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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2008, 24 Pages
Author: Sarah Müller
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Tags: Philine, Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre, Frauenfiguren
Year: 2008
Pages: 24
Grade: 2
Bibliography: ~ 17 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-06640-2
ISBN (Book): 978-3-638-95357-3
File size: 109 KB
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Abstract
Die vorliegende Arbeit analysiert die Frauenfigur der Philine im Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre. Im ersten Teil wird auf Philines Weiblichkeit eingegangen, ihre Pantöffelchen, die fast schon Fetischcharakter erreichen und nicht nur Wilhelm durchwachte Nächte bereiten. Die Ausflüge Wilhelms und Philines führen immer wieder an Orte, denen eine gewisse Konnotation zugeschrieben werden kann, weshalb dieser Aspekt genauer beleuchtet wird. Philine gehört dem Stand des Theaters an und ihr promiskuitiver Lebensstil rückt sie in ein bestimmtes Licht: Sie spielt Theater für alle Stände und sie spielt mit allen Ständen. Den ersten Teil schließt ein kurzer Exkurs zu Goethes Frauenentwürfen ab. Im zweiten Teil wird die Rivalität und das dadurch entstehende Vexierspiel Philine/Mignon untersucht, denn wo die eine Figur wirkt hat die andere keinen Platz. Den Höhepunkt und Sieg Philines stellt die Liebesnacht mit der Unbekannten dar. Der dritte Teil beleuchtet das Verhältnis Philines zu ihrem Partner Friedrich. Er ist ihr „würdiger“ Partner und kann als männliches Äquivalent Philines gedeutet werden. Abschließend wird Philines Funktion im Roman untersucht, inwiefern sie sich verändert/ entwickelt hat und welche Einwirkung sie auf Wilhelm hat.
Excerpt (computer-generated)
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis ______________________________________________________ 1
Einleitung _____________________________________________________________ 2
1. Die Hetäre Philine ____________________________________________________ 3
1.1. Philines Pantöffelchen _____________________________________________ 5
1.2. Naturszenen _____________________________________________________ 7
1.3. Theater für alle Stände____________________________________________ 11
1.4. Frauenentwürfe _________________________________________________ 13
2. Das Vexierspiel Philine/Mignon _________________________________________ 14
3. Das lockere Paar Philine und Friedrich ___________________________________ 17
4. Philines Funktion im Roman ___________________________________________ 19
5. Fazit ______________________________________________________________ 21
6. Literaturverzeichnis __________________________________________________ 22
Primärtext: _________________________________________________________ 22
Sekundärliteratur: ___________________________________________________ 22
Einleitung
Die vorliegende Arbeit analysiert die Frauenfigur der Philine im Roman Wilhelm
Meisters Lehrjahre. Die Reihe der Frauenfiguren des Romans ist zu umfangreich um im
Rahmen einer Hausarbeit umfassend analysiert zu werden, weshalb ich mich auf die
Analyse der Philine beschränkt habe.
Im ersten Teil gehe ich auf Philines Weiblichkeit ein, ihre Pantöffelchen, die fast schon
Fetischcharakter erreichen und nicht nur Wilhelm durchwachte Nächte bereiten. Die
Ausflüge Wilhelms und Philines führen immer wieder an Orte, denen eine gewisse
Konnotation zugeschrieben werden kann, deshalb werde ich diesen Aspekt genauer
beleuchten. Philine gehört dem Stand des Theaters an und ihr promiskuitiver Lebensstil
rückt sie in ein bestimmtes Licht: Sie spielt Theater für alle Stände und sie spielt mit
allen Ständen. Den ersten Teil schließt ein kurzer Exkurs zu Goethes Frauenentwürfen
ab.
Im zweiten Teil wird die Rivalität und das dadurch entstehende Vexierspiel
Philine/Mignon untersucht, denn wo die eine Figur wirkt hat die andere keinen Platz.
Den Höhepunkt und Sieg Philines stellt die Liebesnacht mit der Unbekannten dar.
Der dritte Teil beleuchtet das Verhältnis Philines zu ihrem Partner Friedrich. Er ist ihr
,,würdiger" Partner und kann als männliches Äquivalent Philines gedeutet werden.
Abschließend wird Philines Funktion im Roman untersucht, inwiefern sie sich verändert/
entwickelt hat und welche Einwirkung sie auf Wilhelm hat.
