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Monstrous Bodies - Körper und Männlichkeit bei Shakespeare

Examination Thesis, 2008, 96 Pages
Author: Verena Ludwig
Subject: English Language and Literature Studies - Literature

Details

Category: Examination Thesis
Year: 2008
Pages: 96
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 59  Entries
Language: German
Archive No.: V93780
ISBN (E-book): 978-3-640-15129-5
ISBN (Book): 978-3-640-15601-6
File size: 461 KB

Abstract

Jahrhunderte bevor der Begriff Gender und der dazugehörige wissenschaftliche Diskurs sich entwickelten, verhandelten William Shakespeares Dramen bereits Probleme sexueller Identität, dysfunktionale Familienbeziehungen und Formen des Aufbegehrens gegen traditionelle Geschlechter-Rollen. In der neueren Shakespeare-Forschung wurden diese Themen im Zuge der sich aus der Frauenforschung entwickelnden Gender-Studies vor allem an den weiblichen Charakteren der Dramen behandelt. Während die Gender-Studies sich anfangs vornehmlich auf das Herrschaftsverhältnis zwischen Männern und Frauen konzentriert haben, rücken nun auch die Machtgefüge unter Männern und verschiedenen „Männlichkeiten“ unter den Bedingungen der patriarchalischen Gesellschaft in den Mittelpunkt des wissenschaftlichen Interesses. In den folgenden Ausführungen zu Körper und Männlichkeit bei Shakespeare soll es um einen Bereich von „Körperlichkeit“ gehen, der bisher wenig Aufmerksamkeit erhalten hat und im öffentlichen Diskurs noch immer weitgehend tabuisiert wird: der „behinderte“, von der medizinischen und gesellschaftlichen, und hier besonders von der „männlichen“ Norm abweichende Körper. Innerhalb der gesellschaftlichen Konstruktion von Männlichkeit steht beim Mann seit jeher vor allem die Leistungsfähigkeit seines Körpers im Vordergrund. Nur ein leistungsfähiger Körper ist wirklich „männlich“, denn er erlaubt es dem Mann, seine maskulinen Qualitäten öffentlich zu inszenieren, sich im Wettkampf, etwa im Sport, mit seinen Geschlechtsgenossen zu messen, oder seine Attraktivität auf Frauen als „Trophäen“ seiner Potenz zur Schau zu stellen. Was ist aber mit den Individuen, die den gesellschaftlichen Forderungen an eine funktionsfähige männliche Identität, sozial und sexuell, von vorneherein nicht entsprechen, die aus dem Patriarchat ausgeschlossen werden müssen, weil sie keine „ganzen Männer“ sein können? Um einer Antwort auf diese Frage näher zu kommen, sollen in dieser Arbeit drei von Shakespeares zahlreichen außergewöhnlichen Körpern untersucht werden, drei Charaktere, die sich gerade wegen ihrer außergewöhnlichen Korporealität seit ihrem ersten Erscheinen auf einer Bühne besonderer Popularität erfreuen und Gegenstand zahlreicher Interpretationsansätze sind: Richard III., Caliban und Falstaff.


Excerpt (computer-generated)

MONSTROUS BODIES -
Körper und Männlichkeit bei
Shakespeare

Schriftliche Hausarbeit im Rahmen der Ersten Staatsprüfung für das Lehramt
für die Sekundarstufe II mit Zusatzprüfung für die Sekundarstufe I, dem
Landesprüfungsamt für Erste Staatsprüfungen für Lehrämter an Schulen in
Köln vorgelegt von

Verena Ludwig
Köln, den 25.03.2008

Englisches Institut am Philosophischen Seminar der Universität zu Köln

 

INHALT

EINLEITUNG S.4

Körper und ,,Männlichkeit" S.5
Die Disability Studies als neuer Zweig der Literaturwissenschaft S.10

I. Wahrnehmung und Signifikanz außergewöhnlicher Körper in der Renaissance-Gesellschaft S.14

I.1 Wonder books, broadside ballads und fairground monsters S.15
I.2 Vom ,,Wunder" zum ,,Freak" zum ,,Teratum" S.19
I.3 ,,Unnatural births" S.21

II. Konzepte sexueller Identität in der Frühen Neuzeit S.23

II.1 Sexualität vor dem Hintergrund der Humoralpathologie S.24
II.2 Zwei Körper ­ ein Geschlecht S.28

III. RICHARD III. ­ ,,Überhitzte" Männlichkeit auf dem Thron S.31

III.1 ,,Villain king?" ­ Der historische Richard S.31
III.2 Richards Körper in der Diagnose der frühneuzeitlichen Medizin S.34
III.3 Die Henry VI ­ Tetralogie als Spiegelung der politischen und gender-ideologischen Situation von Elizabeths Herrschaft S.37
III.4 Die soziale Signifikanz von Richards Körperlichkeit S.40

IV. CALIBAN ­ Das ,,Tier" im Mann und die Jungfrau S.44

IV.1 ,,What have we here, a man or a fish?" - Ein Körper, der jeder Beschreibung spottet S.44
IV.1.1 Interpretations- und Bühnengeschichte S.44
IV.1.2 ,,Savage" oder ,,Monster" - Hinweise auf Calibans Körper im Text S.49

