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„Den Schritt hinauswagen!“ - Konzeptualisierung des Widerstands im Exil in Anna Seghers Roman 'Transit'

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2007, 24 Pages
Author: M. A. Sara Ehsan
Subject: German - German as a Foreign Language / Second Language

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2007
Pages: 24
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 21  Entries
Language: German
Archive No.: V93827
ISBN (E-book): 978-3-640-10574-8

File size: 129 KB

Abstract

In meiner Hausarbeit möchte ich eine psychoanalytisch-philosophische Analyse einiger Figuren und Konzepte des Widerstands, sowie des Exil und der Emigration in Anna Seghers Buch Transit durchführen. Dabei beziehe ich mich auf die theoretischen Begriffe Lacans und ihre Rezeption und Fortentwicklung in Alain Badious und Slavoj Žižeks Philosophie in dem Buch Die politische Suspension des Ethischen, ebenso Jean-Paul Sartres existentialistisches Werk Das Sein und das Nichts. Ich fange mit der Endaussage des Romans an, welche die Flucht für alle negiert und den Anschluss an den Widerstand, der Résistance, befürwortet. Es werden zeitbezogene Unterschiede erläutert; sowie Seghers eigene Vergangenheit, die sich nicht ohne Widersprüche in ihrem öffentlich-politischen Handeln widerspiegelte als ein Symptom für eine radikale Vergangenheit erkannt. Anhand einiger Figuren werden die verschiedenen Formen des Kampfes verdeutlicht. Dabei werde ich auf die Frage eingehen, in wie weit Widerstand eine Utopie ist und ob Flüchtlinge und andere Ausgegrenzte, wie etwa Slum-Bewohner, potentielle Revolutionäre sein können. Dazu muss zuerst die Frage erläutert werden, in wie weit Widerstand eine Legitimationsgrundlage besitzt und welche Folgen und Konsequenzen für das eigene Handeln man daraus ziehen kann. Anhand der Figur von Heinz wird gezeigt, wie der Prototyp des Revolutionärs im Roman beschrieben wird und ob die Figur des Legionärs für den Aspekt einer ´ethischen Transzendenz´ stehen könnte. Im dritten Abschnitt wird die Frage der Rechenschaft in narrativen Rekonstruktionen erläutert. Aus der Analyse schlussfolgere ich die Konsequenz, die zur Solidarität und Widerstandleisten führen kann. Im vierten Abschnitt werden die Begriffe Exil und Emigration erläutert und die Rolle des Feindes näher analysiert. Dabei wird zunächst der geschichtliche Hintergrund der Situation der deutschen Flüchtlinge erläutert, die mit mittelbaren und unmittelbaren Feinden zu kämpfen hatten. Dabei versuche ich anhand Jean-Paul Sartres existentialistischem Hauptwerk, welches auch unter der deutschen Besatzung entstand, die Rolle der Verantwortung im Krieg sowie im Exil zu erläutern. Anhand der Figur des Ich-Erzählers und dem mexikanischen Konsul werden Beispiele für verantwortliches Handeln aufgezeigt. Abschließend werden die wichtigsten Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst.


Excerpt (computer-generated)

Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Institut für Deutsch als Fremdsprachenphilologie

SS 06

Hauptseminar: Deutschland im Spiegel des Exilromans

,,Den Schritt hinauswagen!"

Konzeptualisierung des Widerstands im Exil in Anna Seghers

Roman Transit

Seminararbeit von

Sara Ehsan

7. Semester


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung 3

2

Der Aspekt des Widerstands in Anna Seghers Roman 4

2.1

Rückzug in die Passivität als erster Schritt für wahre Aktivität 4

2.2

Anna Seghers »Rumspringa« als Ausgangsbasis für die Überangepasstheit

gegenüber dem sozialistischen Staat 5

2.3

Résistance, eine revolutionäre Utopie ? 6

2.3.1 Flüchtlinge

und

Slumbewohner- Utopisten oder potentielle

Revolutionäre? 7

2.4 Legitimation

des Widerstands 8

2.5

Formen und Methoden des deutschen Widerstands im besetzten Europa .. 9

2.5.1 Passiver

Widerstand 9

2.5.2 Aktiver

Widerstand 9

2.6

Heinz, der schweigende Held als Gegenpol zum islamistischen Märtyrer . 10

2.7

Spuren von ethischer Transzendenz 11

3

Ist es möglich in einer narrativen Rekonstruktion für sich Rechenschaft

abzulegen? 12

3.1

Die Solidarisierung der Verletzlichen 12

3.2 Negative

Freiheit 13

4

Exil und Emigration 14

4.1 »Feindliche

Ausländer« - das Trauma der zweimaligen Internierung der

deutschen Emigranten 15

4.2 Der

mittelbare Feind 15

4.3 Der

unmittelbare Feind 16

4.4 Verantwortlichkeit im Krieg 17

4.4.1 Die

Hauptfigur 18

4.4.2 Der

mexikanische Konsul 19

5

Zusammenfassung und Schlussfolgerung 20

6 Literaturverzeichnis 22

2


1 Einleitung

In meiner Hausarbeit möchte ich eine psychoanalytisch-philosophische Analyse

einiger Figuren und Konzepte des Widerstands, sowie des Exil und der Emigration in