2
1. Die Hetäre Philine
Wilhelm Meisters Lehrjahre gilt als Prototyp der Gattung Bildungsroman, was vor allem
darauf beruht, dass Dilthey, der diese Bezeichnung prägte1, seine Definition mit eben
diesem Roman vor Augen formulierte. Kern des Bildungsromans ist die innere Ent-
wicklung eines Protagonisten, ,,der durch Lehrmeister und Konfrontationen mit der
Realität [...] allmählich ins Leben eingeweiht und [...] zu einem ,charaktervollen,
harmonischen Ganzen′ ausgebildet wird"2. Strohkirch unterstreicht die männliche
Dominanz im Bildungsroman und argumentiert, dass sich
aus feministischer Sicht [...] die Chancenlosigkeit zur gleichberechtigten Stellung
der Frau gerade im Genre Bildungsroman [offenbart], da in ihm ein Werdegang
dargestellt wird, der Männern vorbehalten ist. Der Bildungsroman scheint aus
weiblicher Sicht doppelt verschlossen, nicht nur, weil die Frau als Protagonistin
nicht in Frage kommt, sondern auch, weil die Welt, die entworfen wird,
systematisch Männer Frauen überordnet.3
Das besagt freilich nicht, dass die Welt des Bildungsromans Frauenfiguren gänzlich
ausschließt. Ganz im Gegenteil präsentiert Wilhelm Meisters Lehrjahre eine vielfältige
Reihe von Frauenfiguren, die als Entwicklungsstufen und Bildungselemente für Wilhelm
zu dessen ,,harmonischen Ganzen" beitragen. Lorey4 bemängelt, dass die Frauenfiguren
eben nur auf ihre Funktion als Bildungselemente reduziert und dadurch abgewertet
werden. Buße widerspricht zurecht, dass diese Behauptung nicht aufrecht erhalten
werden kann, denn die Frauenfiguren ,,entwickeln im Laufe des Romans eine eigene
Biographie und somit kann man von einer Selbstständigkeit und Individualität der
weiblichen Figuren sprechen"5. Dem traditionellen Frauenbild, das Frauen häusliche,
nützliche und männlichen Bedürfnissen unterworfene Rollen zuschreibt, steht das Bild
der im Wilhelm Meister propagierten Gleichberechtigung der Geschlechter gegenüber.
Salema kommt zu dem Schluss, ,,dass der Roman wegen seiner Frauenfreundlichkeit
vom Kanon der patriarchalen Texte deutlich abweicht"6.
1 Dilthey etablierte den Gattungsbegriff in seinem Werk Das Leben Schleyermachers. Jedoch
spricht Karl von Morgenstern bereits 1819/20 in Vorlesungen vom ,,Bildungsroman". Das
widerlegt die Annahme Dilthey habe den Begriff in die Literaturwissenschaft eingeführt.
2 Gfrereis, Heike (Hrsg.): Grundbegriffe der Literaturwissenschaft. Stuttgart 1999. Stichwort
,Bildungsroman′.
3 Strohkirch, Katharina: Zum Löwen geboren. Gender in Entwicklungsromanen aus
verschiedenen Jahrhunderten: Parzival, Wilhelm Meisters Lehrjahre, Ahnung und Gegenwart,
Netzkarte, Der junge Mann. Stockholm 2002. S. 78.
4 In: Buße, Diana: Die Symbolik der Frauengestalten in Goethes Roman Wilhelm Meisters
Lehrjahre. http://www.e-scoala.ro/germana/diane_buse.html (Stand: 13.02.2008). S. 1.
5 ebd., S. 2.
6 Vgl. Strohkirch, S. 80.
3
Wilhelm Meisters Weg ist von Frauenfiguren geprägt. Obwohl er anfangs dem
Patriarchat des Vaters entflieht und sich in die von der Mutter gutgeheißenen Welt des
Theaters begibt, endet der Roman mit der ,,Initiationszeremonie [...] in die Männer-
gemeinschaft der Turmgesellschaft"7. Frauenfiguren, die qua verwandtschaftlichen
Beziehungen zum äußeren Umkreis der Turmgesellschaft gezählt werden können, wird
der Zutritt zum inneren Kern jedoch verweigert.
Aber es ,,sind [...] insbesondere Frauen, die sich [...] dem Gesetzesstatus anstrebenden
Einfluss der Turmgesellschaft widersetzten"8:
Man sei ungerecht gegen unser Geschlecht, hieß es, die Männer wollten alle
höhere Kultur für sich behalten, man wolle uns zu keinen Wissenschaften
zulassen, man verlange, dass wir Tändelpuppen oder Haushälterinnen sein
sollen. (467)9
Lothario lenkt die Beschwerde des weiblichen Geschlechts geschickt in andere Bahnen,
indem er das ,,Regiment des Hauses [als die] höchste Stelle" bezeichnet, die, beiläufig
erwähnt, eine Frau ,,einzunehmen fähig ist" und verwundert fragt, warum sich
beschweren, wenn der Mann die Frau an eben ,,die[se] höchste Stelle setzen will". So
nimmt er den Frauen geschickt den Wind aus den Segeln und erreicht damit eben doch
abermalige Übermacht des Patriarchats.