IV.2 Calibans sexuelle Identität(en) S.54
IV.2.1 Der erste Caliban: Die Bedrohung der Ordnung durch ungezügelte Sexualität S.55
IV.2.2 Der zweite Caliban: Weibliche Sexualität und tote Mütter S.59
IV.2.2.1 Sycorax S.60
IV.2.2.2 Mirandas Mutter S.62
IV.2.2.3 Miranda S.65

IV.2.3 Der dritte Caliban: Die Versuchung des Vaters S.67

V. FALSTAFF ­ Die Weiblichkeit des fetten Mannes S.70

V.1 Fettleibigkeit im Licht der vormodernen Medizin S.71
V.2 Historisches Vorbild und traditionelle Interpretationen S.72
V.3 Falstaff und sein Körper S.75
V.4 Falstaff als Vater S.78
V.5 Falstaffs sexuelle Identität(en): Kind, Liebhaber, Mutter S.82

SCHLUSSBETRACHTUNG S.88

BIBLIOGRAPHIE S.91


EINLEITUNG

Jahrhunderte bevor der Begriff Gender und der dazugehörige wissenschaftliche Diskurs sich entwickelten, verhandelten William Shakespeares Dramen bereits Probleme sexueller Identität, dysfunktionale Familienbeziehungen und Formen des Aufbegehrens gegen traditionelle Geschlechter-Rollen. In der neueren Shakespeare-Forschung wurden diese Themen im Zuge der sich aus der Frauenforschung entwickelnden Gender-Studies vor allem an den weiblichen Charakteren der Dramen behandelt. Erst in den letzten Jahren erhält auch die wissenschaftliche Untersuchung von ,,Männlichkeit" eine erhöhte Aufmerksamkeit, die angesichts der durch die Frauenforschung ins Rollen gebrachten Verschiebungen und Umbrüche der traditionellen Geschlechter- rollen und ­Vorstellungen dringend notwendig wurde. Während die Gende-Studies sich anfangs vornehmlich auf das Herrschaftsverhältnis zwischen Männern und Frauen konzentriert haben, rücken nun auch die Machtgefüge unter Männern und verschiedenen ,,Männlichkeiten" unter den Bedingungen der patriarchalischen Gesellschaft in den Mittelpunkt des wissenschaftlichen Interesses.

Der stetige Zwang zur Aufrecherhaltung des individuellen und gesellschaftlichen Gender -Konstruktes hat nicht nur für die Frauen als der männlichen Herrschaftsstrukturen untergeordnetes ,,anderes" Geschlecht, sondern auch für die beteiligten Männer schmerzliche Konsequenzen und führt zur Diskriminierung und Ausgrenzung derjenigen, die der symbolisch überfrachteten Männlichkeitsnorm nicht entsprechen können. Diese Grundannahmen werden von der Geschlechterforschung den männerdominierten Gesellschaftsstrukturen zu allen Zeiten als gegeben zugrunde gelegt, wenn auch unter sich jeweils wandelnden biologischen und ästhetischen Vorzeichen. Durch die festgeschriebenen Forderungen und Rollenzuschreibungen einer als ,,patriarchalisch" gekennzeichneten Gesellschaft befanden sich Männer seit jeher unter einem konstanten Druck, ihre ,,Männlichkeit", ihre soziale und sexuelle Identität zu finden und ihren Geschlechtsgenossen gegenüber durch unterschiedliche kulturelle Praktiken zu beweisen.

Dreihundert Jahre bevor Psychoanalyse und Gender-Studies die Untersuchungsmethoden und wissenschaftlichen Begriffe für diese inneren und äußeren Konflikte entwickelt haben, hat Shakespeare sie erkannt und in seinen Dramen seinen Mitmenschen vor Augen geführt. In einer vormodernen Welt, die durch die Taten und Gedanken von Männern bestimmt war, einer Gesellschaft, deren Ordnung sich aus der Macht des Vaters ableitete, interessierte der Dramatiker sich für den Kampf des (männlichen) Individuums, sich in dieser Ordnung zu behaupten, zum ,,Mann" zu werden und den damit verknüpften Anforderungen zu entsprechen. Die Frau, ,,das Weibliche", dient dabei zumeist als Gegenentwurf, entweder als ,,Suffocating Mother", von der er sich lösen muss, um seine männliche Identität entwickeln zu können1, oder als idealisierte Jungfrau, die die Projektionsfläche seiner sexuellen und machtpolitischen Wunschvorstellungen ist.

Die Risse und Veränderungen im traditionellen Geschlechterverhältnis, die wir in unserer Gesellschaft aktuell beobachten, wurden auch in der elisabethanischen Gesellschaft empfunden. Die Thronbesteigung Elizabeths I. im Jahr 1558 brachte eine enorme Erschütterung der patriarchalischen Herrschaftslegitimation mit sich: Eine Frau an der Spitze des Patriarchats, ein weiblicher ,,body natural" als Verkörperung des männlichen ,,body politic", stellte die ,,von Gott gewollte" Geschlechterhierarchie auf den Kopf und barg die Gefahr des völligen Zusammenbruchs des Patriarchats und des damit einhergehenden Verständnis von ,,Männlichkeit".

[...]


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