße für seine Sünden bemühe, nehme an, dass er

das Heil jederzeit mühelos erlangen könne. Diese Haltung, die unangemessene

Heilssicherheit, bezeichnet Hartmann als ,,vürgedanc".

Diese Haltung seiner jungen Jahre, beurteilt er nun aber als Sünde (V.38ff.), und gegen den

Begriff der Sünde hebt er den der ,,wârheit" (V.36) hervor. Sein Bestreben, die Wahrheit zu

erzählen, ist einerseits dadurch motiviert, den Willen Gottes zu erfüllen, andrerseits geht

dieses auf den persönlichen Wunsch zurück, sich von der Last, die er angesichts seiner

begangenen Sünden verspürt, zu befreien.4

Hartmann erzählt die Geschichte des Gregorius dem Prolog zufolge aber nicht nur in der

Absicht, von der eigenen Schuld zu sprechen, sondern es ist zugleich seine Intention, durch

sie zu zeigen, dass keine Schuld so schwer wiegt, dass sie vor Gott nicht getilgt werden kann,

wenn die schuldige Person sie von ganzem Herzen bereue und niemals wieder sündige.

2.1

Das Motiv des ,,zwîvels"

Dem Begriff der Reue gegenüber stellt Hartmann den des Zweifels (,,zwîvel"), der den

Unglauben des Sünders bezeichnet, durch Bitten an Gott und die dazugehörige Buße,

schließlich doch das Heil zu erlangen. Es handelt sich dabei um eine von Verzweiflung

getragene Einstellung des Sünders, die wahre Reue und somit auch das Erlangen des Heils

verhindert. So sagt auch Cormeau zur Bedeutung des Begriffs des Zweifels (,,zwîvel") in

3von Aue, Hartmann, Gregorius: dergute sünder, mittelhochdeutscher Text nach der Ausgabe von Friedrich

Neumann, 1959, S.71 (V.1-5):"Oftmals hat meine herz meine zunge gefügig gemacht, daß sie vieles sprach, was

den beifall der welt begehrt."

4 s. Ebd., S.8-9 (V.35-42).

4


Hartmanns Erzählung: ,,Zwîvel ist die Verzweiflung am Heil, das Festhalten an der Sünde aus

der Verzweiflung, keine Gnade mehr zu finden."5

Innerhalb der germanistischen Forschung ist es aber umstritten, in welchem Verhältnis der im

Prolog mehrfach genannte ,,zwîvel" zur Erzählung steht. Der These Cormeau gemäß, stellt

dieser nicht das Thema der Erzählung dar, sondern dient nur der Ermahnung der Leser.6

Der erste Teil dieser Behauptung, der ,,zwîvel" sei nicht das Thema der Erzählung, ist

schlüssig, denn dieser wird innerhalb der Erzählung nicht als zentraler Punkt behandelt. Ob er

dagegen aber nur der Ermahnung der Leser dient, ist fraglich, denn nachdem Gregorius und

dessen Mutter zu der Erkenntnis gelangt sind, dass sie Inzest begangen haben, leitet der

Erzähler die Rede des Gregorius mit den folgenden Worten ein: ,,sinen zorn huop er hin ze

gote."7 Denn Gregorius klagt Gott an, dass er seine Bitte um ein Wiedersehen mit der Mutter

zwar erfüllt habe, aber nicht in der Form wie er ihn darum gebeten hatte. Schließlich hatte er

ihn um eine Begegnung in Liebe und Güte gebeten, aber nicht um Inzest, und nun wünsche er

sich, sie niemals kennen gelernt zu haben.

Auch der Kommentar des Erzählers hebt die Verzweiflung des Sohnes und seiner Mutter

angesichts des von ihnen begangenen Inzests hervor:

,,Ich weiz wol daz Jûdas niht riuweger was dô er sich vor leide hie danne ouch diu zwei nû hie." 8

Das Thema des ,,zwivels" findet sich also innerhalb der Erzählung wieder, und dies an einer

bedeutenden Stelle der Erzählung, nachdem beide erkannt haben, dass sie miteinander eine

inzestuöse Verbindung eingegangen sind

Der zweite Teil der Cormeauschen These ist also leicht zu widerlegen.

2.2

Die beiden gegensätzlichen Wege: der ,,wec der helle" und die ,,saelden straze"

In

Z

usammenhang mit der Warnung vor dem ,,zwîvel", führt Hartmann zwei weitere

Motive an, die gegensätzlich aufeinander bezogen sind: Dem ,,wec der helle" stellt Hartmann

das Motiv der ,,saelden straze" gegenüber.

Der ,,wec der helle" (der Weg zur Hölle) ist dadurch gekennzeichnet, dass er bequem zu

gehen ist, aber er führt in den ewigen Tod. Dagegen wird die ,,saelden strâze" als ein Pfad

5 s. Cormeau, Christoph: Hartmanns von Aue ,,Armer Heinrich" und ,,Gregorius". Studien zur Interpretation mit

dem Blick auf die Theologie zur Zeit Hartmanns, München 1966, S.47.

6 Ebd., S.47.

7von Aue, Hartmann: Gregorius: der gute sünder, mittelhochdeutscher Text nach der Ausgabe von Friedrich

Neumann, 1959, S.164.

8 von Aue, Hartmann: Gregorius: der gute sünder, mittelhochdeutscher Text nach der Ausgabe von Friedrich

Neumann. Ebenhausen bei München 1959, S.166-167: ,,Ich bin überzeugt, daß Judas, als er sich erhängte, nicht

ärger verzweifelt war als hier diese beiden."

