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Syngman Rhee (1875-1965) - Leben, politisches Wirken und Rezeption

Bachelor Thesis, 2007, 50 Pages
Author: Dominik Heck
Subject: Politics - International Politics - Region: Far East

Details

Category: Bachelor Thesis
Year: 2007
Pages: 50
Grade: 1,1
Bibliography: ~ 24  Entries
Language: German
Archive No.: V93589
ISBN (E-book): 978-3-638-06907-6
ISBN (Book): 978-3-638-95427-3
File size: 357 KB

Abstract

Die koreanische Geschichte des 20. Jahrhunderts ist ohne Zweifel eng mit der persönlichen und politischen Biographie von Syngman Rhee [Yi Sûng-man] (1875-1965) verknüpft. Nach vier Jahrzehnten japanischer Kolonialherrschaft und einer im Zuge des Zweiten Weltkrieges drei Jahre währenden Besatzungsperiode wurde der aus einer aristokratischen Familie stammende Rhee im August 1948 der erste Präsident der im Süden der Halbinsel gegründeten Republik Korea (Taehan min’guk). Seine bis 1960 andauernde Präsidentschaft war geprägt von außen- und innenpolitischen Krisensituationen. Keine zwei Jahre nach dem Amtsantritt von Rhee überfielen im Juni 1950 Truppen der nordkoreanischen Volksarmee (Chosôn inmin’gun) mit sowjetischer Unterstützung Südkorea, was den jungen Staat an den Rand des Untergangs brachte. Nur aufgrund militärischen Beistandes der Vereinten Nationen unter der Führung der Vereinigten Staaten konnte Südkorea von den Angreifern befreit werden und damit fortbestehen. Das Inland war zu Beginn der Amtszeit des erklärten Antikommunisten Syngman Rhee Schauplatz bürgerkriegsähnlicher Zustände. Vertreter linker und rechter Gruppen führten einen erbitterten Kampf um die politische Vormachtstellung in Südkorea, den die politische Rechte unter Rhee für sich entscheiden konnte. Die Präsidentschaftswahlen, in dessen Rahmen er in den Jahren 1952, 1956 und 1960 im Amt bestätigt wurde, sind bis heute Gegenstand heftiger Kontroversen hinsichtlich des Umgangs mit der Demokratie. Infolge eines zunehmend diktatorischen Regierungsstils und einer desaströsen wirtschaftlichen Lage des Landes verlor der anfänglich beliebte Präsident ab Mitte der 1950er Jahre mehr und mehr an Popularität bei der Bevölkerung. Im Zuge von erbitterten Protesten gegen den Ausgang der Wahlen im Jahr 1960 sah er sich gezwungen von seinem Amt zurückzutreten. Bis zu seinem Tod 1965 lebte Rhee im Exil auf Hawaii. Im Rahmen dieser Arbeit soll sich intensiv mit der historischen Figur Syngman Rhee auseinandergesetzt werden. Zunächst erfolgt eine Darstellung der zentralen biographischen Stationen bis 1945 von Rhee, der sich schon während seiner Jugend politisch engagierte und in der japanischen Kolonialherrschaft (1910-1945) über Korea als Exilant zu einem der wichtigsten Vertreter der koreanischen Unabhängigkeitsbewegung avancierte.


Excerpt (computer-generated)

Ruhr-Universität Bochum

Fakultät für Ostasienwissenschaften

Sektion Sprache und Kultur Koreas

B.A.-Arbeit im Studienfach Koreanistik

Sommersemester 2007

Datum der Abgabe: 25. September 2007

Syngman Rhee (1875-1965):

Leben, politisches Wirken und

Rezeption

Do

mi

nik

Heck

Koreanistik/PWG


Inhaltsverzeichnis

1.

Einführung

3

2.

Leben und Wirken Syngman Rhees bis 1945

4

2.1.