Anna Seghers Buch Transit durchführen. Dabei beziehe ich mich auf die

theoretischen Begriffe Lacans und ihre Rezeption und Fortentwicklung in Alain

Badious und Slavoj Zizeks Philosophie in dem Buch Die politische Suspension

des Ethischen, ebenso Jean-Paul Sartres existentialistisches Werk Das Sein und

das Nichts.

Ich fange mit der Endaussage des Romans an, welche die Flucht für alle negiert und

den Anschluss an den Widerstand, der Résistance, befürwortet. Es werden

zeitbezogene Unterschiede erläutert; sowie Seghers eigene Vergangenheit, die sich

nicht ohne Widersprüche in ihrem öffentlich-politischen Handeln widerspiegelte als

ein Symptom für eine radikale Vergangenheit erkannt. Anhand einiger Figuren

werden die verschiedenen Formen des Kampfes verdeutlicht. Dabei werde ich auf

die Frage eingehen, in wie weit Widerstand eine Utopie ist und ob Flüchtlinge und

andere Ausgegrenzte, wie etwa Slum-Bewohner, potentielle Revolutionäre sein

können. Dazu muss zuerst die Frage erläutert werden, in wie weit Widerstand eine

Legitimationsgrundlage besitzt und welche Folgen und Konsequenzen für das eigene

Handeln man daraus ziehen kann. Anhand der Figur von Heinz wird gezeigt, wie der

Prototyp des Revolutionärs im Roman beschrieben wird und ob die Figur des

Legionärs für den Aspekt einer ´ethischen Transzendenz´ stehen könnte.

Im dritten Abschnitt wird die Frage der Rechenschaft in narrativen Rekonstruktionen

erläutert. Aus der Analyse schlussfolgere ich die Konsequenz, die zur Solidarität und

Widerstandleisten führen kann.

Im vierten Abschnitt werden die Begriffe Exil und Emigration erläutert und die Rolle

des Feindes näher analysiert. Dabei wird zunächst der geschichtliche Hintergrund

der Situation der deutschen Flüchtlinge erläutert, die mit mittelbaren und

unmittelbaren Feinden zu kämpfen hatten. Dabei versuche ich anhand Jean-Paul

Sartres existentialistischem Hauptwerk, welches auch unter der deutschen

Besatzung entstand, die Rolle der Verantwortung im Krieg sowie im Exil zu erläutern.

Anhand der Figur des Ich-Erzählers und dem mexikanischen Konsul werden

Beispiele für verantwortliches Handeln aufgezeigt.

Abschließend werden die wichtigsten Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst.

3


2 Der Aspekt des Widerstands in Anna Seghers Roman

2.1 Rückzug in die Passivität als erster Schritt für wahre Aktivität

In wie weit ist die Hauptfigur durch seine politische Passivität bis zur plötzlichen

Wende am Ende des Romans ein Repräsentant der wahren Aktivität? Nach Alain

Badious und Slavoj Zizeks Begriffen. unternimmt die Hauptfigur den ersten kritischen

,,Schritt im

Rückzug

in die Passivität, in der Weigerung, teilzunehmen ­ dies ist der

notwendige erste Schritt, der gleichsam den Boden für wahre Aktivität bereitet, für

einen Akt, der die Koordinaten der Konstellation wirklich ändert"1.

Heutzutage sehen wir uns mit einer Flut von (Pseudo-)Aktiven konfrontiert, die

glauben an unzählige Diskussionen teilnehmen zu müssen, nur um »etwas zu tun«2.

Hier sieht Zizek die wahre Gefahr für unsere Zeit, da sie zur Erfindung formaler

Möglichkeiten beiträgt, ,,deren Funktion es letztlich ist, das System reibungsloser

laufen zu machen [sic!]"3. Von den Machthabern wird der Dialog, in der jetzigen Zeit,

dem Schweigen bevorzugt, da das Schweigen etwas unheilvoll Bedrohliches an sich

hat4. Doch wie war es während der NS-Zeit im Exil?