5


beschrieben, der nur unter großem Aufwand beschritten werden kann, aber den Menschen

aber an ein süßes Ende geleitet.9

Der Mensch ist Hartmann zufolge dafür verantwortlich, zwischen diesen gegensätzlichen

Wegen zu wählen. Dabei bezeichnet der ,,wec der helle" eine Lebensweise, die den Menschen

immer weiter von Gott entfernt, während der Pfad der ,,saelden straze" den Menschen zu Gott

führt.10

Cormeau behauptet, das Bild dieser gegensätzlichen Wege richte sich an die Hörer des

Prologs, es beziehe sich ­ wenn auch in abgeschwächter Weise ­ auf Gregorius.11

2.3

Das Samaritergleichnis

Das sich anschließende Samaritergleichnis handelt von einem Mann, der den Pfad der

,,saelden strâze" genommen hat aber noch rechtzeitig der Gewalt seiner Mörder entrinnt.

Nachdem er in ihre Hände gefallen ist, schlagen sie ihn nieder, berauben ihn seiner Besinnung

und fügen ihm furchtbare Wunden zu. Aber Gott bleibt ihm gegenüber barmherzig und

sendet ihm die folgenden zwei Gewänder: die Hoffnung auf Erlösung und die Furcht vor dem

Tode. Diese sollen ihm und allen Sündern ein Schutz sein. Als der Mann wieder

zusammengesunken ist, beflügelt ihn die Hoffnung so, dass er sich schwankend aufrichtet.

Außer der Hoffnung gibt ihm noch die Unerschütterlichkeit seines Glaubens allgemein,

vermischt mit seiner Reue, Kraft. Durch Gottes Gnade wird er nach Hause gebracht und von

seinen Wunden geheilt. Diese Gnade verbindet ihm dort seine Wunden, die ohne Narben

verheilen. Die Allegorie endet damit, dass der von Krankheit befreite Held zum Kämpfer für

die Christenheit wird.

Cormeau interpretiert das Ende dieser Allegorie als Bezugnahme auf Gregorius, die

Hauptfigur der nun folgenden Geschichte:

,,So wie Hartmann seine Allegorie endet und zur Erzählung überleitet ­ der Genesene ein

Streiter für die Christenheit (V 142)­, ist das Bild ganz auf Gregorius bezogen. Er ist der

Verwundete. Ein Licht fällt auf sein Schicksal dadurch, daß er sich auf der

saelden strâze

befindet (

den selben wec

V 97)."12

9 Ebd., S.10-11.

10 s. Cormeau, Christoph; Störmer, Wilhelm: Hartmann von Aue. Epoche, Werk, Wirkung. München 1993²,

S.128.

11 Ebd., S.128. Das Bild dieser zwei Wege meint insofern Gregorius, als die anfangs glückliche Inzestverbindung

( die dem Bild des ,,wecs der helle" entspricht, da die Beziehung zu Anfang keine Schwierigkeiten in sich birgt)

die er unwissentlich mit seiner Mutter eingegangen ist, zu dessen Entschluss führt, siebzehn Jahre lang

angekettet an einem Stein für die Sünde mit der Mutter zu büßen. Diese Buße entspricht dem Bild der ,,saelden

strâze", weil diese eine Abkehr von den angenehmen Seiten des weltlichen Lebens für Gregorius bedeutet.

12 Cormeau, Christoph: Hartmanns von Aue ,,Armer Heinrich" und ,,Gregorius". Studien zur Interpretation mit

Blick auf die Theologie zur Zeit Hartmanns. München 1966, S.48.

6


Diese Interpretation des Samaritergleichnisses ist zum einen insofern sinnvoll, als dieses dem

Beginn der Erzählung und der Nennung Gregorius′ als dem guten Sünder und Held der

Erzählung direkt vorangeht. Denn es wäre ja unlogisch anzunehmen, der Autor habe das

Samaritergleichnis nur zufällig an das Ende des Prologs gesetzt, und es bestehe kein

Zusammenhang zur Geschichte vom ,,guoten sundaere", auf die Hartmann in den letzten

Versen des Prologs verweist. Außerdem weisen die sich unmittelbar an das

Samaritergleichnis anschließenden Worte Hartmanns darauf hin, dass dieses das Schicksal

des Helden der Erzählung in verschlüsselter Form darstellen soll: Er kündigt an, die Art der

Wunden sowie die Genesung des Gregorius von diesen im Verlauf der Erzählung zu

erörtern.13

Auch die paradoxe Benennung des Gregorius als ,,gutem Sünder"14 spricht für diese Deutung

Cormeaus, weil der in der Samariterallegorie beschriebene Mann auch als Sünder bezeichnet

wird, aber insofern gut ist, als er die von Gott gesandten Gewänder ­ die Furcht und die

Hoffnung ­ annimmt, an Gottes Gnade glaubt und angesichts seiner eigenen Sünden Reue

empfindet.

Es besteht zudem ein inhaltlicher Zusammenhang zwischen dem Ende der Allegorie und dem

Ende der Erzählung, da Gregorius, obwohl er ein Inzestkind ist und durch die

Inzestverbindung mit seiner Mutter eine schwere Sünde begangen hat, schließlich zum Papst

ernannt wird. Diese Ernennung zum Papst stellt eine Genesung seiner Wunden dar: Denn

seine Abkunft aus einem Inzest sowie der mit seiner Mutter begangene Inzest, die beide

seelisches Leid bereiten sowie soziale Nachteile zur Folge haben, wird so überwunden.

13 von Aue, Hartmann: Gregorius: der gute sünder, mittelhochdeutscher Text nach der Ausgabe von Friedrich

Neumann. Ebenhausen bei München 1959, S.14-15, V.144- 149.

14 Dies ist eine paradoxe Bezeichnung, weil der Begriff des Sünders notwendigerweise beinhaltet, dass die

derart bezeichnete Person schlecht ist.

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