Kindheit und Jugend im Zuge weitreichender Veränderungen

(1875- 1876)

4

2.2.

Beginn politischer Tätigkeit und anschließende Inhaftierung

(1896-1904)

9

2.3.

Amerikanisches Exil und Rückkehr nach Korea (1904-1945) 12

3.

Rhee als zentrale politische Persönlichkeit Südkoreas (1945-1960)

19

3.1.

Der Weg ins Amt des Präsidenten (1945-1948)

19

3.2.

Rhees erste Amtszeit: Innenpolitische Unruhen und Koreakrieg

(1948-1952)

21

3.3.

Rhees zweite Amtszeit: Entwicklung Südkoreas zu einer Autokratie

(1952-1956)

26

3.4.

Rhees letzte Amtszeit: Wachsende Unzufriedenheit und Niedergang des

Regimes (1956-1960)

30

4.

Trends in der Rezeption des Lebens und Wirkens von Syngman Rhee

34

5.

Fazit

41

6.

Glossar

43

7.

Literatur- und Quellenverzeichnis

46

7.1.

Monographien, Sammelbände und wissenschaftliche Aufsätze 46

7.2.

Internetquellen

49

2


1. Einführung

Die koreanische Geschichte des 20. Jahrhunderts ist ohne Zweifel eng mit der persönlichen

und politischen Biographie von Syngman Rhee 1 [Yi Sng-man] (1875-1965) verknüpft.

Nach vier Jahrzehnten japanischer Kolonialherrschaft und einer im Zuge des Zweiten

Weltkrieges drei Jahre währenden Besatzungsperiode wurde der aus einer aristokratischen

Familie stammende Rhee im August 1948 der erste Präsident der im Süden der Halbinsel

gegründeten Republik Korea (Taehan min′guk). Seine bis 1960 andauernde Präsidentschaft

war geprägt von außen- und innenpolitischen Krisensituationen.

Keine zwei Jahre nach dem Amtsantritt von Rhee überfielen im Juni 1950 Truppen der

nordkoreanischen Volksarmee (Chosn inmin′gun) mit sowjetischer Unterstützung Südkorea,

was den jungen Staat an den Rand des Untergangs brachte. Nur aufgrund militärischen

Beistandes der Vereinten Nationen unter der Führung der Vereinigten Staaten konnte

Südkorea von den Angreifern befreit werden und damit fortbestehen.

Das Inland war zu Beginn der Amtszeit des erklärten Antikommunisten Syngman Rhee

Schauplatz bürgerkriegsähnlicher Zustände. Vertreter linker und rechter Gruppen führten

einen erbitterten Kampf um die politische Vormachtstellung in Südkorea, den die politische

Rechte unter Rhee für sich entscheiden konnte.

Die Präsidentschaftswahlen, in dessen Rahmen er in den Jahren 1952, 1956 und 1960 im

Amt bestätigt wurde, sind bis heute Gegenstand heftiger Kontroversen hinsichtlich des

Umgangs mit der Demokratie. Infolge eines zunehmend diktatorischen Regierungsstils und

einer desaströsen wirtschaftlichen Lage des Landes verlor der anfänglich beliebte Präsident

ab Mitte der 1950er Jahre mehr und mehr an Popularität bei der Bevölkerung. Im Zuge von

erbitterten Protesten gegen den Ausgang der Wahlen im Jahr 1960 sah er sich gezwungen

von seinem Amt zurückzutreten. Bis zu seinem Tod 1965 lebte Rhee im Exil auf Hawaii.