Eine der Frauenfiguren, die den Männern zwar gefallen, aber ,,sich keiner männlichen
Willkür unterwerfen lässt"10, ist Philine. Sie wird eingeführt als ,,wohlgebildetes Frauen-
zimmer" (90), die vom Fenster ihres Gasthauszimmers aus auf die Straße blickt. Kawa
beschreibt sie immer wieder als ,,Frau am Fenster" und nennt fünf Belegstellen11 (90,
92, 97, 112, 126), die die Figur der Philine mit dem Fenster in Verbindung bringen und
so ihre Rolle als Hetäre unterstreichen (sollen)12. Philine wird zusammen mit Laertes,
7 Strohkirch, S. 80.
8 Schmitz-Burgard, Sylvia: Das Schreiben des anderen Geschlechts: Richardson, Rousseau,
Goethe. Würzburg 2000. S. 182.
9 Die Seitenangaben dieser Arbeit beziehen sich auf: Goethe, Johann Wolfgang: Wilhelm
Meisters Lehrjahre, hg. v. Erich Schmidt. Frankfurt am Main 2003.
10 Strohkirch, S. 86.
11 Kawa, Rainer: Wilhelm Meister und die Seinigen. Studien zu Metamorphose und Spiegelung
beim Figurenensemble der Lehrjahre von Johann Wolfgang von Goethe. Bucha bei Jena 2000.
S. 60.
12 Siehe dazu auch Kohn, Brigitte: ,,Denn wer die Weiber haßt, wie kann der leben?" Die
Weiblichkeitskonzeption in Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahren im Kontext von Sprach- und
Ausdruckstheorie des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Würzburg 2001. S. 281.
4
,,einem ständigen Liebhaber"13, als Überbleibsel einer Schauspielergesellschaft
vorgestellt. In den Schauspielerkreisen spielt Prostitution eine große Rolle: Narziß
macht ,,Besuche" bei einigen Frauen der Stadt und Laertes ,,unterhält" Landrinette
(105). Insofern reiht sich Philine als Hetäre treffend in die Gruppe der Schauspieler ein.
Wilhelms erste Begegnung mit Philine und der dort festgelegte vestimentäre Code
unterstreicht Kawas Auffassung:
Das Frauenzimmer kam ihnen auf ein paar leichten Pantöffelchen mit hohen
Absätzen aus der Stube entgegen. Sie hatte eine schwarze Mantille über ein
weißes Negligé geworfen, das, eben weil es nicht ganz reinlich war, ihr ein
häusliches und bequemes Ansehn gab; ihr kurzes Röckchen ließ die niedlichsten
Füße von der Welt sehen. (94)
Die Farbe des Negligés kann als ironische Anspielung auf Philines bereits verlorene
Unschuld gelesen werden. Philine ist tagsüber nur mit einem ,,halb verhüllend-
enthüllendem"14 Negligé und einer Mantille bekleidet; sie bewegt sich auch im Haus auf
Pantöffelchen mit hohen Absätzen. Dies lässt m. E. nur die von Kawa vorgeschlagene
Lesart zu, die Philine in das Milieu der Prostitution rückt. Philine ,,war es wohl auch,
deretwegen [...] Goethes Schwager Schlosser moniert, dass Goethe der Stiftsdame
,einen Platz in seinem Bordell angewiesen′ habe"15.
1.1. Philines Pantöffelchen
Philines Pantöffelchen erreichen fast schon Fetischcharakter. Das aufreizende Klappern
der Pantöffelchen spielt auf ein Attribut der Venus an, deren ,,Pantoffeln allzu sehr
klappern, wenn sie ging"16. Bischoff beschreibt Fetischismus im Sinne Freuds und
entziffert ,,den Fetisch als Ersatz für den mütterlichen Phallus, der als privilegiertes
Ersatzobjekt in Besitz genommen wird, zugleich aber den Vorgang der Abtrennung zur
Schau stellt17". Überträgt man diese Definition auf Wilhelms Situation, so war es ja die
Mutter, die das Theater guthieß. Wilhelms Zuwendung zum Theater und der Theater-
gesellschaft bedeutet im gleichen Atemzug ein Abwenden vom Vater. Philines Pantöffel-
13 Dick, Anneliese: Weiblichkeit als natürliche Dienstbarkeit. Eine Studie zum klassischen
Frauenbild in Goethes Wilhelm Meister. Frankfurt am Main 1986. S. 169.
14 ebd., S. 41.
15 Ladendorf, Ingrid: Zwischen Tradition und Revolution. Die Frauengestalten in Wilhelm
Meisters Lehrjahren und ihr Verhältnis zu deutschen Originalromanen des 18. Jahrhunderts.
Frankfurt am Main 1990. S. 89.
16 Buße, S. 5.
17 Bischoff, Doerte: Fetischismus. In: Renate Kroll (Hrsg.): Metzler Lexikon. Gender Studies/
Geschlechterforschung. Ansätze Personen Grundbegriffe. Stuttgart 2002.
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