Der anonyme Erzähler in Anna Seghers Roman zeichnet sich durch seine

einzelgängerische passive Orientierungslosigkeit aus, die in ,,tödliche Langeweile"

(Transit, S. 25)5 mündet. Er ist nicht daran interessiert, sich wie sein Freund Heinz in

Freiheitskämpfe zu stürzen, und als ein ´Held´ dazustehen, ein Vorzug , den er mit

dem Verlust oder dem Opfer seines Beins bezahlen musste (Vgl. Transit, S. 18).

Jeder ´Kampf´, sei es mit dem Wort, wie es der Schriftsteller Weidel betrieb, verlangt

große Opfer. Er bezahlte sie mit seinem Leben (Vgl. Transit, S. 23). Der Legionär

opferte sich auch, um seinen Vater vor dem Militärdienst zu verschonen. Seine Zeit

bei der Fremdenlegion zeigte ihm zwar das Grauen und die Brutalität des Krieges,

jedoch verlor er sich nicht völlig in jener Welt, sondern bewahrte sein menschliches

Antlitz durch den solidarischen Beistand bei seinen Kollegen in der Wüste, die an der

Grenze der Verzweiflung und Erschöpftheit seinen Zuspruch als eine Überlebenshilfe

annahmen (Transit, S. 219 - 220).

1 Zizek, S. 8 ­ 9 [alle folgenden Zitatsangaben mit dem Hinweis auf Slavoj Zizek stammen aus seinem Buch

Die
politische Suspension des Ethischen

, 2005]

2 Vgl. Ebd. , S. 8

3 Ebd. , S. 8

4 Vgl. Ebd., S. 8

5 Seghers, Anna:

Transit

. Berlin 1982. [Alle folgenden Zitate aus dem Text beziehen sich auf diese Ausgabe und

stehen in runden Klammern, direkt nach dem Zitat]

4


Vielleicht sollte man einen kategorischen Unterschied zwischen Aktivität im Krieg und

Aktivität in Friedenszeiten machen. Wenn die Existenz des Menschen wahrhaft

bedroht ist, wie es im Krieg der Fall ist, dann gewinnt die Aktivität einen anderen

symbolischen Wert, es ist eher eine Form der Selbstverteidigung im Angesicht des

grauenhaften Staates. In Friedenszeiten, wie wir sie nach dem 2. Weltkrieg in

Deutschland erlebt haben, hat die aktive Linke oder die radikale Linke, wie die RAF,

eher dazu beigetragen, dass sich der Staat, den sie bekämpfen wollte, im Angesicht

der Bedrohung in ihren Maßnahmen genauso radikalisiert hat und somit das

Wertesystem, welches sie beschützen wollte, selbst verleugnet hat. Hier diente die

Verfolgung von Terroristen als Legitimationsgrundlage für die Offenlegung der

dunklen Kehrseite des Systems, wie wir es in den 70ern in Stammheim und heute in

Abu Ghuraib sehen.

Im Abschnitt vier werde ich tiefer auf die Aktivität des Ich-Erzählers eingehen und zu

dem Schluss kommen, dass seine Passivität keine echte Passivität war, da er durch

seine produktive Hilfe vielen anderen Menschen geholfen hat und sich zu einem

Kämpfer am Ende des Romans kristallisiert.

2.2 Anna Seghers »Rumspringa« als Ausgangsbasis für die

Überangepasstheit gegenüber dem sozialistischen Staat

Wie man an Anna Seghers Leben sehen kann, hat ihre radikale Vergangenheit eher

zu einer Integration in die herrschende ideologisch- politische Gemeinschaft in der

DDR geführt. Dieses Phänomen sehen wir auch noch heute bei einer großen Anzahl

der amerikanischen Neokonservativen, die in ihrer ´radikalen´ Vergangenheit

Trotzkisten waren6. Ähnliches sehen wir beim ehemaligen Außenminister von

Deutschland, Joschka Fischer.

Nach ihrer Rückkehr nach Berlin im April 1947 und ihre Entscheidung für die DDR,

wurde sie von den West-Medien immer mehr als ´kommunistische Staatsdienerin´

brüskiert. Als eine öffentliche Person mit mehreren Ämtern im kulturellen Leben der

DDR, hatte sie sowohl Kontakte zu den SED - Räten, sowie großen Einfluss auf das

kulturelle Geschehen. Es gibt einige dunkle Leerstellen in ihrem Leben, welches ihre

Staatstreue bis zur Selbstverleugnung oder -verrat verdeutlichen. 1955 spielte sie

6 Vgl. Zizek, S. 8

5



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