Im Rahmen dieser Arbeit soll sich intensiv mit der historischen Figur Syngman Rhee

auseinandergesetzt werden. Zunächst erfolgt eine Darstellung der zentralen biographischen

Stationen bis 1945 von Rhee, der sich schon während seiner Jugend politisch engagierte und

in der japanischen Kolonialherrschaft (1910-1945) über Korea als Exilant zu einem der

wichtigsten Vertreter der koreanischen Unabhängigkeitsbewegung avancierte. Besonderes

1 Diese durch die Voranstellung des Vornamens von der üblichen koreanischen Namensform abweichende

Schreibweise wählte er selbst um das Jahr 1905 aus. Vgl. Oliver 1954, S.2. In englischsprachigen Publikationen

ist diese Schreibung ferner die geläufigste. Seltener sind in der Literatur die Schreibweisen Rhee Syngman und

Lee Seung-man anzutreffen. Sein in koreanischen Veröffentlichungen häufig auftretender Deckname (

ho

) lautet

Unam.

3


Gewicht liegt dabei auf der Einbettung der beschriebenen Ereignisse und Vorgänge in den

jeweiligen historischen Kontext, die als Verständnisgrundlage dienen soll.

Daran anknüpfend wird durch die gesonderte Betrachtung der insgesamt drei Amtsperioden

von Rhee ausführlich auf sein politisches Handeln und Wirken im Süden Koreas von 1945

bis 1960 eingegangen. Basierend auf den vorangegangen Ausführungen folgt im dritten Teil

eine komprimierte Darstellung der wesentlichen Trends in der Rezeption der historischen

Persönlichkeit Syngman Rhee. Neben einer Kurzvorstellung des westlich- und

koreanischsprachigen Bestandes an relevanter Literatur sollen darüber hinaus die Grundzüge

der Bewertung Rhees skizziert werden. Insbesondere in Südkorea unterliegt das ,,Rhee-

Bild" seit dem Ende der 1980er Jahre einem zunehmenden Wandel.

In methodischer Hinsicht wird in dieser Arbeit für die Transkription koreanischer Namen und

Begriffe das System nach McCune-Reisschauer verwendet. Aufgrund ihres

Verbreitungsgrades bilden die Namen Syngman Rhee und Seoul Ausnahmen.

2. Leben und Wirken Syngman Rhees bis 1945

2.1. Kindheit und Jugend im Zuge weitreichender Veränderungen (1875-1896)

Syngman Rhee wurde am 26. März 1875 in Haeju, der Hauptstadt der damaligen Provinz

Hwanghae2, als jüngstes von insgesamt sechs Kindern von Yi Kyng-sn (1837-1912) und

Kim Hae-gim (1833-1896) geboren. Rhee stammte in 16. Generation väterlicherseits von

Prinz Yangnyng (1394-1462), einem Enkel des Gründers der Chosn-Dynastie, Yi Sng-

gye (1335-1418), ab.3

Yi Kyng-sn gehörte der aristokratischen Klasse der

yangban

an. Trotz eines für

yangban-

Verhältnisse verhältnismäßig bescheidenen Wohlstandes widmete er sein Leben

entsprechend dem Klassenhabitus der Gelehrsamkeit, wobei er ein besonderes Interesse für

die Erforschung der Genealogie der Familie hegte.4

2 Infolge der Besatzung Koreas durch die USA und die UdSSR nach dem Ende der japanischen Kolonialzeit im

Jahr 1945 wurde die seit Beginn der Chosn-Zeit (1392-1910) existierende historische Provinz Hwanghae

aufgelöst. Das Provinzterritorium befindet sich fast ausschließlich nördlich des 38. Breitengrades, weshalb das

Gebiet heutzutage größtenteils zu Nordkorea gehört. Während die wenigen südlich des 38. Breitengrades

liegenden Gebiete zur heutigen südkoreanischen Provinz Kynggi gehören, gliedert sich der im Norden

liegende Teil in die 1954 geschaffenen Provinzen Nord-Hwanghae (Hwanghaepuk) und Süd-Hwanghae

(Hwanghaenam). Die Geburtsstadt von Syngman Rhee, Haeju, ist heute Provinzhauptstadt von Süd-Hwanghae.

3 Vgl. Chng 2005, S.51. Eine bis auf den Beginn der Chson-Dynastie zurückgehende Ahnentafel der Familie

findet sich bei Chng 2005, S.54.

4 Vgl. Oliver 1954, S.2f.

4


Im Alter von zwei Jahren zog Rhee mit seiner Familie vom Land in die Hauptstadt Seoul5

um.6 Rhee wuchs in einem sehr bildungsorientierten Elternhaus auf, weshalb er vor allem

durch seinen Vater schon im frühen Kindesalter mit Werken der klassischen chinesischen

Literatur in Berührung kam. Er zeigte sich als ein begabtes Kind; und beherrschte angeblich

schon mit sechs Jahren die 1000 der geläufigsten chinesischen Schriftzeichen.7

Gemäß den Traditionen der koreanischen Aristokratie absolvierte Syngman Rhee in einer

Dorfschule (

s

dang

) von 1880 bis 1894 ein intensives Studium der chinesischen Klassiker.8

Angefangen von seinem 14. Lebensjahr unternahm Rhee neben der Schule insgesamt sechs

Versuche, die im jährlichen Turnus abgehaltene staatliche Beamtenprüfung zu bestehen. Er

scheiterte bei allen Anläufen.9

Die Kindheit und Jugend von Syngman Rhee war gekennzeichnet von tief greifenden

Veränderungsprozessen in Korea. Im Zuge des in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in

Ostasien in Erscheinung tretenden Imperialismus der westlichen Großmächte und der ab

1868 durch die Meiji-Restauration (Meiji ishin) ausgelöste Modernisierungsbewegung im

Nachbarland Japan, wurde eine Öffnung des seit dem 17. Jahrhunderts in weitgehender

politischer und kultureller Isolation verharrenden Landes bedingt. In formaler Hinsicht

begann die Öffnung Koreas mit einem infolge politischen Drucks am 27. Februar 1876

geschlossenen ungleichen Vertrages mit Japan, der die einseitige Gewährung von

Handelsprivilegien für Japan vorsah.10 Im Folgenden wurden dem außenpolitisch schwachen

Korea weitere ungleiche Verträge von den imperialistischen Westmächten aufgezwungen.11

Der wachsenden politischen und kulturellen Bedeutung des Auslandes wurde in Korea

zwiespältig begegnet. Zum einen wurden bis dahin unbekannte technische und geistige

Konzepte des Westens und Japans, mit denen man zwangsläufig durch den verstärkten

5 Das heutige Seoul trug bis ins Jahr 1910 den Namen Hansng. Während der japanischen Kolonialära von 1910

bis 1945 war die Stadt unter der Bezeichnung Kyngsng bekannt; nach dem zweiten Weltkrieg erfolgte die

Umbenennung in den gegenwärtigen Namen. Aus Gründen der Übersichtlichkeit wird in dieser Arbeit

ausschließlich der heutige Name verwendet.

6 Vgl. Chng 2005, S.59.

7 Vgl. Chng 2005, S.61.

8 Vgl. Chng 2005, S.65.

9 Vgl. Kim Robert 2000, S.603.

10 Der Vereinbarung vorausgegangen war der Uny-Vorfall im Jahr 1875, als das japanische Kriegsschiff Uny

im Gebiet der Insel Kanghwa absichtlich in koreanisches Hoheitsgewässer eindrang, um einen militärischen

Zwischenfall zu provozieren, weshalb die später getroffenen Regelungen als ,,Vertrag von Kanghwa" (kor.:

Kanghwa-do choyak; jap.: Nicch-shkjki) bezeichnet werden. Der Vertrag beinhaltete unter anderem die

vollständige Öffnung drei koreanischer Häfen (Inch′n, Pusan, Wnsan) für japanische Handelsschiffe sowie

die Möglichkeit zur Schaffung exterritorialer japanischer Siedlungen an der Küste Koreas. Vgl. Eckert et. al.

1990, S.200ff.

11 Der koreanisch-amerikanische Vertrag vom 22. Mai 1882 stellte die erste vertragliche Regelung da, die Korea

mit einem westlichen Staat schloss. Bis 1889 wurden mit allen bedeutenden europäischen Staaten

(Großbritannien, Deutschland, Italien, Russland, Frankreich und Österreich-Ungarn) derartige Vereinbarungen

abgeschlossen. Vgl. Eckert et. al. 1990, S.202ff.

5


Austausch mit diesen Staaten in Berührung kam, mit großem Interesse wahrgenommen, zum

anderen empfand man den zunehmenden Einfluss ausländischer Mächte als Bedrohung für

die Unabhängigkeit Koreas.

Wie wohl keine andere geistige Strömung dieser Zeit repräsentierte die religiöse Bewegung

der ,,östlichen Lehre" (Tonghak) diese ambivalente Haltung gegenüber den Veränderungen

im ausgehenden 19. Jahrhundert. Diese in den 1850er Jahren von Ch′oe Che-u (1824-1864)

angestoßene Bewegung, die in besonderer Weise die Landbevölkerung ansprach, vertrat eine

Kombination aus sowohl christlichen als auch konservativ-nationalistischen Positionen

vertretende Bewegung und sollte sich in den 1890er Jahren zu einer entscheidenden Kraft in

der koreanischen Gesellschaft entwickeln.12

Der erste sino-japanische Krieg (chin.: Zhngrì Jiw Zhànzhng; jap.: Nisshin Sens), der

Anfang August 1894 ausbrach, war letztendlich die Konsequenz vorausgegangener

landesweiter Bauernaufstände in Korea, die von der Tonghak-Bewegung initiiert wurden und

aufgrund von Unzufriedenheit mit den wirtschaftlichen schlechten Verhältnissen bei der

Landbevölkerung auf fruchtbaren Boden stießen.13

Da die koreanische Regierung die Bauernrebellionen im Land nicht unter Kontrolle bekam,

bat sie China am 1. Juni 1894 um militärische Hilfe, welches unmittelbar ein Kontingent von

zunächst 3000 Soldaten zur Unterstützung der koreanischen Sicherheitskräfte entsandte. Die

direkte Involvierung Chinas in eine innenpolitische Angelegenheit Koreas rief wiederum

Japan auf den Plan, dass seine politischen und ökonomischen Interessen auf der koreanischen

Halbinsel gefährdet sah, weshalb es ab dem 10. Juni ebenfalls Truppen nach Korea schickte.

Die Besetzung des königlichen Palastes in Seoul durch japanische Soldaten und die

anschließende Installation einer pro-japanischen Regierung am 23. Juli 1894 mündete kurz

darauf in einen Krieg zwischen Japan und China auf koreanischem Territorium14, der mit der

Unterzeichnung des Friedensvertrages von Shimonoseki (chin.: Mgan tiáoyu, jap.:

Shimonoseki Jyaku) am 17. April 1895 ein Ende fand. Die chinesische Niederlage beendete

die traditionelle Vormachtstellung Chinas in Korea zugunsten eines wachsenden Einflusses

Japans im Land.

12 Ein Überblick über die Entstehungsgeschichte und ­hintergründe der Bewegung findet sich bei Cumings

1998, S.115ff.

13 Die aufgrund der Abschlüsse von Handelsverträgen mit ausländischen Staaten eingeleitete Öffnung Koreas

führte ab den 1870er Jahren dazu, dass sich der Lebensstandard der ländlichen Bevölkerung deutlich

verschlechterte. Neben der Unzufriedenheit mit dem Steuersystem, was bereits im Jahr 1862 Bauernaufstände

auslöste, richtete sich der Zorn der Bauern nach dem Abschluss des Vertrages von Kanghwa vor allem gegen

die Durchdringung der koreanischen Landwirtschaft durch Japan, die unter anderem mit einem hohen Abfluss

von Produkten (z.B. Reis) nach Japan sowie einem starken Preisanstieg dieser Güter verbunden waren. Vgl.

Cumings 1998, S.115ff.

14 Vgl. Cumings 1998, S.118ff.

6


Infolge der Einsetzung pro-japanischer Kräfte in Korea drängte Japan noch während des

Krieges die neue koreanische Regierung zur Durchführung umfangreicher politischer und

gesellschaftlicher Reformen nach japanischem Muster. Zwischen Juli 1894 und Februar 1886

verabschiedete eine durch Japan unterstütze Gruppe progressiver Kräfte, der unter anderem

Yu Kil-chun (1856-1914), Yun Ch′i-ho (1865-1945) und der erste Premierminister Koreas15

Pak Yng-hyo (1861-1939) angehörten, insgesamt 660 neue Gesetze.16 Diese auch als

kabo-

Reformen (

kabo kaehy

k

) bezeichneten Regelungen bildeten die rechtliche Grundlage für

eine grundlegende Modernisierung Koreas.

Auf der politischen Ebene beinhalteten die

kabo

-Reformen durch die Einführung eines

modernen Ministerialwesens signifikante Änderungen des Regierungssystems, die auf eine

deutliche Beschneidung der Macht des Monarchen abzielten. Ferner wurde im Zuge der

Reformen der Aufbau zeitgemäßer Steuer- und Rechtssysteme forciert. Umfangreiche

Änderungen betrafen auch das Bildungssystem. Die traditionellen Beamtenprüfungen

wurden abgeschafft und zudem die landesweite Gründung von für alle Bürger zugänglichen

Schulen beschlossen.

In sozialer Hinsicht wurden die die Struktur der koreanischen Gesellschaft entscheidend

prägenden Klassenunterschiede zwischen der aristokratischen Gruppe der

yangban

und dem

Rest des Volkes aufgehoben. Jegliche Statusprivilegien entfielen auf diese Weise, weshalb

die

kabo

-Reformen in ihrer Gesamtheit insbesondere von Traditionalisten und Angehörigen

der Eliten abgelehnt wurden.17

Infolge der Triple-Intervention 18 im Frühjahr 1895, die Japan auf internationaler Ebene

erheblich schwächte, sah der koreanische Hof zwischenzeitlich eine Möglichkeit, sich durch

eine politische Annäherung an Russland aus der zunehmenden japanischen Dominanz

befreien zu können. Japan reagierte darauf am 8. Oktober 1895 mit der Ermordung von

Königin Min (1851-1895), die auf Betreiben des japanischen Botschafters in Seoul veranlasst

wurde. Schutzsuchend floh König Kojong (1852-1919) daher im Februar 1896 in die

Botschaft Russlands, in der er rund ein Jahr verblieb.

Nachdem als Folge der politischen Reformen die Möglichkeit zur Ablegung weiterer

Beamtenexamina entfallen war, entschloss sich Syngman Rhee im Alter von 19 Jahren in der

15 Das Amt des Premierministers wurde im Zuge der

kabo

-Reformen im Jahr 1895 geschaffen.

16 Für eine detaillierte Betrachtung der Implementierung der neuen Regelungen vgl. Eckert et. al. 1990, S.224ff.

17 Eine komprimierte Darstellung der Kerninhalte der im Rahmen der

kabo

-Reformen beschlossenen

Maßnahmen vgl. Eckert et. al. 1990, S.225ff.

18 Aufgrund politischen Drucks Frankreichs, Deutschlands und Russlands musste Japan im Rahmen der Triple-

Intervention im Mai 1895 die Liaodung-Halbinsel, die im Friedensvertrag von Shimonoseki Japan zugeschlagen

wurde, wieder an China abtreten, da die europäischen Großmächte eine japanische Präsenz als Störung ihrer

Interessen in China ansahen.

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